Rhododendron X/Eins: Eigentlich ist immer

Eine scharfe Windböe zieht ihr die Mütze vom Kopf und sie muss sich mühselig bücken, da in diesem Rock das sich-beugen einfach unmöglich ist, doch das macht ihr nichts aus, denn sie ist gut drauf und heute wird ein guter Abend. Das spürt sie und das findet sie gut und warum sollte sie nicht, immerhin ist es endlich ihr Kapitel. Sie stehen in einer langen Schlange vor einem Industriegebäude, das sich geschickt die „Brauerei“ nennt und mit dem Namen allerhand juvenilen Säufern das Geld aus der Tasche entlockt. Etwas neidisch sieht sie zum VVK-Eingang der mit einer minimalen Wartezeit kleine Personengruppen in die Aula einlässt; diese streifen froh ihre Mäntel und Jacken ab, zwängen ihre Schals in die Ärmel oder Taschen und tauschen Fertiges gegen eine Plakette, die während des Abends wahrscheinlich verloren gehen wird. Und sie steht hier draußen und muss sich den Arsch abfrieren; was tut man nicht alles um gut auszusehen. Die braunen Kniestrümpfe – Kneeverals? – halten ihre Beine schön warm, doch die Zentimeter zwischen Strumpf und Rock sind verfickt kalt, wirklich verfickt, verfickt kalt und weiter oben sieht es auch nicht besser aus. Ihr Schritt fühlt sich frisch an, wobei frisch das falsche Wort ist, „eingefroren“ trifft es eher und ihr Arsch wird durch diese verdammt unpraktischen Rock kaum geschützt. Sie hätte gleich bararschig kommen können und dann reibt sie ihre Hände fest an den Backen um diese zu erwärmen und widersteht der Versuchung (welch abgedroschene Floskel) mit der flachen Hand ihre Schamlippen niederzudrücken und ihre Vagina vor der Kälte zu schützen; es sehe sicherlich nicht sehr vorteilhaft aus. Aber Dr. Kill würde es gefallen, da sei sie sich sicher und so dreht sie sich um und erblickt ihn dabei, wie er sie „erblickt“ und, wer kann es ihm schön übel nehmen, sie sieht heute hinreißend aus – herbstlich, doch sie nimmt es ihm übel, allen voran, weil Dr. Kill ein Arschloch ist. Ein Arschloch mit Geschmack, dass muss man ihm lassen, aber ein Arschloch und vor allem ein oberflächliches und arrogantes und präpotentes. Eines dieser Adjektive passt immer, Dr. Kill muss nur den Mund aufmachen und heraus springt eine eloquente, jedoch herablassende und bedeutungslose Anekdote (wenn es überhaupt zu einer Anekdote reicht), die mit Sicherheit jemanden trifft und wenn es niemanden trifft und betrifft, betrifft und trifft es David. Sie dreht sich wieder um und mit ihr drehen wir uns mit, eine schwungvolle Aufnahme (die ohne Schnitt auskommt), ihr Gesicht bleibt der Mittelpunkt, doch wir sehen durch leichtes Abrücken sofort, was sie sieht: David, der vor Wolf steht und hinter Klara, die auch irgendwie mitkommen wollte, auch wenn niemand weiß wieso. David: Blazer der farblich nicht zu seiner Hose passt (Rot und Dunkelgrün) und ein schwarzes, enges T-Shirt, mit einem obskuren Bandnamen. Oder einem Witz. Sie kann es nicht erkennen, aber postmoderne T-Shirts in die Metaebene zu interpretieren waren ohnehin nie etwas, dass sie sonderlich interessiert hätte. Klara: Dicke Jacke die es verhindert, zu erkennen, was sie an hat. Wahrscheinlich den üblichen Shit, ein zu großes Shirt, einen zu großen Pullover und Hosen, die viel zu sehr an Jogginghosen erinnern. Aber okay; vielleicht ist es ein Style, vielleicht ist sie einfach faul, vielleicht ist es ihr einfach egal, einfach so verdammt egal und das macht Klara beinahe wieder beneidenswert. Beinahe. Ach und dann Wolf: er tanzt. Das ist wichtiger, findet sie, als alles andere, Wolf tanzt und sie weiß nicht ob es der Roboter ist, die Marionette, der T-Rex (if you don’t know, what the T-Rex is, just use your imagination), der Pantomime oder alles auf