Rhododendron 8/Eins: Das Aussetzen eines Geräusches

Ich weiß nicht wie alt meine Seele ist, doch sie ist älter als, die der meisten. Als Kind las ich mal eine Geschichte in einer Geschichte, darüber dass es auf unserer Welt nur begrenzt Seelen gibt. Dies führt auch dazu, dass es Menschen gibt, die ohne Seele geboren werden und dass machte mir damals unglaubliche Angst. Es war bedrückend zu wissen, dass ich es vielleicht nur knapp geschafft hatte eine Seele zu erhalten, eine Millisekunde später und ich hätte zu der Gruppe von Menschen gehört, die ohne Leben in ihren Augen durch unsere Welt wandeln. Sie können diese Geschichte natürlich nachlesen, ich erfinde hier nicht nur Sachen. Oft, aber nicht immer. Es handelt sich bei der Geschichte um eine Passage aus Jostein Garders „Der Geschichtenverkäufer“ und wenn Sie wissen, worum es in dem Buch geht, haben sie vielleicht eine Ahnung, worum es hier geht. Oder sie verstehen wenigstens den geschickten Seitenhieb. Vielleicht wiederholt sich ja auch alles und diese Geschichte, die sich mir damals in meinen Kopf festgesetzt hatte, wie ein boshafter Ohrwurm, stellt sich eines Tages als falsche Erinnerung heraus und in Wirklichkeit dachte ich nie, dass andere Menschen keine Seele besitzen können, oder besser: ich dachte nie, dass sie eine Seele besitzen können. Vielleicht habe ich das Buch von Jostein Gaarder auch erst Jahre später gelesen und mein Leben um eben jenes Kapitel herumgespinnt: im Nachhinein bemerkte ich, dass das doch gut zu mir passt, zu meiner Lebensweise und Denkweise, zu dem, was zu diesem Leben gehört und was ich davon erwarte und ich bin zu romantisch um mir diese Anekdote nicht anzudichten. Es ist immerhin das einzige was ich kann.

Das Trauma begann an einem heißen Tag. Er vergisst das aus welchen Grund immer, wir oft ich ihn auch daran zu erinnern versuche. Aber es war unglaublich heiß. Die Holzplatten des Dachbodens wölbten sich unter der Hitze und als ich mich barfuß auf die Bretter stellte auf die den ganzen Tag die Sonne geschienen hatte, verbrannte ich mir beinahe meine Zehen. Wir spielten wie immer dieses lächerliche Spiel, ein Spiel für Kinder und ich wusste, dass er mich hier nicht finden würde, weil er mich hier nicht finden wollte. Und ich wollte auch nicht gefunden werden. Ein seltsamer Kreis, unförmig, sehen Sie? Aber man kann sich überall seinen Anfang herauspicken und von dort an dann die Linie zeichnen. Ich will nicht gefunden werden, er will mich nicht dort finden, und so weiter und sofort. Doch da es auf einen Dachboden sehr heiß werden kann, begann ich aus einem Spaß heraus, einen Liebesbrief zu verfassen. Er war in einer lächerlichen Sprache, gerade für mein Alter, vergessen Sie jedoch dabei nicht, was ich Ihnen am Anfang dieses Textes gesagt habe. Er war lächerlich aus einem weiteren Grund, er bestand zum Großteil aus Floskeln, dich ich aus Büchern kannte und war wild zusammengewürfelt, eher ein Versuch eines Briefes und zum aller Lächerlichkeit war er auch noch an David gerichtet: es war nicht, dass ich in David verliebt war oder mich zu ihm hingezogen fühlte, ich schätzte seine Anwesenheit, auch wenn er mir manchmal etwas zu nervös erschien. Doch ich mochte ihn, vielleicht auch so sehr, dass ich ihm einen Brief schreiben würde, nur nicht so einen kitschigen und verschwitzen. Und dann, als ich es nicht mehr gedacht hatte, ächzte die Tür auf, nur einen Spalt breit und ein Gesicht lugte hervor, verängstigt von einem viel zu sanften Trauma, einer viel zu schwachen Narbe, die dem kleinen Jungen damals viel zu viel Schreck versetzt hatte, als es eigentlich notwendig gewesen wäre. Doch bekanntlich kann ja niemand etwas für seine Gefühle und schon gar nicht für seine Ängste, doch das hieß nicht, dass ich mich zu ihm herunter beugen würde um ihm auf zu helfen. Er war an der Reihe.

