Rhododendron Eins/Drei: Und weil die Titel hier immer länger werden zur Abwechslung mal ein kurzer, der aber vielleicht mit all dem nichts zu tun hat: Suddenly Tasteless

Zuerst werde ich von einer SMS geweckt. Die Vibration ist laut und ich schrecke aus einem merkwürdigen Traum auf, der jedoch gleich wieder verfliegt. Ich taste nach meinem Handy, und sehe auf das Display. Vier neue Nachrichten, die gerade eben: Dr. Kill. Ich suche nach meiner Brille und scrolle umständlich durch meine aktuellen Nachrichten. Als ich keine neue von René entdecke lege ich das Handy (ich entdecke einen leichten Sprung am oberen Eck des Bildschirms, bin aber zu müde um mich deswegen zu echauffieren) wieder auf den Couchtisch, auf dem ich ebenso ein Glas Wasser und einen Zettel finde:

Lieber David,

Ich hoffe es geht dir besser. 
Das Wasser ist frisch und extra für dich! 
Falls du früh wach wirst; (sie hat wirklich einen Punktstrich geschrieben, ich verarsche Sie nicht)
fühl dich nicht verpflichtet mich vor 11 aufzuwecken.
Deine Schuhe sind in der Badewanne,
deine Tasche im Vorzimmer am Kleiderständer.
Solltest du später noch da sein, 
sieh diesen Zettel als ->

ich drehe den Zettel um

Gutschein für ein Frühstück à la Klara an.
Es gibt Kaffee und Aspirin. 
Gute Nacht und Schlaf gut!

K. (um 3:48, damit du dir ausrechnen kannst,
wie lange du geschlafen hast)

Das K ist schwungvoll gestaltet, der Rest in viel zu sauberen Blockbuchstaben geschrieben. Entweder ist Klara besoffen eine Meisterin der Kaligraphie oder – doch bevor mir ein kluger Vergleich einfällt, liege ich schon wieder auf der Couch, die Decke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Mein Smartphone meldet mir eine Uhrzeit mit der 7 am Anfang. Der Himmel scheint dunkelgrau durch die Jalousien. Ich schließe die Augen und summe den Anfang von einem Regina Spektor Lied, dass ich aus unerfindlichen Gründen im Ohr habe. Ein Fegefeuer aus Musik. Und dann schlafe ich ein.

Ich erwache aus einem Traum in einen Traum: Die Luft duftet nach einem Zuhause und aus den Nebenzimmer erklingt Klaviermusik. Ich greife nach dem Wasser und trinke den Rest aus. Das Zimmer in dem ich liege ist in ein warmes Licht getaucht, die Jalousie wurde etwas geöffnet so das die Sonne zwar den Raum erfüllen kann, doch mir nicht in das Gesicht scheint. Ich fühle mich spontan unheimlich gerührt. Das Leben sieht aus und fühlt sich an, als hätte jemand einen Weichzeichner um alles gelegt. Eine Frauenstimme erklingt zu der Klaviermusik. Ich muss lächeln; mein Ohrwurm.
Ich setze mich auf und werfe die Decke sanft ab. Mein Kopf fühlt sich schwer an, meine Augen geschwollen, meine Finger wund und meine Kehle trocken, doch alles in allem geht es mir gut. Sehr gut. Ich stehe auf und blicke auf mich herab: ein T-Shirt, dass ich nicht kenne und meine Boxershirt. Meine Augen öffnen sich erschrocken und ich hoffe, dass ich mich nicht vor Klaras Augen ausgezogen habe. Ich sehe mich nach meiner Kleidung um und finde sie fein säuberlich am Fußboden verstreut. Nachdem ich mich angezogen habe (das Shirt lasse ich an, es ist gemütlich außerdem will ich nicht unhöflich sein und die freundliche Gabe der Gastgeberin verschmähen und außerdem stinkt mein Shirt unglaublich nach Rauch und etwas Schlimmeren) stoße ich leicht die Tür auf und trete in ein unordentliches Vorzimmer, ich schreite weiter und folge der Musik – and people are just people, they shouldn’t make you nervous, the world is everlasting – und ich stolpere über einen Schuh und trete damit die Tür zu einer kleinen Küche etwas ungelenk auf.

