Rhododendron Eins/Sechs: Foreshadowing!

Die Tage waren in letzter Zeit alle grau, doch es schien niemanden aufzufallen, außer vielleicht Dr. Kill und mir. Wolf blickt gedankenverloren durch den vorbeiziehenden Regen, der an der Fensterscheibe der Straßenbahn seinen Bahnen zieht. „Der Regen sind die Risse in meiner Realität“, möchte ich sagen, doch es kommt mir kitschig vor und Wolf würde es wahrscheinlich abschätzig kommentieren, also lasse ich es (obwohl es mir natürlich gefällt, doch es gibt einen Raum und eine Zeit für alles und beides wird von Wolfs Gegenwart aufgehoben und vereinnahmt). Wir sagen nichts auf den Weg in das Ungewissen, also in mein Ungewissen, denn Wolf hat wie immer einen Plan. Er scheint guter Dinge zu sein, ab und an blickt er mich verstohlen an und schenkt mir dann ein bedeutungsschwangeres Grinsen (die Bedeutung kann ich wie gesagt nur erahnen, ebenso ob sein typisch wolf’sches Grimassenschneiden einer Bedeutung entspringt, ich hoffe es zumindest, denn so würden wir nur sinnlos in der Gegend herumfahren und ich hätte Sie mit dem Wort „bedeutungsschwanger“ gerade angelogen und beides ist mir zuwider). Ich möchte ihn fragen, ob wir bald da sind, doch auch das kommt mir unpassend vor und wie immer traue ich mich einfach nicht. Außerdem hat die Resignation bereits eingesetzt und ich merke wie es für meine Umwelt immer leichter wird, mich zu kommandieren und zu steuern. Nicht, dass Sie dies mit Akzeptanz verwechseln: ich habe mein Schicksal nicht akzeptiert, ich habe Wolf nicht akzeptiert und schon gar nicht die Bedeutung des Wortes „Schicksal“ und dessen Nachhall, aber ich bin einfach müde. Als ich gestern Dr. Kill nicht finden konnte, habe ich mich auf die Couch gesetzt und gewartet und letzten Endes hat dann auch Wolf angerufen und mir die Entscheidung abgenommen, die ich ohnehin nicht akzeptiert hätte. Also kommt es, wie es kommt und ich werde wie ein Schachfigur herum geschoben, ohne eigene Motivation und ohne Gegenwehr, aber Akzeptanz? Fick dich. Niemals. Irrelevanz vielleicht. Dadurch kann ich sicherlich mehr erreichen.
Die Tür öffnet sich und Wolf zieht mich am Ärmel, als ich gerade versuche zu entziffern, ob ich eher ein Läufer oder doch nur ein normaler Bauer bin (lange dachte ich, dass Wolf ein Turm sei, doch mittlerweile bin ich mir sicher, dass er der König ist).
„Wir sind da“, sage ich.
„Sherlock“, er schnippt mit dem Finger vor meinem Gesicht: „What the shit ist in deinem Hirn wieder los?“
„Wenn das ganze hier ein Schachfeld ist und wir gegen… du weist schon“, sage ich während ich Wolf folge, der mir zwei kleine Schritte vorauseilt.
„Voldemort?“
„Ah, come on, Wolf. Dem Schreiber.“
„Ich weiß. Ich nenne ihn Writer.“
„Das ist das selbe, nur dass ich nicht einen auf cool mache.“
„Wer macht einen auf cool?“, sagt Wolf und zündet sich eine Zigarette mit Streichhölzern an. Es gelingt ihm trotz Nieselregen und Wind beim ersten Versuch.
„Du. Und deine Anglizismen. Und deine Drogensucht. Das ist kein gutes Vorbild für die Kinder.“
„Ah, jahrelange Lügen, dass Drogen nicht cool seien, da könntest sogar du dagegenhalten. Es handelt sich dabei um ein äußerst fragiles Gestell. Außerdem ist das keine Geschichte für Kinder. This is not an EMINEM-Song.“
„Aha.“
„Du musst nicht alles verstehen, Davy Boy.“
„Hör auf mich so zu nennen, echt. Und ja, ich hab’s kapiert, Eminem ist Kindermusik.“
„So in der Art. Aber egal. Willst du nicht wissen, wohin wir eigentlich gehen?“
„Es ist mir egal. Außerdem hast du doch gesagt, es soll eine Überraschung werden, nicht?“
„Und dass reicht dir, mich nicht zu nerven?“
„Fick dich, Wolf. Hätte ich dich gefragt, hätte ich ja kaum eine Antwort bekommen. Oder du wärst davongeflogen und ich komm‘ drauf, dass wir in meiner Wohnung sind – noch immer – und ich – schon wieder – LSD im Cocktail hatte.“
„Erstens: wir sind nie in deiner Wohnung. Ich weiß zwar auch nicht warum, aber irgendwie treffen wir uns immer bei Dr. Kill. Und Zweitens: Wolftails.“
„Jaja, Wolftails.“
„Und nein.“
„Was nein?“
„Wir spielen kein Schachspiel gegen Writer.“
„Ich hab ja auch nur gemeint, wenn. Und eigentlich war das ja auch mehr eine, äh, Metapher. Du weist schon, wie eine Figur auf dem Spielfeld verrückt werden.
„Oho, ein Wortwitz. Davy, du bist ja heute voll in Fahrt. Und nein. Dafür ist Writer zu blöd.“
„Also sind wir keine Figuren, die er nach belieben versetzt und -“
„Ja, nein. Ich meinte auch nicht, dass er zu blöd für Schach ist, sondern zu blöd für eine richtige Metapher. Schach, ts. Was kommt als Nächstes? Unheilvolles foreshadowing?“
„Anglizismen, Wolf“, sage ich und dabei fuchtle ich genervt mit den Händen vor mich her. Ich hasse es, wenn er Wörter benutzt, die nur er kennt.
„Äh, wie heißt das noch. Vorausahnen? Wenn etwas durch, was weiß ich, Symbole angedeutet wird.“
„Du meinst LOST.“
„Mann, hör doch auf mit fucking LOST. Dr. Kill hätt‘ dir die Serie nie borgen dürfen. Aber ich geh‘ mal davon aus, dass das in deinem Hirn schon so stimmen wird. Ja, Davy, wie LOST. Übrigens“, er zeigt mit dem Finger auf ein Schild, „wir sind da.“
Ich lese die verblichene Inschrift auf dem Schild: The Cave. Bar & Café. Daneben steht in den für diese Stadt typischen Lettern die Hausnummer: 13.
Ich sehe Wolf mit dem sag-einmal-willst-du-mich-verarschen-Blick an.
„Um in deiner Sprache zu bleiben: seriously?“
„Nett, nicht war?“, er grinst mir schelmisch (also wie immer, aber ich weiß ja nicht wie gut Sie aufpassen) zu: „Aber sag’s nicht weiter. Wenn man zu sehr darauf herumhackt, ist es nicht mehr subtil genug.“
„Wie kann das schon subtil sein.“
„You know my drift.“
„Nein, Wolf, eigentlich nicht.“
„That’s my drift.“
„Aha.“
Wolf stößt die Tür auf und ich hätte wetten können, dass wir außerhalb der Öffnungszeiten in das Café eintreten. Doch.
Kurz frage ich mich, woher Wolf solche Orte kennt – aber eigentlich.
„Guten Morgen, allerseits!“, ruft Wolf in das Dunkle hinein und ich erwarte ein Echo. Die Luft steht und teilt sich den Raum mit etwas zu viel Zigarettenrauch, das Licht ist verbraucht, alt und gefangen – ich denke an alle drei Adjektive, da sie mir alle drei gefallen – und der Geruch typisch für ein Café dieses Kalibers. Das Klientel ebenso (sofern vorhanden; es halten sich  – erkennbar – drei Leute in dem Café auf und alle drei verdienen sich wahrscheinlich den bekannten Spitznamen „Inventar“, wenn sie sich nicht gerne selbst liebevoll so nennen). Ein Husten ertönt als Antwort aufs Wolfs Gruß und ich muss erschrocken feststellen, dass es wirklich noch Vormittag ist.
„Was machen wir um eine solche Uhrzeit hier?“
„Überraschung.“
„Du bist mit mir hergekommen um zu saufen?“
„Auch. Ah, hey hey hey!“, ruft Wolf aufgeregt (so aufgeregt) und eine erstaunlich hübsche Kellnerin taucht hinter der Bar auf (immer diese erstaunlich hübschen Freundinnen von meinen Freunden, es wird langsam schon lächerlich). An ihrer Art meine ich zu erkennen, dass sie Wolf kennt (aber mich nicht, was eine Schande ist, also versuche ich mich gelassen und doch erkennenswert zu präsentieren, was mir natürlich nicht gelingt), doch der Anflug von Freude (und Erleichterung?) verfliegt uns sie entfernt sich wortlos vom Tresen, geht auf Wolf zu und verpasst Wolf eine Ohrfeige.
„Schön dich zu sehen“, murmelt er unter leichten Schmerzen aber immer noch grinsend.
„Ja klar. Das hat länger gedauert, als du gesagt hast.“
„Ich kann nichts dafür. Der da ist Schuld“ und dabei zeigt Wolf auf mich. Sie blickt mich scharf an (no pun intended) und ich weiche instinktiv zurück (dabei muss sie grinsen. Ich habe schon schlechtere erste Eindrücke hingelegt).
„Aha. David, gell?“ Sie streckt mir ihre Hand entgegen und mein Herzschlag verdoppelt sich augenblicklich.
„Oh, fuck. Kennen wir uns? Es tut mir leid, wenn, aber ich merke mir nichts, und überhaupt, nicht dass das bedeutet, dass ich mich dich nicht gemerkt hätte, äh -“
Sie verdreht die Augen aber wenigstens lächelt sie dabei. Und dann erlöst sie mich endlich: „Nein, wir kennen uns nicht. Also, du kennst mich nicht. Ich dich schon.“
„Foreshadowing!“ ruft Wolf und wirft dabei die Hände pastoral in die Luft.
„Also, was wollt ihr trinken?“, fragt die Kellnerin noch bevor ich fragen kann, was sie mit „mich kennen“ meint, oder wie ihr Name ist, oder ob ich ihre Nummer haben kann oder ob sie mich heiraten will.
„Und bevor du fragst“, und sie zählt die Antworten mit ihren Fingern ab, „Nur Geduld, Melitta (ja, wie die Filter), sicher nicht und mal schauen.“ Bei der letzten Antwort senkt sie leicht den Kopf und lächelt mir zu (?) und ich bekomme au-gen-blick-lich keine Luft.
„Mann, chill“, grinst Melitta und ich schaue sie mit großen Augen an: „Woher wusstest du, dass… ich mein, wie konntest du?“
„Sie ist eine Hexe!“, schreit Wolf und zeigt mit ausgestreckten Fingern auf Melitta.
„Ich hab‘ ja bereits gesagt, dass ich dich kenne.“ Offensichtlich soll mir das als Erklärung reichen.
„Aber – “ Niemand unterbricht mich. Ich weiß nur nicht, wie ich fortfahren soll.
„Ich weiß, was dir hilft“, sagt Wolf und ich hebe – wieder einmal instinktiv, diese ganzen Wortwiederholungen und dafür habe ich mir ein Synonymwörterbuch gekauft? – meine Hände abwehrend vor das Gesicht und zucke etwas zusammen.
„Bier.“, sagt Wolf etwas verständnislos.
„In echt ist der ja noch verstörter.“ sagt Melitta, als sie sich wieder auf den Weg zum Tresen macht. Hinter uns steht jemand auf und geht in die Richtung in der ich die Toilette annehme.
„Ah, jahrelanges psychisches Bashing. Dass der letzte Entwurf etwas drastischer ausfällt ist pure logische Konsequenz.“
Ich beginne mich langsam wieder zu fangen. Der Konsens der Situation wird mir zwar noch immer nicht bewusst, aber langsam erfahre ich etwas Realität wieder. Automatisch nehme ich ein Schluck Bier und wie Wolf es bereits sagte, es hilft. Und dann, als mein Kopf klarer wird: „Was zum Teufel – “ und ich blicke auf das Bier schiebe es weg: „Alter! Es ist noch nicht einmal Mittag!“
Melitta und Wolf tauschen schnell Blicke aus und Melitta duckt sich hinter dem Tresen und taucht gleich wieder auf: „Wein?“
Wolf nickt ihr übermotiviert zu.
„Was? Nein! Weder noch! ES – IST – NOCH – NICHT – EINMAL – MITTAG!“
„Kein Grund zu schreien“, sagt Wolf.
„Und dass mit den langen Pausen zwischen den Wörtern kannst – du – dir – gleich – ab – ge – wöh – nen“, mokiert mich Melitta.
„Ich raff gar nichts mehr“, seufze ich und dann greife ich resigniert zu meinem Bier, leere es und bestätige nickend die Option des Weins. Wolf und Melitta sehen mir belustigt zu, wie ich auch dieses leere und dann schenken die Beiden auch sich ein und stoßen an. Beide tun es mir gleich und trinken ohne abzusetzen das Bier aus, schenken sich reinen Wein ein (sprich: Melitta verpasst Wolf noch einmal eine und füllt die Gläser) und als auch diese geleert sind rülpst Melitta einmal und entschuldigt sich dann unnötig und unehrlich. Wolf zuckt mit den Schultern und ich spüre wie der Alkohol in meinen Kopf klettert. Ich blicke Melitta an und wir einigen uns wortlos auf noch ein Bier, dass wir aber zum Glück in kleineren Schlücken trinken. Ich frage etwas. Es kommt keine Antwort. Zunächst.
Und dann sagt Melitta nach einem kräftigen Schluck: „Nein, Wolf ist nicht der König.“
Und W0lf sagt mit einem tiefen Ernst in seiner Stimme: „Der König stirbt nicht.“

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