einmal, verschmolzen zu einer bemerkenswert konsequenten Choreographie, aber was es auch ist, es macht ihr Spaß und sie muss etwas mit wippen, subtil, es sehe sicherlich unvorteilhaft aus, wenn sie zu sehr mit wippt. Play it cool. Wolf trägt wie üblich seinen grauen Gehrock und Mode-verachtend, wie er wahrscheinlich ist, einen herrlich unpassenden Hoodie darunter, aus dessen Beuteltaschen (sofern man diese so nennt) er ständig wundersames Zeugs herausholt. Meist ist es ein Joint, doch manchmal – manchmal ist es ein Lipgloss. (Falls es Sie interessiert und dass muss es ja, sonst wären sie wahrscheinlich schon ausgestiegen, also haben Sie entweder viel Zeit oder ja, whatever, egal: Wolf wurde mal gefragt, warum er den Lipgloss mit hat und darauf hat er geantwortet: „Irgendwer wird mir heute noch den Schwanz lutschen und diese Person soll das bitte mit Stil machen.“ Ja, soviel dazu.) Wenn das Licht gut fällt, sieht Wolf sogar richtig gut aus: er bleibt stehen, die Scheinwerfer der „Brauerei“ prallen an ihm ab und der kalte Wind lässt seine ungekämmte Right-out-of-Bed-Frisur (die den Namen nicht umsonst trägt) erzittern, sein Gehrock weht um ihm umher und der gedämpfte Lärm, der anstehende Abend, der ein guter wird, das weiß sie, umhüllt Wolf mit einer fast royalen Aura und er erscheint trotz abgefuckter Jeans und löchrigen Stiefeln „ritterlich“ und „heldenhaft“. Sie sieht sich Wolf an, seinen Tanz, den er unterbricht und wie er gegen den Willen seiner Compagnions den Joint weiterraucht, bis dieser ihm weggenommen und ausgedämpft wird, Wolf wie er sich dann in einem Moment der Ruhe – bekiffte Ruhe – eine Zigarette anzündet, die er natürlich vorhin von David oder Klara geschnorrt hat und sie dann in tiefen Zügen raucht, und Raphaela – endlich bin ich mit dem Namen rausgerückt, aber hey, es ist immerhin ihr Kapitel, also hätten Sie sich das auch schon denken können – sieht ihn eine Ewigkeit an (den eine Ewigkeit ist immer solange ich es sage und dieses Mal ist es nicht sehr lang), bis Wolf dann ihren Blick spürt, wie immer, wie jedes Mal (und jedes Mal ist wirklich jedes Mal, wenn sie ihn eine Ewigkeit ansieht) und er erwidert ihren Blick, wie immer, wie jedes Mal: nicht wie man es eigentlich von Wolf erwarten würde. Sie hat Wolf ja eigentlich wirklich gern, auch wenn das niemand außer den beiden weiß oder glauben würde und sie weiß, dass ihre ruhige Art oft als herabwürdigend, eingebildet oder erhaben interpretiert wird, doch eigentlich – eigentlich ist immer – ist es doch nur die übliche Schüchternheit und die Angst in etwas zu steigen, dass sich nicht mehr leicht abwaschen lässt. Fettnäpfchen aus Teer und Federn. Und da es jeder kennt, jeder weiß und jeder nachvollziehen kann, es so offensichtlich an der Oberfläche liegt und ihre Fassade so durchsichtig wie ihre Strickweste ist, hat es auch keinen Sinn darüber zu berichten und zu reden und so lässt Raphaela ihren Mund einfach geschlossen, ihre Zunge ruhen und ihre Gedanken auf Standby und sieht sich dann doch lieber Wolf beim tanzen an. Und wenn dieser sie sieht, erwidert er ihren Blick mit einem bewussten Augenaufschlag, ein kurzes Nicken und das Lächeln, welches jemand vielleicht mal über alles lieben wird. Doch heute nicht; Raphaela würde weder heute noch ein ander Mal für dieses Lächeln morden und so lächelt sie ebenso ehrlich und erfreut zurück dreht sich wieder zu Dr. Kill um, der sie mittlerweile wohl bis auf den BH (dessen Träger sichtbar über ihre Schultern ragen; samtimitierender Look, sexy as fuck) und die Panties ausgezogen hat – obwohl in seiner Vorstellung trägt sie wahrscheinlich einen String. Raphaela seufzt und Dr. Kill beäugt sie lässig – sofern man das heute noch so