Als ich zuvor erwähnt habe, dass ich aus einen Traum in einen Traum erwachte, meinte ich das nicht auf die Christopher-Nolan-Art, sondern, dass ich aus einem merkwürdigen Traum (dessen Details mir noch einfallen würden) in ein Leben erwachte, dass mir wie ein Traum vorkam. Nicht wie irgendein Traum, wie mein Traum: In der Küche steht in der Mitte der selbe Tisch, an dem ich als Kind immer gesessen bin, bevor ihn mein Vater gegen ein neumodisches unsympathisches Stahlgerüst austauschte. Die Vertäfelung der Kredenz und der Küchenschränke blättert an allen Stellen ab und eine der Türen steht schief, so dass man immer in das Innere blicken kann. Eine „moderne“ Filterkaffeemaschine steht auf dem Minikühlschrank und das Fenster ist gekippt. Ich höre Hupgeräsuche und Hunde bellen, Wind durch die Straßen fegen und das Fliegengitter zittert ein wenig. Am Tisch sitzt ein braunhaariges Mädchen, es hat eine Brille auf und ein langes Shirt an, auf dem das berühmte Pulp Fiction Motiv abgebildet ist, nur dass die Gangster Bananen in den Händen halten. Das Mädchen schlürft an einem Kaffee, surft an ihrem Laptop und daneben liegt irgendein Taschenbuch, dessen Umschlag total zerfleddert ist. Sie blickt zu mir hoch als ich meinen eleganten Auftritt hinlege.
„Guten Morgen“, grinst sie, wie Menschen nur in Filmen grinsen, wenn sie jemanden einem Streich gespielt haben.
„Hey“, sage ich zögerlich, ich traue mich plötzlich nicht die Szene zu betreten, da ich befürchte, dass ich wie immer alles kaputt mache, „Guten Morgen.“
„Kaffee?“
„Oh Gott, ja!“
Sie winkt mich her und schiebt mit ihrem Fuß einen Hocker unter dem Tisch nach vorne. Als sie mir den Kaffee eingießt, tropft ein Großteil daneben, doch es scheint sie nicht zu stören. Sie lehnt sich mit ihrem Stuhl zurück und öffnet, ohne dass sie ihre Kaffeetasse loslässt, eine Schublade hinter ihr, kramt ein Aspirin hervor und wirft es mir zu. Dabei zuckt sie auffordernd mit ihren Augenbrauen. Darunter erstrahlen fröhliche braune Augen. Ich nehme dankend an, stehe auf und gehe zum Wasserhahn.
„Gläser sind da drüben“, ich öffne den Schrank, auf den sei zeigt, doch dieser ist leer, „oder im Geschirrspüler“, ich öffne den Geschirrspüler und ein stechender Odeur breitet sich aus, „Ah, mist, okay. Dann nimm eines aus der Spüle. Die sind alle sauber.“ Sie grinst noch etwas breiter. „Einigermaßen.“
Ich scheiß‘ heute auf Sauberkeit, denke ich mir, ich scheiß auf alles, ich bleibe jetzt hier, mit den dreckigen Gläsern und sehe dieser jungen Frau den ganzen Tag beim Kaffee-Trinken zu. Ich grinse zurück.
„Not the talking type, eh?“
„Bitte?“ Ich bin kurz verwirrt, die Verpackung des Aspirins ist mal wieder äußerst wiederwillig meiner Gewalt nach zu geben.
Sie klappt den Laptop zu und verschränkt die Arme dann drauf: „Du bist wohl noch etwas daneben, hm?“
„Nein, irgendwie. Nein, gar nicht.“ Ich versuche zu lächeln, ohne dass es creepy wirkt. Es gelingt mir nicht.
„Nicht? Das ist gut. Die ging’s echt nicht gut gestern.“
