Rhododendron Eins/Fünf: Eine Allegorie für Psychotherapie, doch wer will das schon

Man wird aus dem Wasser gerissen und schnappt nach Luft. Der Moment des Überlebens – gerade als man nicht mehr daran geglaubt hat – kommt zeitgleich mit dem Fall und dieser Fall, in dem ich den Mund aufreiße, meine Lider weit öffne, um Wolf, die Lampen, die losen Zettel, den Tisch und den ganzen Raum kippe, dieser Fall raubt mir den Moment des Überlebens und bevor ich hart auf dem Boden aufkommen muss, glaube ich, dass ich wieder hinabgetaucht werde. Doch Wolf hält mich, eine Hand ausgestreckt, seine Venen zeichnen sich hart auf seinem Unterarm ab, er versucht ein unangestrengtes Gesicht zu machen, dieser Poser, aber immer hin hat er mich im Fall aufgefangen und dass auch noch mit einer Hand.
„Der Boden ist Lava“ und beinahe wirkt es so, als ob Wolf mich schon als Kind kannte, immer kannte. Er lächelt. Ein weiterer Moment: er hält mich, am Kragen, ich sehe ihn dankbar und verstört an, mein Mund steht atmend offen, Wolf rutscht etwas auf dem nassen Boden aus, doch fängt sich augenblicklich wieder,er hält mich fest und wir sind in einer Tanzformation eingefroren. Und dann neigt er kurz sein Gesicht und sein Lächeln wird zu einem Grinsen, welches ich heute schon einige Male beobachten durfte und dann ertönt dieser furchtbare Song (von dem er behaupte er liebe ihn abgöttisch) aus der Nachbarwohnung und Wolf sieht es als Stichwort, ich setze noch an, doch bevor mein Nein! seine Ohren erreicht, klatsche ich auf den mit Rooibos überzogenen Boden.
Noch bevor ich mich (sinnlos) aufregen kann reicht Wolf mir die Hand und sagt: „Komm, das musste sein.“
„Wozu?“, ganz ohne dass ich mir eine Antwort erwarte und fuchtle seine helfende Hand weg.
„Ah, Comic Relief.“
„Ich verstehe.“
„Das glaube ich nicht. Die verstehen es. Du nicht. Sonst würdest du jetzt nicht so grimmig schauen.“
Grimmig, das Wort habe ich ja schon lange nicht mehr gehört.“
„Ja, das hab ich in diesem Wunderbuch gefunden.“ Er zeigt auf einen Thesaurus: „Es bedeutet, äh“, Wolf lässt mich liegen und dann geht er zu dem Kasten auf dem das Wörterbuch liegt, fummelt in den Seiten herum. Es ist viel zu lange Still, ich habe mich aufgesetzt und lehne mit einer Hand im Tee, mit der anderen Reibe ich mir die Stelle meines Kopfes, die meine Landung abgefangen hat. Ich beobachte durch Schlitzen Wolfs Verhalten. Er seufzt und ich frage mich, warum er das G im letzten Drittels sucht. Dann: „Ah: erbost, wütend, unzufrieden. Bin aber zuvor auf zornig verwiesen worden, wobei ich ja finde, das grimmig jetzt eine Spur weniger ist als zornig. Ein Level darunter. Du bist ein gutes Beispiel dafür: ich finde, du bist gerade grimmig, aber nicht zornig. Das beschreibt dich, beziehungsweise – und bevor du was sagst, ja ich weiß, Dr. Kills dummer Blog – dein Gemüt gerade treffender. Damit können die Leser was anfangen und bei zornig sind sie nur verwirrt.“
„Warum sollten sie verwirrt sein, sie können durchaus annehmen, dass ich zornig bin.“
„Aber du bist ja so ein liebes Kerlchen“, sagt Wolf in seiner süßesten Stimme, widerlich und ich sehe, dass in seinem Kopf der Gedanke herumschwirrt, mich in die Backe zu kneifen. Nur um sicher zu gehen, halte ich mich bereit, seine Hand gekonnt aus meinem Gesicht zu schlagen, sollte er sich mir nähern. Doch er schlägt nur das Buch zu, setzt sich eine imaginäre Brille ab (und wirft sie in die Ecke, weil, hey, dort gehört sie auch hin) und dann setzt er fort: „Und weil du so süß bist, passt es nicht zu deiner Figur, wenn du jetzt zornig wärst.“
„Ich hab dir vor nicht all zu langer Zeit eine runter gehauen!“
„Ja und du bist mit einem Hammer auf mich losgegangen. Hm.“
Ich mache eine bejahende Geste und als ich mich wieder aufstütze, rutsche ich aus.
„Vielleicht bist du doch nicht so süß, wie ich dachte. Vielleicht ist Dr. Kill doch der Liebe von euch beiden.“
„Sag mal, kannst du nicht einfach deine Klappe halten und keinen Scheiß faseln und mir einfach erklären, was zum Teufel hier gerade passier ist?“
„Alter, du hast mich attackiert, du solltest mir erklären, was zum Teufel (kursiv, hier: er macht mich nach, zu Ihrer Information) gerade passiert ist. Und du hast mir meine Couch ruiniert.“ Er zeigt gespielt verärgert auf das Sofa, und in der Mitte klaffen mehrere Löcher, der Inhalt aus Polyester und Stofffasern blutet heraus und irgendwo dazwischen liegt der Hammer: ich muss kurz aufschlucken, als ich das Blut sehe.
„Oh mein Gott. Wie geht’s… geht’s dir gut?“. Ich stehe abrupt auf.
„Ja, keinen Stress, es is‘ okay. A-Okay, Bro.“
„Sag nicht Bro, du Tunte.“, ich schreite zu ihm und er beäugt mich etwas skeptisch.
„Sag nicht Tunte, Bro.“
Ich hebe abwehrend die Hände: „Okay.“
„Homophob. Oder“, er öffnet das Synonymwörterbuch und blättert theatralisch darin herum: „Ah ja: Arschloch, Wichser, Schwanzlutscher.“
Ich blicke ihn verständnislos an und statt Wörter machen meine Hände wischende Bewegungen, die nicht einmal ich richtig einordnen kann. Dann, endlich: „What…?
„Ja, es gibt noch ein paar andere Ausdrücke für dich, aber wir wollen ja nicht gemein sein.“
Ich sehe mir seinen Schädel an. Das Blut um die Wunde ist schwarz, sein Haar klebt daran und ein kleines, dunkles Rinnsal hat sich seinen Weg in sein Gesicht gebahnt. Es mündete offensichtlich in einer Wischbewegung und Wolfs Stirn leuchtet an der Stelle hellrot.
„Echt, kein Problem. Du schlägst wie ein Mädchen. Nein. Sorry, du schlägst wie das Stofftier eines kleinen Mädchen.“
„Würde ich schlagen, wie ein Mädchen -“
Wolf unterbricht mich (und ich bin ehrlich gesagt froh darüber, weil ich wusste nicht wirklich, wie ich den Satz hätte weiterführen sollen): „Hättest du mich wahrscheinlich wirklich K.O. geschlagen, ich weiß, I am sorry to all the kleinen Mädchen da draußen, die im Gegensatz zu dir einen wirklich übel zu richten können, wenn sie wollen.“ Er neigt sein Gesicht verschwörerisch: „Glaub mir.“
„Ah ja.“
„Und, du bist wieder da. Schön. Darf ich mich jetzt für die Platzwunde revanchieren?“ Und dann drischt er mich in den Bauch.

Der Boden ist noch immer etwas feucht, doch ich habe vor einiger Zeit aufgehört mich zu fragen, wann Wolf den Tee aufwischt (oder zumindest mich beauftragt, es zu tun). Wir sitzen auf der kaputten Couch und statt Tee gibt es nun Bier und wir starren in den Laptop.
„Ist es billig, wenn ich sage, dass ich nicht mehr wirklich weiß, wie ich angefangen habe, den Text zu schreiben?“
„Ah, ja. Aber scheiß drauf. Die Leser sind billig gewöhnt. Außerdem, nicht billiger als folgende Adjektive: wütend, traurig, ängstlich und da – mein Liebling – unendlich.“ Er tippt auf den Bildschirm.
„Also, wann habe ich begonnen den Text zu schreiben?“
„Du meinst du willst wissen, was passiert ist, nachdem ich dir mit meinem badass Kung-Fu Künsten -“
„Ich dachte echt, die hast du erfunden.“
„The Wolf ist immer ehrlich. Also, ich habe dich außer Gefecht gesetzt“, dazu macht er lächerliche Moves, „und dann wollte ich eigentlich deinen Kopf nehmen und immer wieder gegen die Tischplatte schlagen. Immer und immer wieder.“
„Alter.“ Ich schüttle den Kopf.
„Nein, echt jetzt. Ich hab’s auch ein paar mal gemacht. Spürst du nichts?“
„Nur die üblichen Kopfschmerzen. Ich habe immer – “
„Ich weiß. Egal. David. Aber das erklärt, warum du dich wohl an nichts mehr erinnerst. (An dieser Stelle dreht sich Wolf um und zwinkert Ihnen zu). Das war keine Selbstverteidigung. Ich wollte es wirklich. Wirklich, wirklich, wirklich. Ich wollte deinen Schädel aufbrechen, wie eine Nuss. Ich habe es vor mir gesehen. Und das Hirn“, unterstützende Gestik, die offensichtlich überschäumende Hirnmasse darstellen soll, „hab ich rausquellen sehen wollen. Und vielleicht dein Blut trinken.“
„Fuck, Mann!“
Vielleicht! Ts. Aber das wichtige ist ja, dass ich es nicht gemacht habe.“
„Ich danke.“
„Klappe, Oldboy. Ich wusste, ich konnte spüren, dass das nicht ich bin. Das dieses Gefühl mir nicht steht. Und dann war es ziemlich einfach dagegen anzukämpfen.“
„Wow, Wolf. Ich bin ja echt froh, dass du so gut im Reinem mit dir bist.“
„Das solltest du auch. Und noch etwas solltest du bedenken.“
Ich blicke ihn fragend an und er spuckt mir ins Bier. Ich kann kaum noch reagieren, sondern sehe ihn nur noch genervt an.
„Yeah, okay. Das überrascht dich also nicht mehr so. Mist. Ich muss aufpassen, dass meine Randomness nicht zum Klischee verkommt.“
„Yeah, Wolf. Deine Randomness ist nämlich mittlerweile nur noch nervig. Ich warte eigentlich nur noch darauf, dass du mir eine runterhaust.“
„Hm, Unberechenbarkeit war mein Trumpf. War wirklich Glück diesmal. Wenn er mein Spiel zu schnell durchschaut, kann er mich das nächste Mal, vielleicht-“
„Das nächste Mal? Gott, Wolf! Heißt dass, das wir – fuck. Und wieso er? Wer ist er?“
Wolf ist, hm, um es in seinen Worten zu formulieren, ehrlich überrascht. Er breitet die seine Arme umarmend aus.
„Sag‘ mal, meinst du das jetzt ernst?“ Er tippt mir brutal auf die Stirn und plötzlich bemerke ich einen stechenden Schmerz und ich fühle eine Beule. „Er! Der da drinnen und der da draußen! Deine Paranoia, Mann! Du weißt, dass die echt ist und nein, das ist keine verfickte Frage, Dave!“
„Aber – ja. Nein. Fuck, Wolf, das ist irre. Das – “
„Wie oft soll ich das mit dir noch – „, er schlägt sich die Hand vor den Mund. Und dann: „Okay. Vorsichtig. Deine Wörter sind Gift und deine Gedanken auch. Berufen wir uns auf Fakten.“ Wolf beginnt mir beharrlich in die Augen zu starren. Und dann: wird mir schlecht und –

Mir ist schlecht, ich spüre meinen Kopf als wäre er um das Zehnfache gewachsen und meine Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen wollen: Blitze, Risse und Nebel, durchdringender Nebel, der mir die Wahrheit verwehrt und immer wiederkehrende Phrasen, wiederkehrende Gefühle und dazwischen, ein Sturm und im Blitz und im Donner liegen Erinnerungen und Beweise, sie werden mit jedem Schlag und jedem Licht klarer und greifbarer, wie ein Flashback in einem schlechten Film. Ich sehe Bilder einer Marionette und wie wir dieses Bild verbrennen, ich sehe Sätze, die nur stehen, weil sie gut klingen und Situationen die es nur gibt, weil sie gute Metaphern abgeben, Gegenstände die zu Symbolen verkommen und Personen werden Figuren mit austauschbaren Namen. Und mit einer plötzlichen Ruhe, sehe und sehne ich mich nach Klara, oh Gott, Klara, mit ihren wundervollen Augen, die so grinst, wie Menschen nur in Filmen grinsen, wenn sie jemanden einen Streich spielen und dann ich sehe Dr. Kill in seiner Badewanne und um ihn herum steht mit seinem Blut ein unfertiger Satz an die Fließen geschrieben. Ich erinnere, ich weiß, ich verdränge, doch diesmal nicht, nein, dieses Mal vergesse ich nicht.

