Emotional landscapes – Essay zu „Top of the Lake“ (R: Jane Campion; Garth Davis)

Eigentlich reicht der Header des Covers als Inhaltsangabe. No ordinary place. No ordinary crime. Die Ausgangssituation kommt eines üblichen Krimis gleich: nachdem eine Zwölfjährige bei einem Selbstmordversuch scheitert, verschwindet sie spurlos in den Wäldern. Eine von Dämonen geplagte Polizistin begibt sich auf die Suche nach jenem Mädchen und begegnet dabei den Schatten des ohnehin schon sehr sinistren Ortes Laketop und – natürlich – deren ihrer Vergangenheit. Der Vergleich drängt sich einem sofort und unweigerlich auf, doch bleibt er weitgehend auf der Strecke. Wer sich von TOP OF THE LAKE ein neues TWIN PEAKS erwartet wird höchstwahrscheinlich von einer Enttäuschung heimgesucht werden; wer sich die Mini-Serie jedoch bis zum bitteren Ende antut, wohl eher von Albträumen. Jane Campions & Garth Davis Serie ist ein düsteres Gleichnis, geschrieben in Herbstfarben, gebettet in die wunderschöne Kulisse Neuseelands, getragen von Figuren die allesamt zerstörte und destruktive Existenzen darstellen.

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Was TOP OF THE LAKE jedoch von seiner Krimi-Verwandtschaft abhebt – deutlich abhebt – sind die (bis auf wenige Ausnahmen) undurchschaubaren, verworrenen und zutiefst menschlichen Figuren, die sich am Ende der Welt aufhalten. Jedes Verhalten wirkt geheimnisvoll & mysteriös, dennoch authentisch und schließlich dann plausibel. Die Figuren dieser Geschichte sind sich ihrer Auswegslosigkeit durchwegs bewusst, verschwinden in den Furchen des hoffnungslosen Ortes an dem sie verweilen, stehen nur dann auf um kurz einer Person zu applaudieren, die endlich dies tut, was hier alle gebraucht haben. Und das sind die Guten. Das Böse ist in Laketop weitaus präsenter wenngleich es nur augenscheinlich als Böses erkennbar ist: in den Dämonen der zivilisierten Welt – Pädophile, Kindsmörder, Frauenschläger, Vergewaltiger und Säufer – schlummern ebenso humane Wesen, die eigene Bedürfnisse nach außen richten, für familiäre Werte kämpfen und dabei in vielerlei Hinsicht sogar realer und menschlicher wirken, als so mancher Dorfpolizist, der „es nur gut meint“. Die komplexen Persönlichkeiten, die verworrene Moral, die verwurzelten und offenen Geheimnisse dieses Ortes erinnern nicht selten an die Abgeschiedenheit lokaler Gemeinden, die so nahe an (unter Anführungszeichen) „zivilisierten Gesellschaften“ offen Homosexuelle an den Pranger stellen, während die persönliche Perversion in den eigenen Kellern zelebriert wird.

TOP OF THE LAKE ist neben der ohnehin schon schweren Materie des Kindsmord eine schwer zu verdauendes Klumpen, ein Monstrum an alltäglicher und mittlerweile schon banaler Gewalt, die sich an diesem (und wie an so vielen Orten) meist ohne Konsequenzen ausbreitet. Im Gegensatz zu Laketop ist Twin Peaks ein beschauliches, komödiantisches Städtchen mit den sogenannten First-World-Problems (ja, trotz Bob the unholy Motherfucker). Die – vorwiegend – patriarchale Gewalt durchzieht jeden Fleck der Kleinstadt, von der heimischen Bar bis hin zu dem beschaulichen Platz, der sich ironischer Weise Paradise nennt (wobei man dazu sagen muss, dass sich die Ironie immerhin in Grenzen hält, beziehungsweise auch umkehrt; dem bedeutungsschwangere Name wird im Laufe der Serie noch genügend Tribut gezollt). Gerade deswegen hat sich Gott wohl diesen Fleckchen Erde hier ausgesucht um einer feministischen (auch nicht ganz ohne Ironie, wenn man die internen Machtstrukturen genauer betrachtet) Kommune ihren Platz zu schaffen. Anführerin GJ und ihre Hippie-Freunde stehen in kompletten Kontrast zu der Welt von Laketop, dienen als Zufluchtsort sowohl für Protagonisten und Zuseher und will auch von beiden beschützt werden. Umso mehr schmerzt es, wenn das Paradies schließlich fällt.