Gestern. Mein Herz beginnt plötzlich fest gegen meine Brust zu schlagen.
„Oh Gott. Habe ich mich vor dir ausgezogen?“
Sie lacht. „Wenn dass deine einzige Sorge ist dann kannst du beruhigt sein.“
„Sorry, ich mein‘, es tut mir echt leid. Ich kann mich nur noch an… Schemen erinnern. Das heißt ich hab mich, äh, nicht ausgezogen.“
„Das hab‘ ich nicht gesagt.“
„Ah shit.“
„Mann, keinen Stress. Bei der Boxershort habe ich dich rechtzeitig gebremst.“
Ich muss rot werden, ich weiß es zwar nicht, aber es geht nicht anders, ich blicke beschämt in mein Glas mit Aspirin und sehe dem Sprudeln zu.
„Heeeey!“, sie schlägt mich mit dem Buch, dass sie sich spontan geschnappt hat, leicht auf die Schulter, „Alles halb so wild. Falls du Sorge tragen solltest“, sie wedelt mit ihrem Zeigefinger vor meinem Gesicht, Theatralik, „ich habe noch nie einen so höflichen Gast auf dieser Couch gehabt. Vor allem keinen, der sich nicht daran erinnern kann, wie höflich er war.“
„Danke. Das hilft mir wirklich.“, sage ich und ich meine es auch so. Es hilft mir unglaublich.
„Dir geht’s wirklich gut?“, fragt sie mich. Erneut, glaube ich.
„Ja, ja. Voll. Ich, äh, seh‘ vielleicht nicht so aus, aber ja.“ Ich fühle mich mit jedem Schluck besser, abwechselnd Kaffee und Aspirinwasser, der Geschmack explodiert in meinem Mund und zur Perfektion fehlt nur noch Orangensaft.
„Du warst ganz schön fertig gestern, deswegen frag‘ ich.“
„Hm. Ja.“ Mein Herz wird wieder schneller. Ich frage mich, ob ich mich von dem Thema entfernen kann, ohne Verdacht zu schöpfen.
„Ich glaube, du hattest eine Panikattacke.“
Ich lasse meine Kaffeetasse beinahe fallen. „Ähm. Ja. Das passiert manchmal.“ Ich beginne leicht zu zittern und hoffe, dass sie es nicht bemerkt. Klara sieht mich ruhig an und ihr Lächeln ist kurzzeitig verschwunden, doch ihre Gesichtszüge strahlen nichts als Freundlichkeit und Gelassenheit aus und ich zwinge mich sie anzusehen, ihr in die Augen zu sehen und dann wird es erstaunlicher weise wirklich leichter und ich frage mich, warum mir das so schwer fällt.
„Ist okay. Die hat jeder ab und zu.“
Ich atme tief ein und obwohl ich nichts lieber täte als dem ganzen aus dem Weg zu gehen sage ich: „Nicht so wie ich. Oder nicht so oft wie ich.“ Meine Hand zittert jetzt unübersehbar.
Sie nickt und nickt und als sie mit dem Nicken fertig ist greift sie vorsichtig meine freie Hand öffnet mit der anderen meine Finger, die sich um die Kaffeetasse verkrampft haben. Eine Weile sitzen wir so da, sie hält meine Hände und ich wage es doch nicht sie anzublicken, ich spüre die Traurigkeit und Wut in mir aufsteigen, Regina Spektor singt währenddessen „Us“ – and it’s conatgious, and it’s contagi-o-us – und als ich meine Lider schließe, treten Tränen hervor. Ich atme aus und öffne die Augen und ich muss unendlich traurig aussehen, denn ich fühle mich so. Und wenn ich in diesem Moment nicht so aussehen kann, wie ich mich gerade fühle, habe ich Angst, dass ich es wohl niemals werde.

Klara blickt mich gütig an und irgendwann merke ich, dass nicht ich mehr ihre Hände halte, sondern sie meine. Und ich lächle. Ich lächle aus ganzem Herzen, ich fühle mich unbeobachtet und ich lächle, so wie ich es das letzte mal –
Ich ziehe die Hände zurück und wische mir die Tränen aus den Augen. Danke, formen meine Lippen.
„Kein Problem. Es klingt komisch, voll komisch, aber gern gemacht.“
„Das klingt nicht komisch.“
„Ja, okay.“ Sie setzt die Tasse an ihr Lippen und bemerkt dann, dass diese leer ist. Das erste Mal habe ich heute das Gefühl, dass ihr irgendetwas unangenehm ist.
„Du hast eine echt nette Wohnung.“
„Ach?“
„Ja, und ich habe vorzüglich auf der Couch geschlafen.“
„Auf der schläft man fabelhaft, gell? Ich habe sie mir gekauft, als ich sie im IKEA ausprobiert hab und erst am nächsten Tag aufgewacht bin.“
„Ah, ja.“
„Auf allen anderen Couches konnte man höchsten fernsehen, aber ich wollte die Couch haben, auf denen Besoffene am Besten schlafen können.“
„Sehr gut gewählt! Ach, da fällt mir ein.“ Ich greife in meine Hosentasche und gebe ihr den Zettel, den sie mir geschrieben hat. „Für das Frühstück.“
Sie sieht in kurz an und gibt ihn mir dann zurück: „Der ist abgelaufen.“
„Oh.“
„Ja.“
„Das heißt dann wohl, dass ich dir… wie viel schulde?“
„Hm, einmal Kaffee und Aspirin und ich habe vor dir vielleicht auch noch Müsli anzubieten und alleine das Angebot kostet schon was. Und man darf die Übernachtung und den Transport nicht vergessen. Ich schätze wir bewegen uns im hundert Euro-Bereich.“
„Puh. Saftig. So viel hab‘ ich leider nicht bei mir.“
„Na, dann musst du eben putzen. Oder mir andere Dienste erweisen.“
Ich blicke sie erschrocken an. Sie grinst doch dreht sich schnell um und greift in den stets geöffneten Schrank. Ich nehme perplex einen Schluck von meinem Kaffee und versuche nicht in Klaras Richtung zu blicken.
„Also?“
Also was, denke ich panisch – nein, nicht panisch, natürlich nicht panisch, das ist nur etwas, dass man so sagt, doch ich kenne Panik und hier denke ich höchsten beunruhigt und verwirrt und, ja, hauptsächlich verwirrt.
„Hm“, räuspere ich mich ungeschickt.
„Müsli?“
Ich fasse mich: „Na, jetzt ist es auch schon egal, die paar Euro mehr.“
„Müsli kostet am meisten, aber dafür ist es auch das beste Müsli ever. Chocos!“
„Cool! Die mit dem Bär.“
„Au ja.“
Sie gießt uns Milch in zwei Schüsseln mit poppigen Farben (ich habe pink, sie orange und im Schrank sind noch welche in türkis, giftgrün, neongelb und aus welchem Grund auch immer schwarz) schüttet großzügig Chocos in die Milch, wärmt sich ihre in der Mikrowelle auf, (ich verneine dankend, sie meint, so seien sie besser und zuckt mit den Schultern) und dann verspeisen wir schmatzend unsere Kinderfrühstück, während sie mir YouTube-Videos von zwei Zeichentrick-Lamas mit Hüten zeigt, die sie unglaublich komisch findet. Nachdem wir unser Müsli gegessen haben trinken wir noch weiter Kaffee bis mir fast schlecht wird, wir reden über Musik und welcher Scrubs-Charakter wir wären (ich bin Elliot, da sind wir uns einig und sie meint, sie sei Kelso, aber das kann ich nicht bestätigen), ich lasse mich zu einer Diskussion über das beste Regina Spektor Album hinreißen und insgeheim weiß ich, dass sie Recht hat (es ist „Soviet Kitsch“), doch ich will nicht, dass wir mit dem Reden aufhören. Nach eineinhalb Stunden sage ich, dass ich gehen sollte und wir quatschen noch ein wenig, zwei Stunden sind mittlerweile vergangen, ich rechtfertige Wolfs und Dr. Kills Verhalten, doch will nicht mehr auf den gestrigen Abend eingehen und dann fragt sie mich ob Dr. Kill eigentlich eine Freundin hat und mir wird etwas mulmig und mir fällt plötzlich René wieder ein. Ich bedanke mich und zum Abschied werde ich umarmt und sie will mir noch etwas sagen, doch winkt dann ab und ich vermute, es hat mit Dr. Kill zu tun und frage nicht nach und als ich dann mit dem Lift ins Erdgeschoss fahre, verspüre ich einen melancholischen Stich in meiner Brust und ich hole meine Smartphone hervor und beginne einen SMS an René zu verfassen, für deren Fertigstellung ich den halben Weg benötige und die ich erst zu Hause versende.

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