Rhododendron Eins/Sieben: Erste Sätze

Es ist noch nicht einmal dunkel und ich bin total hinüber und verliebt. Die Fensterscheiben lassen keine Blicke in das Innere des Lokals durch, doch nach außen hin ist alles offen. Wolf sitzt mit dem Rücken gewand zu uns und tut dabei so, als würde er in Gedanken versunken in die graue Welt hinaus starren, doch wir wissen, dass er versucht seinen Schluckauf zu unterdrücken. Seine Lippen müssen angestrengt aneinander gepresst sein, ab und an zucken seine Schultern. Es hat aufgehört zu regnen und graue Nebelwände schieben sich durch die Straßen. Oh Gott, es ist noch nicht einmal dunkel.
Und natürlich  bin ich um diese Uhrzeit bereits verliebt. Womöglich mögen die Beteiligten und auch Sie (und ja, auch ich, aber es zählt doch immerhin der Moment, oder? Capre Diem, Motherfucker!) behaupten, es liege am erhöhten Alkoholspiegel, aber ich vergewissere Ihnen (und mir und ihr vielleicht auch noch, kommt darauf an, wie viel Schnäpse ich heute noch trinken werde: 1x Ganz sicher nicht! 2x Sicher nicht! 3x Wohl kaum. 4x Ich kenne ein Hotel, eigentlich ist es kein Hotel sondern die Wohnung eines Freundes, der seit Tagen nicht mehr zu Hause war und ich bin sicher, er hat nichts dagegen. 5x Du bist so unglaublich schön und – weil ohne den geht es sicher nicht – 6x ich liebe dich über alles. Verstehst du mich? Heirate mich! Entschuldige mich… 7x Weil der Geschmack von Erbrochenen sich immer noch am besten mit einen finalen prekomatösen Schnaps wegwischen lässt), dass ich wirklich verliebt bin und unzählig gute Gründe dafür habe. Drei und die sind gut, Gott, ja.
Die neue Liebe meines trunkenen Lebens sitzt mir gegenüber und hat schon länger nicht gesagt und wir beide machen uns nichts aus erzwungener Stille, deswegen tun wir so, als ob das berüchtigte Pulp-Fiction-Schweigen, der Laut, der keiner ist zwischen zwei Menschen, die sich ja so gut verstehen, auch bei uns vorhanden ist, hauptsächlich weil ich andauernd abschweife und mir die Gäste noch mal genauer anschaue und zweitens weil sie, nachdem sich Wolf abgewendet hat ein kleines Notizbuch herausgeholt hat, in dem sie angestrengt, ja, Notizen macht. Wahrscheinlich. Ich erkennen nicht und traue mich auch nicht wirklich hinein zu blicken, es müssen wichtige Notizen sein, wenn sie diese jetzt notieren muss.
„Was?“
Ich kann mich nicht erinnern etwas gesagt zu haben.
„Was?“, frage ich zurück.
„Stört es dich etwa, wenn ich schreibe?“ Sie klappt ihr Heft zu. Irgendwo habe ich es schon mal gesehen.
„Was? Oh Gott, nein, nein, bitte, ich meine, nein. Was?“
Wolf kommentiert das Geschehen mit einem weitern Schluckauf-Geräusch (wie auch immer man so etwas nennen mag).
„Du hast gesagt, ich zitiere“, und dabei richtet sie sich eine imaginäre Brille, oh, wo ist der Schnaps, der mir den Mut bringt , „ähem, es müssen sehr wichtige Notizen, sein, wenn – “
„Ja, äh. Klar. Stimmt. Und?“
„Und was?“
„Was und!“, eine Stimme aus dem Off die dem Wolf gehört.
„Halt dein Maul und hol uns Bier!“, schreit Melitta ihn an und wirft ihm dem Kugelschreiber gegen den Hinterkopf. Er murmelt etwas vor sich hin und dann steht er träge auf und macht sich auf den Weg zum Tresen.
„So, siehst du? Kein Stift mehr, keine Schreiberei … mehr“, beim letzten Teil des Satz musste sie ein biermanövriertes Rülpsen unterdrücken.
