Rhododendron Null/Interlude: Und ich werde lügen

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass alles so kam, wie ich es wollte. Doch da stehen wir nun und er liegt da, in einem Fegefeuer aus Musik, seine hässlichen Designerklamotten kleben an seinem schlacksigen Körper und ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass es mir nicht gefiele, nein, ich genieße dieses Bild sehr, doch es kommt zu früh. Sehen Sie, es war nicht geplant, dass er bereits im dritten Kapitel den Geist aufgibt. Offensichtlich hat ihm seine Vorgeschichte viel zu viel zugesetzt. Diese ganze Sache, diese ganzen bescheuerten Erinnerungen und der Liebeskummer, oder weiß Gott, was in ihn gefahren ist. Wie soll sich der Wahnsinn richtig ausbreiten, wenn dieser ihn sofort packt. Ich hasse fragile Figuren. Sie sind unberechenbar. Und ich hasse berechenbare Figuren, sie sind langweilig, wie dieser David, der bei René offensichtlich nicht zum Stich kommt (und ich hasse die Formulierung „zum Stich kommen“: niemand spricht so). Ich entschuldige mich für die schlampigen Phrasen und den offensichtlich verwirrenden Aufbau, nur für die Musik, für die entschuldige ich mich nicht. Drehen Sie ruhig leiser, hören Sie nicht hin, es geht hier nicht um Sie, sondern um ihn, diesen armen Narr und seine Seele, die ich mit Geschick versuche in die Hölle zu steuern; wenn er sich nur etwas zusammen reißen würde und nicht von selbst gegen die Wand fahren würde. So schafft er es nie zur wichtigsten Figur im größten Roman aller Zeiten, so bringt er es höchstens zu einer leidigen Identifikationsfigur für psychisch labile Twenty-Somethings und, bei Gott, das gilt es zu vermeiden. Vielleicht schicken wir wieder Wolf ins Rennen, der bringt unseren Helden wenigstens auf Touren. Oder eine die Rs Freundin stattet ihm einen Besuch ab, weil sie ihn immer schon wollte und die beiden haben hemmungslosen Sex auf dem Tisch, an dem noch das Erbrochene klebt und sie lutscht es ihm von seinen Fingern, bis er auf ihren Schenkel kommt. Ja, das klingt gut. Total abgefuckt aber das ist die einzige Möglichkeit das Geschehen noch interessant zu gestalten; Obszönitäten und Sex. Und dann können wir endlich mit der Story weiter machen, der große Plan, denn wenn er so weiter macht, hat er es wirklich bald vergessen. Doch das ist einfacher gesagt als getan: er sitzt unter der Dusche als hätte er Heroin-Pillen geschluckt und versucht sich in Erinnerungschnipseln zu ertränke, träumt im diesigen Halbschlaf von Konzerten und verzerrten Gesichtern, von Lichtern und Trips, die er gemeinsam mit einer Stimme genommen hat, die uns bekannt vorkommt, doch wir hören nicht genau hin, denn es soll uns nicht interessieren. Es geht um was Größeres. Um etwas, dass die Welt aus den Angeln hebt. Und nicht um Einsamkeit. Oder Selbsthass. Oder Oberflächlichkeiten. Wollen Sie wissen was geschah? Tja, Pech. Es ist vorbei und es wird nie wieder kommen, so sehr wir es auch wollen. Es hat keine Bedeutung, weder für ihn, noch für Sie, noch für mich – am wenigsten für mich! Und sobald ich es schaffe, die Endlosschleife aus seinem Kopf zu schneiden, werden die Dinge ihren gewohnten Lauf nehmen, so wie ich es will. Er wird es ohnehin nicht bemerken, er gehört mir, unabhängig von seiner Fragilität. Ich übertöne seine Gedanken mit sinnentleerten Geräuschen und motivierenden Liedern und im Notfall lüge ich einfach. Wer wird den Unterschied schon bemerken? Und ich entscheide, welches Lied gespielt wird, wenn er bricht und neu aufersteht und ich entscheide, wann. Vielleicht ist es das „Running Up that Hill“-Cover von Placebo, es eignet sich sehr gut dafür: es baut sich auf, wie eine Entschluss der sich in den Augen eines Mannes bildet, der zu weit gegangen ist, aber nicht weit genug gekommen ist. Und zu dem fordernden Takt wird er sich erheben, aus der Scheiße und der Kotze, aus Blut und Schweiß und er wird sich entschließen, dass Unmögliche zu tun. Fade Out, eine Tür wird sich schließen, eine leere Wohnung zurückbleiben und der dritte Akt seinen unausweichliches Unglück bringen. Doch nicht heute und nicht jetzt: wann die Hölle losbricht, entscheide immer noch ich.

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