Und jetzt: wieder das Gefühl des Ertrinkens, ein Sog der mich aus der Kälte holt und Wolfs Gesicht, seine Nase berührt die Meinige und der Moment des Überlebens setzt ein.Wolf hält mich fest und dann lässt er mich sanft auf die Couch sinken und ohne ein Wort zu sagen, den Wörter sind Gift, zeigt er auf den Laptop.
Und
do.Rt Sthet
neinm,.#niemlas.
CDOrtsgh steht nictjs Gesnhhcriebnm,,,,,
Eindeutig, auf weißem Bildschirm
ENEINENINNEIN“!!““!“fkdick dixbhhhh, dujnw wir.stg brnnen! FIFKC dickj! WOLF DU WIRST BRENNEN!
unverkennbar, ehrlich: 

Ich erinnere, ich weiß, ich verdränge, doch diesmal nicht, nein, dieses Mal vergesse ich nicht.

Und eine Welle bricht.
Ich spüre das kalte Gefühl des Todes
(das Ertrinken in der eigenen Sprache)
um mich herum schäumen und ich.
lasse los
doch hänge noch
an seinen Fäden,
denn diese Fäden
brennen langsam

„Wow“, sagt Wolf. Nicht schlecht. Ich lese das Gedicht noch einmal, dass ich – diesmal bewusst – unter den Text geschrieben habe.
„Etwas zu romantisch für meinen Geschmack, aber nicht schlecht. Ich mag die Allegorie mit der Marionette.“
„Ich wusste gar nicht, dass du auch Literaturkritiker bist.“
„Dude, du scheinst zu vergessen: The Wolf ist ein Original.“
„Ja, zu dem, je öfter du das sagst.“
„Ich weiß, ich verkomme zu einem Klischee. Aber hey, ich mach jetzt einen auf Kultur. Und dann scheiß ich euch auf die Brust. Literally.“
„Ja, das brauchst du nicht dazu sagen.“
„Und wie fühlst du dich?“
„Meinst du, ob ich mich frei fühle? Nein. Ich fühle mich nicht frei, ich fühle mich als ob ich mit dem Kopf in mein eigenes Erbrochenes gesteckt werde, bis ich daran ersticke.“
„Und?“
„Und was? Es fühlt sich widerlich an. Ich mein, wenn du dein ganzes Leben lang paranoid warst und dann stellt heraus, du hattest recht – und du wusstest es die ganze Zeit! – warst du dann wirklich paranoid?“
Ah, a riddle!„, Wolf legt seine Fingerspitzen zusammen und macht ein freudiges Gesicht.
„Nein, kein riddle, Tom Riddle.“
„So geht das nicht, Davy. Du musst sagen, zum Beispiel: Why so douchy, James Belushi? Oder: Wanna Lunch, Captain Crunch? Wenn du schon fiktive Figuren wählst.“
„James Belushi ist nicht fiktiv?“
„Ah, a joke! Ha. Ja, Witze dürfen nur die machen, die Wörter nicht mit dem selben Wort reimen. Also, keine Witze für dich und Will.I.Am.“
„Danke, es fühlt sich immer gut an, mit Will.I.Am auf eine Stufe gestellt zu werden.“
Wolf nickt mir zu und dann sagt er: „Und ja, du warst trotzdem paranoid. Und zwar so richtig. Dass es sich als die Wahrheit herausstellt, ist sowas wie, äh, Paranoia-Bonus.“
„Ich seh‘ nicht wirklich, wo da der Bonus herkommt.“
„Naja, wir können deine Paranoia an zwei Fronten bekämpfen.“
„Du meinst“, und ich zeige auf den Text.
„Ja, sehr gute Idee!“, Wolf setzt sich vor den Laptop und öffnet Outlook.
„Was machst du?“, frage ich ihn. Mein Kopf fühlt sich etwas freier ab. Als wäre eine Schwere von mir abgefallen. Ich blicke auf das Bier und trinke es aus. Wenn’s hilft.
„Ich schicke mir den Shit. Und dir. Und an Klara auch.“
„Was? Nein! Wolf!“
„Spar dir deinen Stolz und deine Geilheit, wenn überhaupt, hast du durch dieses Gedicht mehr Chancen bei ihr!“
„Wolf!“
„Alter, David. Das ist wichtig, wie kann man nur so borniert sein. Außerdem habe ich es ihr bereits geschickt.“
„Fuck! Wieso bist du immer so ein Arschloch?“
„Dave, ich rette dir gerade deinen paranoiden Arsch! Außerdem ist schreiben sexy, hey: denn diese Fäden brennen langsam. Das is‘ so richtig lyrischer Shit, Mann!“
Ich blicke zweifelnd und verzweifelnd auf das „Send“-Symbol von Outlook.