„Oh nein, das hast du voll missverstanden. Ich war voll nicht“, (Voll? Voll von Worten, doch dir fällt nur voll ein?), ich räuspere mich und versuche ein comicesques „Ähem“ zustande zu bringen, so wie es sie vorhin gemacht hat, doch es klingt total beschissen, „ähem – fuck – egal, ich war nicht.“ Und dann schließe ich mein Pladoyer mit einer Tja-Handbewegung.
„Ah, du warst nicht“ und sie macht mich nach.
„Ja. Ich wusste dass du mich verstehst.“
„Oh Mann.“, doch sie lächelt, als sie mich abfällig betrachtet. Vielleicht liebt sie mich ja auch, aus Mitleid. Solange ich nicht weiter weiß, werde ich es so probieren.
„Also, was waren die wichtigen Notizen jetzt?“
„Fühlst du dich jetzt schuldig, weil du mich beim Schreiben gestört hast, weil du dich beim Schreiben gestört hast? Äh, ich meine gefühlt hast?“
„Ich habe dich nicht gefühlt!“, rufe ich abwährend und recke meine Arme in die Höhe. Sie wird rot, was mir unpassend erscheint, aber es ist ja nicht meine Entscheidung.
„Was, oh, David, nein.“ (Oh, David. Bitte noch mal. Bitte.) Ich senke meine Arme, fragenden Blickes.
„Wir fühlen – ich. Egal. Semantics.“
„Ja, Semantics„, sage ich, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, was es zu bedeuten hat. Sie dreht sich um und ich imitiere einen Hammer, mit dem ich mir auf meinen dummen Kopf schlage, bis sie sich umdreht und ich sie lächelnd ansehe (als ob nichts gewesen wäre, fällt mir dazu ein, doch es ist unnötig, es zu erwähnen, das versteht sich doch von selbst).
„Das Bier braucht wohl noch eine Weile“, sage ich und mein Statement wird durch das Scheppern von Metall perfekt untermalt.
„Ja, und das Wetter ist auch scheiße“, sagt sie und ich kann erkennen, wie sie standhaft versucht ihre Augen nicht zu verdrehen. Doch sie gibt nach und schließt ihre Lider, wenigstens besitzt sie den Anstand es nicht direkt vor mir zu tun. Also doch, direkt vor mir, ja, aber nicht so offensichtlich. Gut, offensichtlich, aber wenigstens – und dann dämmert mir, dass ich total verarscht werde und ein kleiner Stich wandert von meiner Brust langsam in meinen Magen.
„Sag einmal, verarscht du mich?“, sagt sie und ich habe nicht den geringsten Schimmer, worauf sie Bezug nimmt. Überhaupt versuche ich gerade nicht in Tränen auszubrechen, insofern kann ich leider nicht genau darauf achten, was Melitta mit ihrer Aussage meint.
„Wie bitte?“ und ich muss dabei schlucken.
„Du hast mich angesehen und dann die Augen verdreht.“
„Habe ich?“
„Ja und du hast es un – (Rülpsalarm) – glaublich provokant gemacht. Direkt in mein Gesicht. Mach doch wenigstens die Augen dabei zu.“
„Ich – was? Nein, du!“
„Führt dieses Gespräch noch zu etwas? Oder soll ich kommen und einen nach den anderen ran nehmen, so dass endlich mal was passiert!“, ruft Wolf unter einem Haufen Geschirr, der ihn zuvor zu Boden gestreckt hat, hervor.
„Ich warte noch immer auf mein Bier du billige Nutte!“, schreit Melitta ohne sich in seine Richtung zu wenden. „Glaubst du das gibt’s umsonst? Du little bitch, muss ich rüber kommen, und dir deinen Job erklären?“ Melitta ist so aggressiv und laut, dass ich den Witz, die Ironie die sich hinter jedem Gespräch, hinter jeder Beleidigung und jeder Textzeile versteckt kaum noch erkennen kann. Wolf antwortet mit einem müden Schluckauf.
„Sorry. Du weist ja – Geschäfte.“ Und dabei wedelt sie mit einer imaginären Zigarre herum. Ich muss lachen.
„Na, wenigstens das. Ich hab‘ schon gedacht, du stirbst mir hier vor Traurigkeit weg.“
„Du bist betrunken, was weist du schon“, sage ich, beleidigter als ich es eigentlich wollte.
„Ich bin immer betrunken, ich weiß betrunken mehr, als ich nüchtern weiß. Und mehr als du nüchtern weißt. Weißt du?“
„Was? Äh, ich meine, nein?“, ich habe keine Ahnung, was ich sagen soll, Melitta macht mich nervös mit ihrer bezaubernden, ständig aggressiven Art.
„Nichts da, nein. Ich hab gesehen, wie du total in dich zusammengesackt bist.“
Ich sage nichts, weil es nichts zu sagen gibt. Plötzlich erfüllt sich der Wunsch, hier zu verschwinden und Melitta nie wieder zu sehen. Zu vergessen.
„Zunächst als ich angefangen hab zu schreiben. Und dann, äh, ja, irgendwann vorhin. Hab‘ ich vergessen.“
„Na und? Ich bin halt kein Kind von Fröhlichkeit.“
„Ich weiß nicht, ob es das gibt.“
Eine Pfanne fliegt über den Tresen. Dahinter murmelt Wolf irgendetwas über den Zweck von Pfannen in einer Bar.
„Fröhliche Menschen?“
„Nein, den Ausdruck „Ein Kind von Fröhlichkeit“. Natürlich gibt es fröhliche Menschen! Sie mich an!“ Melitta steht auf und fliegt beinahe um, als sie eine fröhliche Pirouette hinlegt, als Beweis ihrer Fröhlichkeit, verstehen Sie?
„Wow. Unfassbar.“ Ich fühle mich müde und es ist noch nicht einmal dunkel.
„Ich weiß. Aber danke. Willst du wirklich wissen, was ich geschrieben habe?“
„Hm. Ja.“
„Ah. Come on, das wird dich aufheitern!“
Ich seufze. Ich will nicht mehr wissen, was Melitta geschrieben hat, ich will nicht mehr mit Wolf zu Mittags in Bars versumpfen, ich will mir keine Sorgen um Dr. Kill machen und ich will endlich wieder einmal nach Hause und ich will, dass mir endlich jemand sagt, wo das ist. Und dass das alles hier aufhört.
„Schau. Es sind erste Sätze.“ Sie rückt mit dem Sessel zu mir und als sie das Notizbuch aufschlägt berühren sich unsere Oberarme. In meinem Bauch breitet sich ein mulmiges Gefühl aus, der Stich wird zur Seite gerückt und ich entwickle plötzliche Neugierde für den Inhalt des Heftes. (Irgendwoher.)
„Den habe ich geschrieben kurz bevor du und die Nutte da aufgetaucht seit. Ich schreibe am liebsten Abends.“
Zwei Dinge: Es ist noch immer Vormittag, aber ich gehe davon aus, dass sie das weiß und a) entweder schon sehr lang wach ist oder b) sie es als Scherz am Rande gemeint hat. Wie auch immer, ich reagiere nicht darauf. Zweitens: Wolf ist Melittas Nutte. Ich weiß aber nicht wieso. Ich sollte dem auf den Grund gehen. Vielleicht verrät Melitta mir ihr Geheimnis und ich kann Wolf zu meiner Nutte machen.
„Und?“, fragt Melitta.
„Und was?“, frage ich zurück.
„Was und!“, ruft Wolf aus dem Off.
„Halt dein Maul“, schreie ich und plötzlich ist es ruhig. Melitta schüttelt den Kopf.
„Was hast du gesagt?“, Wolfs Stimme klingt auf einmal gar nicht mehr betrunken, sondern gefährlich-
„Er hat gesagt, du sollst dein Maul halten, den Mist zusammenräumen und uns endlich die verfickten Bier bringen! Mann, kann man noch debiler sein als du? Was suchst du da hinten überhaupt?“
„Gläser!“, wieder Wolf und durch Melittas Worte wieder beruhigter.
„Wieso suchst du Gläser? Es gibt Flaschenbier! Wolf, du -“ und sie deutet mir, dass ich ihr helfen soll einen passenden Ausdruck für ihn zu finden.
„Fotze?“, sage ich.
Sie starrt mich an und schüttelt den Kopf.
„Du Weichschädel!“, fährt sie fort, „wir trinken die ganze Zeit aus Flaschen.“
Das Gerumpel hinter dem Tresen hört auf: „Oh.“
Und innerhalb weniger Sekunden hat jeder eine Flache Bier in der Hand.
„Also, worum geht’s?“
„Ich habe David gerade gefragt, was er von meinem ersten Satz von heute Abend hält, aber er hat mir noch keine Antwort gegeben.“
„Ach, so ist das. Lass‘ mal sehen.“ Wolf nimmt das Notizbuch an sich und in seinen Händen fällt mir plötzlich ein, woher ich es kenne. Doch bevor ich den Gedanken einfangen kann, stoßt mich Melitta sanft in die Rippen: „Und? Wie findest du ihn? Irgendetwas fehlt. Glaub‘ ich. Ich weiß nicht. Ah.“
Ich kann mich nicht an den Satz erinnern, was hauptsächlich daran liegt, dass ich ihn nie gelesen habe. Ist es bereits zu spät das zuzugeben? Wird Melitta mich deswegen weniger leiden können? Weil ich ihre Sätze nicht gelesen habe? Und wieso überhaupt „erste Sätze“?
„Trocken. Aber nicht schlecht.“ Wolf klappt das Notizbuch zu (der Arsch!) und legt es vor mich hin.
„Hm.“ Sie scheint mit der Antwort zufrieden zu sein.
„Wieso erste Sätze?“, frage ich und ich bin erleichtert und richtig stolz, dass mir ein Ablenkungsmanöver eingefallen ist.
Melitta zuckt mit den Schultern: „Find‘ ich halt gut.“ Mist. Doch zum Glück holt sie aus: „Ich weiß nicht. Ich wollte schon immer schreiben, aber mir fällt nichts ein.“
„Jeder Trottel schreibt“, sagt Wolf und nimmt einen Schluck.“
„Außerdem.“, pflichtet sie ihm bei, weswegen auch immer: „Also, mir fällt nichts ein und ich wäre ohnehin zu faul für ganze Geschichten und Gedichte -“ sie macht irgendeine Geste die ich nicht gleich zu ordnen kann (Ich bin zu betrunken dafür, aber es war einleuchtend: eine Faust, die nach ein paar auf und ab Bewegungen sich abrupt öffnet). Wolf lacht: „Lyriker. Ha. Unser Writer hält sich für einen.“
Mir wird leise übel, doch ich will mir nichts anmerken lassen. Melitta bemerkt es.
„Kein angenehmes Thema?“
„Kein relevantes.“
„Ach? Er sieht das nicht so.“ Sie zeigt auf Wolf.
„Wolf hat sich etwas in den Kopf gesetzt, dass“, fuchtelnde Gesten, Stagnation in den Worten und dann gebe ich auf. Wie immer.
„Verrate mir, was du von meinen ersten Satz denkst und ich verrate dir ein Geheimnis, okay?“
Ich lasse den Kopf in den Nacken fallen und starre an die Decke. Vielleicht stürzt sie hinunter und begrabt mich. In meinem letzten Atemzug werde ich ihr meine Liebe gestehen und sie wird weinen.
„Hey. Ich weiß, dass ist schwer aber ich weiß, dass du mich magst, also, bitte. Für mich.“
„Wer sagt dass ich dich mag“ und bei diesem Satz muss Wolf kurz auflachen.
„Nun, ich kenne dich. Und außerdem bist du besoffen und hast ein paar Mal laut mit dir selber geredet, als du dachtest ich schreibe.“
„Du hast geschrieben.“
„Du hast geredet.“
„Ah, shit. Was hab‘ ich -“
„Er ist ein merkwürdiger Typ, gedankenverloren und verzweifelt“, wirft Wolf in das Gespräch.
„Hey, das war von mir!“, ruft Melitta fröhlich.
„Jup. An orignal Melitta Kalth“, und Wolf dirigiert mit seinen Fingern durch die verrauchte Luft: „Zitiert aus Nur die ersten Sätze von Melitta Kalth. 2012, Fick dich Verlag.“
„Meh. Am Ende etwas ordinär und ordinär, aber ganz gut. Danke, danke.“, Melitta steht auf und verbeugt sich. Wolf will Klatschen, lässt es aber bleiben.
„Wieso erste Sätze?“, frage ich.
„Du wiederholst dich, David.“
„Ich hab‘ noch keine Antwort bekommen. Keine die zählt.“
„So ein Blödsinn. Ich hab‘ dir schon zwei gegeben und du hast mir noch nicht einmal gesagt, was du davon hältst.“
„Ich finde es blöd.“
„Hast du ihn überhaupt gelesen?“ und auf einmal klingt Melitta nicht mehr so fröhlich.
“ Nein. Sorry. Ich meine auch nicht, das was du schreibst, ich meine, nein. Ich meine nicht wie du schreibst sondern was. Erste Sätze. Und dann?“
„Nichts dann. Wenn es eine Geschichte gäbe, die interessant genug wäre sie zu erzählen… dann würde ich sie auch nicht aufschreiben, weil ich dafür zu faul bin.“
„Und du lässt dann nach einem Satz einfach alles stehen so wie es ist und dann schreibst du den nächsten, ohne je etwas zu vollenden?“
„Nein. Manchmal ändere ich sie um, damit sie mir mehr gefallen. Und falsch: meine Sätze sind alle vollendet. Punkt. Was danach kommt, liegt nicht an mir.“
„Das ist Scheiße!“, schreie ich und stehe auf. Ich halte meine Bierflaschen fest in der Hand, am liebsten würde ich die Kraft aufwenden sie zwischen meinen Händen zu zerbrechen und mich mit den Scherben aufzuschneiden. Wolf und Melitta sehen mich mit großen Augen an und nach einer kurzen Schrecksekunde beginnen beide zu grinsen.
„Und er meint, es sei nicht relevant“, sagt Wolf.
„Tja.“
„Beruhig dich, Davy. Jeder Idiot schreibt, lass‘ dich von diesem hier nicht irritieren.“
„Hey“, Melitta nimmt noch einen Schluck und klopft Wolf auf den Hinterkopf. „Sei nett.“
„Zu dir? Wieso?“
„Zu ihm.“
„Nein.“
„Aber er hat’s echt schwer. Du musst es nicht jedem andauernd schwer machen.“
„Ich mach’s ihm nicht schwer, er ist für sich selbst verantwortlich, dass muss er endlich mal checken, anstatt sich andauernd – “
Ich lasse die Flasche auf den Tisch schnellen, doch die Hoffnung, dass sie zerbricht erfüllt sich nicht, stattdessen hüpft sie auf und spritzt den Inhalt umher.
„Fuck, Dave! What the -„, schreit Wolf, den es von uns am meisten erwischt hat. Melitta grunzt amüsiert und nickt mir zu: „Wie schön. Handlung. Aktion. Und dann auch noch deine eigene.“
„Ihr habt alle einen Knall“, sage ich und setzte die Bierflasche auf, die auf dem Tisch erbärmlich herumrollt.
„Aber wir haben Recht.“
„Vielleicht.“
„Wie geht’s dir?“
„Besser“, antworte ich, ehrlich. Und dann füge ich hinzu: „Mir würde es noch besser gehen, wenn“, ich dich auf dem Tresen ficken könnte. Will ich sagen, kurz.
„Ja?“ Wir hören Wolf fluchen. Seine Gürtelschnalle klappt auf, er zieht sich die Hose aus und geht in Unterwäsche Richtung Toilette.
„Wenn ich, äh, deinen Text. Gib‘ ihn noch mal her.“
Grinsend schiebt sie mir das Buch rüber, dass von dem Bier nicht verschont geblieben ist.“
„Oh, das tut mir – “
„Schon okay. Noch eins?“
„Ja, bitte.“
„Du weißt wo. Für mich auch.“
Ich stehe auf und blicke lächelnd zu Melitta hinab. Sie hat etwas Bierschaum abgekriegt und versucht ihn sich gerade aus dem Gesicht zu wischen. Ein bisschen klebt auch in ihrem Haar und in den Mundwinkeln. Ich starre sie an und als sie dass bemerkt, senkt sie ihren Blick nur um ihn augenblicklich wieder zu heben. Sie seufzt: „Oh, David“, und dann spüre ich es ziemlich eindeutig, blicke hinab in meinen Schritt und drehe mich schnell um. Ich höre sie richtig wie sie den Kopf schüttelt. Ich höre sie, wie sie grinst. Wenigstens das.
Als ich mit dem Bier zurück komme, ist sie bis auf einen letzten Rest an ihrem Finger sauber.
„Ich hab‘ mir gedacht, den hebe ich mir für dich auf“ und dann schiebt sie mir den Bierschaum mitsamt des Fingers in meine Nase.
„Ah, shit. Wieso?“, frage ich leidend.
„Weil du ein Schwein bist.“
„Sagt die, die mir in die Nase fährt.“
„Und du wunderst dich, dass ich weiß, dass du auf mich stehst.“
„So offensichtlich, ich weiß. Sorry“, werfe ich ihr entgegen. Ich bin angepisst und meine Nase tut weh.
„Ah, sei nicht so. Du darfst es den Leuten (abfällige Betonung) nicht übel nehmen, wenn sie dich so hart ran nehmen“ (was für eine plumpe, absichtlich gewählte Wortwahl, denke ich mir und trotzdem macht sie mich scharf, ah verdammt) „und außerdem muss man ab und zu über sich selbst lachen weil sonst. Irgendwas. Ich bin nicht gut in motivierenden Reden, überhaupt nicht. Das ist einer der Gründe, warum ich immer nur einen Satz schreibe und dann aufhöre. Je länger es wird, umso verwirrender wird es. Und nichtssagender.“
„Sag mir noch einen.“ Aus der Toilette hört man dumpfe Geräusch, der Händetrockner geht an und wieder aus, an und wieder aus und Wolf flucht und dann schlägt er auf etwas und dann geht er erst recht nicht mehr an.
„Noch einen Satz?“
„Ja, nein, natürlich.“
„Sorry, betrunken. Äh, lass mich überlegen. Nein, der… der ist nicht gut. Moment.“ Melitta lehnt ihre Stirn gegen die Flasche und starrt angestrengt zu Boden. Ich bemühe mich nicht in ihren Ausschnitt zu lugen, der etwas nach unten gerutscht ist. Ich denke noch mal nach, warum ich sie mag, ein merkwürdiges betrunkenes Selbstgespräch und mir fällt ein: 1. Weil sie mich an Kaffee erinnert. 2. Weil sie mich an Bier erinnert. 3. Weil sie eine Frau ist. Und ich will mich ohrfeigen, in Gedanken natürlich und dann beschließe ich ein für alle Mal, dass ich nicht über mich lachen kann, bemühe mich diesmal wirklich an etwas zu klammer, dass mir an Melitta gefällt, was nichts mit ihrer sexuellen Ausstrahlung zu tun hat und mir fällt nichts ein. Gott, ich hasse mich.
„Ah!“, wirft sie mich aus meinen Gedanken, „Der ist gut. Also. Ähem. Es begann an einem Donnerstag.
Ich blicke sie still an und zucke mit den Schultern.
„Aha, okay. Schwieriges Publikum. Naja, ist nun mal nicht für jeden etwas dabei.“
Sowas kann ich auch, denke ich mir, doch ich wollte es mir mit ihr nicht noch mehr vermasseln, also beiße ich mir auf die Lippen. (Wem mache ich etwas vor, ich muss mir nicht auf die Lippen beißen, dass ist nur etwas, was man so sagt. Ich muss auf gar nichts beißen, wenn ich etwas nicht sagen soll, will, darf. Ich sage es einfach nicht und schlucke es runter und vergesse es dann.)
„Na gut“, setzt sie erneut an, „Für dich, my dear, etwas ganz Besonderes: Als Melissa (hier zwinkert sie mir zu) das erste mal von ihrer Fähigkeit Gebrauch machte, die Zeit anzuhalten, war es Freitag der 30. April 2010 und für genau fünf Minuten war es sechs Uhr einundzwanzig und dreiundvierzig Sekunden.
„Wow. Der ist wirklich gut“, und ich lüge dabei nicht einmal.
„Danke“, sagt sie unter einem Rülpser, „Sorry. Mir gefällt er auch. Ich habe ihn genauso gelassen, wie ich ihn damals geschrieben habe. Ab und zu finde ich, er könnte etwas Überarbeitung vertragen – “
„Vielleicht als Zwei-Satzer.“
„Ja, vielleicht. Aber dann. Naja, egal.“
„Und? Hat’s funktioniert?“
„Was?“
„Na, das Zeit anhalten.“
Sie blickt mich fest an und ihre Unterlippe zittert. Ich versuche ihren Blick zu erwidern, direkt in ihre Augen, ich halte die Luft an bis sie sich endlich wegdreht: „Nein.“
Sie sieht an mir vorbei, ich blicke sie noch immer starr an, irgendetwas an diesem Mädchen, irgendetwas finde ich besonders – mir fehlen die Worte, das einzige was mir einfällt ist geil und ja, sie ist besonders geil, aber andererseits bin ich auch besonders betrunken, aber irgendetwas lauert. Lauert da. Lauert da hinter ihren Augen. Lauert da hinter ihren Augen etwas?
Ich schüttle den Kopf, der plötzlich schwer hin und her wackelt.
„Ah.“, kommentiere ich schwach meinen Kater, der mit jeder weiteren Welle näher gespült wird.
„Noch einen?“ Melittas Stimme klingt – unendlich traurig.
„Wie?“
„Ob du noch einen Satz willst“ Sie sieht mich nicht an.
Wieso kennst du mich?
„Was?“, höre ich Melitta.
„Noch einen Satz.“
„Nein, du hast etwas anderes gesagt.“ Unendlich traurig.
Ich zögere und dann greife ich zu dem Buch. Sie wirft mir einen erschrockenen Blick zu und dann formen ihre Lippen ein Nein, doch als sie versucht aufzustehen, kippt sie um und landet mitsamt ihren Bieres auf dem Boden. Ich stehe erschrocken auf und schaue auf sie hinab, sie schüttelt ihren Kopf und wirft mir einen hilfesuchenden Blick entgegen. Ich halte ihr vor Flüssigkeit triefendes Notizbuch in den Händen.
„Oh, David. (Schon wieder, als würde sie meinen Namen absichtlich so aussprechen.) Nein.“ Sie versucht sich aufzurichten, aber der Boden ist zu glitschig und sie zu betrunken um das Gleichgewicht zu wahren. Sie schüttelt erneut ihren Kopf, versucht ihn klar zu kriegen. Ich öffne das Notizbuch und löse die aneinander klebenden Seiten vorsichtig voneinander. Ich durchsuche sanft die Blätter nach den verwischten Lettern.
„Fuck, David. Versteh‘ das jetzt nicht falsch.“ Geile Wortwahl. Sie zeigt mit den Finger auf mich. Die erste Seite ist raus gerissen genau an der Stelle, an der Wolf sie damals raus gerissen hat, duh. Paperblanks!, natürlich, ich bin so ein Idiot. Finster sehe ich auf Melitta hinab. Ich finde die Stelle, in die Melitta vorhin etwas hinein geschrieben hat. Verdammte erste Sätze. Mein Kopf fühlt sich schwer aber klar an, als ich versuche ihren Satz zu entziffern.
„David“, keucht sie, halb erhoben, und als ich die Hälfte durch habe blicke ich auf und stoße sie mit einem Tritt wieder in die Knie. Sie stützt sich mit ihren Händen auf den dreckigen Boden ab. Keiner der anderen Gäste scheint es zu stören, was hier gerade passiert. An den Fenstern klebt Nebel. Ich presse meine Augen zusammen und dann, verschwommen, lese ich weiter. Ich spüre wie mein Atem schwerer wird, wie ich meinen Mund nicht mehr schließen kann, irgendwo höre ich eine Tür aufschwingen, dann beuge ich mich zu Melitta hinab und flüstere heißer: „Du bist es.“
„David – „, doch bevor Writer noch ein Wort sagen kann, greife ich ihr in den Mund und würge ihr meine Finger in den Schlund. Sie zappelt und ich rutsche aus, mein Knie schlagen hart auf dem Boden auf, sie windet sich unter meinem Griff und schlägt wild um sich. Ich spüre etwas Warmes meine Hand hinaufkriechen und angewidert ziehe ich meine Finger aus ihren Mund. Melitta dreht sich stöhnend zur Seite und erbricht in einem müden Schwall den Alkohol der letzten Stunden. Sie hustet und unterdrückt einen weiteren Würgreflex. Ich greife zu ihrer Bierflasche und lasse sie diesmal mit genügend Schwung zu Boden sausen. Es funktioniert. Ich betrachte den abgebrochenen Hals und freue mich leise über die Ironie. Und dann drehe ich Melitta auf den Rücken, setze mich auf ihre Arme und drücke ihr die Flasche langsam aber bestimmt in die Kehle.

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