Rhododendron Zwei/Eins: Vergiss mich hier

Der Regen hat eingesetzt und ich blicke mich noch einmal um. Die Musik wirkt unendlich weit weg, unendlich, ein merkwürdiges Wort. Doch wie soll ich es denn sonst beschreiben, der Weg bis hierher war beschwerlich, für ihn wohl mehr, als für mich. Wolf hat mir noch seine Jacke gegeben, Thomas war nicht auf zu finden und ich hoffe, ich habe alles, was er braucht.

Wir sitzen im Taxi und ich summe vor mich hin. David ist eingeschlafen und manchmal zuckt sein Gesicht. Ich habe einen Ohrwurm und beginne vor mich her zu singen: The food that I’m eating, is suddenly tasteless. David seufzt und ich richte meine Jacke, die als Decke fungiert, zurecht, er erwacht, blickt aus dem Fenster, ich sehe schnell weg, weiß nicht ob ich ihn ansehen soll, doch dann empfehle ich mir, einfach darauf zu scheißen und ich sehe ihm direkt in die Augen. Ich frage ihn, ob es ihm gut gehe und er verlangt schwach nach etwas Wasser.

Wir sitzen auf meiner Couch und David zittert. Ich lege ihm alles hin, was er noch brauchen könnte und als ich mich umdrehen will um mich bettfertig zu machen, höre ich ihn keuchen. Er weint leise und ich trockne seine Tränen mit Küchenrolle ab und spreche ihm gut zu, es wird gut, es wird gut und er hält sich hart an meinem Oberarm fest, flüstert mir ins Ohr ich solle bitte noch bleiben und ich knie mich vor ihm hin halte seine Hand. Er atmet etwas sanfter und dann zieht er sich sein Shirt aus, ich versuche nicht hin zu sehen,  gebe ihm eines meiner T-Shirts in das er hineinpassen könnte. Er dankt und dann zieht er sich die Hose aus und unter seiner Boxershort kann ich seinen harten Penis erkennen und ich schließe die Augen und drehe mich weg, kann ein Grinsen nicht verstecken. Seine Jeans landet am Boden und bevor er sich ganz ausziehen kann, drücke ich ihn gegen die Couch und lege ihm die Decke auf den Körper. Er umarmt mich und als er mich leicht zu sich zieht, achte ich darauf, ihn nicht zu sehr zu berühren. Er lockert seine Umarmung und blickt mir in die Augen, bewegt sich etwas nach vorne und ich glaube er versucht mich zu küssen und ich drehe mich weg, so dass ich direkt auf die Ausbeulung unter der Decke blicke. Ich löse mich und er murmelt „Danke, René“.

In der Küche öffne ich das Fenster und blicke auf die Uhr. Ich greife mir eine Zigarette, die letzte für dieses Wochenende, sage ich mir und als ich am Fenster rauche, frage ich mich wer diese René ist und warum sie heute nicht da war und wieso sie ihm nicht helfen kann, und meine Finger verkrampfen sich etwas, als ich an Wolf und Thomas denke, die sich nicht um ihren Freund gekümmert haben. Ich schließe die Augen bei jedem Zug und beim ausatmen singe ich leise vor mich hin. Ich sehe Thomas vor mir, wie er mich anlächelt und David, wie er ängstlich umherblickt, dann wieder Thomas, und sein hübsches Gesicht, seine Lippen und wie sie sich von einer Zigarette lösen, die er mir zum anzünden meiner gibt. Merkwürdige Gestalten, ich nehme mir vor mich morgen bei Larissa zu melden und vielleicht auch bei meiner Schwester und dabei denke ich wieder an David, wie er auf meiner Couch liegt. Ich dämpfe den Rest der Zigarette aus, wasche mir die Hände um sie von dem Rauchgeruch zu befreien und fülle ein Glas an, nehme einen Zettel aus der Schublade und beginne David eine Nachricht zu schreiben.

Das Wichtigste ist, was hier nicht geschrieben steht, was wir nicht sehen.

Ich lege seine Schuhe, die mit Erbrochenen übergossen sind in die Badewanne und spüle sie kurz angewidert ab. In seiner Umhängetasche vibriert etwas, ich nehme sein Handy raus und muss feststellen, dass er keinen Entsperr-Code besitzt, ich blicke durch die SMS und weiß, dass ich das eigentlich nicht sollte, doch bereits der erste Dialog ist von René und ich schaue nur schnell hinein und scrolle durch nichts sagenden Small Talk und viel zu viele Emoticons auf seiner Seite. Dann sehe ich durch die Entwürfe und es ist mir augenblicklich unangenehm und ich fühle mich schuldig, doch aus welchen Grund auch immer lösche ich jenen, den David diesen Abend geschrieben hat. Ich gehe, mit dem Handy in der Hand, in die Küche, fische einen beschriebenen Zettel aus dem Altpapier und zünde ihn in der Spüle an, bis die Hälfte verschwunden ist, dann ärgere ich mich, drehe das Wasser an und rette den Rest. Ich falte den Zettel und ich weiß nicht was ich hier tue und eigentlich hilft das jetzt hier niemanden, am wenigsten dir, Klara, echt jetzt, doch ich öffne die Abdeckung des Akkus und lege den dünn gefaltenen Rest des Briefes hinein, schließe das Handy wieder und bringe es David an den Couchtisch, mitsamt dem Wasser und der Notiz, die ich für ihn verfasst habe. Er murmelt etwas vor sich hin, seine Stirn ist schweißbedeckt und er richt nach Rauch und Alkohol. Ich kontrolliere nochmal ob die Abdeckung des Smartphones richtig sitzt und dann lege ich alles säuberlich auf den Tisch und als Davids Augen sich öffnen, lächle ich ihn an und sage ihm noch einmal gute Nacht.

Der Morgen bricht an und ich liege mit geschlossenen Augen wach in meinem Bett. Ich habe nicht geschlafen und ich fühle mich unendlich müde, unendlich, ein merkwürdiges Wort, doch ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Ich kann meine Gedanken nicht von Larissa lösen und so setzte ich mich auf, schreibe eine vier-teilige SMS an ihre Nummer, beziehungsweise an die Nummer, die sie vor zwei Jahren noch hatte. Ich lege mich wieder hin und als ich die Vögel zwitschern höre muss ich seufzen.

Nach unruhigen fünf Stunden stehe ich etwas wacklig in meiner Küche und mache Kaffee. Ich tippe durch mein Wohnzimmer und verstelle die Jalousie so, dass etwas Licht in das stickige Zimmer dringt. Die Tür lasse ich angelehnt. Ich dusche mich, schnell und etwas nervös, doch der Fortgeh-Geruch muss weggespült werden. Meine Haare sind schnell trocken und ich werfe mir mein Bansky-Shirt rüber, aus irgendeinem Grund denke ich, dass es David gefallen wird und ich frage mich, wieso ich mir solche Gedanken mache. Ich versuche den Boyle weiterzulesen, der in meiner Küche herumgurkt, doch ich kann mich nicht konzentrieren, schalte schließlich den Laptop ein und checke meine Benachrichtigungen auf Facebook (keine), meine Emails (keine) und als ich die Ruhe nicht mehr aushalte, öffne ich das Fenster und schalte meinen CD-Player ein.

David sieht wild und kaputt aus. Doch er lächelt und das ist etwas, dass ich mir bei ihm gar nicht mehr gedacht hätte. Der Kaffee ist mir heute zur Abwechslung gut gelungen und wir trinken gemeinsam und unterhalten uns über Nichtigkeiten. Als ich ihn auf gestern anspreche, wird er plötzlich bleich und beginnt sich zu verkrampfen. Ich rücke näher und beruhige ihn, wie ich es auch immer bei Larissa getan habe, seine Tränen versickern und als er wieder lächelt, lässt er mich los und bedankt sich. Ich muss kurz wegsehen, eine Erinnerung steigt in mir hoch, doch er bemerkt es nicht und irgendwie macht mich sein Lächeln nervös, aber nicht wegen der üblichen Gründe.