„Come on. That’s deep. Und die Chicks lieben deep shit. Außer die, die sich nicht für dich interessieren. Die finden das wohl eher creepy. Aber hey, so haben wir gleich ’ne Antwort, ob Klara feucht wird, wenn sie an dich denkt.“
„Wolf…“
„Ah, come on. Sein nicht so übersensibel. Mädchen werden feucht, wenn sie geil sind. So wie du hart wirst, wenn du an Klara denkst.“
„Ich denke jetzt echt nicht so oft an sie.“
„Naja, du hast vorhin ihre Augen als – ähem, ich zitiere: wundervoll – beschrieben. Ehrlich, Davy, was Besseres ist dir nicht eingefallen? Egal. Das hast du über sie geschrieben, in deinem, nenne wir es, transzendenten Zustand. Transzendent und geil. Du hattest einen Ständer. Auch dazu muss ich sagen: ehrlich, David? Ihre Augen machen dich hart? Wieso hängst du überhaupt noch mit René herum? Du stehst eindeutig auf das -“
Ich bin wirklich zornig jetzt, doch dass vergesse ich plötzlich und ich frage: „Wie, mit wem hänge ich herum?“
„Nicht mit Klara, was du solltest.“
„Nein, Wolf! Das ist wichtig. Wen hast du vorher genannt?“
„Äh, Raphi? Raphaela? Die kurzhaarige mit den geilen Titten. Die du und Dr. Kill jedes Mal mit den Augen ausziehen, dass sogar mir, als bekennenden Sexisten schlecht wird.“
„Fuck, Wolf. Ich glaube -“ Und dann, endlich, die Spannung des Abends löst sich und meine Gedanken um Klara und Raphaela bahnen sich ihren Weg durch meinen Schlund an die Oberfläche und ich stütze meine Hände gegen die Stirn, als in mir der Wunsch aufsteigt zu kotzen, doch ich unterdrücke ihn, bis ich bemerke, dass ich mich gar nicht übergeben muss und dann weine ich endlich, Tränen fließen meine Wangen hinab und ich wünsche mir dass Dr. Kill seinen Arm um mich herumlegt und mich wieder ganz macht, mich repariert, doch stattdessen bekomme ich Wolf und ich merke, dass auch das geht und aus meinem Schluchzen wird ein Brüllen, ich schreie und er steht daneben, hält meine Hand und drückt zurück, wenn ich drücke, was sich wirklich gut anfühlt und dann ist es zu Ende.

Mein Schmerz bleibt und lässt sich nicht wegspülen. Am Boden liegen Scherben, Tee und Tränen. Wolf ist auffällig ruhig und ernst und zum ersten Mal, dass ich ihn kenne, sehe ich einen Freund in ihm. Er nimmt mich zu sich, legt meinen Kopf auf seine Schulter und ich höre durch seinen Knochen, wie er atmet. Nach einer Weile sagt er:
„Vielleicht hab‘ ich mich auch vertan.“
Er setzt sich auf, dreht sich zu mir und blickt mich an, nimmt meine Hände: „Vielleicht ist es nicht Klara, die du willst.“
Und dann küsst er mich.
Ich stoße ihn weg, aber für die notwendige Grobheit fehlt mir die Kraft und auch etwas der Wille, selbst wenn Wolf das nie, nie. niemals erfahren wird.
Er grinst, sein bekanntes Grinsen, dass mich ein bisschen an den Dark-Knight-Joker erinnert.
„Ah, wenn du es auch willst, ist es nur halb so lustig.“
„Das klingt unglaublich rapey, Wolf.“
„Ja, hab ich mir auch gedacht, aber dann hab‘ ich es trotzdem gesagt.“
„Nichts ist heilig.“
„Nichts ist heilig.“
„Let’s kill those motherfuckers.“
Wir stoßen an und leeren unsere Bier.
„Wolf.“
„Jup?“
„Wo ist Dr. Kill?“
„Wieso?“
„Es geht ihn ja immerhin auch an.“
„Ja, allerdings.“
„Oh Gott.“
„Jup?“
„Wolf, bin ich Dr. Kill?“
„Was? So ein Bullshit — wie? Was, nein Alter, wie kommst du drauf?“
„Ich habe – der Text. Das erste was ich heute geschrieben habe…“
Wolf blickt mich fragend und betrunken an.
„Ich – Dr. Kill, er hieß damals noch nicht Dr. Kill, den Namen hat er erst -“
„Ja, Alter, ich weiß. Komm zum Punkt. Die Leute (abfällige Betonung) warten schon und wir sind schon zweitausend Wörter über dem Ziel (ein Blick, zwischen die Zeilen hindurch, wundern Sie sich aber nicht, wenn er an Ihnen vorbei sieht, wir sind schon etwas besoffen).“
„Dr. Kill. Er hat mit… mit dem Mädchen aus dem -“
„Ella.“
„Sag ihren Namen nicht.“
„Alter, du bist ja schon fast wie Dr. Kill.“
„Ah, Shit. Sorry. Trotzdem. Ella. Darf nur ich sagen.“
„Okay, mann. Was ist jetzt?“
„Die hab‘ nicht ich geküsst.“
„Ah ja.“
„Verarsch mich nicht.“
„Ich verarsch dich nicht, David. Ich werd‘ nur nicht schlauer draus, außerdem (er hält eine Dose hoch) schon das Achte. Kannst du mir sowas nicht vorm Saufen sagen?“
„Come on! Du hast mich – und außerdem, Klara, das Gedicht, glaubst du wirklich sie mag mich? Hat sie schon zurückgeschrieben?“
„Focus! David! Das ist jetzt wichtiger! Bist du dir sicher, dass er sie geküsst hat?“
„Immer. Voll sicher.“
„Hm.“ Er öffnet sich noch eine Dose und scrollt dann noch mal meinen Text durch. Meine Augen sind durch das Weinen schwer geworden und sie fallen mir immer wieder zu.
„Shots?“, fragt Wolf.
„Immer her die Scheiße“, sage ich und mir wird ein wenig schlecht.
Wolf holt Tequila, wir scheißen auf Salz und Zitrone und mit verzogenen Gesicht sagt er dann: „Was wenn. Ich meine, vielleicht habe ich ja recht und wir können es umändern. Er macht es auch andauernd. Textkorrektur.“
„Wir müssen Dr. Kill fragen.“ Der Shot hat mir den Rest gegeben und ich sehe mit Schrecken, das Wolf in Windeseile einen Joint zusammengebaut hat.
„Das geht nicht.“
Er zündet an und das Gespräch zieht in Rauchschwaden an mir vorbei:
Wieso nicht? Weil ich ihn eingesperrt habe. Wieso eingesperrt? Weil ich dachte, er sei gefährlich. Wieso gefährlich? Weil er ein Psychopath ist? Du bist ein Psychopath. Das stimmt. Wolf. Was? Fuck, das fährt. Ich weiß. Wolf? Was? Was wenn ich doch ein ganz normaler Verrückter bin. Weiß nicht, Mann. Wolf? Was? Was, wenn ich nicht geschrieben bin und ich bin einfach verrückt. Ja, das wär‘, puh, shit. Wolf? Was? Was sind diese Texte? Veränderungen. Meinst du. Ich weiß‘ nicht, Davy. Was wenn nicht? Dann sind sie Erinnerungen und du bist normal verrückt und die Texte sind deine Art der Bewältigungen und das ganze hier, die ganze Geschichte ist nur eine Allegorie für eine Psychotherapie und Klara ist deine Therapeutin, ich bin dein Über-Ich und Dr. Kill dein Es, oder umgekehrt und du bist bis heute nicht über den Tod deiner Mutter hinweggekommen und darüber, dass sie ihren Brief nie fertig schreiben konnte, aber, Mann, wie langweilig wäre das denn, wer will das schon, ich nicht und die Leser schon gar nicht. Die wollen Blut sehen. Ja, die wollen Blut sehen. 

Gut, dann geben wir Ihnen Blut. Und wie sooft, endet es mit einer langsamen Schwarzblende, die sich dann über das Bild legt, als Sie einen direkten Blick auf den Laptop haben, auf das geöffnete Word-Dokument, die letzten Zeilen meiner Bewusstwerdung und unten im Eck in der Taskleiste ist Outlook geöffnet und eine kleine rote Eins deutet ein neue Nachricht an und das ist das letzte was Sie sehen. Es bleibt schwarz und einige Momente gibt es nur stilles Rauschen. Dann hören Sie Wolfs Feuerzeug und mein Husten, unsere Redefluss ist versickert und irgendwer macht sich eine Dose auf, es wird angestoßen, das Klicken einer Computermaus und Tastentippen, ein Handy vibriert, YouTube-Töne erklingen und wir beginnen wie wahnsinnig zu lachen.

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