Rhododendron Eins/Intro: Nicht der Held, den wir verdient haben und nicht der Held, der dies verdient hätte

Hallo, mein Name ist David und ich mach‘ Ihnen heute den Erzähler. Sie kennen mich vielleicht aus den Kapiteln „Null“ oder aus Ihren Albträumen, in denen ich manchmal ein Gastspiel habe. Einmal dachte jemand, ich sei sein imaginärer Freund, doch das ist eine andere Geschichte. Ich habe andauernd Kopfweh und glaube insgeheim, dass ich in der Hölle bin. Das ist mehr oder weniger eine Kurzinterpretation meiner ausgewachsenen Paranoia, die viel mit Drogen und der Truman-Show-Delusion (benannt nach gleichnamigen Film, look it up) zu tun hat, aber eine gute Freundin hat mein Realitätsempfinden einmal mal mit den Wörtern „wie in der Hölle“ beschrieben Ich begann wie immer darüber nach zu denken und kam zu dem Entschluss, dass diese Möglichkeit durchaus nicht auszuschließen sei, also entschied ich mich für diese Variation meiner Lebensphilosophie. Es macht vieles leichter, hauptsächlich durch den Gedanken, dass es nicht schlimmer kommen kann. Und so ist das Leben eigentlich ganz erträglich. Ich habe eine handvoll Bekannte und ein, zwei Menschen in meinem Leben, die ich wirklich als Freunde bezeichne, aber damit bin ich ja nicht allein; so geht es den meisten. Ich bin nicht auf Facebook, also versuchen Sie nicht mich zu finden. Das Internet macht mir etwas Angst, aber wiederum, was macht mir nicht ein wenig Angst. Ich bin verliebt in eine ehemalige Studienkollegin, sie heißt René, aber das hat Ihnen Dr. Kill wahrscheinlich schon verraten. Er ist nicht sonderlich subtil, wenn es um die Achtung Anderer oder deren Gefühle geht. Dr. Kill – ja, dass ist der Psycho, der mich ein wenig an eine Bret Easton Ellis-Figur erinnert, aber er ist wohl auch so angelegt, also kann man ihm dafür kaum wirklich böse sein. Ich teile mit Dr. Kill eine leichte Folie à deux, das heißt, wir haben Grundzüge der selben Wahnvorstellung – ich benutze mittlerweile den Terminus „Wahnvorstellung“ oder nur „Wahn“, da alles andere die Leute (abfällige Betonung) nur verstört und ich sonst nie, also nie, Sex haben würde. Dazu später. Oder vielleicht auch nicht. Darf ich das dann entscheiden? Danke. Dann eher nicht. Zu etwas viel Wichtigerem: Dr. Kill, den ich übrigens zu diesen ein, zwei Freunden zähle, nenne ich Dr. Kill, da er seinen echten Namen hasst und wir als Kinder oft „Superheld“ gespielt haben, wobei Dr. Kill immer den Bösewicht gemimt hat, so gerne ich auch mal Bösewicht gewesen wäre; der Baum als Burg, den Hund als Wächter, die Wasserpistole als Laser und die Entführung des Mädchens. Ach, natürlich, das Mädchen. Wenn ich wüsste, wie man ein Seufzen schreibt ohne es in Sternchen zu setzen, würde ich es hier tun. Es macht nicht Spaß, wenn man immer der Held sein darf, schon gar nicht, wenn man mit Wasserbomben aus dem Hauptquartier beworfen wird oder sich stundenlang Pläne ausdenkt, nur um dann raus zu finden, dass der Bösewicht gar nicht in seinem Hauptquartier sitzt, sondern mit der Geisel auf den Dachboden knutscht. Es macht nicht Spaß, Menschen zu retten, wenn sie gar nicht gerettet werden wollen und die „Gerettete“ lieber dem Bösewicht „seines“ zeigt und vice versa (ich durfte, bis ich zwanzig war „meins“ niemanden zeigen und ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob eine der Frauen, mit denen ich geschlafen hat, wirklich auch hingesehen hat – oder nüchtern genug war, hinsehen zu können (doch ich schweife ab, jetzt sind wir schon bei Klammern in der Klammer gelandet und überhaupt ist das mal wieder eine andere Geschichte, die ich Ihnen wahrscheinlich nicht erzählen werde)). Dr. Kills Lieblingsplan war – neben der Zerstörung der Welt – die Verführung aller Mädchen, zu denen ich auch nur die leiseste Zuneigung erwägte; nicht einmal empfand: erwägte! Damit, dass ihm dieser Plan meistens gelang, musste ich mich irgendwann in der fünften Klasse abfinden, aber ganz ehrlich: scheiß drauf, ich erwähne es höchstens, dass Sie sich ein Bild von Dr. Kill machen können, und wenn dieses Bild zufällig ein höchst unsympathisches ist, dass dazu führt, dass die weiblichen Leser lieber mit mir schlafen würden, tja, da kann ich auch nichts machen. Also ja, daher rührt der Titel „Doktor“, angelehnt an Dr. Mario oder Dr. Evil, was weiß ich, Dr. Spacemen, von mir aus. Zu seinem Namen – Kill – , den bekam er von mir angedichtet, weil er sich vor einigen Jahren versucht hat, das Leben zu nehmen. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine offene Wunde gesehen und als ich zu Dr. Kills zwanzigsten Geburtstag in sein Zimmer kam, sah ich gleich mehrere. Da sich meine Paranoia im Laufe der Jahre zu einer Schutzschicht gewandelt hat, die mich vor jeglicher Art Gefühlsausbruch bewahrt – auch etwas, dass ich behaupte, damit Frauen nachdem sie mit mir geschlafen haben, nicht all zu sauer sind, wenn sich meine Paranoia äußert und ich unweigerlich eine gemeinsame Zukunft vermeide – habe ich natürlich sofort die Rettung, die Feuerwehr, die Polizei, seine Mutter, meine Mutter, seine Freundin und das Mädchen aus dem Baum (die wird noch wichtig, also gut aufpassen) angerufen. Dr. Kill hat – und ich weiß nicht ob ich darauf stolz sein kann, ich weiß es wirklich nicht – durch mich überlebt. Durch mich und einen dummen Zufall, doch auch das ist eine andere Geschichte. Wie gesagt, es macht nicht wirklich Spaß, jemanden zu retten, der nicht wirklich gerettet werden will. Dr. Kill war nicht sonderlich glücklich darüber und bis heute bin ich mir nicht sicher, ob er sauer war, dass ich ihn gerettet habe, oder dass gerade ich ihn gerettet habe. Aber vielleicht erzählt er Ihnen diese Geschichte auch selber, wenn er mal wieder die Gelegenheit dazu hat. Ich habe ohnehin schon viel zu viel über ihn geredet, derweil wollte ich eigentlich mich vorstellen; doch das passiert oft, egal worum es geht, worüber geredet wird, es geht selten um mich oder über etwas, das mich betrifft. Ich kann auch wirklich nicht viel über mich erzählen, meine „Wahn“ schreckt viele ab, also ist es besser, einfach nicht damit anzufangen und diese Sache, also die Sache mit Dr. Kill – und ja, ich weiß, der Name ist höchst unsensibel, doch Dr. Kill mag ihn, also sehe ich kein Problem damit – und die Sache mit dem Mädchen aus dem Baum auf sich beruhen zu lassen. Ja, ich weiß, ich hab da vorher etwas in Klammer gesetzt aber vergessen Sie es einfach, am Besten vergessen Sie alles, was ich Ihnen gesagt habe und wir fangen von Vorne an: Hallo, mein Name ist David und Ich erzähle von hier an diese Geschichte. Keine Angst, nicht lange. Dr. Kill meldet sich bald zurück und Wolf – mit dem ich übrigens nicht befreundet bin, dass möchte ich aus mehreren Gründen betonen – hat glaube ich später auch noch ein Kapitel, in dem es wahrscheinlich um Körperflüssigkeiten geht oder um seinen Essay „Die Schönheit der Geschlechtsteile“, der zwar bis heute keinen offiziellen Verlag gefunden hat, aber Wolf dennoch nicht daran gehindert hat, jedem seiner Bekannten ein gedrucktes Exemplar zu schenken. Ach ja; wie jede Geschichte, hat auch diese einen Helden und diese Aufgabe bleibt ebenso an mir haften. Verstehen Sie mich nicht falsch (etwas, das ich sehr gerne sage, obwohl die Leute mich ohnehin nie falsch verstehen) dies ist keine Rechtfertigung. Ich wollte nie der Held sein und doch; ich wollte sie retten, aber sie wollten sich nicht retten lassen.

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