Trotz der Finsternis, die sich in den Herzen der Serie ausbreitet und auf die Zuseher greift darf TOP OF THE LAKE wohl als „schönste Serie“ seit langem bezeichnet werden. Die bezaubernd schönen Bilder (die trotz jagender Motoradgangs an Mittelerde erinnern – als Fan der primären Peter Jackson-Trilogie kann ich einfach nicht anders) sind omnipräsent, die Landschaft oft erdrückend aber dennoch befreiend, die Luft bitterkalt und zugleich wärmend. Die atemberaubende Natur verhält sich zum Zuseher (und den Figuren, natürlich) wie die Gesamtwirkung der Serie: man will hier weg, doch kann nicht anders als bleiben. Jane Campions Werk ist dabei Naturalismus in Reinform: nichts wird hier hochstilisiert, es gibt keine Beschönigung, keine Style-over-Substance-Angeberei, die den Zuschauer verzaubern oder verwirren soll, sondern beinharte, knochentrockene Realität. Dass TOP OF THE LAKE dabei komplett gegenteilig rüberkommt liegt hauptsächlich an dem – hm – verwunschen Ort in dem die Serie spielt. Laketop ist das Ende der uns bekannten Welt und die Ortschaft selbst scheint in der Vergangenheit stecken geblieben zu sein: keine Smartphones, kein Internet, kein Gesetz, keine Emanzipation, kein Fortschritt. Ein Ort an dem man flüchtet; ein Ort aus dem man flüchtet.

So erinnert die Serie augenblicklich an nordische Krimi-Vertreter oder eine David Fincher Romanadaption. Doch während eben diese mit dem Genre als solches spielen, es verwenden, den Zuschauer in das Whodunnit-Rätselraten mit einbinden und deren Erwartungshaltungen gekonnt durch den Dreck ziehen, bewegt sich TOP OF THE LAKE (wie gesagt) auf einem straighten, authentischeren, oftmals wenig zufriedenstellenden Terrain. Das geübte Publikum mag den Ausgang noch vor den Figuren erahnen, doch liegt das selbstredend an der differenzierten Wahrnehmung, die wir als Zuseher besitzen. Oder anders: wären wir in diesem Kaff gefangen, würden wir uns wohl auch nicht anders verhalten. Aber gerade eben durch das Verhalten der vielschichtigen Personen ergeben sich oft Missdeutungen und subtile Perspektivenwechsel. Und es führt auch zu Sackgassen, nicht beantwortete Thesen, Vermutungen, eine Antwort als Rätsel und Nebendarsteller, die noch so viel offen zu legen haben, Passanten in dieser Geschichte, die viel in sich tragen, aber es nie weitergeben können. Vielleicht hätte Campion doch über zwei oder drei weitere Folgen nachdenken sollen – selbst wenn es nur für uns ist, so dass wir aus diesem schrecklich-schönen Ort erst ein paar Stunden später flüchten dürfen.

Und auch wenn TOP OF THE LAKE eigentlich als nüchterne Serie gefilmt wird, verbreitet sie beinahe eine – oh je – magische Präsenz. Es fühlt sich an, wie wenn Lynch ein Drehbuch verfilmt hätte, dass keinerlei Spielraum für seine Lynchiness gelassen hätte. Viel mehr ähnelt die Serie eigentlich dem thematischen Seelenverwandten eines Jonathan Demme Filmes und an dieser Stelle hier möchte ich auch unbedingt einen Verweis auf dessen HARRIS Verfilmung ziehen: Die Parallelen zu THE SILENCE OF THE LAMBS sind allein in stofflicher Hinsicht (u.a. sexuelle Gewalt, Frustration und Identität; Entwürdigung der Weiblichkeit durch männliche Dominanz – überhaupt die allgegenwärtige Misogynie) unübersehbar und ebenso das Augenmerk auf seine Protagonistin ist zumindest ein erzählerischer Verwandter, wenngleich ein so furioser Charakter wie Hannibal Lecter und die überaus graphische Darstellung in Campions Serie nicht vorkommen. (Übrigens: es wird wieder einmal Zeit, dass wir uns THE SILENCE OF THE LAMBS anschauen!)

Spärlich eingesetzte Musik und die ständige Andeutung von Symbolen – ein dunkler See, aus dem es kein auftauchen gibt; die Schlange im Paradies – tun ihr Übriges um eine kantige, furchterregende und fassbare Atmosphäre zu erschaffen. Die stärkste Präsenz in der Serie ist zugleich auch die mächtigste und verletzlichste: Elisabeth Moss als Kontrapunkt in einem männlich dominierten Milieu, an einem Ort wo alles Familie ist und einem Godfather gehorcht spielt die Polizistin Robin entsetzlich gut: während viele Krimis ihre Figuren als Touristenführer durch einen obskuren Plot verwenden, sind Hauptperson, Story und Ort des Geschehens untrennbar ineinander verwoben. Polizistin Robin („from Sidney„) watet durch den Morast dieser Stadt und wir waten mit ihr, sie zerrt uns in ihre beklemmende Vergangenheit und so wenig Robin Laketop loslassen kann, so wenig möchten wir uns von ihr trennen. So ist es auch, dass die Story von TOP OF THE LAKE sobald sie die Umgebung der Hauptfigur verlässt etwas schwacher wird und die spannendsten Momente an ihrer Seite enthält.

Dennoch wird die Serie letzten Endes von ihren Charakteren getragen – mag die Szenerie malerisch, das Geschehn düster und spannend, der Plot mysteriös und unbarmherzig erscheinen, ohne die grandiosen Figuren käme nichts davon richtig an. Besondere Erwähnung sollte schlußendlich noch Elisabeth Moss zu Teil werden die mich zumindest besonders überrascht hat (u.a. da ich sie bisher nur aus der Comedy-Serie RAISING HOPE kannte) [Anm.: Vollkommener Blödsinn, ich hab‘ an ganz wen anderen gedacht.] Ihre Darstellung der Polizistin ist pendelt zwischen Jodie Foster in der bekannten Thomas Harris Verflimung und Gillian „Scully“ Anderson, irgendwo zwischen tough und entkräftet angelegter Mimik, oft müde, aber stets sich des Unheils bewusst welches so tief über ihr Haupt schwebt. Moss lebt die Figur der Robin  wie keine andere in dieser Serie (und wie schon lange kein Akteur in vergleichbaren Werken): sie lacht und verzweifelt, schreit und weint Tränen der Freude und in keinen dieser Szenen fühlen wir uns durch angebliche Schauspielerei hinters Licht geführt. Robin ist die Figur, die wir am höchsten Punkt des Sees am Dringendsten brauchen, die Figur die wir dort gerne wären (auch wenn uns dazu wohl der Mut fehlen würde), der Mensch der zärtlich, ängstlich und erhaben sich dem gegen überstellt, wo alle anderen bereits erblindet sind. Denn Robins müde Blicke sehen, was sich wirklich hinter den Bergen verbirgt, was am dunkelsten Ort des Sees oder in den tiefsten Wäldern versteckt liegt, was in den Schluchten der verlorenen Seelen Laketops und letzten Endes stets im Herz der Serie zu Grunde liegt: bitterkalte Hoffnung.

PS

Und weil es sehr schön ist und sehr gut passt, hier eines der wenigen Lieder aus der Serie:

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