Rhododendron Null/Zwei: real shit just got realer

Shit.
Ein guter Tag beginnt mit einem guten Fluch und „Shit“ war kein guter. „Fuck“ wäre einer gewesen, wenn auch abgedroschen, „God damn you all!“ wäre ebenso eine adäquate Wahl gewesen, doch zu einer solchen Eloquenz konnte ich mich nicht hinreisen. Es riecht nach Senf.
„Du hast es wahrscheinlich vergessen“ – ich vergesse betrunken nie etwas und. shit, ich habe nichts vergessen – „aber ich werde dich dazu zwingen, und wenn ich dir in dein Hirn greifen muss, um deine Erinnerungen mit meinem“ – ich lege das Handy zur Seite und greife mir mit den Handflächen in mein angefettetes Gesicht. Na gut, die Bosna habe ich vergessen. Ich versuche zu atmen, doch die verrauchte Luft löst sich aus meinen Haaren und kribbelt mir die verstopften Nasenlöcher hinauf. Mir wird augenblicklich schlecht. (Plötzlich! Wird mir schlecht, alleine wenn ich daran denke.) Ein weiterer Versuch durch meinen Mund und ich huste verrauchte Luft – oh Gott, wenn ich jetzt blute, es würde mich nicht wundern – aus den geteerten Eingeweiden. Ich taste, jeder Finger schmerzt, das Handy legt sich ungelenk in meine Hand: „- heiß und langsam runterrinnt.“
„Was?“
„Was, was?“
„Nichts.“
„Dacht‘ ich mir.“
„Wie kannst du… wie spät ist es überhaupt.“
„Es ist – oh. Fuck! (Wolf scheint einen guten Morgen zu feiern.) Ich muss los! Es ist zwar nur ein Begräbnis -“ Ich lege auf. Wolf ist bereits über mein Hirn gekommen und ich kann mich jetzt nicht mit seiner elenden Moral („Du musst reden!“) abgeben. Wahrscheinlich ist es gar kein Begräbnis. Ich versuche in meinem Wolf-Synonymwörterbuch „Begräbnis“ und „Beerdigung“ und dann auch „Todesfall“ nachzuschlagen, doch es sagt mir nichts. Hatten wir diesen Insider bereits? Dafür, dass ich mir besoffen alles merken kann, vergesse ich nüchtern ziemlich viel.
Durch meine Lunge rasselt der frische Atem und der Senfgeruch hat sich bereits in meine Stirn gebohrt. Durch meine geschwollenen Finger – eine kurze Rekreation der gestern erprobten Szene und ich erinnere mich an ein Wahlplakat der FPÖ – vibriert das Handy und ich atme erschrocken tief ein.
„Ahhhh – Shit! Was?!“
„Alter, du klingst echt beschissen.“
„Und deswegen rufst du mich nochmal an?“
„Nochmal?“
„Du -“
Ich blicke auf das Display.
„Oh Shit. Sorry, David.“
„Ja, sorry David. Was ist denn mit dem ganzen Fluchen?“
Das ist eine unglaublich merkwürdige Frage. Ich frage mich, ob ich noch Kaffee habe.
„Das ist eine merkwürdige Frage. Ich, äh, eine echt komische Frage, Davy.“
„Nenn‘ mich nicht Davy.“
„Was willst du David?“
„Wir sind verabredet, du Wichser.“
„Wieso beschimpfen mich immer alle?“
„Weil du ein Wichser bist und wir dich nicht beschimpfen sonder nur auf den Boden der Tatsachen zurückholen wollen. Wir sind deine Freunde -“
„Wehe du sagst meinen Namen! Ich will nicht, dass sie meinen Namen wissen!“
„Das verstehe ich jetzt nicht.“
„Egal. Du, sorry. Ich schau ob ich Kaffee hab und dann muss ich duschen, oh gott -“
„?“
„Mir. Ah, mir gehts echt nicht so gut.“
„Ja, du. Ich hab die letzte Folge von LOST gestern geschaut. Hast du die Dings, diese Szenen, die nach -“
„Na dann kannst du mir ja die DVD dann mitnehmen.“
„Mitnehmen?“
„Kannst du kommen? Ich schaff’s heute nicht aus dem Haus.“ Ich sitze mittlerweile. Ich brauche unbedingt eine Kaffeemaschine in meinem Schlafzimmer.
„Man kann sich die auf youtube anschauen. Die sind echt deppert, da wird gar nichts -“
„David! Kommst du? Ich. Ah. Ich… aaaaaaah. Verstehst du?“
„Yo, Nigga.“
„Aber Wolf hat einen schlechten Einfluss auf mich.“
„Ja, tut mir Leid. Ich weiß, dass du das nicht magst. Das ist der Rap, der zieht mich einfach mit.“ Ich höre David auf der anderen Seite der Leitung, der Stadt, des Universums und der Hölle grinsen. Es brennt. Ein bisschen.
„Ja klar. Reiß dich zusammen.“ Ich stehe. Zumindest etwas. „Und verdreh‘ nicht die Augen. (Er tut es trotzdem.) Du bist Bachelor in PoWi.“
„Yeah und nicht in political correct-loch-ness.“ Aus unerfindlichen Gründen, muss ich lachen. Es brennt. Ziemlich.
„Okay, David.“
„Stop saying my name!“
„Den versteh‘ ich jetzt nicht…“
„Ist auch egal.“
Ich mache mich auf den Weg in die Küche. Durch das Telefon rauscht es.
„Bist du noch dran?“
„Ja. Oh gott -„, sage ich und taste mich die Wand entlang, am Badezimmer vorbei; das Verkehrshütchen wirft mir einen beschämten Blick aus der Dusche zu.
„Also, wann soll ich jetzt kommen?“
„Wie spät ist es?“
„Fast zwölf.“
Ah shit.
„Ah, shit!“
„Und schon wieder dieses Fluchen. Ts.“
Etwas kommt mir an David heute überaus merkwürdig vor.
„Das kann dir doch echt egal sein.“
„Ist es aber nicht.“
„Hör auf mich zu verarschen, echt – Ah. Verfickte Scheiße!“
„Was ist denn jetzt?“ David seufzt. Trotz seines ironischen Rap-Slangs, scheint er sehr empfindlich auf Schimpfwörter zu reagieren. Für all jene, die auch verkatert sind und es noch nicht verstanden haben.
„Ich hab mir den Fuß… am Kühlschrank“ ich ziehe Luft durch die Zähne und versuche den Schmerz zu ignorieren, der trotz der anderen geschändeten Körperstellen keine sekundäre Stellung einnimmt und sein Recht auf Beachtung fordert. Ich fahre fort: „Und der Kaffee ist aus.“
Keine Reaktion. Aus dem Hintergrund höre ich Stimmen.
„David? Daaaaaaaaaaaaaaaaavid! Ähw.“ Ich beiße die Zähne zusammen: „Davy!“
„Ja? Was? Sorry, ich musste kurz – äh…“
„Kannst du Kaffee mitnehmen?“
„Es ist Sonntag.“
„Zum Glück.“
„Nein, ich meine, ich müsst’einen unglaublichen Umweg machen -“
„Dann mach den verdammten Umweg!“
„Alter. Fick dich.“
Ich atme zu tief ein. Meine linke Hand hält ein Glas Wasser – und dieses Mal meine ich Wasser, ehrlich – dass ich zaghaft austrinke.
„Es tut mir Leid.“
„Schon okay. Wichser.“
„Okay, es tut mir echt Leid. Mir tut alles weh. Wolf und ich -“
„Ja ich weiß, René hat’s mir erzählt. Darüber müssen wir übrigens reden.“
„Was? Woher weiß René -“
„Du bist so ein Idiot.“
„Danke. Also: Wie sieht die Kaffee-Situation aus.“
„Darf René mitkommen?“
„Gott. Bist du mit der jetzt endlich zusammen?“
„Du bist so ein Arsch.“ David sagt meinen Namen. Ich bemerke, dass ich zu weit gegangen bin. Zu weit gegangen und nicht weit gekommen. Ich hasse es, wenn sie meinen Namen sagen.
„Mann, Davy. Sorry.“
„Ja klar.“
„Hey, komm. Nimm’s mir nicht übel. Heut ist echt ein beschissener Tag. Das erste Wort, an dass ich dachte -“

Doch David hat bereits aufgelegt. Ich löse mühselig ein Thomapyrin aus seiner Verpackung, wohl wissend, dass das Zeug ohnehin „einen Scheiß“ wirkt (suck it, Product Placement). Ich mische noch eine Palette an rezeptfreien Kopfwehtabletten dazu, dann noch welche, die sprudeln. Das Sprudeln hilft meistens. Placebos. Ich bin mir dessen bewusst und viel schlimmer trifft mich die Tatsache, dass der Kaffee wohl nichts wird. Ich tippe nervös auf die nutzlose Kaffeemaschine. Ich versuche eine SMS zu schreiben, muss jedoch realisieren, dass ich dazu beide Hände brauche. Ich trinke den Sprudel-Cocktail auf ex:  er ist etwas bitter, doch der Geschmack verschafft mir das erste Hochgefühl des Tages. Fuck, denke ich mir nachdem ich abgesetzt habe, nicht schlecht, und ich bekomme eine Gänsehaut. Wacker krallen sich meine Finger um die umständliche Tastatur des – mir fehlen die Flüche, denken Sie sich etwas aus – Touchscreens und ich tippe:

sry, war nicht so gemeint.
natürlich darf rene kommen. (Ich unterdrücke den Drang einen – wie immer wunderbar geschmackvollen – Witz zu tippen.)
wann seid ihr da?
(Nachsatz:) *seit

Nach einigen Sekunden vibriert mein Handy. Es ist ein Bild von David, der mir den Mittelfinger zeigt. Ich verdrehe die Augen. Alles Arschgeigen.
Ein Glas später, eine weitere Nachricht:

k. sind in 2h da.
rené muss noch was abholen

Ich schreibe unmittelbar zurück:

kaffee? bitte. bittebittebite

Zwei Stunden Schlaf noch, ich schöpfe Hoffnung. Ich hole meinen Laptop, fahre ihn hoch, bleibe immer in der Nähe der Spüle um mein Wasserglas ständig neu anzufüllen. Dehydration is a bitch. Ich frage mich, ob ich damit einen Rap schreiben könnte; ungelenke Bewegungen mit meinen Armen, doch jede Inspiration lässt mich im Stich und wie einen Idioten aussehen. Das Telefon meldet sich: ich weiß augenblicklich, dass mir die Antwort nicht gefallen wird:

wie gesagt. fick dich. kaffe gibts für gewinner. booyah!

Alles Arschgeigen. Ich öffne Firefox, doch bemerke im selben Moment, dass das Internet nicht geht. Nüchtern vergessen, also bleibt mir nur meine Offline-Playlist. Durch die zahlreichen Gläser Wasser fällt mir das Atmen mittlerweile etwas leichter, es läuft Childish Gambino, „Sunrise“ um mir die Entscheidung etwas leichter zu machen: While they be sleepin‘ I be onto that new shit! 

Ich stelle mich meinem Schicksal und entscheide mich gegen Schlaf und für die Bewältigung Kaffeesituation. Der Türke zwei Stationen weiter sollte auch am Sonntag offen haben. Im Notfall muss ich zum Bäcker auch wenn es dort Idioten-Aufpreis gibt. Idioten-Aufpreis für das nüchterne Vergessen des Kaffeekaufs unter der Woche. Die Welt ist nicht gerecht, doch ich spüre das Apsimexatomapymed durch meine Schläfen zischen. Der Tag ist noch nicht verloren. Im Kühlschrank ist Bier. Ich zögere, bevor ich ihn wieder schließe. Zu lange sollte ich trotzdem nicht damit warten, sonst wird der Abend unerträglich. So stehe ich nackt in meiner großen Küche und lasse die Fußbodenheizung durch meine Zehen kitzeln. Ich öffne das Fenster und atme frische Luft ein, schnüffle an meinem Haar und entscheide klug, dass ich ohne Dusche nicht an die Draußen-Welt, wie sie dazu sagt – ich muss schlucken, schmerzhaft – darf. Dürfen sollte. Sollte. Ich gebe es auf eine passende Formulierung zu finden, der Gedanke an sie kann ohnehin nicht mehr verschoben werden. Bevor ich in das Bad trotte (um dort die Schande meines gestrigen Absturzes aus der Kabine zu entfernen), nehme ich noch drei Tassen aus dem Schrank. Die große Rote aus Amsterdam für mich, und zwei mittelgroße: eine davon hat Klara immer benutzt, ich stelle sie etwas Abseits, ich weiß auch nicht warum, es erscheint mir richtig. Die andere mittelgroße, die Zwillingstasse sozusagen, nur in Schwarz und mit abgebrochenen Henkel umfasse ich fest und reibe ihre Innenseite an meinen Hodensack. Zufrieden stelle ich sie neben Klaras Tasse (die ich eigentlich nicht so nennen wollte, verdammt). Ich gehe duschen und denke abwechselnd an Klara und an René, dann an die scharfe Kellnerin, die keine Kellnerin ist, dann wieder an Klara und René, diesmal gleichzeitig. Es fallen mir noch ein paar weitere Mädchen ein, Momentaufnahmen und sich überlappende Bilder, doch letzten Endes komme ich zu jenem, das ich kursiv schreibe.

wow, that’s deep

Wolf hat mir geschrieben. Außerdem:

is dir auch schon aufgefallen, dass die leut (abfällige betonung) in filmen nie verkatert sind?
die sind am nächsten tag putzmunter oder sie springen einfach zum nächsten abend. 

Ich weiß bereits worauf das hinausläuft.

das kann ich nicht ausstehen.
die sollten alles zeigen.
den ganzen grind.

Alles Arschgeigen. Und Wolf ist die schlimmste von allen. Es folgen weitere Beispiele von Details, die sie laut seiner Meinung unbedingt zeigen sollten, Details die hauptsächlich mit erigierten Penisen zu tun haben. Ich öffne die Tür und trete schlaff ins Stiegenhaus. God damn you all.

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