Rhododendron Unter Null/Zwei: Wie Nebel

Aus dem Laptop erklingt hilflos eine Stimme: „Who will care for the falling?“ und dann kommt der Refrain und David wippt zum Takt des Liedes mit. Der Rhythmus ist bedrückend und ich würde gerne wieder Carly Rae Jepsen hören, doch ich schulde David den Gefallen, nachdem ich seine ganze Kleidung angesaut habe. Der frische Tee dampft vor sich hin und ein grauer Tag kriecht vor dem Fenster umher. Ich behalte ihm gut im Auge und kontrolliere ob die Fenster auch gut geschlossen sind. David sitzt auf der Couch und kramt durch die Notizbücher: „Wieviel hast du von denen?“
Ich zucke die Schulter und überlege, ob ich ihm sagen soll, wie belämmert das Shirt an ihm aussieht.
„Vor alllem: wieso hast du so viele?“
„Die sind schön“, sage ich und er beginnt mir auf die Nerven zu gehen.
„Die sind schön?“, er blickt mich ungläubig an und ich schaue ihn mit weiten Augen an: „Ja?“
„Ja, sie sind wirklich schön, nur wundert es mich… einfach, dass du sie deswegen kaufst.“
„Wieso sollt‘ ich sie nicht kaufen?“
„Ich find’s nur komisch. Ich hab‘ gedacht du magst Dinge nur ironisch.“
„Ist das so?“
„So wie du Girlie-Pop hörst.“
„Ich mag Girlie-Pop.“
„Ironisch.“
„Nein.“
„Wolf, verarsch mich nicht.“
„Ich steh drauf. Und auf die Notizbücher.“
„Ah ja.“
Ah ja, du mich auch.“ Vielleicht sollte ich ihm MDNA in den Tee mischen.
„Steht in einen dieser Bücher auch was drinnen?“
„Nicht in diesen“, ich seufze. Kein Wunder, dass er keine Freunde hat.
„Sondern.“
„Alter, nerv nicht, der Tee ist noch heiß.“
„Alter, wage es.“ Er ballt seine Faust und ich muss ehrlich zugeben, dass mich das etwas abschreckt.
„Du hast Aggressionsbewältigungschwierigkeiten. Du brauchst eine Therapie.“
„Erstens Wolf, bin ich in Therapie und-“
„Echt?“
„Ja. Seit zwei Jahren.“
„Cool.“ Und kurz bevor wieder ansetzen kann, frage ich ihn: „Und, hilft’s?“
Er macht eine nichtssagende Geste mit seinen Händen.
„Ja?“, frage ich ihn und bin schon wieder etwas genervt. Seit dem David so selbstzufriede auf der Couch sitzt und abwechselnd Alex Clare oder The Weeknd hört (und hoffnungslos versucht mitzusingen), spüre ich eine Schwere in meiner Kehle.
„Ich weiß es nicht, Wolf. Eigentlich schon. Zumindest dachte ich das. Und dann -„, sein Hände ballen sich wieder, diesmal unvermittelt und ich meine auch zu bemerken, dass es nicht Absicht geschieht. David atmet etwas schwer.
„- dann.“ Wiederholtes Öffnen und Schließen der Fäuste. Ich kann meinen Blick nicht von seinen Händen losreißen.
„Dann wird es… dann kommt es wieder. Nein, es ist nie wirklich weg. Es, ah, Scheiße. Es ist andauernd da, wie ein Film, den du dir nicht abwaschen kannst. Wie wenn du eine Spinne unter das Bett krabbeln siehst. Oder eine Fliege, die dich kurz vorm Einschlafen nervt und wenn du dann das Licht einschaltest, ist sie nicht mehr da.“
„Aber du weißt, dass sie da ist.“ Ich blicke finster aus dem Fenster. „Wie Nebel.“
David sieht etwas verdutzt aus, als ich das sage, doch dann sagt er, ja. „Wie Nebel.“
Es ist still. Und David fummelt am Laptop herum, den er vorhin aufgeklappt hat.
Nach einer Weile sagt er: „Und die einzige Erklärung ist so abstrus, dass ich ihr noch nicht einmal erzählt habe, was…“
„Was ich über euch weiß.“
David sieht mich erschrocken an.
„Schau nicht so. Du weißt, dass ich es weiß und Dr. Kill weiß es auch und er,“ und bei dem Wort er, blicke ich aus dem Fenster und bemerke, wie sich der Himmel geneigt hat und das Wetter schwer gegen die Scheiben drückt, „weiß es sicher auch, also, er hat es wahrscheinlich als erster von uns gewusst.“
David schluckt und seine Hände beginnen nervös ineinander zu greifen.
„David“, ich schaue ihn an und ich will ihm in seine Finger greifen, damit er endlich damit aufhört, doch auf halben Wege breche ich die Bewegung ab.
„David, chill. Sollte es stimmen, was du über dich denkst, dann ist ohnehin alles im Arsch. Aber das bedeutet auch, dass wir wissen, wie wir damit umgehen können. Wahrscheinlich. Oder auch nicht.“
Ich frage mich, warum ich ihn nicht berührt habe. Etwas Unheimliches geht von ihm aus und in meinen Finger kribbelt Abscheu. (What the fuck?)
„Wow, sehr aufbauend.“
„Naja. So bin ich halt. Sehr aufbauend.“
„Danke, so aufbauend wie dein Rooibos.“
„Ah, so spricht man das also aus.“
„Das war glaub‘ ich die englische Aussprache.“
„Ich sag‘ trotzdem Rotbusch dazu.“
„Was anderes hätte ich jetzt auch nicht von dir erwartet“, sagt David und seine Stimme fühlt sich unendlich müde an. Unendlich. Was – was für ein komisches Wort. Dann ist es wieder still. Ich mag die Stille nicht. Meine Kopf will sich nicht mit Gedanken füllen, die nicht mit einem unangenehmen Gefühl verbunden sind. Auch David bemerkt die Stille und er rutscht auf seinem Platz herum.
„Und zweitens?“
„Was zweitens?“
„Du hast gesagt, dass du in Therapie gehst. Das war erstens. Zweitens?“
„Äh, keine Ahnung. Wolf, ist das Small Talk?“
„Schon möglich. Und: fick dich.“
„Ah, danke, ich dachte schon, du bist jemand anders.“
„David, ich bin ein Original. The Wolf. Wenn ich jemand anders bist, dann würdest du es merken.“
„Du hast mir gerade Tee angeboten und mich nach meiner Therapie gefragt, wie es mir geht. Meiner Meinung nach bist du ganz wer Anderer, als vor einer halben Stunde.“
„Ich bin halt höflich.“
„Nein, du bist ein Arsch.“
„David! Ich fühle mich ehrlich von dir beleidigt.“
„So ein Schwachsinn. Wolf – was machen wir hier.“
„Tee trinken.“
„Und die Paperblanks?“
„Ich hab‘ doch schon gesagt, dass ich die gern hab, Mann. Hör auf meine Paperblanks nieder zu machen!“
„Nein, Wolf. Mann, es ist so zach mit dir ein Gespräch zu führen.“
„Du bist zach.“
„Vergiss es.“
David schließt die Augen und trinkt von seinem Tee, der mittlerweile eine angemessene Temperatur erreicht hat.
„Kennst du den Film Southland Tales?“
„Mh“, sagt David mit geschlossenen Augen.
„Das Lied am Ende, wo die Welt untergeht.“
„Ja?“
„Wie heißt das?“
„Meinst du die amerikanische Hymne?“
Ich zucke mit den Schultern und sage David, dass ich davon einen Ohrwurm hätte und ich bin mir sicher, dass es nicht die amerikanische Hymne ist. Er schüttelt den Kopf und sagt irgendetwas und dann lehnt er sich zurück. Er sitzt beim Fenster und ich habe Angst, dass es sich öffnet und die graue Luft nach David greift, der Nebel ihn für immer umhüllt.
„Du willst wissen, was wir hier machen?“, David atmet tief ein ohne auf mich einzugehen, „Ich schreib deine Vergangenheit für dich um, Dave. Wie in dem Film mit Ashton Kutscher. Mann, der war vielleicht Scheiße. Aber egal. I will butterfly effect the shit aus deinem Shit. Wenn es funktioniert.“
David setzt den Tee ab, ohne dass er dabei die Augen öffnet und ich sehe ihn angsterfüllt an (fuck) und ich merke, wie mein Atem schneller wird, seiner dafür immer langsamer, seine Hände liegen schlaff in seinem Schoss und die Nervosität ist von ihnen abgefallen, doch ich kann mein Bein kaum kontrollieren es wippt und zuckt und ich schalte die Musik aus.
„David, hörst du mich“, flüstere ich und mein Kopf ist leer, sobald ich versuche an etwas anderes zu denken außer der grauen Luft und ich stehe auf, David schläft jetzt und ich fühle, wie eine Welle aus Beunruhigung mich umspült, ich schreite auf und ab, laufe ins Bad und dann wieder zurück, trinke wieder Tee und kann es kaum fassen, dass David schläft und mittlerweile schwitze ich und David schläft, David schläft, fuck! und mein Herz dringt aus meiner Brust und David schläft und sein Schlafen macht mich wahnsinnig und dann –

Dann verstehe ich es. Und ich setze mich hin, zwinge meinen Atem zu Langsamkeit. Ich forme kurze Sätze, simple Aufgaben: nimm den Tee und führe ihn an die Lippen. Gut. Stell das Glas ab. Setz dich hin. Ich rücke nah an David und ich spüre seinen Atem, wie er beruhigend durch meinen läuft, ein Metronom aus Fleisch und Blut und ich sehe auf seine Hände. Ich muss die Augen schließen und Schweiß liegt an meiner Haut wie Tau und ich merke wie es mich wieder überkommt, wie die Gedanken immer länger werden und sich mein Kopf dreht. Öffne die Augen. Ich sehe auf Davids bleiches Gesicht. Ich atme tief ein und greife zu seinen Händen und werde wieder Herr meiner eigenen Sprache. Du verdammtes Arschloch. Du gieriges, alles verschluckendes Arschloch. Ich presse Davids Finger fest gegen meine. Bis sie zerbrechen.

„Ich drücke ihn aus, bis nichts mehr übrig bleibt als eine Hülle“, sage ich.
Ein Notizbuch fällt vom Tisch. Ich löse mich von Davids Händen und hebe das Buch auf. Es ist jenes, aus dem ich die Seite ausgerissen habe. Auf der ersten Seite steht noch immer das Jahr, an dem David und Dr. Kill sich in das Mädchen aus dem Baum verliebten, das Jahr in dem sie erfunden wurden und weiter und steht, in verblichenen und gebrochenen Lettern, Schreibmaschinenschrift:

Get it on, bitch.

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