Rhododendron Null/Fünf: The Wolftail

Wir sitzen auf der Couch und starren in ein Vakuum: eine Theaterbühne, ein 4-Camera-Sitcom Set, Frontalpräsentation, unsere Gesichter flackern. Vor uns steht ein Tisch und ich habe meine Füße drauf gelehnt, David liegt quer auf der Couch und hat seine Beine über die Lehne gelegt, Wolf sitzt eigentlich nicht sondern posiert, immer anders, manchmal steht er auf und steigt hinter das Sofa, und tanzt oder betet, wer weiß das bei Wolf schon so genau, Raphaela (Anm: former known as „Renée“ aber der Name hat mir nicht mehr gefallen) sitzt zwischen mir und David sie hat ihren Kopf gelangweilt auf ihrer Faust abgestützt, Klara sitzt bedrohlich nah, aus welchen Grund auch immer hat wer auch immer – sicher David, der notgeile Wichser – sie eingeladen, vor der Couch auf einem Polster und ihr Kopf berührt manchmal meine Knie und jedes Mal zucke ich zurück, doch sie ist freundlich, lächelt mich andauernd an und ich lächle natürlich zurück, obwohl es brennt (oh und wie es brennt). Jeder hält sein Getränk, David, Klara und ich: Bier. Raphaela hat einen Wein mitgebracht, natürlich und Wolf hat von Bier auf Wein gewechselt, doch bevor ich diesen Satz beenden kann, hat er sein Plastikglas bereits geleert und ist auf den Weg in die Küche um meinen Kühlschrank zu plündern.
„Wer will Cocktails?“, schreit er zwei Zimmer weiter.
„Wieso fragst du das nicht, wenn du hier bist, anstatt durch die Wohnung zu brüllen?“, schreie ich zurück.
„Was?“
Ich, lauter und sichtlich angepisst (Klara und David werfen sich – unter Anführungszeichen – vielsagende Blicke zu, Raphaela checkt ihr Handy): „Wieso (ach, verdammt, ich räuspere mich), wieso fragst du das jetzt? Komm her! Ich habe Nachbarn die vielleicht schlafen wollen!“
„Also zwei?“
„Was?“, sage ich zu mir, dann wieder durch die Wände zu Wolf: „Was? Nein!“
„Was für Cocktails gibt’s denn?“, schreit nun Raphaela, David kichert wie ein Mädchen, das er auch ist.
Kurz ist es still, dann meldet sich Wolf: „Äh. Anis!“
Raphaela schaut verwirrt in die Runde: „Was?“
David und Klara genießen sichtlich die Situation, ich blicke zuerst bitter zu David und lächle dann Klara zu, als die seinen Blick zu mir zurück verfolgt.
„Ich hab‘ keine Ahnung was der Wappler meint“, antworte ich unter einem Seufzen. Ich greife zum Controller meiner Playstation und drücke Start für Pause.
„Will sonst jemand etwas?“
„Irgendetwas fruchtiges“, sagt Raphaela.
„Irgendetwas fruchtiges“, sage ich und sehe sie dabei aus zusammengepressten Augen an.
„Ein Bier.“
„Ja für mich auch.“
„Okay. Frucht, Bier, Bier.“ Ich schüttle den Kopf, als ich das Zimmer verlasse, in meinen Händen leere Plastikbecher und Chick-Verpackungen.
In der Küche steht Wolf oben ohne am Tresen und schneidet eine Limette.
„Alter, was?“
„Cocktails.“
„Das sehe ich Wolf.“
„Dann frag‘ nicht so deppert.“
Ich verdrehe die Augen, Wolf lässt mich nicht aus den Augen und schneidet die Limetten weiter. Er wird sich verletzen, wenn er so weiter macht, doch ich sage nichts und werfe ihn nur halb ernst gemeinte zornige Blicke zu. Er zeigt mir den Mittelfinger und dann legt er das Messer beiseite. Ich öffne den Kühlschrank und hole zwei Wieselburger hervor und suche nach etwas, dass ich Raphaela vorsetzen kann. Xuxu mit Eis, Saft und irgendwas Stärkerem, mal schauen wie viel die Kleine aushält. Außerdem sieht sie aus, wie eine, die dieses pickige Gesöff trinken würde.
„Alter, was soll der Shit?“
„Der Shit soll, dass ich Davids Bitch jetzt eine Erdbeerbombe mache.“
„Alter, ich mach gerade Cocktails!“
„Alter, keiner hat dich darum gebeten.“
„Na und? Ich bin halt ein netter Mensch.“ Wolf macht eine Pause, in der er sich das Messer greift: „Im Gegensatz zu anderen Menschen hier.“
„Meinst du mit anderen Menschen mich oder den anderen Wolf, der mich in Scheibchen schneiden wird.“
Wolf grunzt belustigt. Seine Zunge fährt an der Messerschneide entlang.
„Und zieh dir was an.“
„The Wolf zieht sich an, wenn the Wolf fertig ist.“ Er zeigt auf den Saustall, den er gerade verursacht. „Das sind gefährliche Chemikalien, damit will ich nicht in Berührung kommen!“
„Ah ja.“
„Das versaut mit mein Shirt. Und das ist immer hin von – “ Er stockt und dreht sich, immer noch mit dem Messer in der Hand, ich wünschte er würde es weglegen, um und zieht schwungvoll sein No-Brand-Shirt über den Tresen, an dem bestimmt schon verschiedene Flüssigkeiten verschiedener Konsistenzen kleben: „Ein M.“
„Das ist die Größe, Wolf“ und das weißt du auch, du Arsch.
„Hm.“ Wolf wirft sein Shirt wieder an das andere Ende der Küche und macht sich an sein Werk. Ich kann wiederum nur den Kopf schütteln und mache mich rasch ans Werk. Ich leere einen Schuss zu viel Vodka in Raphaelas Getränk und kaschiere dies mit einem Schuss Beerenmischung-Sirup. Ich lasse Wolf alleine in der Küche, der in meiner „Minibar“ – so nenne ich den Alkohol, der lieblos in einer Ecke steht – nach etwas „gehaltvollem“ – so nennt Wolf das üble Zeug, dass er uns andauernd vorsetzt – sucht.
Im Wohnzimmer ist gerade eine Diskussion über Kid Cudi im Gange, ich sehe eine Gelegenheit mich dementsprechend mit einzubringen.
„Wie du weißt es nicht?“, fragt Raphaela.
„Ich müsst‘ nachschauen, ich bin mir nicht sicher ob er es war.“, meint David.
„Du wirst doch wissen wie Kid Cudi aussieht.“
„Ich hab keine Ahnung, wie Kid Cudi aussieht.“, wirft Klara ein.
„Du hast doch vorher gesagt, dass du ihn kennst.“
„Ja, aber ich meinte seine Musik.“
„Worum gehts?“, frage ich und gebe zuerst Raphaela ihre Giftmischung, dann David sein Bier und zu guter letzte Klara ihres. Es ist ihr egal und antwortet, während sie das Bier aufmacht: „David hat in irgendeiner Serie Kid Cudi gesehen aber jetzt will er uns nicht sagen in welcher, weil er meint, dass er sich vielleicht geirrt hat.“,
„Na und?“ Ich verstehe diese Menschen nicht mehr und setze mich angewidert hin.
„Er will nicht als Rassist dastehen.“
„Was er übrigens jetzt umso deutlicher gemacht hat“, grinst Raphaela.
„So ein Blödsinn, ich hab nur gesagt, dass ich mir nicht mehr sicher bin, ob er es war.“
„Imdb?“ frage ich genervt. Sie gehen mir alle unglaublich auf die nerven. Ich frage mich, wen ich als ersten umbringen würde.
„Ja, eh.“
Ja, eh. Wahrscheinlich David.
„Jetzt ist es schon zu spät. Du Nazi.“ Klara zeigt ihm die Zunge. Vielleicht doch sie.
„Ja, David. Du hast uns klar gezeigt, dass du ein Rassist bist. Bei Tom Cruise wärst du dir sicher.“ Raphaela hat zwar ein selbstgefälliges Grinsen, doch ich würde noch gerne mit ihr ficken, bevor ich sie in kleine Scheiben schneide. Und dann wäre dann noch Wolf…
„Hallo? Tom Cruise kenne ich ja auch und wie oft sehe ich Kid Cudi schon?“
„Trotzdem“, Raphaela zuckt mit den Achseln und nimmt einen Schluck vom „Fruchtigen“. Ein bisschen angewidert stellt sie es weg. „Hast du vielleicht noch Eis?“ So eine Schlampe.
„In der Küche.“
Wir starren uns an und als sie merkt, dass ich ihr kein Eis bringen werde setzt sie noch mal am Glas an und nimmt noch einen Schluck. Dann fährt sie mit ihre Mittelfinger in das Gemisch und rührt es damit um. Als sie sich den Finger abschleckt, kann ich erkennen, wie David sie unbemerkt dabei beobachtet. Und außerdem sehe ich Klara, die unbemerkt David beobachtet, der unbemerkt Raphaela beobachtet. Vielleicht sollte ich sie alle gleichzeitig töten: vergiften oder die Wohnung anzünden. Ich seufze und lehne mich in die Couch.
„Sollen wir auf Wolf warten?“, fragt David.
„Als ob der wirklich den Film schauen würde.“ Ich nehme einen Schluck vom Wieselburger und merke, dass ich es offensichtlich zu spät in den Kühlschrank getan habe: „Der ist ohnehin nur damit beschäftigt Öfen zu bauen und uns zu in das Genick zu spucken.“
„Was?“, Raphaela greift sich entsetzt in den Nacken.
„War nur ein Spaß, Mann…“ Ich verdrehe die Augen.
„Nicht, dass er dass nicht schon mal gemacht hätte.“
„Hat er ja.“
„Ja eh, dass mein ich.“
„Ah.“
Raphaela sieht uns zweifelnd an und schüttelt sich.
„Er ist so widerlich.“, meint David um Raphaelas Gedanken zu bestätigen. Sein Balzverhalten ist unausstehlich.
„Mh“, murmle ich resigniert.
Wolf kommt rein, er trägt einen großen Teller auf dem meine guten Gläser stehen, die mit einem hellgrünen Getränk gefüllt sind. Er sieht – bis auf das nasse Shirt – damit gar nicht so unelegant ist, wie man es von Spitwolf gewöhnt ist.
„Myladies and meine Herren! May I welcome you to da best in the casa of Wolf!“ Er stellt den Teller ab und reicht, höflich wie er nun mal ist jedem ein Glas.
„Erstens, ist es meine Casa, Wolf und außerdem…“
„Was ist das?“, unterbricht mich Klara.
Ich blicke sie böse an doch sie übersieht es und dann fahre ich fort: „Exakt. Was genau ist das?“
„Ein Cock-Cocktail.“
„Hast du gerade zweimal Cock gesagt?“ David schnüffelt an seinem Getränk, ich mache es ihm gleich und muss feststellen, dass es überaus gut riecht.
„Nein.“
„Doch hast du.“
„Ich habe Wolf-Cocktail gesagt. Benannt nach einem großen Herrscher!“
„Dir?“
„Aus der Zukunft!“
David versucht es erneut: „Ich bin mir sicher, dass du zweimal Cock gesagt hast. Wolf, hast du deinen Schwanz in die Gläser gesteckt?“
Alle sehen ihn erschrocken an, Raphaela schiebt ihr Glas von ihr weg.
„Was? Seid ihr Idioten? So was würde ich nie machen!“
„Deine Eier?“
„Alter, Davy! Wie kommst du auf so etwas? Was für ein Unmensch würde so etwas tun?“
Kurz ist es still. Ich spüre unangenehmen Schweiß auf der Stirn; ich vergewissere mich, ob mich ja keiner verdächtig ansieht.
„Echt nicht, Mann. Nicht mit euch.“
Es bleibt still. Wolf wirkt seltsam gefasst.
„Ehrlich, Leute (er dreht sich um, sieht in den offenen Raum, die Wand die wir nicht sehen und dann sagt er, nach einer kleinen Verbeugung: „Abfällige Betonung“ und dabei zeigt er auf Sie) so etwas … mach ich nicht. Okay? Nicht mit euch, ehrlich. Es gibt Cocktails à la Wolf, genau! Ein Wolftail! (David sieht bei dieser Formulierung noch skeptischer) und die habe ich mit Liebe gemacht! Nein, nicht dieser Liebe (er greift sich in den Schritt, Klara muss lachen, sie hat er bereits überzeugt), dieser Liebe (und nun greift er sich an seine klebrige Brust und ich glaube Limettenstückchen unter seinem Shirt zu erkennen)! Ich schwöre es euch!“
Wolf wirft sich auf die Knie und schreit „Warum!“ er heult auf und zerreist sich das T-Shirt – so schade, es war ein M – und dann liegt er schluchzend am Boden, greift hilfesuchend nach Klaras Händen, die sich mittlerweile vor Lachen nicht mehr einkriegt. Wolf sieht mich an und ich ziehe mich zurück und er robbt nach vorne und aus seinem Mund läuft Speichel: „Dr. Kill, du glaubst mir doch. Du von allen, duuuuu!“
„Alter, okay, ja ich glaube dir“, sage ich und nehme demonstrativ einen Schluck, Klara prostet mit mir an und lächelt dabei, die Bitch, Raphaela sieht noch etwas zweifelnd aus, doch bevor Wolf sie mit seinem Ausdruckstanz überzeugen kann, nimmt sie schnell einen Schluck und David erhebt sein Glas und sagt nicht ganz ohne Ironie: „Bravo.“
„Ahuuuuuuuu“, Wolf heult auf, springt auf und greift sich sein Glas, leert es zur Hälfte und dann steigt er auf den Couchtisch („Alter, pass auf, der war teuer“, doch er hört mich nicht) und dann streckt er uns sein Glas entgegen und mit einem irren Blick holt er tief Luft und sagt: „Let’s get crazy motherfuckers! Auf den Arsch (er zeigt auf mich), auf die Schlampe (er zeigt auf David) und die Königinnen (er macht eine ausholende Bewegung) die eigentlich auch Schlampen sind, aber man hat mir heut‘ schon einmal in die Eier getreten (Klara nickt selbstbestätigend und Raphaela schlägt mit ihr ein). Und auf mich, The Wolf!  Und EX!“
Er trinkt es rapide aus, bevor David noch angesetzt hat, springt vom Tisch, stolpert fast über ein Kabel und dann feuert er uns an. Ich verschlucke mich und Klara muss zweimal ansetzen, Raphaela ist als erster fertig und spült den Limettengeschmack mit Xuxu fort, die harte Sau, David schüttelt energisch den Kopf, als er fertig ist.
„Whou!“
„Das war echt nicht schlecht?“
„Was war da drin, nein warte -“
„Limetten.“
„Duh.“
„Ja, Limettensaft und äh, Rum?“
„Absinth?“
„Nein, Gin.“
„Ja klar, Gin.“

Wolf ist still und grinst. Er stellt sich vor uns hin und knackst mit den Fingern: „Jajaja, ganz viel Alk und ganz viel Saft und extra viel Limette aber die Hauptzutat habt ihr vergessen.“ Wir starren Wolf an und wie ein Magier lässt er zwischen seine Fingern ein leeres Baggy auftauchen.

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