Wir essen Müsli und führen eine forcierte Diskussion über „Begin to Hope“ doch sein einziges Argument ist „Better“ und ich spiele ihm nochmal „Ghost of Corporate Future“ vor und auch wenn er es verneint, ich sehe in seinen Augen, dass ich Recht besitze. Nach dem Frühstück sieht David etwas weniger mitgenommen aus und ich erkenne wieder, wie hübsch er ist, auch wenn er den Großteil seines Lebens wahrscheinlich damit verbringt, so zu tun, als ob er es nicht wäre. Ich frage mich, wie es wohl wäre, mit ihm zu schlafen, doch muss ich selbst rügen, da ich weiß, dass das alles nur unendlich – unendlich, unendlich – schwieriger machen würde. Außerdem habe ich gestern Thomas geküsst und das war schon ziemlich geil und wozu das ganze jetzt verkomplizieren.

„Ich sollte gehen.“ David schaut sehr zufrieden aus.
„Ach, so verabschiedest du dich also von den Frauen, bei denen du eine Nacht verbringst.“
„Müsli und Kaffee, ja aber nach einer Stunde bin ich dahin.“
„Ja, damit bist du eh ziemlich gut unterwegs, ich schau meistens, dass mich die Typen nicht in der früh sehen.“
„Ach, so eine bist du.“
„Und wie. Meistens gebe ich auch einen falschen Namen an.“
„Ja, apropos…“
„Sag bloß, du auch!“
Er lacht.
„Nein. Und… nein, ich käme nicht einmal in die Situation einen falschen Namen anzugeben.“
„Ach.“
„Ja, ich bin normalerweise nicht der Typ der mit fremden Frauen mitgeht.“
„Natürlich nicht.“
Er grinst: „Nein, wirklich jetzt. Das heißt nicht, dass ich es nicht würde. Es ist nur noch nie passiert.“
Ich runzle die Stirn.
Er fügt nach einer kurzen Pause hinzu: „Wow, das klingt ja voll deprimierend. DU bist die erste, die mich mit nach Hause genommen hat!“
„Oho, ich habe dich also entjungfert.“
„Jaja, grins nur blöd.“
„Hab‘ ich vor“, sage ich und die Müdigkeit überkommt mich und ich muss gähnen. Aus den halbgeschlossenen Augen sehe ich, wie David die nackte Stelle betrachtet, die mein Shirt frei legt, als ich mich strecke.

„Nein, sie haben das einfach schon zu oft mitgemacht.“
„Na und?“
„Das ist schon okay, wirklich.“
„Du solltest keine Drogen nehmen, schon gar nicht in solcher Gesellschaft. Hast du noch nie – “
„Ach, das ist nicht der Punkt, die Drogen.“
„Bist du dir sicher? Und bist du dir sicher, dass das gestern MDNA war?“
„Ja und nein, Wolf hat sicher wieder das Päckchen verwechselt.“
„Ah, schön, wenn so etwas öfter vorkommt.“
„Tut es nicht.“
„Hm.“
„Mit Wolf hab‘ ich auch nicht so oft zu tun und Dr. Kill, äh, Thomas – “
„Dr. Kill?“
„Kind of a different story, er mag den Namen Thomas halt nicht so gern.“
„Ah, okay.“
„Ja. Also, Thomas, der hat selbst genug Probleme, der kann sich nicht immer um mich kümmern.“
„Aber du dich um ihn.“
„Nein, kann ich auch nicht.“
„Tust es aber.“
„Nein, tu‘ ich sowieso nicht.“
„Nicht mehr?“
„Hab ich nicht gesagt.“
„Klang aber so.“
„Hmpf“, David schnauft, offensichtlich habe ich Recht.
„Naja, auch egal, aber solche Zerstörung bringt ja nichts.“
„Was du nicht sagst“, er grinst mich etwas unbeholfen an.
„Und Thomas hat sicher jemanden, der sich um ihn kümmern kann -“
„Du meinst, wie eine Freundin? Nein, nein, nein… er kümmert sich, äh, eh um sich selbst.“
„Okay, keine Freundin.“ Das ist beruhigend, denke ich mir. Soweit käme es noch.
„Ja.“ David hat einen finsteren Blick aufgesetzt und blickt sich suchend in der Wohnung um.
„Ja“, wiederhole ich sinnlos.
„Wie spät ist es?“, fragt er.
„Moment“, ich stehe auf und hole mein Handy, keine Nachricht von Larissa, „kurz nach drei.“
„Oh, okay. Ich sollte -“
„Ja, klar. Duschen.“
„Haha, das auch.“
Er erhebt sich vom Küchentisch und geht ins Badezimmer, steigt in seine Schuhe und ich hoffe, dass sie mittlerweile bereits getrocknet sind. Er zieht sich langsam an, eilig scheint er es nicht zu haben und in seinen Augen erblicke ich die Traurigkeit, die ich bei ihn zuvor überdeutlich wahrgenommen habe. Bei seinen trägen Bewegungen seufzt er und ich habe das Gefühl, dass er nicht gehen will und ich seufze auch und ich habe das Gefühl, dass ich nicht will, dass er jetzt geht. Mir fällt meine Nachricht ein, die ich ihm ins Handy geschmuggelt habe und eine Welle Nervosität durchfährt mich, ich trabe schnell zu ihm und frage, ob er alles hätte.
„Dein Handy?“
„Äh, ja“, er kramt es aus seiner Hosentasche hervor und ich blicke boshaft drauf und grinse ihm dann entgegen.
„Oh shit, da ist ein Sprung“, zeige ich und will es mir greifen, doch er ist schneller und betrachtet es genau und ich verfluche mich und meine spontan, romantischen Gesten die keinen Sinn ergeben, außer, dass sie mit den Köpfen der Menschen ficken und ich mich daran ergötze (du weißt, dass das nicht stimm, du weißt, dass das was anderes ist, du weißt, dass du Angst hast, lass sie nicht vergessen, dass es dich gibt, halt die Klappe, verdammt, verdammt, verdammt – alles ist verdammt).
„Ja, scheiß drauf.“
„Soll ich’s mir nicht schnell anschauen?“
„Und dann was?“, David grinst wieder, zum Glück glaubt er, dass ich nur herum albere.
„Dann verarzte ich es.“
„Ah ja.“ Er lächelt und die Traurigkeit weicht ein wenig, er steckt das Handy ein und ich atme tief ein.
„Na gut.“
„Gut“, sage ich und ich seufze ein wenig.
„Es war… es war wirklich nett.“
„Nett?“
Wir grinsen beide, ich balanciere zwischen zwei Entscheidungen.
„Überaus nett.“
„Unendlich nett.“, sage ich.
„Ja, das stimmt. Danke.“
„Gern geschehen.“
„Nein, wirklich. Danke, Klara. Das war .. “
„Kein Problem. Wirklich. Hör auf die zu bedanken. Ich versteh‘ das ganze mehr als du denkst, wahrscheinlich.“
„Okay.“
„Okay.“
„Cool.“
„Ja, voll cool.“ Ich verarsche ihn ein wenig, doch er nimmt es nicht schwer.
Wir umarmen uns und er geht zum Lift und ich muss es ihm sagen, ich rufe seinen Namen und er dreht sich um und blickt mich an, erwartungsvoll und ich glaube er wartet auf Erlösung, die ich ihm nicht geben kann.
„Es war wirklich cool, dich kennen gelernt zu haben.“
„Fand ich auch“ und mit einem falschen Erwartung steigt er in den Lift und ich bleibe an der Wohnungstür stehen, bis ich das Geräusch des Aufzugs nicht mehr höre und dann schließe ich die Tür.

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