Rhododendron Eins/Vier: Schwere Türen

Vielleicht haben wir alle etwas zu weit vorgegriffen. Dafür möchte ich mich jetzt entschuldigen. Es war nicht mein Plan und sicherlich auch nicht seiner, aber wir mussten irgendwie mit Wolf zurecht kommen. Also, lehnen Sie sich zurück und genießen Sie jetzt diese Rückblende:

Ich gehe die Stiegen hinauf. Meine Augen sind gerötet und aus meinem Mund klaffen die Worte, welche ich die letzten zwei Stunden hilflos gerufen hatte. Meine Hände sind aufgeschürft und meine Hose ist zerrissen; ich habe in den Gebüschen gesucht, in den Bäumen, in den Kellern der Nachbarhäusern, ich war am Bett meiner Mutter, habe die Tür leise geöffnet und wegen der schlechten Luft den Atem angehalten, unter dem Bett gesucht und bin dann wieder vorsichtig aus dem Zimmer verschwunden, so dass sie mich nicht hört und ich nicht mit ihr reden muss. Ihre Hände sind trocken und mir wird schlecht, wenn sie mich damit berührt. Ich durchsuche mein Zimmer, sehr sorgfältig, kontrolliere die Schränke und rufe halblaut, so das ich keine Aufmerksamkeit auf mich lenke: „Das war so nicht erlaubt!“ Ich gehe zu ihrem Haus, es ist über der Straße und dann links, etwas bergauf und immer wenn ich dort ankomme, bin ich außer Atem. Die anderen Häuser sind fabrlose Blöcke, unausgearbeitete Schemen und Schraffierungen, die ich laufend passiere, jedes mal passiere, da sie für mich nicht existieren und somit auch für Sie keine Bedeutung spielen. Am Ende der Straße leuchtet doch die blaue Tür, in die ich mal mit meinem Fahrrad gefahren bin und mir daraufhin den Arm verstaucht habe; mein Helm ging kaputt und alle waren unglaublich böse auf uns, doch sie hat gegrinst, als ich sagte, dass die Bremsen nicht richtig funktionierten. Ich läute an der Haustür und niemand geht an die Tür, ihre Eltern waren noch in der Arbeit oder vielleicht auch nicht, vielleicht waren sie einfach nur zu faul um mir zu öffnen und ich spähe durch die Fenster und kann nichts erkennen, dann hüpfe ich auf den Vorsprung vor ihrem Zimmer und halte mir die Hände abschirmend um die Augen. Der Vorsprung aus alten Steinmauerteilen hat sie sich extra vor das Fenster gelegt, so dass sie fast gefahrlos aus ihrem Zimmer verschwinden kann, wenn sie will und ich nutze es eh und je, als Warteplatz, setze mich hin und esse meine Jause und dann springt mir jemand ins Kreuz und ich verschlucke mich und sie lacht und dann gehen wir meist los. Und manchmal, wenn ich sage, ich sei zuhause, stelle ich mich auf die Zehenspitzen um einen besseren Blick auf ihr Zimmer zu gewinnen. Sie ist dann schon zu Hause und es sieht sehr warm aus, Farben, die einen nicht erschrecken und die nicht billig aussehen und niemand, der im Bett liegt und schwer atmet. Ich sehe ihr zu, wie sie an ihrem Tisch sitzt und die Füße baumeln lässt, ihr Vater ihr irgendetwas zu trinken bringt, es dampft aus einer Tasse und ich muss mich am nächsten Tag zusammenreisen, um nicht zu fragen, worum es sich bei dem Getränk gehandelt habe. Doch heute sehe ich nichts, keine Tasse, keine baumelnden Füße und keine verstohlenen Blicke aus den Augenwinkeln, kein bewusstes Handeln, als ob sie wissen würde, dass sie beobachtet würde, keine Ella.

Moment. Sie dürften das gar nicht wissen. Das ist nicht in Ordnung, dass ist etwas, das mir gehört und niemand darf diesen Namen kennen, er gehört mir, verdammt noch mal. Ich sehe auf die Zeilen, die ich geschrieben habe und das Papier wellt sich unter meinen Tränen und eine Hand liegt auf meiner Schulter und ich sehe verzweifelt ihren Arm entlang und Wolf steht immer noch da, bewegt sich keinen Meter weit weg und dann sagt er, es sei in Ordnung und ich solle schreiben. Verdammt noch mal, ich solle endlich schreiben. Und ich greife schon wieder vor, doch sehen Sie nicht, dass bin alles nicht ich, denn ich bin nur ein Werkzeug, doch dann fällt mir ein, wie ich Ella damals gefunden habe und alles rückt in den Hintergrund, Wolfs Hand, das Blut, der nasse Boden, der Nebel und das ganze verdammte Ende der Welt, welches vor unseren Fenstern tobt. Ich halte die Luft an und Sie atmen aus: ich gehe Stiegen nach oben und aus meinem Mund klaffen die Worte, die ich die letzten Stunden hilflos gerufen habe.

Die Stiegen führen zum Ort meiner Angst. Sie können sich wohl bereits denken, was ich dort finden werde, ich habe es mehrmals angedeutet, doch vielleicht ist es auch gut so, vielleicht gehört das alles dazu. Als ich noch jünger war, jünger als in dieser Rückblende, vor dem Jahr in dem meine Mutter starb, hatte ich mich zu Weihnachten einmal am Dachboden versteckt um das Christkind zu fangen. Meine Eltern sagten, es würde sich dort verstecken und am 24. von dort herunter steigen, dass all seine Geschenke dort sind, alle, die ich jemals bekommen werde und als ich sie dann suchte, viel eine Tür in ein Schloss welches ich nicht mehr öffnen konnte und ich hämmerte unter Tränen gegen die Tür bis nach Stunden endlich jemand kam und mich erlöste. Der Dachboden war dunkel und kalt und die Luft war schwer, voller Staub und das Licht verbraucht, die Silhouetten des Gerümpels bedrohlich und ich war mir sicher, dass das Dach einstürzen würde und mich dort für immer begraben würde. Ella fand mich damals und das erste was sie tat, war mich auszulachen, weil ich nicht verstanden hatte, wie man die Tür öffnete: doch als sie sah, wie traurig und verzweifelt ich aussah, dass ich fröstelte und mir in die Hosen gemacht hatte, warf sie ihr Lachen ab und ihre Winterjacke um mich, öffnete für mich die letzte Tür dieses Advents und stieg mit mir hinab in eine wärmere Gegend voller goldenen Glanz. Ihre Eltern waren wütend, dass sie nicht zum Essen erschienen war, doch als sie mich erblickten verflog ihre Wut und Ella und ich wurden umarmt. Ich war seit dem nicht mehr an diesem Ort und Ella wusste das. Sie wusste, dass ich ihn mied und es war der perfekte Ort, wenn sie nicht gefunden werden wollte.

Manchmal frage ich mich –

Ich öffne die Tür und dort saß sie und sie sah etwas blass aus, doch als sie mich sah, grinste sie, wie immer, wie Menschen nur in Filmen grinsen, wenn sie einem einen Streich spielen. „Na endlich“, sagte sie und ich sagte, sie solle schnell hier verschwinden.
„Nicht, bis du mich endlich gerettet hast.“
Sie sieht unendlich traurig aus und ich denke mir, dass ich sie so noch nie gesehen habe.
Und ich habe Angst, unendliche Angst vor den knarrenden Boden und der schweren Tür, die ich vor Jahren nicht aufbekommen habe und der Staub fällt von dem Gerümpel zu Boden und erinnert mich immer noch an Fratzen und Getier, welches nach mir greift, doch in der Mitte, steht ein blasses, grinsendes Mädchen und es will gerettet werden, so wie es mich einmal gerettet hatte. Und als ich dann endlich bei ihr angekommen bin, Schritt für Schritt, schnell atmend, ergreife ich ihre Hand und drehe mich rasch um, laufe feig zur Tür, die sich zum Glück noch offen steht, doch sie neigt sich bereits, oh Gott und ein Widerstand hält mich zurück und ich blicke Ella hilflos an, ich spüre, dass ich wieder weinen muss und dann schreie ich, was sie hier täte, sie weiß ganz genau, sie weiß es ganz genau und ich will hier nicht sein.
Ella sieht mich an und grinst: „Ich weiß.“
Und dann gibt sie mir einen Kuss und die Tür fällt ins Schloss.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: