Rhododendron Null/Drei: Alles ist verdammt

Ich brauche etwas großartiges, etwas, dass die Welt aus den Angeln hebt und meinen Kater übertönt, etwas, dass Sonnenlicht schreit, meinen Schritt leitet. Ich scrolle im Abstieg durch die Playlist auf meinem neuen mp3-Player und finde das vorletzte Album von Amanda Palmer, selecet, vier runter und select. Die ersten Töne von „Leeds United“ schließen mit dem Öffnen der Haustür gleich, im Auftakt schwingt mir die Draußen-Welt (ah, shit) entgegen und im Rhythmus des anschwellenden Songs, füllt sich mein Körper mit Luft, Licht und Energie. Ich lasse mich zu einem Laufschritt hinreißen und zum Refrain singe ich mit, bis ich merke, dass ich mich übernommen habe und stehen bleiben muss. Meine Hände zittern und Amandas Stimme bricht und ich fühle dass ich an den Rand schlittere. Ich stütze mich an eine dreckige Hausmauer, mein Körper schwer und strafend. Und dann säuft mir das Ding ab, an der besten Stelle, kurz vor dem verdammten Orgasmus. Ich blicke es wütend an und dann schleudere ich das Ding gegen einen Hauseingang. Es zerbricht nicht und ich werde noch wütender. Alles ist verdammt, wir alle sind verdammt und ich zerre mir die umständlich großen Kopfhörer vom Schädel, das Kabel baumelt lose aus meinem Pullover von s’Oliver, denn mir meine vorletzte Ex geschenkt hat und den ich eigentlich hasse, so wie ich eigentlich alles hasse und ich trete auf der Stelle, mein Atem immer schwerer, das Sprudeln verliert sich und mein Kopf schwillt an und ich zerre am Kabel, dass mich so unglaublich nervt, in meinem stinkenden Mantel finde ich eine zerknitterte Packung der Blue Edition der Luckys die ich mir im Vollrausch gestern gekauft habe, und als ich anziehe, zischt der Menthol-Geschmack durch meinen Mund und ich spucke ihn aus, werfe die Zigaretten gefährlich nahe an eine verschreckte Passantin, verdamme Wolf und seine verfickten Mindgames und dann stampfe ich mit letzter Kraft zu dem mp3-Player von Sony, den ich mir erst letzte Woche gekauft habe, da mir die Farbe gefallen hat und ich trete wie ein Irrer auf das Gerät ein bis es das Plastik endlich, endlich absplittert und ich stelle mir vor wie ein Kopf unter meiner Wucht zerplatzt und ich fasse mir an die Schläfen, doch es hilft nichts sondern nutzt nur dem theatralischen Effekt und als ich das bemerke, beruhige ich mich und hebe den Großteil des Players auf, denn ich dann nach kurzem Flüstern in hohen Bogen auf die Straße werfe und in der allerbesten Spike-Lee-Manie schreie ich: Fickt euch doch alle!

Ein Pärchen wechselt die Straßenseite. Ein Autofahrer umfährt den erbärmlichen Rest des mp3-Player. Ich habe den Mantel ausgezogen und auf den Boden gelegt, bevor ich mich auf den Gehsteig gesetzt habe. Die Jeans sind zwar ein Geschenk gewesen, aber sie gefallen mir und ich will sie morgen anziehen. Morgen treffe ich mich mit dem Typen aus der Grafik, Roman oder Richard irgendwas mit R. Seine Freundin oder Sekräterin hat ein Piercing in der Oberlippe und klingt am Telefon ziemlich scharf. Ich hab mir schon mal überlegt, ob ich sie aufnehmen soll, aber das war mir die Mühe nicht wert. Vielleicht ist sie morgen dabei, ich muss mir unbedingt ihren Arsch ansehen. Und später kaufe ich mir einen neuen mp3-Player. So ein hipper Elektro-Laden liegt am Weg, wenn ich will, etwas Abseits, alle hippen Läden sind etwas abseits, in einem „Freiwilligen Durchgang“. Dort kaufe ich mir etwas, wieder in bordeaux. Und ich dann, am Abend wichse ich zu dem (wahrscheinlich geilen) Arsch von Rs Freundin oder Sekretärin und dann erstelle ich eine Playlist, mit Miami Horror, Late of the Pier, MSI; motivierende Songs, laute Songs! Etwas großartiges, dass die Welt aus den Angeln hebt, dass meinen Schritte leitet, mir den Schwung gibt und mich nicht, sicherlich nicht an sie erinnert. Viel Elektro und keine Singer-Songwriter-Scheiße mehr.  Wer braucht schon Regina Spektor und Mumford und Sons. Keine Dresden Dolls und auf keinen Fall Amanda Palmer.

Ich habe es zur nächsten Straßenbahnhaltestelle geschafft: bis zum Bäcker sind es normalerweise Gehminuten, doch ich werde den Teufel tun und heute noch wohin gehen. Ich überlege mich, wieviel man verdienen muss um sich einen Chauffeur zu leisten und dann verwerfe ich den Gedanken, denn nur Bonzen und Politiker haben Chauffeure und ich entscheide mich dafür, es wieder mit einem Rad zu probieren. Ich wische mir die Wangen trocken und meine Hände machen unverständliche Gesten, es geht schon wieder, es geht schon wieder, ich atme tief aus und ein und dann ist die Straßenbahn auch schon da.

Ich ignoriere Wolfs Ratschlaf und springe nach Hause, ohne den ganzen Grind. (Doch da Sie es unbedingt wissen wollen: der Türke hatte geschlossen und der Bäcker natürlich nur diese eine beschissene Marke den kursiv geschriebene Menschen gerne trinken, man hat mir deutlich angesehen dass ich geweint habe und ich hätte am liebsten gekotzt, als die Straßenbahn für den Rückweg ausgefallen war. Die Menthol-Zigaretten mussten trotz allem herhalten, ich hatte das Verlangen nach einem Gin Tonic und zwar ein ziemlich ungesundes und der Gedanke an Gesellschaft ließ mich erschaudern, dass ich den Pullover nicht weggeworfen habe, wie ich es eigentlich vorgehabt habe. Also alles lief wie geschmiert, und alles nur wegen diesen verdammten Leuten (abfällige Betonung), die mich mit ihren erbärmlichen Problemen und ihren redundanten Gedanken bis in die Hölle verfolgen und mich erst in Ruhe lassen werden, bis ich ihnen die Fresse eingeschlagen habe: Fick dich Wolf. Fick dich David. Und René, fick endlich David.)
Der Kaffee zieht eine angenehme Duftspur durch die leere Wohnung die erstaunlich gut aufgeräumt wirkt, wenigstens etwas. Ich trinke tiefe Schlücke aus der Amsterdam-Tasse, nachdem ich den Kaffee mit Eiswürfeln abgekühlt habe. Der Laptop ist auf Standby, doch auf Musik habe ich keine Lust. Der Kaffeegeschmack liegt in meinen Lippen.  Die Waschmaschine rumort hinter geschlossenen Türen, das Verkehrshütchen wollte ich zwar aus dem Fenster werfen, doch darauf warte ich, bis es dunkel wird. Der Schweiß hat eingesetzt. Ich wechsle Shirt, doch den Pullover ziehe ich wieder an.Und mit dem Kaffee in der Hand bemerke ich die ungewohnte Ruhe, die sich breit macht und ich bemerke außerdem, wie sich der Druck in meinem Schlund aufbaut, und ich bemerke wie meine Gedanken immer unvorsichtiger werden: ich greife zu dem unerledigten Jonathan Safran Foer, der mich nicht interessiert, da ich ohnehin schon den Film mit Elijah Wood gesehen habe. Doch der Druck wird stärker, ich konzentriere mich auf die Lettern, fokussieren, er steigt mir Hoch, wie Magensäure, ich lege das Buch weg, mein Kopf schmerzt wieder, ich werde müde, überlege zu schlafen, überlege zu kotzen, überlege alles liegen zu lassen und einfach zu laufen und dann (oh Gott, ein Gedanke, bereits gefasst, noch bevor ich ihn formuliere) überlege ich sie einfach an zu rufen, zu rufen und jetzt muss ich wirklich kotzen, bitterer Kaffee schäumt aus meiner Mundhöhle über den Tisch, doch ich rette mein Handy noch, stampfe in das Badezimmer, der Schleudergang dröhnt in den Ohren, rüttelt mich, unter Schleiern erblicke ich zuerst die Uhrzeit, dann eine ausstehende SMS, ich entsperre mit einer erstaunlich geübten Bewegung, scrolle hinab zu einem Namen, und wir wissen alle, welchen Namen ich damit meine und mit der sagenumwobenen letzten Kraft schiebe ich den Akku aus meinen Handy und werfe ihn in die Toilette in die ich mich schließlich weiter übergebe. Ich kämpfe mich in die Dusche, trinke das Wasser, dass mein Gesicht hinab läuft und dann döse ich endlich weg.

Später werde ich mit einem Ohrwurm aufwachen, der mich bis in den Halbschlaf verfolgt hat. Raten Sie mal.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: