Rhododendron Eins/Sechs: Die Intention hinter seinem Gesicht und ein Gedanke, der sich nicht

Ich wache auf und ich bin nicht mehr in meiner Wohnung. Langsam geht mir die Energie aus; ich frage mich, woher ständig diese abstrus harten Abstürze kommen und dann –
fliegt mir der Kopf ab. Figurativ.
Blitze jagen durch meine Nerven, beginnend im Genick, die Mündung verschiebt sich mit jeder Bewegung nach unten. Ich erhebe mich –
alles stolpert auf mich ein, ein Wall aus Graufarben.
Ich liege. Ich spüre, wie mein Körper sich mehr und mehr an den Untergrund festsaugt. Meine Finger fühlen kaltes Linoleum (wie lange habe ich nach diesem Wort gesucht!), meine Haut –
geht über in den Boden, klebt sich fest und mein Fleisch verwächst, ich will mich wehren, doch wie immer, wie immer kann ich nicht.
Wie immer: nie.
Schreie.
Hilfe.
Kommt.
Wie immer.
Dann wird es dunkel, zuerst langsam, unbemerkt, doch stetig bis ich sie fühle und meine Augen werden schwer, ich habe Angst, dass meine Lider an mir kleben bleiben und als mich eine diesbezügliche Vollkommenheit überwältigt, schnürt sich etwas um meine Kehle und ich fürchte, dass dieser Satz mein

Ich erwache auf einem Küchenboden und mein Kopf fühlt sich immer noch an, als wäre er in Beton gegossen und anschließen daraus geschlagen worden. Ich muss tief Luft holen, da ich noch immer fürchte zu ersticken und der frische Sog schmerzt in meiner Lunge. Ich habe zu viel geraucht, wie immer (es hallt nach, mein Kopf ist leer und das hallt nach), die kalte Luft steigt mir regelrecht ins Gesicht, meine Augen schmerzen, die Kontaktlinsen sind trocken und mein Atem stinkt. Diese verdammten –
„Wolftails.“ David steht im Türrahmen und blickt auf mich herab. Er macht keine Anstalten, mir aufzuhelfen. Alles steht Kopf, wenn ich zu ihm hinblicke, also wende ich mich von ihm ab und sehe starr auf das offene Küchenfenster. Mondlicht scheint durch es hindurch und es zeichnet ein wackliges Quadrat in auf den Boden, welches meine Beine übermalt. David schreitet an mir vorbei und stellt sich in das Licht, ich sehe die Umrisse seines Unterkörpers, bis dieser in einer Dunkelheit verschwindet. Eine Hand streckt sich mir entgegen, doch ich kann mich nicht durchringen hin zu greifen. Er lässt den Arm fallen und setzt sich hin. Sein Gesicht fällt unter artistisch einseitiger Beleuchtung, sein Portrait erinnert mich an ein beschissenes Instagram-Pic und ich muss zugeben, dass er so sehr schön aussieht. Ich setze mich auf.
Fatalistisch, fast wie ein Gedicht.
Er seufzt.
Ein Vers, auf alter Maschine getippt.
„Wir haben etwas Dummes getan.“
Die scharfen Konturen der einzelnen Lettern fehlen bereits, es ist gebrochen, verblichen.
„Und wir haben ein Problem.“
Und unvollendet, als hätte jemand den Reim abgebrochen und ich weiß nicht, ob es mit Absicht geschah.
„Und wenn es so weiter geht, werden wir sie alle mit hineinziehen.“
Ein Wort, ein Buchstabe würde mir helfen und ich könnte ihn entziffern, sein Gesicht, könnte endlich erkennen, ob es so gehört, oder ob er in Flucht geschah, in Eile.
Er seufzt. Reprise.
Lieblos, fällt mir ein – und als ich ihn so ansehe, lieblos gezeichnet, imperfekt, zereißt der Ort in mir, an dem mein Herz gemalt steht.
„Es hat wieder angefangen.“

Wir sitzen unter dem Fenster, angelehnt an der Wand. David hat mir ein Wasser gebracht und dann ist er in sich zusammengeklappt; er wirkt erschöpft und ich kann nicht mehr sagen, dass es mir egal ist. Unsere Füße liegen im Licht, und der Rahmen verschiebt sich, bemerkbar dann, wenn man nicht hinsieht. Eine Metapher, und ich schlucke, verdammt und ich schließe die Augen und als ich sie bei dem Gedanken wieder öffne (er hallt nach, in meinem leeren Kopf hallt eine beschissene Metapher, weil sonst nichts mehr drin steht) habe ich Tränen in den Augen, wie so oft in den letzten Tagen. Immer dann.
Noch hat keiner von uns etwas gesagt.
„Noch hat keiner von uns etwas gesagt.“ David greift nach dem Glas.
Endlich nehme ich den Mut zusammen, ihm etwas zu erwidern: „Du kommst dir ja überaus gut vor, nicht?“
„Manche Dinge verändern sich einfach nicht.“
„Tja, so ist das Leben.“
„Ha. Ja, das Leben.“ Ich spüre, dass er mich anblickt.
„David, hör auf.“ Er dreht sich wieder weg. Ich greife nach seiner Hand.
„Wir könnten ficken, das wär‘ mal was anderes.“
„Cheap thrills“, antwortet er.
„Thrill ist Thrill, mein Freund“ und dabei drücke ich sein Hand, doch er lässt seine lasch in meiner liegen und davon bekomme ich eine Gänsehaut.
„Was soll ich dir darauf noch antworten.“
„Keine Frage, Dave.“
„Keine Antwort in Erwartungsschlange.“
„Nett.“
„Was?“
„Erwartungsschlange.“
„Gell?“ David grinst, „Wenn es nur wirklich meine Wörter wären.“ Sein fröhlicher Ausdruck verschwindet.
„Wir haben das schon sooft beredet, ich kann nicht mehr“, ich seufze und mit meiner freien Hand, presse ich mir in meine Augen, „ich kann nicht mehr, nicht schon wieder den selben Scheiß, bis du dich endlich beruhigt hast. Und dann – “ ich wische mir verstohlen die Tränen aus dem Gesicht, in der Nacht ist es leichter.
„Was, dann?“
„Dann ist alles wieder so wie immer und du bist deprimiert wie immer und hörst nur noch Muse und dass kann ich echt nicht.“
„Für dich ist das doch alles nur ein Spiel“, sagt David (und verliert kein Wort darüber, dass er Muse nicht ausstehen kann) und dann wird er mit jedem Wort leiser: „Ich. Ich bin der, der dann alles, das alles aufwischen muss (alles hallt in mir).“ Er ist mittlerweile so leise, dass ich mich anstrengen muss, ihn zu hören. Und in die kalte Finsternis flüstert er meinen Namen und dann, schließlich, am Ende des Kapitels muss ich weinen, ausbrechend und befreiend und erniedrigend und ich werde zu einer Repetition degradiert und die Stille zwischen meinem Schluchzen verkommt zum Klischee und wie immer nimmt mich David in den Arm und wie immer schreie ich leise nach Hilfe und wie immer kommt

Wolf in das Zimmer und macht den Lichtschalter an und Spitter aus Lichtdiamanten (was, wie bitte?) schneiden sich in meine Augen.
„Ah fuck“, ruft David, löst seine Umarmung und hält sich die Hände schützend vor die Augen.
„Fuck ist ein guter Fluch für den Anfang des Tages“, sagt Wolf. Und: „Na, was macht ihr Schwuchteln da. Hab ich euch beim Ficken gestört?“
Wir sind still und starren ihn entgeistert an.
Er steht nackt vor uns, wir können es nicht leugnen, lichtdiamantensplitterfasernackt: „Room for one more?“
„Was?“, David rappelt sich auf, bevor Wolf auf die Idee kommt sich auf uns fallen zu lassen. „Alter, zieh dir was an“, sagt er angewidert.
Wolf dreht sich um und murmelt laut vor sich hin: „Ich sag’s ja, Homophob.“
David steht mit dem Rücken zu mir und ich kann sehen, wie seine Hände sich zu einer Faust ballen.
„Davy!“, ertönt es aus dem anderen Zimmer.
Die Fäuste lösen sich.
David sagt, ohne dass er sich umdreht: „Wir haben ein Problem.“
„Das hast du bereits gesagt“, ich stehe auf und klopfe mir die Kleidung sauber, meine Tränen trocknen und mein Kopf fühlt sich leicht an, erstaunlich leicht, ich frage mich etwas, doch bevor ich es fertigstellen kann, unterbricht mich David.
„Wir haben gestern etwas Dummes getan.“
„Wie du bereits… David. Wovon redest du?“ Ich werde sauer. Ich hasse diese Spiele, die Verstecke hinter Sätzen.
David dreht sich um und ich sehe seinen begeisterten Blick schwinden, als er erkennt, dass ich wirklich keine Ahnung habe.
„Hast du etwa alles wieder vergessen?“
„Ich vergesse nie etwas, wenn ich besoffen bin.“
Wolf kommt ums Eck und zieht einen Gürtel straff. Wenigstens hat er jetzt etwas an. „Einen Scheiß erinnert sich der. Außerdem“ – er spuckt auf den Boden, ich starre ihn gewohnt ungläubig an, doch die direkte Dreistigkeit verbietet meiner Sprache sich zu melden, „waren wir gestern nicht betrunken. Also doch, aber nicht nur. Na gut, Dr. Kill war so richtig besoffen, der konnte gar nicht mehr aufhören, aber Davy Boy, der ist heut mit ’nem ganz schönen Schrecken aufgewacht, ist es nicht so, my boy?“
Wolf gibt David einen gewagt Klaps auf seinen Arsch. David verzieht keine Miene, ergo: er sieht angewidert.
„Kann mir bitte wer erklären, worum es geht?“ Ich spüre die Leichtigkeit in meinem Kopf passieren, die Böe kurzer Erlösung ist offenbar vorbei.
„Ja, das macht sicher eines der Mädchen in einem POV oder irgendeiner ihrer Rückblenden, oder es fällt dir urplötzlich wieder ein, oder du findest einen Brief, den du dir selbst geschrieben hast, oder vielleicht hast du dich ja gefilmt, nicht wahr, Dr. Kill, du hast doch Kameras in deinem Schlafzimmer, du perverser Wichser.“
„Wovon redest du bitte?“ David sieht Wolf an. Wolf nimmt etwas aus seiner Hosentasche und steckt es sich in den Mund. Er kaut und sagt zwischen den dezenten Schmatzlauten: „Ich rede davon, dass du genau weist, was gestern passiert ist, obwohl du es gar nicht wissen kannst mein Freund. No señor.“ Wolf macht eine stilistische Kaupause und dann schiebt er David bei Seite: „Und du“, er zeigt an mir vorbei, doch ich gehe mal davon aus, dass er mich meint „und du hast keine Ahnung, was gestern passiert ist.“ Er geht auf mich zu, doch geht er eben nicht auf mich zu, Wolf sieht direkt an mir vorbei seinen Finger entlang und er nickt, bestimmt und grinsend: „You know shit.“ Oh, dieses Grinsen: diabolisch, unaufhaltsam, verführerisch, gefährlich, intriguing. Dann blickt er sich einmal in der Küche um, zuckt mit den Achseln und richtet seinen Blick auf mich (na endlich) und sagt: „Und du hast ebenso keine Ahnung und das macht das ganze so richtig, ha, ich meine so richtig geil und (Kaupause) interessant.“ Er spuckt mir vor die Füße, schwarze, dampfende  Flüssigkeit und in diesem Moment muss ich einfach glauben, dass The Wolf der Teufel ist. Wolf grinst und kramt in seiner Cargohose nach einem unsichtbaren Apfel oder einer imaginären Orange und dann beißt er genüsslich ab und als er auch diese ausspuckt, finde ich die schelmische Freude in seinem Blick, weswegen ich mich damals zu ihm gesetzt habe und mich auf ein Trinkspiel eingelassen habe. The Day we faced the Wolf in the woods. Wolf beugt sich zu mir her und flüstert mir ins Ohr, sein Mund voll erfundenen Obst: „Exactly.“

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