Und so kam es, dass er mich an die Hand nahm und aus dem heißen Ort seines Unheils führte. Ich wusste genau, dass es nicht der Dachboden war, der David Angst einjagte, nicht das morsche Holz und der verbrauchte Geruch, der durch die Hitze noch beißender geworden war. Es waren vielleicht Erinnerungen an seine Angst, aber nicht Auslöser, denn was er fürchtete war ein Geräusch. Ein schweres Klicken das Einsamkeit bedeutet. Ich hatte das schwere Klicken vernommen, als ich aus dem Zimmer meiner Mutter stieg, die mich mit einem lautem Atemzug verfluchte. Ich hatte das schwere Klicken vernommen, als mein Vater begann, mich nicht anzusehen. Ein Klicken, soviel reicht um Unheil auszulösen, Albträume auferstehen zu lassen und Schlechtes in die Welt zu lassen. Eine Maschine des Todes, werde ich später dazu sagen und die Leute werden mich belustigt ansehen, doch ich habe meine Gründe, für jedes einzelne Wort, dass ich schreibe, für jeden Satz den ich spreche. Ich hielt David am Handgelenk und seine Gesicht wurde rot, mir blieb nichts anderes übrig, als ihn auszulachen, denn ich verstand seine Angst nicht (und mir bleibt auch heute nichts anderes über als zu lachen, denn ich verstehe sie immer noch nicht). Als ich ihn dann zu mir zog und leicht auf den Mund küsste, fühlte ich, wie sein Atem stockte, als die Tür mit einem schweren Klicken ins Schloss fällt und ich bemerkte damals, dass er mir meine Angst nicht stehlen kann, so wenig wie ich ihm seine. Doch ich konnte ihn dazu zwingen.

Manchmal reicht das Aussetzen eines Klicken dazu aus, das Unheil auszulösen. Heute drücke ich jedes Mal wenn ich den Geschirrspüler einschalte die Tür ein weiteres Mal fest zu um mich zu vergewissern, dass sie auch wirklich eingerastet ist. Manchmal klickt es und mich umwebt ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Doch meistens bleibt das Klicken aus und ich lasse die Hand noch einige Sekunden auf dem kalten Chromgriff, bis ich mich dann doch dazu entscheide, sie noch mal zu öffnen und zu schließen, so dass ich es hören kann. Dann gehe ich zu jeder Tür und schließe sie fest, überzeuge mich noch mal von dem Geräusch und davon dass es da ist. Als meine Mutter damals einen Schritt zu viel machte und über die offene Lade des Geschirrspüler stolperte, war ich mir auch sicher, das Geräusch vernommen zu haben. Aber wie gesagt, vielleicht habe ich das auch erfunden.

Meine Mutter verlor an diesem Tag ihre Seele. Sie wanderte mit der Fähigkeit zu sprechen, zu gehen, sich zu waschen oder zu ernähren einfach in den nächsten Körper und ich weiß nicht wie alt die Seele meiner Mutter damals war, aber in diesem Leben wurde sie nicht älter. Ich fühlte mich seither immer alt und das ist etwas, dass ich nicht erfinden kann, mir nicht im nachhinein nachgesagt habe, wie einen schlechten Ruf, den man nur all zu gerne pflegt um so die Aufmerksamkeit auf sich zu richten, sondern es war das Bewusstsein, dass mich von da an immer begleitet hatte. Mein Vater wagte es mich nicht anzusehen und lange dachte ich, dass es die Schuld sei, die ihn daran hinderte; sie stand mir ins Gesicht geschrieben beziehungsweise er wollte sie dort lesen.

Später, viele Jahre, als wir uns nur noch zum Essen trafen und nie in einer Stadt, in der wir wohnten oder uns heimisch fühlten, sagt mein Vater mir, dass ich mich sehr verändert hätte, doch dass er mir noch immer nicht ganz in die Augen sehen könne.
„Sie sind alt. Sie waren immer schon so alt.“
„Wie meinst du das?“
„Seit dem deine Mutter-“
Niemand unterbricht ihn.
„Als sie den Unfall hatte, warst du noch so klein. Dein Gesicht war voller Angst, du wolltest wissen, wann sie endlich wieder gehen kann.“
„Daran kann ich  mich nicht erinnern.“
„Das wundert mich ein bisschen.“
Ein Kellner stellt unsere Mahlzeit ab, wir beginnen zu essen.
„Ich habe dich auf das Bett deiner Mutter gesetzt und dich angesehen und dir dann gesagt, dass sie wahrscheinlich nie mehr gehen kann und“ – er steckt sich eine volle Gabel grünen Salat in den Mund, ein bisschen Marinade klebt an seinem Kinn.
„Du hast geweint. Bist davon gelaufen. Also nicht wirklich davon, ich wusste ja, dass du immer zu David gerannt bist. Ah, wie geht’s dem eigentlich?“
„Weiß ich nicht. Hab‘ ihn schon lange nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich beschissen, so wie ich ihn kenne. Was hat das ganze mit meinen Augen zu tun?“
„Ja, klar. Als du dann zurück kamst sahst du ganz anders aus. So“, er blickt auf und nimmt einen Schluck Rotwein, „- oh, der ist gut. Na, so wie du heute aussiehst.“
„Aha.“
Wir konzentrieren uns auf das Essen, doch ich lege bald das Besteck zur Seite und frage ihn noch mal.
„Ich dachte ich sehe jetzt anders aus als früher. Du hast vorhin gemeint, ich hätte mich ja so verändert.“
Er lächelt und das kommt nicht oft vor. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Moment mehr wertschätzen sollte.
„Du siehst anders aus. Nur deine Augen nicht. Als wärst du nachdem du von David“, bei seinem Namen wedelt er mit seiner Gabel herum, „zurückgekommen bist, ja, hä, erwachsen geworden.“ Er sieht mich plötzlich skeptisch an.
„Verstecken gespielt, bevor du fragst“, sage ich, doch ich kann mich nicht zu einem süffisanten Grinsen durchringen.
„Ah ja.“
Und als er das sagt, musste ich doch Grinsen, ein Grinsen, dass man mir schwer aus dem Gesicht wischen kann. Hat man mir zumindest gesagt, oder vielleicht habe ich das auch erfunden.

Zu Hause setze öffne ich die Flasche Rotwein, die ich aus dem Restaurant mitgehen haben lassen (Mein Vater hat den Kopf geschüttelt, mich aber gedeckt und den Kellner gekonnt abgelenkt, als ich mich zum Ausgang bewegte). Ich sitze eine Zeit land in meiner Küche starre alle möglichen Utensilien an, die beim Schließen ein Geräusch machen und dann stehe ich auf, gehe zu meiner Kommode im Schlafzimmer. In der untersten finde ich endlich einen Block und einen dazugehörigen Kugelschreiber (ein Werbegeschenk, es ist meiner nicht würdig). Ich setze mich aufs Bett, Stadtlärm fließt leise durch die Rillen in den Wänden und in der Wohnung über mir höre ich jemanden stöhnen, ich beiße mir auf die Lippen und dann schreibe ich einen Brief.

 

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