Postmodernerpseudofeministischepropagierender-selbstironischer Wunschpunsch: Ein Review-Essay zu GIRLS AGAINST BOYS (R: Austin Chick, 2012)

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Der Name ist Programm: nachdem Shae Opfer einer Vergewaltigung wird, tut sie sich mit dem selbsternannten Racheengel Lu zusammen um innerhalb eines mörderischen Wochenendes in der misogynen Männerwelt – nun ja Männer – nieder zu strecken.

Wow. Da hat jemand offensichtlich am Watschenbaum gerüttelt.  IMDB: 4,3, metacritic 17 % und rottentomatoes 20 %. Damit fällt er in die selbe Kategorie wie Adam Sandlers letzte Furzkomödie, was für eine Ehre. Es ist auch nicht wirklich verwunderlich; wenn man im Thesaurus das Wort „subtil“ nachschlägt, steht der Name des Regisseur und Drehbuchautor Austin Chick wohl unter den Antonymen. GIRLS AGAINST BOYS ist alles andere als subtil, differenziert nicht, schmückt sich selbst mit einer „feministischen Message“ und allen exploitierend und voyeuristisch. Doch: das macht ihn jetzt aber nicht unbedingt zu den schlechten Film, als welcher er überall verschrien wird. Aber es macht ihn auch nicht wirklich zu einem guten Film.

Ich behaupte zwar immer, dass ich das Argument nicht mag, aber dann verwende ich es nichts desto trotz: was hat man sich denn bitte erwartet? Tja, wie Austin Chicks Film bin ich ewiges Opfer der Doppelmoral und zugleich Verfechter selbiger. Der Vergleich hinkt an allen Ecken und enden, doch halbgute Filme bekommen auch nur halbgute Allegorien: In PACIFIC RIM, der ohne weiteres MONSTER AGAINST ROBOTS heißen könnte, frage ich mich ja auch nicht nach den Beweggründen der Roboter und ob die Monster die Strafe auch verdient haben, nein, ich will sie kämpfen sehen! Okay, Spaß bei Seite: GIRLS AGAINST BOYS fällt in eine komplett andere Reihe von Filmen, die den ominösen Genretitel Rape & Revenge tragen. Über jenes Genre wurde schon viel geschrieben und die Argumente fallen von einem Extrem („patriarche SM-Fantasie“) ins Andere („femininer Befreiungsschlag“) und von mir aus haben sie alle Recht und sind gleichzeitig Bullshit.

Dennoch: ein Film, der sich mit dieser Thematik auseinander setzt, muss sich meiner Meinung nach sich auch selbst reflexieren und sich seiner Bedeutung bewusst sein. Jetzt gibt es bei GIRLS AGAINST BOYS zwei Wege, dies zu betrachten. Entweder weiß der Film nichts von seiner plumpen Darstellung einer Rachefantasie (siehe SUCKER PUNCH, zwei Absätze habe ich es geschafft, den Film nicht nieder zu machen, puh), oder – bare with me – er weiß es genau und zwar so sehr, dass er einfach darauf pfeift. Die Welt in GIRLS AGAINST BOYS ist, wie es der Titel schon sehr treffend Punkt bringt (wie gesagt, wertes Publikum, was haben Sie erwartet?) eine schwarz/weiße. Es gibt die Opfer und es gibt die Täter und es gibt böse und gute Mädchen. Und das ist genau der Punkt, an dem der Film schwierig wird, denn je genauer man hin sieht, umso weniger stimmt diese schlampige These.

Auf meiner Recherche-Reise durch das Internet fand ich immer wieder den Satz, hier in seiner Essenz: „Eine Rachefantasie, die keine Sympathie mit den Hauptfiguren und somit den Opfern weckt.“ Ansichtssache. Außerdem, warum sollte man auch. Schwarz/weiß denken ist nur dann okay, wenn Quentin Tarantino Regie führt? Ehrlich gesagt, hegte ich nie wirklich Sympathie für Bonny & Clyde oder Mickey und Mallory, ich fand ihren Weg, ihre Gerechtigkeit und ihren Wahn immer schon abstoßend, doch während der eine Film das genaue Gegenteil will und der andere darauf abzielt, dass man seine Figuren fürchtet, käme ich nie auf die Idee, den beiden (unglaublich guten) Filmen vor zu werfen, er mache mir die „Bedeutung“ des Filmes zu nichte, da er seine Figuren so zeichnet, wie er es nun mal tut. Und gerade ein Film, der das Thema Rache behandelt, sollte doch Ambivalenz in seinen Figuren erkennen lassen. Es können halt nicht alle so liebenswert morden, wie Frank &  Roxy.

Ebenso der Standpunkt des Feminismus spielt in GIRLS AGAINST BOYS eine ambivalente Rolle. So erkennen manche (und damit meine ich Idioten) die ultimative Form des weiblichen Feminismus, in denen Frauen Männer schänden und sich ihre Gleichberechtigung „er-morden“. Ich sehe bereits den verängstigten Macho, wie er den Film aus dem DVD-Player nimmt und sich zufrieden auf die Schulter klopft, er habe es immer schon gewusst: „Die Frauenrechte werden von männerhassenden, lesbische Kampfmonster die uns alle kastrieren wollen, durchgeboxt!“ Natürlich nachdem er sich die Hände in den Taschentüchern abgewischt hat, denn: GIRLS AGAINST BOYS entblößt (I see, what I did here) sich als lüsterner Augenschmaus (natürlich für jedes Geschlecht. Ein schneller Einwurf; wollen wir bitte mal anmerken, dass 1. junge Menschen in amerikanischen Filmen IMMER aussehen, als wären sie einem Modekatalog für American Apparel entsprungen und 2. dass ich, der sich gerne als „halbwegs trinkfest“ bezeichnet, nach der Masse an Shots und Bier, die diese jugendlichen in solchen Filmen konsumieren, nicht so aussehe, als hätte ich mich gerade für die Clubnacht zurecht gemacht. Und mein Maskara hält bei weitem nicht so gut. Diese wundersamen Wesen sehen nach einer durchgemachten Nacht so aus, wie ich, äh, noch nie?). Die beiden „Heldinnen“ sind auf ihren Killer-Streifzug durchgestyled und mäßig bis gar nicht bekleidet, dass dem Film ohne viel Argumentation Phrasen wie „Männerphantasie“, „double-standard“ und purer „Unrealismus“ an den Kopf geworfen werden kann.

Und wirklich: der Film stellt sich beinahe schon perfide blöd, bei seiner Darstellung der Hauptfiguren. Die eine ist eine naive Schönheit, die um verflossene Liebschaften weint und die andere ein killender, Männer-verachtender Vamp. Doch sehen wir uns die andere Seite mal an: einen solche Ansammlung an Hohlköpfen hat nicht einmal PIRANHA 3D zu bieten. Angeführt wird die männliche Fraktion natürlich vom Vergewaltiger, der den widerwärtigen Typen so deutlich rüber bringt, dass er beinahe glauben würde einer Satire gegenüber zu stehen (Filmtipps.at braucht unbedingt die Rubrik: „Satire oder einfach nur schlecht geschrieben?“). Dicht an zweiter Stelle ist der dümmste Polizist den die Filmwelt je hervor gebracht hat, ein unparodierbarer, schwanzgelenkter Übermacho, der beim Anblick von nackten Brüsten wahrscheinlich an spontanen Analphabetismus leidet. Und natürlich ist das gewollt plakativ, es kann gar nicht anders sein.

Der Film will (er muss es wollen!), dass wir die Figuren hassen und er will, dass wir uns an ihrem Leid erfreuen, ansonsten wäre sein Plan – die Rachephantasie – vollkommen gescheitert. Diese wird übrigens durchwegs schonungslos gezeigt – und ich muss sagen, hier hat mich der Film durchaus in den Bann gezogen. Einerseits waren die expliziten Rachakte überaus schwer zu beizuwohnen und in vielen Situationen „ungerechtfertigt“, andererseits habe ich es beinahe schon genossen, wie dem einen oder anderen widerlichen Typen die Messer angelegt wurden. Yay. Doppelmoral. GIRLS AGAINST BOYS geizt nicht mit seiner graphischen Darstellung und die Vergewaltigungsszene geht einem durch Mark und Bein. Wer einen gemütlichen Filmabend beiwohnen will, sollte sich nicht für dieses Werk entscheiden. Wer nach einem Film keine Meinung haben und äußern will, übrigens auch nicht.

Bei dem ganzen Geschwafel geht dabei ein wichtiger Punkt unter, der auch bei kaum einer von mir überflogenen Kritik angesprochen wurde: nämlich, dass Austin Chicks Werk aus rein filmtechnischer Hinsicht teilweise echt gut gelungen ist. Die Stilelemente sind zwar überdeutlich, doch das ist bei einem derart offensichtlichen Werk nicht auch weiter schlimm, es lenkt von der teilweisen trägen und dürftigen, kaum plausiblen und unendlich-unlogischen (nein, wirklich, so viele Fehler.Und wieso werden die beiden nicht geschnappt?) Geschichte ab. Die Kostüme der „Girls“ sind – wie bereits angemerkt – durchaus schick, die dialogarmen Szenen träge und doch hypnotisierend (allein die letzten zwei Szenen sprechen entweder Bände oder gar keine, aber sie bleiben einem zumindest in Erinnerung), die visuelle Kraft ist nichtssagend und erschlagend. Blitzlichter im Club, Lovesong-Montagen und glasklare Bilder; der Film trägt Masken über Masken, nur um das Wesentliche darunter so gut wie möglich zu verstecken: es gibt kein Wesentliches.

Und doch steckt hinter dem Film mehr, als er zunächst projiziert. Ich will hier nicht zuviel verraten, aber in der ersten Szene wird ein Bild gezeigt, welches im Rest der Geschichte keinerlei Reflexion findet. Ein Augenblick, der etwas vorwegnimmt ohne etwas vorwegzunehmen. Red Herring? Vollkommen falsche Subtilität? Einfach vergessen? Foreshadowing? Sich selbst erfüllende Prophezeiung? Mindfuck als Selbstzweck? Wir werden es nicht erfahren und für mich ist es das ultimative Symbol, dafür dass sich  GIRLS AGAINST BOYS etwas dabei gedacht hat, als es sich nichts dabei gedacht hat.

Puh, das macht GIRL AGAINST BOYS ja fast zu einem philosophischen Werk. Seht ihr, wozu mich Austin Chick gebracht hat?! Er hält mir, der SUCKER PUNCH auf Grund von Pseudo-Feminismus verteufelt und zugleich diesen Film hier verteidigt, einen Spiegel vor! Und der Gesellschaft auch!

Und nun ganz ohne Ironie; vielleicht tut er das wirklich. Und zwar komplett gegen den Strich des Publikums. Das sieht man vor allem an dem Medien-Echo, an der Polarisation, die dieser Film ausgelöst hat; an den User-Kommentaren die von „weiblichen Rachafantasien“ sprechen; an den Online-Pamphlete, welche die Message des Filmes zynisch mit der eines Rihanna-Albums gleichsetzen; an dem Internet-Foren, die dem Film Dummheit andichten, und zwei Sites weiter sich aggressiv beschweren, wenn eine Frau den Sexismus in ihrem Lieblings-Videogame ankreidet; und nicht zuletzt genau hier und jetzt wo ich mich über den Antifeminismus in „Frauenfilmen“ die von Männern gemacht wurden beschwert. What have we done? (Ah, damn you! God damn you all to hell!)

Und am besten macht es der Film selbst deutlich, als Shae ihrer Partnerin-in-Crime fragt, woher sie ihre zornigen Motive herrühren. Lu wischt diese mit einer einfachen Gegenfrage weg: wozu brauche ich tiefschürfende Motive? Nein, wozu brauche ich überhaupt einen persönlichen Grund? GIRLS AGAINST BOYS rächt sich aus einen unerfindlichen Grund an einer Welt, die ohne Zweifel misogyne Wertvorstellungen trägt und es ist ihm egal, wer darunter leidet. Schuld sind wir im Endeffekt alle und Kollateralschäden sind nie ausgeschlossen. Auf keiner Seite. Also: braucht Austin Chick tiefgründige Motive? Ich persönlich glaube, er hat es nur aus einem einzigen Grund gemacht und ich kann ihm dabei nicht einmal böse sein: um seinen Namen als Wortwitz zu verwenden. „Wanna see GIRLS AGAINST BOYS? It’s a Chick-Flick.“

PS Man kann es auch ganz, ganz, ganz kurz zusammenfassen: Der Film ist so unterhaltsam, offensiv und feministisch wie das Bild, dass ich völlig unbewusst für diesen Text gewählt habe (ich weiß nicht aber das Licht war in dieser Szene echt fantastisch!).

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