sagt; lässig – und etwas von oben herab, wie man es eben von Dr. Kill gewohnt ist. Er wird heute noch versuchen beim Tanzen seine Hände auf ihre Hüften zu legen und geschickt, wie er glaubt, dass er ist, probieren, wie weit er kommt; mal schauen, denkt sie sich, aber ohne MDNA läuft heute ohnehin nichts. Apropos, sieht sie kurz zu Wolf, wir schwenken mit, Wolf ist jetzt in ein lautes Wortgefecht mit einer ihr unbekannten Person verwickelt und dann blickt sie wieder zurück (wir blicken mit) und Dr. Kill lächelt immer noch süffisant und steht lässig – ah, die Jugend von heute, immer so lässig – und gut gekleidet vor Raphaela und beide wissen, dass er jetzt etwas Nettes sagen sollte, etwas Originelles, Ansprechendes, doch beide wissen, dass ihm nichts einfällt. Eine Flasche zerbricht im Off und Wolfs laute Stimme weicht einem Winseln. Dr. Kill versucht an Raphaela vorbei zu sehen, doch diese will es nun wissen, will wissen, was dieses Arschloch eigentlich zu sagen hat, wenn es nicht weiß, was es zu sagen hat. Und so versperrt sie ihm den Blick und bringt ihn damit letztendlich um. Aber nicht heute.
Und eigentlich gar nicht. Und überhaupt: Dr. Kill lässt sich nicht von ihr irritieren und schiebt sie bei Seite, Raphaela spürt die kalte Hand auf ihren Arm und augenblicklich wird ihr noch kälter und sie blickt wie immer nach unten. Sie will den Mund öffnen und sagen – doch bevor ein Doppelpunkt geschrieben werden kann, wird sie von einem Körper umgeworfen. 

„Oh Fuck, Gott, sorry, es tut mir furchtbar Leid.“ David wirkt etwas – aufgeregt. Findet sie. Und außerdem findet sie, dass er auch allerhand Grund dazu hat, aufgeregt zu sein, immerhin liegt er in der Position, in der er sicher schon länger liegen wollte, auf ihr, Brust an Brust, Atem an Atem und ihr Blick scheint zu freundlich zu sein, den David wirkt perplex und erheben will er sich auch nicht; also er nicht, aber er sich schon. (Yay, dirty pun time!)
„Schon ok.“ Ist das unverfänglichste was ihr einfällt und das sagt sie dann auch. Und: „Könntest du jetzt bitte.“ Punkt punkt punkt. David rappelt sich auf, nervös und dann dreht er sich schnell weg nur um sich wieder umzudrehen und ihr die Hand zu reichen und er spürt etwas Unangenehmes in der Brustgegend (auch).
„Danke“, sagt Raphaela und David zuckt unbeholfen mit den Schultern, kratzt sich am Kopf und tut so, als ob nichts gewesen sei. Seine Aufmerksamkeit gilt jedoch nicht lange Raphaela und er dreht sich wieder um um den Trubel seinen Beistand zu leisten.
„Friss den Lipgloss!“ hören wir noch, bis sich unser Blick auf Raphaelas Gesicht konzentriert, wir näher an sie herangehen und alles rund um sie verschwindet. Der Ton wir dumpf und die Lichter verschwimmen, alles was zählt ist in den Augen dieser jungen Frau; mit Lidschatten umrundet, gepolstert von rougebestäubten Wangen, spiegeln sich in ihren Augen Lichter und Schatten, große Dramen spielen sich ab und Helden ziehen an ihr vorbei, oder so fühlt es sich für sie an. Und deswegen fühlt es sich auch für uns so an. Oder auch nicht. Eigentlich nicht.
Eigentlich nie.

Und als wir sie so ansehen, schließen sich ihre Augen und in Zeitlupe drängt sich ihr der Aufschlag ihrer Lider vor. Ihre Augen sind glasig, ihre Pupillen geweitet, tief in der Ferne ihrer Seele spiegelt sich das Geschehen ab und es ist so unbedeutend und sinnlos, so treffend für die Gruppe von Menschen, der sie beiwohnen darf und die sie nie vergessen lassen werden, dass egal wie langweilig der Shit ist, ihrer, Raphaelas Shit ist langweiliger, unbedeutender und sinnloser.

„Fuck that“, sagt sie dann und legt die dritte Person ab. Nebenfigur kann ich alleine auch sein.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: