Archiv für den Monat Dezember 2013

Rhododendron 8/Eins: Das Aussetzen eines Geräusches

Ich weiß nicht wie alt meine Seele ist, doch sie ist älter als, die der meisten. Als Kind las ich mal eine Geschichte in einer Geschichte, darüber dass es auf unserer Welt nur begrenzt Seelen gibt. Dies führt auch dazu, dass es Menschen gibt, die ohne Seele geboren werden und dass machte mir damals unglaubliche Angst. Es war bedrückend zu wissen, dass ich es vielleicht nur knapp geschafft hatte eine Seele zu erhalten, eine Millisekunde später und ich hätte zu der Gruppe von Menschen gehört, die ohne Leben in ihren Augen durch unsere Welt wandeln. Sie können diese Geschichte natürlich nachlesen, ich erfinde hier nicht nur Sachen. Oft, aber nicht immer. Es handelt sich bei der Geschichte um eine Passage aus Jostein Garders „Der Geschichtenverkäufer“ und wenn Sie wissen, worum es in dem Buch geht, haben sie vielleicht eine Ahnung, worum es hier geht. Oder sie verstehen wenigstens den geschickten Seitenhieb. Vielleicht wiederholt sich ja auch alles und diese Geschichte, die sich mir damals in meinen Kopf festgesetzt hatte, wie ein boshafter Ohrwurm, stellt sich eines Tages als falsche Erinnerung heraus und in Wirklichkeit dachte ich nie, dass andere Menschen keine Seele besitzen können, oder besser: ich dachte nie, dass sie eine Seele besitzen können. Vielleicht habe ich das Buch von Jostein Gaarder auch erst Jahre später gelesen und mein Leben um eben jenes Kapitel herumgespinnt: im Nachhinein bemerkte ich, dass das doch gut zu mir passt, zu meiner Lebensweise und Denkweise, zu dem, was zu diesem Leben gehört und was ich davon erwarte und ich bin zu romantisch um mir diese Anekdote nicht anzudichten. Es ist immerhin das einzige was ich kann.

Das Trauma begann an einem heißen Tag. Er vergisst das aus welchen Grund immer, wir oft ich ihn auch daran zu erinnern versuche. Aber es war unglaublich heiß. Die Holzplatten des Dachbodens wölbten sich unter der Hitze und als ich mich barfuß auf die Bretter stellte auf die den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, verbrannte ich mir beinahe meine Zehen. Wir spielten wie immer dieses lächerliche Spiel, ein Spiel für Kinder und ich wusste, dass er mich hier nicht finden würde, weil er mich hier nicht finden wollte. Und ich wollte auch nicht gefunden werden. Ein seltsamer Kreis, unförmig, sehen Sie? Aber man kann sich überall seinen Anfang herauspicken und von dort an dann die Linie zeichnen. Ich will nicht gefunden werden, er will mich nicht dort finden, und so weiter und sofort. Doch da es auf einen Dachboden sehr heiß werden kann, begann ich aus einem Spaß heraus, einen Liebesbrief zu verfassen. Er war in einer lächerlichen Sprache, gerade für mein Alter, vergessen Sie jedoch dabei nicht, was ich Ihnen am Anfang dieses Textes gesagt habe. Er war lächerlich aus einem weiteren Grund, er bestand zum Großteil aus Floskeln, dich ich aus Büchern kannte und war wild zusammengewürfelt, eher ein Versuch eines Briefes und zum aller Lächerlichkeit war er auch noch an David gerichtet: es war nicht, dass ich in David verliebt war oder mich zu ihm hingezogen fühlte, ich schätzte seine Anwesenheit, auch wenn er mir manchmal etwas zu nervös erschien. Doch ich mochte ihn, vielleicht auch so sehr, dass ich ihm einen Brief schreiben würde, nur nicht so einen kitschigen und verschwitzen. Und dann, als ich es nicht mehr gedacht hatte, ächzte die Tür auf, nur einen Spalt breit und ein Gesicht lugte hervor, verängstigt von einem viel zu sanften Trauma, einer viel zu schwachen Narbe, die dem kleinen Jungen damals viel zu viel Schreck versetzt hatte, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Doch bekanntlich kann ja niemand etwas für seine Gefühle und schon gar nicht für seine Ängste, doch das hieß nicht, dass ich mich zu ihm herunter beugen würde um ihm auf zu helfen. Er war an der Reihe.

Und so kam es, dass er mich an die Hand nahm und aus dem heißen Ort seines Unheils führte. Ich wusste genau, dass es nicht der Dachboden war, der David Angst einjagte, nicht das morsche Holz und der verbrauchte Geruch, der durch die Hitze noch beißender geworden war. Es waren vielleicht Erinnerungen an seine Angst, aber nicht Auslöser, denn was er fürchtete war ein Geräusch. Ein schweres Klicken das Einsamkeit bedeutet. Ich hatte das schwere Klicken vernommen, als ich aus dem Zimmer meiner Mutter stieg, die mich mit einem lautem Atemzug verfluchte. Ich hatte das schwere Klicken vernommen, als mein Vater begann, mich nicht anzusehen. Ein Klicken, soviel reicht um Unheil auszulösen, Albträume auferstehen zu lassen und Schlechtes in die Welt zu lassen. Eine Maschine des Todes, werde ich später dazu sagen und die Leute werden mich belustigt ansehen, doch ich habe meine Gründe, für jedes einzelne Wort, dass ich schreibe, für jeden Satz den ich spreche. Ich hielt David am Handgelenk und seine Gesicht wurde rot, mir blieb nichts anderes übrig, als ihn auszulachen, denn ich verstand seine Angst nicht (und mir bleibt auch heute nichts anderes über als zu lachen, denn ich verstehe sie immer noch nicht). Als ich ihn dann zu mir zog und leicht auf den Mund küsste, fühlte ich, wie sein Atem stockte, als die Tür mit einem schweren Klicken ins Schloss fällt und ich bemerkte damals, dass er mir meine Angst nicht stehlen kann, so wenig wie ich ihm seine. Doch ich konnte ihn dazu zwingen.

Manchmal reicht das Aussetzen eines Klicken dazu aus, das Unheil auszulösen. Heute drücke ich jedes Mal wenn ich den Geschirrspüler einschalte die Tür ein weiteres Mal fest zu um mich zu vergewissern, dass sie auch wirklich eingerastet ist. Manchmal klickt es und mich umwebt ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Doch meistens bleibt das Klicken aus und ich lasse die Hand noch einige Sekunden auf dem kalten Chromgriff, bis ich mich dann doch dazu entscheide, sie noch mal zu öffnen und zu schließen, so dass ich es hören kann. Dann gehe ich zu jeder Tür und schließe sie fest, überzeuge mich noch mal von dem Geräusch und davon dass es da ist. Als meine Mutter damals einen Schritt zu viel machte und über die offene Lade des Geschirrspüler stolperte, war ich mir auch sicher, das Geräusch vernommen zu haben. Aber wie gesagt, vielleicht habe ich das auch erfunden.

Meine Mutter verlor an diesem Tag ihre Seele. Sie wanderte mit der Fähigkeit zu sprechen, zu gehen, sich zu waschen oder zu ernähren einfach in den nächsten Körper und ich weiß nicht wie alt die Seele meiner Mutter damals war, aber in diesem Leben wurde sie nicht älter. Ich fühlte mich seither immer alt und das ist etwas, dass ich nicht erfinden kann, mir nicht im nachhinein nachgesagt habe, wie einen schlechten Ruf, den man nur all zu gerne pflegt um so die Aufmerksamkeit auf sich zu richten, sondern es war das Bewusstsein, dass mich von da an immer begleitet hatte. Mein Vater wagte es mich nicht anzusehen und lange dachte ich, dass es die Schuld sei, die ihn daran hinderte; sie stand mir ins Gesicht geschrieben beziehungsweise er wollte sie dort lesen.

Später, viele Jahre, als wir uns nur noch zum Essen trafen und nie in einer Stadt, in der wir wohnten oder uns heimisch fühlten, sagt mein Vater mir, dass ich mich sehr verändert hätte, doch dass er mir noch immer nicht ganz in die Augen sehen könne.
„Sie sind alt. Sie waren immer schon so alt.“
„Wie meinst du das?“
„Seit dem deine Mutter-“
Niemand unterbricht ihn.
„Als sie den Unfall hatte, warst du noch so klein. Dein Gesicht war voller Angst, du wolltest wissen, wann sie endlich wieder gehen kann.“
„Daran kann ich  mich nicht erinnern.“
„Das wundert mich ein bisschen.“
Ein Kellner stellt unsere Mahlzeit ab, wir beginnen zu essen.
„Ich habe dich auf das Bett deiner Mutter gesetzt und dich angesehen und dir dann gesagt, dass sie wahrscheinlich nie mehr gehen kann und“ – er steckt sich eine volle Gabel grünen Salat in den Mund, ein bisschen Marinade klebt an seinem Kinn.
„Du hast geweint. Bist davon gelaufen. Also nicht wirklich davon, ich wusste ja, dass du immer zu David gerannt bist. Ah, wie geht’s dem eigentlich?“
„Weiß ich nicht. Hab‘ ihn schon lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich beschissen, so wie ich ihn kenne. Was hat das ganze mit meinen Augen zu tun?“
„Ja, klar. Als du dann zurück kamst sahst du ganz anders aus. So“, er blickt auf und nimmt einen Schluck Rotwein, „- oh, der ist gut. Na, so wie du heute aussiehst.“
„Aha.“
Wir konzentrieren uns auf das Essen, doch ich lege bald das Besteck zur Seite und frage ihn noch mal.
„Ich dachte ich sehe jetzt anders aus als früher. Du hast vorhin gemeint, ich hätte mich ja so verändert.“
Er lächelt und das kommt nicht oft vor. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Moment mehr wertschätzen sollte.
„Du siehst anders aus. Nur deine Augen nicht. Als wärst du nachdem du von David“, bei seinem Namen wedelt er mit seiner Gabel herum, „zurückgekommen bist, ja, hä, erwachsen geworden.“ Er sieht mich plötzlich skeptisch an.
„Verstecken gespielt, bevor du fragst“, sage ich, doch ich kann mich nicht zu einem süffisanten Grinsen durchringen.
„Ah ja.“
Und als er das sagt, musste ich doch Grinsen, ein Grinsen, dass man mir schwer aus dem Gesicht wischen kann. Hat man mir zumindest gesagt, oder vielleicht habe ich das auch erfunden.

Zu Hause setze öffne ich die Flasche Rotwein, die ich aus dem Restaurant mitgehen haben lassen (Mein Vater hat den Kopf geschüttelt, mich aber gedeckt und den Kellner gekonnt abgelenkt, als ich mich zum Ausgang bewegte). Ich sitze eine Zeit land in meiner Küche starre alle möglichen Utensilien an, die beim Schließen ein Geräusch machen und dann stehe ich auf, gehe zu meiner Kommode im Schlafzimmer. In der untersten finde ich endlich einen Block und einen dazugehörigen Kugelschreiber (ein Werbegeschenk, es ist meiner nicht würdig). Ich setze mich aufs Bett, Stadtlärm fließt leise durch die Rillen in den Wänden und in der Wohnung über mir höre ich jemanden stöhnen, ich beiße mir auf die Lippen und dann schreibe ich einen Brief.

 

Rhododendron Null/Reprise: Dann schreiben wir über das Wetter

Wenn du nicht weiter weist, schreibe über das Wetter, hat er gesagt, doch das ist leichter gesagt, als getan, denn hier gibt es kein Wetter, hier gibt es nichts außer Gedanken in Morast und klebrige Tinte, die mir wie Blut den Hals runter läuft; die Schreibmaschine ist tot und die Füllfedern geplatzt, der Laptop in Trümmern und meine Kopf vergiftet, ich warte bis ich endlich erlöst werde doch als es mir dann donnerte, war es eine merkwürdige Prozedur, ein Kraftakt impotenten Mutes, der mich dazu bewogen hatte, eigentlich mehr die Angst aus diesem Albtraum nicht zu erwachen, eigentlich die Angst, niemand zu sein, nicht ich, nicht David, dieser verdammte Wichser, dessen Idee dies hier sicher war und auch nicht ein jemand, nicht einmal ein Etwas, sondern ein Dunst in einer Wolke, unbedeutend und farblos, wie so viele vor mir und so viele neben mir, von denen es mir nicht anders möglich ist als sie zu verachten und zu verlachen, doch sobald ich die Augen schließe lachen sie zurück und es ist platt, so verdammt platt wie die Worte, seine Worte vielleicht?, welche mir aus dem Mund prasseln wie starker Regen oder ein Sturm zu vieler Adjektive, ein Gewitter aus Metaphern und wenn er sagt, es hört sich gut an, dann hat er schon recht, ich weiß, dass es das tut, doch das ist auch das einzige was es macht und was es auszusagen vermag, wie ein Popsong ohne Reflexion, eine Tanzeinlage, weil’s gerade passt, eine Arie die dem Thema entspricht, aber die nicht weiterbringt. Denn so ist dieses Leben, denke ich und wenn ich es denn versuche mit den Resten meiner Existenz (sprichwörtlich) und den meiner Feder (wortwörtlich) und Muße (mein perfektes Antonym) nieder zu schreiben, ensteht lediglich eine stinkende Brühe voller Selbstmitleid und Hass, oh, die würde ihnen gefallen, doch diesen Gefallen mache ich ihnen nicht, eher führe ich die leere Kugelschreibermine in meine Venen ein und blase Luft hindurch bis ich platze, aber nein, sie bekommen mich so sicher nicht zu sehen, deswegen heißt es nun Gesicht wahren und ihm und ihnen zu beweisen, dass alles ein großer Unfug war und ich letzten Endes als Sieger hervorgehen werde, so lange ich noch stehen kann und solange ich noch weiß, wo ich stehe, solange können sie mich nicht kriegen und schon gar nicht Wolf, dieses verkackte Arschloch, dieser Psychopath und außerdem wer ist hier verkokst, ich hab‘ das Zeug seit Monaten nicht angerührt, das ist alles ein Trick um mich gefügig zu machen, oder mich zu dem zu machen, von dem er denkt, dass ich bin. Doch nein. Das hier bin ich, verdammt. Das hier bin ich, Gott, ich weiß es doch, warum verdammt lässt er mich nicht einfach gehen, dieses abgefuckte Schwein, warum beginnt es stets von vorne, warum. Und sobald ich die Augen schließe, läuft der Film dennoch weiter und sobald seine Feder liegt, läuft mein Leben trotzdem weiter und das ist das ganze, dass mir den Schlaf raubt, mir die Adern platzen und mich wünschen lässt, anderen die Augen aus ihren Visagen zu drücken, bis sie nichts mehr sehen, mich nicht mehr sehen, denn mich hat niemand verdient, mein Leben hat niemand verdient, es bleibt in meiner Perspektive und wenn Sie auch nur daran denken, es für mich zu leben, für mich weiter zu denken, mir die Show zu stehlen, nicht im sprichwörtlichen aber im übertragenen Sinn, wenn Sie verstehen was ich meine, wohl eher nicht, dann, verdammt, dann schlage ich zurück und dann greife ich zu äußersten Mitteln und ja, vielleicht hat Wolf ja Recht, doch wie soll ich ihm trauen, wie soll ich jemals wieder trauen, wem kann ich was erzählen und was ist ein geschriebenes Wort im Gegensatz zu einer echten Tat? Und dann, dann endlich will ich schreiben, wie Wolf es mir gesagt hat, doch dann, im Augenblick des endlich, dröhnt mir mein Herz die Ohren voll, lässt mich unter diesen Liedern erschaudern und erstarren, meine Finger verkrampfen sich und ich wünschte, sie fielen ab, so dass mir keine Optionen frei bleiben und die Freiheit keine Option mehr ist, sehr gefinkelt, danke, ich weiß, ich bin nun mal gut, so verdammt gut, doch alles führt zu ihr zurück, irgendwer hat gesagt, sie wird noch wichtig, doch wer, war es ich, war es David, war es Wolf, waren Sie es oder war es dann doch nur er, der sich einen Spaß erlaubt, der etwas vergessen hat, vergessen sie weiter zu schreiben, müde geworden ist und nun quälen mich Geister vergangener Sommer, Lieder die mich an sie erinnern, aber die mich unmöglich an sie erinnern können, wie eine Kassette, die zu oft bespielt wurde, wenn man ganz laut dreht hört man noch leise die Tonspur darunter, unter Schichten sinnloser Details vergraben, und woher hab ich das schon wieder, dass ist nicht von mir, das hab ich woanders schon mal gelesen, doch was glaubt er, dass ich sie vergesse? Ein Geist, der mich nicht loslassen will, oder bin ich es dessen Finger verkrampfen, deswegen der Wunsch sie zu brechen, der Wunsch jeden einzelnen zu verbiegen, bis der Schmerz größer wird als das Verlangen zu denken oder die Versuchung dem Angebot nach zu gehen, vielleicht ist es gar keine so schlechte Idee, vielleicht hat Wolf ja Recht und wie oft kommt mir dieser Schwachsinn noch in den Sinn, Wolf hat nie Recht dieser verdammte Junkie und sein verdammter Tee, den er sich sonst wohin schieben kann und wieso verdammt, wieso kann ich nicht über sie schreiben, wieso darf ich nicht, mir wird schlecht wen ich daran danke sie mit meinen Gedanken zu beschmutzen, mit meinen Worten zu vergewaltigen, ihr meine Stimme auferlegen und wieso verdammt, dieses Lächeln, dass einem einen Streich spielt, was wenn sie es ist, die ganze Zeit und ich stehe immer noch am Dachboden und warte, bis sie mich endlich loslässt, bis ich endlich zur Tür gehen darf, bis sie mich nicht wieder zurück zieht, ein Widerstand, der nichts anderes bedeutet außer Leid und eine Entscheidung, die ich nicht zu treffen vermag, doch was wäre passiert, hätte ich mich nicht losgerissen? Schreib darüber, schreib doch etwas darüber, doch willst du es wirklich wissen, willst du sie wirklich missen und warum reimt sich dass jetzt auf einmal, was soll der ganze verdammte Mist eigentlich, was soll dieser Scheiß, ich meine, verstehen Sie noch worum es eigentlich geht? Gibt es dich noch?

Wenn mir nichts einfällt, schreibe ich über das Wetter, hat er gesagt, ha!, es war grau, es war windig, es war so hässlich, dass ich kotzen möchte; wenn Gott einen Kater haben könnte, wäre es dieses Wetter, das nach Kot und Erbrochenen stinkt, denn Gott ist eine Sau, die sich besoffen die Hosen voll geschissen hat. Die Welt dreht sich nicht weiter ohne mich, wenn das nur stimmt, die Welt dreht sich um und kehrt zurück zum Anfang, das ist es, ich fange einfach dort an, wo er mich alleine gelassen hat, wenn er Recht behält, bin ich vielleicht stärker und als ich dann endlich ansetze, die Sonne brach endlich durch, doch selbst der Schein ihrer Strahlen, glänzte grau, wie in einem Filter aus Nebel und letzten Endes war es lediglich eine Reprise der Sonne, eine Erinnerung, dass sie einmal da war, wie der Geruch eines vorbeiziehenden Mädchens, dass mich an ihr Parfum erinnert, nur dass ich nicht mehr weiß, wie sie roch, und dann, endlich, als der Regen losbrach und ich höre wie der Regen losbricht, die Tropfen stark gegen ein Blech schlagen (ich höre es, wie die zweite Spur einer Kassette), erliegt die letzte Mine dem Druck und unter meinen Finger zerbröselt die Hoffnung, wieso habe ich auch alles verschwendet, verdammt, hier muss doch noch irgendwo etwas liegen, womit ich schreiben kann, und als ich auf meine Arme blicke und das Blut rauschen höre, muss ich lächeln, die perfekte Tinte, es wird ein Meisterwerk, wie ich es versprochen habe (erinnern Sie sich?) und dann wird die Tür einen Spalt breit geöffnet.

Rhododendron Eins/Sechs: Foreshadowing!

Die Tage waren in letzter Zeit alle grau, doch es schien niemanden aufzufallen, außer vielleicht Dr. Kill und mir. Wolf blickt gedankenverloren durch den vorbeiziehenden Regen, der an der Fensterscheibe der Straßenbahn seinen Bahnen zieht. „Der Regen sind die Risse in meiner Realität“, möchte ich sagen, doch es kommt mir kitschig vor und Wolf würde es wahrscheinlich abschätzig kommentieren, also lasse ich es (obwohl es mir natürlich gefällt, doch es gibt einen Raum und eine Zeit für alles und beides wird von Wolfs Gegenwart aufgehoben und vereinnahmt). Wir sagen nichts auf den Weg in das Ungewissen, also in mein Ungewissen, denn Wolf hat wie immer einen Plan. Er scheint guter Dinge zu sein, ab und an blickt er mich verstohlen an und schenkt mir dann ein bedeutungsschwangeres Grinsen (die Bedeutung kann ich wie gesagt nur erahnen, ebenso ob sein typisch wolf’sches Grimassenschneiden einer Bedeutung entspringt, ich hoffe es zumindest, denn so würden wir nur sinnlos in der Gegend herumfahren und ich hätte Sie mit dem Wort „bedeutungsschwanger“ gerade angelogen und beides ist mir zuwider). Ich möchte ihn fragen, ob wir bald da sind, doch auch das kommt mir unpassend vor und wie immer traue ich mich einfach nicht. Außerdem hat die Resignation bereits eingesetzt und ich merke wie es für meine Umwelt immer leichter wird, mich zu kommandieren und zu steuern. Nicht, dass Sie dies mit Akzeptanz verwechseln: ich habe mein Schicksal nicht akzeptiert, ich habe Wolf nicht akzeptiert und schon gar nicht die Bedeutung des Wortes „Schicksal“ und dessen Nachhall, aber ich bin einfach müde. Als ich gestern Dr. Kill nicht finden konnte, habe ich mich auf die Couch gesetzt und gewartet und letzten Endes hat dann auch Wolf angerufen und mir die Entscheidung abgenommen, die ich ohnehin nicht akzeptiert hätte. Also kommt es, wie es kommt und ich werde wie ein Schachfigur herum geschoben, ohne eigene Motivation und ohne Gegenwehr, aber Akzeptanz? Fick dich. Niemals. Irrelevanz vielleicht. Dadurch kann ich sicherlich mehr erreichen.
Die Tür öffnet sich und Wolf zieht mich am Ärmel, als ich gerade versuche zu entziffern, ob ich eher ein Läufer oder doch nur ein normaler Bauer bin (lange dachte ich, dass Wolf ein Turm sei, doch mittlerweile bin ich mir sicher, dass er der König ist).
„Wir sind da“, sage ich.
„Sherlock“, er schnippt mit dem Finger vor meinem Gesicht: „What the shit ist in deinem Hirn wieder los?“
„Wenn das ganze hier ein Schachfeld ist und wir gegen… du weist schon“, sage ich während ich Wolf folge, der mir zwei kleine Schritte vorauseilt.
„Voldemort?“
„Ah, come on, Wolf. Dem Schreiber.“
„Ich weiß. Ich nenne ihn Writer.“
„Das ist das selbe, nur dass ich nicht einen auf cool mache.“
„Wer macht einen auf cool?“, sagt Wolf und zündet sich eine Zigarette mit Streichhölzern an. Es gelingt ihm trotz Nieselregen und Wind beim ersten Versuch.
„Du. Und deine Anglizismen. Und deine Drogensucht. Das ist kein gutes Vorbild für die Kinder.“
„Ah, jahrelange Lügen, dass Drogen nicht cool seien, da könntest sogar du dagegenhalten. Es handelt sich dabei um ein äußerst fragiles Gestell. Außerdem ist das keine Geschichte für Kinder. This is not an EMINEM-Song.“
„Aha.“
„Du musst nicht alles verstehen, Davy Boy.“
„Hör auf mich so zu nennen, echt. Und ja, ich hab’s kapiert, Eminem ist Kindermusik.“
„So in der Art. Aber egal. Willst du nicht wissen, wohin wir eigentlich gehen?“
„Es ist mir egal. Außerdem hast du doch gesagt, es soll eine Überraschung werden, nicht?“
„Und dass reicht dir, mich nicht zu nerven?“
„Fick dich, Wolf. Hätte ich dich gefragt, hätte ich ja kaum eine Antwort bekommen. Oder du wärst davongeflogen und ich komm‘ drauf, dass wir in meiner Wohnung sind – noch immer – und ich – schon wieder – LSD im Cocktail hatte.“
„Erstens: wir sind nie in deiner Wohnung. Ich weiß zwar auch nicht warum, aber irgendwie treffen wir uns immer bei Dr. Kill. Und Zweitens: Wolftails.“
„Jaja, Wolftails.“
„Und nein.“
„Was nein?“
„Wir spielen kein Schachspiel gegen Writer.“
„Ich hab ja auch nur gemeint, wenn. Und eigentlich war das ja auch mehr eine, äh, Metapher. Du weist schon, wie eine Figur auf dem Spielfeld verrückt werden.
„Oho, ein Wortwitz. Davy, du bist ja heute voll in Fahrt. Und nein. Dafür ist Writer zu blöd.“
„Also sind wir keine Figuren, die er nach belieben versetzt und -“
„Ja, nein. Ich meinte auch nicht, dass er zu blöd für Schach ist, sondern zu blöd für eine richtige Metapher. Schach, ts. Was kommt als Nächstes? Unheilvolles foreshadowing?“
„Anglizismen, Wolf“, sage ich und dabei fuchtle ich genervt mit den Händen vor mich her. Ich hasse es, wenn er Wörter benutzt, die nur er kennt.
„Äh, wie heißt das noch. Vorausahnen? Wenn etwas durch, was weiß ich, Symbole angedeutet wird.“
„Du meinst LOST.“
„Mann, hör doch auf mit fucking LOST. Dr. Kill hätt‘ dir die Serie nie borgen dürfen. Aber ich geh‘ mal davon aus, dass das in deinem Hirn schon so stimmen wird. Ja, Davy, wie LOST. Übrigens“, er zeigt mit dem Finger auf ein Schild, „wir sind da.“
Ich lese die verblichene Inschrift auf dem Schild: The Cave. Bar & Café. Daneben steht in den für diese Stadt typischen Lettern die Hausnummer: 13.
Ich sehe Wolf mit dem sag-einmal-willst-du-mich-verarschen-Blick an.
„Um in deiner Sprache zu bleiben: seriously?“
„Nett, nicht war?“, er grinst mir schelmisch (also wie immer, aber ich weiß ja nicht wie gut Sie aufpassen) zu: „Aber sag’s nicht weiter. Wenn man zu sehr darauf herumhackt, ist es nicht mehr subtil genug.“
„Wie kann das schon subtil sein.“
„You know my drift.“
„Nein, Wolf, eigentlich nicht.“
„That’s my drift.“
„Aha.“
Wolf stößt die Tür auf und ich hätte wetten können, dass wir außerhalb der Öffnungszeiten in das Café eintreten. Doch.
Kurz frage ich mich, woher Wolf solche Orte kennt – aber eigentlich.
„Guten Morgen, allerseits!“, ruft Wolf in das Dunkle hinein und ich erwarte ein Echo. Die Luft steht und teilt sich den Raum mit etwas zu viel Zigarettenrauch, das Licht ist verbraucht, alt und gefangen – ich denke an alle drei Adjektive, da sie mir alle drei gefallen – und der Geruch typisch für ein Café dieses Kalibers. Das Klientel ebenso (sofern vorhanden; es halten sich  – erkennbar – drei Leute in dem Café auf und alle drei verdienen sich wahrscheinlich den bekannten Spitznamen „Inventar“, wenn sie sich nicht gerne selbst liebevoll so nennen). Ein Husten ertönt als Antwort aufs Wolfs Gruß und ich muss erschrocken feststellen, dass es wirklich noch Vormittag ist.
„Was machen wir um eine solche Uhrzeit hier?“
„Überraschung.“
„Du bist mit mir hergekommen um zu saufen?“
„Auch. Ah, hey hey hey!“, ruft Wolf aufgeregt (so aufgeregt) und eine erstaunlich hübsche Kellnerin taucht hinter der Bar auf (immer diese erstaunlich hübschen Freundinnen von meinen Freunden, es wird langsam schon lächerlich). An ihrer Art meine ich zu erkennen, dass sie Wolf kennt (aber mich nicht, was eine Schande ist, also versuche ich mich gelassen und doch erkennenswert zu präsentieren, was mir natürlich nicht gelingt), doch der Anflug von Freude (und Erleichterung?) verfliegt uns sie entfernt sich wortlos vom Tresen, geht auf Wolf zu und verpasst Wolf eine Ohrfeige.
„Schön dich zu sehen“, murmelt er unter leichten Schmerzen aber immer noch grinsend.
„Ja klar. Das hat länger gedauert, als du gesagt hast.“
„Ich kann nichts dafür. Der da ist Schuld“ und dabei zeigt Wolf auf mich. Sie blickt mich scharf an (no pun intended) und ich weiche instinktiv zurück (dabei muss sie grinsen. Ich habe schon schlechtere erste Eindrücke hingelegt).
„Aha. David, gell?“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen und mein Herzschlag verdoppelt sich augenblicklich.
„Oh, fuck. Kennen wir uns? Es tut mir leid, wenn, aber ich merke mir nichts, und überhaupt, nicht dass das bedeutet, dass ich mich dich nicht gemerkt hätte, äh -“
Sie verdreht die Augen aber wenigstens lächelt sie dabei. Und dann erlöst sie mich endlich: „Nein, wir kennen uns nicht. Also, du kennst mich nicht. Ich dich schon.“
„Foreshadowing!“ ruft Wolf und wirft dabei die Hände pastoral in die Luft.
„Also, was wollt ihr trinken?“, fragt die Kellnerin noch bevor ich fragen kann, was sie mit „mich kennen“ meint, oder wie ihr Name ist, oder ob ich ihre Nummer haben kann oder ob sie mich heiraten will.
„Und bevor du fragst“, und sie zählt die Antworten mit ihren Fingern ab, „Nur Geduld, Melitta (ja, wie die Filter), sicher nicht und mal schauen.“ Bei der letzten Antwort senkt sie leicht den Kopf und lächelt mir zu (?) und ich bekomme au-gen-blick-lich keine Luft.
„Mann, chill“, grinst Melitta und ich schaue sie mit großen Augen an: „Woher wusstest du, dass… ich mein, wie konntest du?“
„Sie ist eine Hexe!“, schreit Wolf und zeigt mit ausgestreckten Fingern auf Melitta.
„Ich hab‘ ja bereits gesagt, dass ich dich kenne.“ Offensichtlich soll mir das als Erklärung reichen.
„Aber – “ Niemand unterbricht mich. Ich weiß nur nicht, wie ich fortfahren soll.
„Ich weiß, was dir hilft“, sagt Wolf und ich hebe – wieder einmal instinktiv, diese ganzen Wortwiederholungen und dafür habe ich mir ein Synonymwörterbuch gekauft? – meine Hände abwehrend vor das Gesicht und zucke etwas zusammen.
„Bier.“, sagt Wolf etwas verständnislos.
„In echt ist der ja noch verstörter.“ sagt Melitta, als sie sich wieder auf den Weg zum Tresen macht. Hinter uns steht jemand auf und geht in die Richtung in der ich die Toilette annehme.
„Ah, jahrelanges psychisches Bashing. Dass der letzte Entwurf etwas drastischer ausfällt ist pure logische Konsequenz.“
Ich beginne mich langsam wieder zu fangen. Der Konsens der Situation wird mir zwar noch immer nicht bewusst, aber langsam erfahre ich etwas Realität wieder. Automatisch nehme ich ein Schluck Bier und wie Wolf es bereits sagte, es hilft. Und dann, als mein Kopf klarer wird: „Was zum Teufel – “ und ich blicke auf das Bier schiebe es weg: „Alter! Es ist noch nicht einmal Mittag!“
Melitta und Wolf tauschen schnell Blicke aus und Melitta duckt sich hinter dem Tresen und taucht gleich wieder auf: „Wein?“
Wolf nickt ihr übermotiviert zu.
„Was? Nein! Weder noch! ES – IST – NOCH – NICHT – EINMAL – MITTAG!“
„Kein Grund zu schreien“, sagt Wolf.
„Und dass mit den langen Pausen zwischen den Wörtern kannst – du – dir – gleich – ab – ge – wöh – nen“, mokiert mich Melitta.
„Ich raff gar nichts mehr“, seufze ich und dann greife ich resigniert zu meinem Bier, leere es und bestätige nickend die Option des Weins. Wolf und Melitta sehen mir belustigt zu, wie ich auch dieses leere und dann schenken die Beiden auch sich ein und stoßen an. Beide tun es mir gleich und trinken ohne abzusetzen das Bier aus, schenken sich reinen Wein ein (sprich: Melitta verpasst Wolf noch einmal eine und füllt die Gläser) und als auch diese geleert sind rülpst Melitta einmal und entschuldigt sich dann unnötig und unehrlich. Wolf zuckt mit den Schultern und ich spüre wie der Alkohol in meinen Kopf klettert. Ich blicke Melitta an und wir einigen uns wortlos auf noch ein Bier, dass wir aber zum Glück in kleineren Schlücken trinken. Ich frage etwas. Es kommt keine Antwort. Zunächst.
Und dann sagt Melitta nach einem kräftigen Schluck: „Nein, Wolf ist nicht der König.“
Und W0lf sagt mit einem tiefen Ernst in seiner Stimme: „Der König stirbt nicht.“

Rhododendron X/Eins: Eigentlich ist immer

Eine scharfe Windböe zieht ihr die Mütze vom Kopf und sie muss sich mühselig bücken, da in diesem Rock das sich-beugen einfach unmöglich ist, doch das macht ihr nichts aus, denn sie ist gut drauf und heute wird ein guter Abend. Das spürt sie und das findet sie gut und warum sollte sie nicht, immerhin ist es endlich ihr Kapitel. Sie stehen in einer langen Schlange vor einem Industriegebäude, das sich geschickt die „Brauerei“ nennt und mit dem Namen allerhand juvenilen Säufern das Geld aus der Tasche entlockt. Etwas neidisch sieht sie zum VVK-Eingang der mit einer minimalen Wartezeit kleine Personengruppen in die Aula einlässt; diese streifen froh ihre Mäntel und Jacken ab, zwängen ihre Schals in die Ärmel oder Taschen und tauschen Fertiges gegen eine Plakette, die während des Abends wahrscheinlich verloren gehen wird. Und sie steht hier draußen und muss sich den Arsch abfrieren; was tut man nicht alles um gut auszusehen. Die braunen Kniestrümpfe – Kneeverals? – halten ihre Beine schön warm, doch die Zentimeter zwischen Strumpf und Rock sind verfickt kalt, wirklich verfickt, verfickt kalt und weiter oben sieht es auch nicht besser aus. Ihr Schritt fühlt sich frisch an, wobei frisch das falsche Wort ist, „eingefroren“ trifft es eher und ihr Arsch wird durch diese verdammt unpraktischen Rock kaum geschützt. Sie hätte gleich bararschig kommen können und dann reibt sie ihre Hände fest an den Backen um diese zu erwärmen und widersteht der Versuchung (welch abgedroschene Floskel) mit der flachen Hand ihre Schamlippen niederzudrücken und ihre Vagina vor der Kälte zu schützen; es sehe sicherlich nicht sehr vorteilhaft aus. Aber Dr. Kill würde es gefallen, da sei sie sich sicher und so dreht sie sich um und erblickt ihn dabei, wie er sie „erblickt“ und, wer kann es ihm schön übel nehmen, sie sieht heute hinreißend aus – herbstlich, doch sie nimmt es ihm übel, allen voran, weil Dr. Kill ein Arschloch ist. Ein Arschloch mit Geschmack, dass muss man ihm lassen, aber ein Arschloch und vor allem ein oberflächliches und arrogantes und präpotentes. Eines dieser Adjektive passt immer, Dr. Kill muss nur den Mund aufmachen und heraus springt eine eloquente, jedoch herablassende und bedeutungslose Anekdote (wenn es überhaupt zu einer Anekdote reicht), die mit Sicherheit jemanden trifft und wenn es niemanden trifft und betrifft, betrifft und trifft es David. Sie dreht sich wieder um und mit ihr drehen wir uns mit, eine schwungvolle Aufnahme (die ohne Schnitt auskommt), ihr Gesicht bleibt der Mittelpunkt, doch wir sehen durch leichtes Abrücken sofort, was sie sieht: David, der vor Wolf steht und hinter Klara, die auch irgendwie mitkommen wollte, auch wenn niemand weiß wieso. David: Blazer der farblich nicht zu seiner Hose passt (Rot und Dunkelgrün) und ein schwarzes, enges T-Shirt, mit einem obskuren Bandnamen. Oder einem Witz. Sie kann es nicht erkennen, aber postmoderne T-Shirts in die Metaebene zu interpretieren waren ohnehin nie etwas, dass sie sonderlich interessiert hätte. Klara: Dicke Jacke die es verhindert, zu erkennen, was sie an hat. Wahrscheinlich den üblichen Shit, ein zu großes Shirt, einen zu großen Pullover und Hosen, die viel zu sehr an Jogginghosen erinnern. Aber okay; vielleicht ist es ein Style, vielleicht ist sie einfach faul, vielleicht ist es ihr einfach egal, einfach so verdammt egal und das macht Klara beinahe wieder beneidenswert. Beinahe. Ach und dann Wolf: er tanzt. Das ist wichtiger, findet sie, als alles andere, Wolf tanzt und sie weiß nicht ob es der Roboter ist, die Marionette, der T-Rex (if you don’t know, what the T-Rex is, just use your imagination), der Pantomime oder alles auf einmal, verschmolzen zu einer bemerkenswert konsequenten Choreographie, aber was es auch ist, es macht ihr Spaß und sie muss etwas mit wippen, subtil, es sehe sicherlich unvorteilhaft aus, wenn sie zu sehr mit wippt. Play it cool. Wolf trägt wie üblich seinen grauen Gehrock und Mode-verachtend, wie er wahrscheinlich ist, einen herrlich unpassenden Hoodie darunter, aus dessen Beuteltaschen (sofern man diese so nennt) er ständig wundersames Zeugs herausholt. Meist ist es ein Joint, doch manchmal – manchmal ist es ein Lipgloss. (Falls es Sie interessiert und dass muss es ja, sonst wären sie wahrscheinlich schon ausgestiegen, also haben Sie entweder viel Zeit oder ja, whatever, egal: Wolf wurde mal gefragt, warum er den Lipgloss mit hat und darauf hat er geantwortet: „Irgendwer wird mir heute noch den Schwanz lutschen und diese Person soll das bitte mit Stil machen.“ Ja, soviel dazu.) Wenn das Licht gut fällt, sieht Wolf sogar richtig gut aus: er bleibt stehen, die Scheinwerfer der „Brauerei“ prallen an ihm ab und der kalte Wind lässt seine ungekämmte Right-out-of-Bed-Frisur (die den Namen nicht umsonst trägt) erzittern, sein Gehrock weht um ihm umher und der gedämpfte Lärm, der anstehende Abend, der ein guter wird, das weiß sie, umhüllt Wolf mit einer fast royalen Aura und er erscheint trotz abgefuckter Jeans und löchrigen Stiefeln „ritterlich“ und „heldenhaft“. Sie sieht sich Wolf an, seinen Tanz, den er unterbricht und wie er gegen den Willen seiner Compagnions den Joint weiterraucht, bis dieser ihm weggenommen und ausgedämpft wird, Wolf wie er sich dann in einem Moment der Ruhe – bekiffte Ruhe – eine Zigarette anzündet, die er natürlich vorhin von David oder Klara geschnorrt hat und sie dann in tiefen Zügen raucht, und Raphaela – endlich bin ich mit dem Namen rausgerückt, aber hey, es ist immerhin ihr Kapitel, also hätten Sie sich das auch schon denken können – sieht ihn eine Ewigkeit an (den eine Ewigkeit ist immer solange ich es sage und dieses Mal ist es nicht sehr lang), bis Wolf dann ihren Blick spürt, wie immer, wie jedes Mal (und jedes Mal ist wirklich jedes Mal, wenn sie ihn eine Ewigkeit ansieht) und er erwidert ihren Blick, wie immer, wie jedes Mal: nicht wie man es eigentlich von Wolf erwarten würde. Sie hat Wolf ja eigentlich wirklich gern, auch wenn das niemand außer den beiden weiß oder glauben würde und sie weiß, dass ihre ruhige Art oft als herabwürdigend, eingebildet oder erhaben interpretiert wird, doch eigentlich – eigentlich ist immer – ist es doch nur die übliche Schüchternheit und die Angst in etwas zu steigen, dass sich nicht mehr leicht abwaschen lässt. Fettnäpfchen aus Teer und Federn. Und da es jeder kennt, jeder weiß und jeder nachvollziehen kann, es so offensichtlich an der Oberfläche liegt und ihre Fassade so durchsichtig wie ihre Strickweste ist, hat es auch keinen Sinn darüber zu berichten und zu reden und so lässt Raphaela ihren Mund einfach geschlossen, ihre Zunge ruhen und ihre Gedanken auf Standby und sieht sich dann doch lieber Wolf beim tanzen an. Und wenn dieser sie sieht, erwidert er ihren Blick mit einem bewussten Augenaufschlag, ein kurzes Nicken und das Lächeln, welches jemand vielleicht mal über alles lieben wird. Doch heute nicht; Raphaela würde weder heute noch ein ander Mal für dieses Lächeln morden und so lächelt sie ebenso ehrlich und erfreut zurück dreht sich wieder zu Dr. Kill um, der sie mittlerweile wohl bis auf den BH (dessen Träger sichtbar über ihre Schultern ragen; samtimitierender Look, sexy as fuck) und die Panties ausgezogen hat – obwohl in seiner Vorstellung trägt sie wahrscheinlich einen String. Raphaela seufzt und Dr. Kill beäugt sie lässig – sofern man das heute noch so sagt; lässig – und etwas von oben herab, wie man es eben von Dr. Kill gewohnt ist. Er wird heute noch versuchen beim Tanzen seine Hände auf ihre Hüften zu legen und geschickt, wie er glaubt, dass er ist, probieren, wie weit er kommt; mal schauen, denkt sie sich, aber ohne MDNA läuft heute ohnehin nichts. Apropos, sieht sie kurz zu Wolf, wir schwenken mit, Wolf ist jetzt in ein lautes Wortgefecht mit einer ihr unbekannten Person verwickelt und dann blickt sie wieder zurück (wir blicken mit) und Dr. Kill lächelt immer noch süffisant und steht lässig – ah, die Jugend von heute, immer so lässig – und gut gekleidet vor Raphaela und beide wissen, dass er jetzt etwas Nettes sagen sollte, etwas Originelles, Ansprechendes, doch beide wissen, dass ihm nichts einfällt. Eine Flasche zerbricht im Off und Wolfs laute Stimme weicht einem Winseln. Dr. Kill versucht an Raphaela vorbei zu sehen, doch diese will es nun wissen, will wissen, was dieses Arschloch eigentlich zu sagen hat, wenn es nicht weiß, was es zu sagen hat. Und so versperrt sie ihm den Blick und bringt ihn damit letztendlich um. Aber nicht heute.
Und eigentlich gar nicht. Und überhaupt: Dr. Kill lässt sich nicht von ihr irritieren und schiebt sie bei Seite, Raphaela spürt die kalte Hand auf ihren Arm und augenblicklich wird ihr noch kälter und sie blickt wie immer nach unten. Sie will den Mund öffnen und sagen – doch bevor ein Doppelpunkt geschrieben werden kann, wird sie von einem Körper umgeworfen. 

„Oh Fuck, Gott, sorry, es tut mir furchtbar Leid.“ David wirkt etwas – aufgeregt. Findet sie. Und außerdem findet sie, dass er auch allerhand Grund dazu hat, aufgeregt zu sein, immerhin liegt er in der Position, in der er sicher schon länger liegen wollte, auf ihr, Brust an Brust, Atem an Atem und ihr Blick scheint zu freundlich zu sein, den David wirkt perplex und erheben will er sich auch nicht; also er nicht, aber er sich schon. (Yay, dirty pun time!)
„Schon ok.“ Ist das unverfänglichste was ihr einfällt und das sagt sie dann auch. Und: „Könntest du jetzt bitte.“ Punkt punkt punkt. David rappelt sich auf, nervös und dann dreht er sich schnell weg nur um sich wieder umzudrehen und ihr die Hand zu reichen und er spürt etwas Unangenehmes in der Brustgegend (auch).
„Danke“, sagt Raphaela und David zuckt unbeholfen mit den Schultern, kratzt sich am Kopf und tut so, als ob nichts gewesen sei. Seine Aufmerksamkeit gilt jedoch nicht lange Raphaela und er dreht sich wieder um um den Trubel seinen Beistand zu leisten.
„Friss den Lipgloss!“ hören wir noch, bis sich unser Blick auf Raphaelas Gesicht konzentriert, wir näher an sie herangehen und alles rund um sie verschwindet. Der Ton wir dumpf und die Lichter verschwimmen, alles was zählt ist in den Augen dieser jungen Frau; mit Lidschatten umrundet, gepolstert von rougebestäubten Wangen, spiegeln sich in ihren Augen Lichter und Schatten, große Dramen spielen sich ab und Helden ziehen an ihr vorbei, oder so fühlt es sich für sie an. Und deswegen fühlt es sich auch für uns so an. Oder auch nicht. Eigentlich nicht.
Eigentlich nie.

Und als wir sie so ansehen, schließen sich ihre Augen und in Zeitlupe drängt sich ihr der Aufschlag ihrer Lider vor. Ihre Augen sind glasig, ihre Pupillen geweitet, tief in der Ferne ihrer Seele spiegelt sich das Geschehen ab und es ist so unbedeutend und sinnlos, so treffend für die Gruppe von Menschen, der sie beiwohnen darf und die sie nie vergessen lassen werden, dass egal wie langweilig der Shit ist, ihrer, Raphaelas Shit ist langweiliger, unbedeutender und sinnloser.

„Fuck that“, sagt sie dann und legt die dritte Person ab. Nebenfigur kann ich alleine auch sein.