Rhododendron Null/Sieben: The Future is Mine (Hundert Prozent)

Meine Hand verkrampft sich noch ein letztes Mal, das finale Aufbäumen meines bisherigen Lebens, das verzweifelt versucht sich an mich zu klammern, doch schließlich gibt es nach und am höchsten Punkt spreizen sich meine Finger und die Schlüssel fliegen im schönsten Bogen in eine weite Leere, verschwinden mit einem Platsch, das sich nahtlos in das Geräusch des Regens einfügt. Ich atme schnell, meine Lunge und mein Herz liefern sich einen Wettkampf um meinen baldigen Todesgrund (meine Venen werden gewinnen, soweit sollte Ihnen eigentlich schon klar sein) und ich versuche die Panik zu unterdrücken, die sich statt der erwarteten Euphorie auszubreiten droht.
„Was jetzt?“, frage ich und versuche meine Stimme dabei nicht ängstlich klingen zu lassen.
„Jetzt gehen wir zu Fuß“, sagt sie nüchtern und – erkenne ich etwas schmerzhaft – unbeeindruckt.
„Zu Fuß?“, frage ich provozierend.
„Zu Fuß“ Und dann lacht sie endlich.
Ich lache mit und stütze meine Arme an meine Beinen ab, versuche etwas zu Atem zu kommen, trotz des fallenden Geländes war es verdammt anstrengend die weite Strecke bis hin zum Ufer zu laufen und wenn ich daran denke, dass wir einen noch anstrengenderen Teil zurück gehen müssen, verlässt mich etwas der Mut. Doch ich beginne mich nicht zu verfluchen. Das bin ich nicht mehr.
Bye bye, car keys„, beginnt sie zu singen.
Hello sparkles and flies„, setze ich fort.
Und nach einer kurzen Pause, in der wir uns einen verheißungsvollen Blick zu werfen (ein Moment, den ich als schönsten meines bisherigen und neuen Lebens festhalten werde) singen – und singen ist übertrieben, wir flüstern – gemeinsam: „I keep them, they’re mine.“ Hundert Prozent.
Ich gehe zu ihr hin und dann küsse ich sie innig. Ich danke für den Regen, ansonsten würde sie meine Tränen sehen und gleichzeitig weiß ich, dass sie es weiß. Es könnte mir auch eigentlich egal sein, doch ein Altes regt sich noch in mir und regt sich über meine Sentimentalität auf und ich presse meine Lippen noch fester auf ihre um das Gefühl zu übertönen. Ist das kitschig, will ich denken (und ja, denke ich auch, ah shit), doch das bin ich nicht mehr, das bin ich nicht mehr.
„Ist das kitschig“, sagt sie und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, dieses typische Ich-hab’s-dir-doch-gesagt-Grinsen und sie grinst mich zurück an, wie nur Menschen in Filmen grinsen, wenn sie einem einen Streich gespielt haben.
„Und das magst du nicht?“, sage ich herausfordernd.
„Doch.“ Sie überlegt theatralisch und dann: „Doch. Ja. Kitschig ist voll okay, wenn es einem selbst passiert.“
„Nur in Filmen sehen will man es nicht.“
„Oder in Büchern lesen. Unglaublich peinlich. Wie Sexszenen: unerfüllte Gelüste zu Papier gebracht und niemand kann wirklich gut über Sex schreiben.“
„Wenn du noch weiter über Sex redest, musst du leider mit mir schlafen. Hier. Im Regen. Wie ein Klischee.“
„Wow, heute machen wir alles. Möchtest du vielleicht noch auf den Sonnenuntergang warten?“ Ihr Grinsen wird immer breiter und ich spüre das erste Mal, dass sie ernsthaft Spaß an einer Sache hat („Ernsthaft Spaß“, manchmal frage ich mich wirklich, was ich gesoffen hab‘).
„Und die Sparkles and Flies fangen?“
„Wenn’s welche gibt, bei dem Regen. Außerdem – “
„Ultra-Kitsch?“
„Ultra.“ Und dann küsst sie mich: „Aber das ist mir ehrlich gesagt heute egal.“

Ella und ich haben ein Spiel gespielt. Wir tranken Wein und erstellten dann Listen: die besten fünf Filme die du je gesehen hast. Die zehn besten Bücher, die du je gelesen hast. Die besten drei Ficks die du („bisher“, und ich grinse) hattest. Die besten Trips. Die besten Tage deines Lebens. Und: die besten Lieder, die du kennst – nach unten und oben hin offen. Ella fielen gleich mehrere ein, sie sprach mir ganze Alben zu, stellte sich auf den Tisch und trug laut Textzeilen vor („Hurt“ von Nine Inch Nails, viel besser als das Cash-Cover „darüber brauchen wir erst gar nicht diskutieren!“ und eine Zeile aus einem alten Tocotronic-Lied, dass keine Sau kennt). Ich konnte ihr nur stumm und etwas dösig zusehen, ab und zu nachschenken und nach Minuten begeisterter Rezeption stellte sie die unweigerliche Frage: „Und du?“ Und ich zuckte mit den Schultern.
„Was?“ und dabei imitierte sie meine Bewegung.
„Nichts. Ich, äh, hör nicht so [unnötig in die Länge gezogen] viel Musik“, antwortete ich, eingeschüchtert und zaghaft.
Ihre Augen wurden groß und sie stellte demonstrativ ihr Glas ab, ein Teil schwappte über und ich dachte mir noch, dass das Hotel keine Freude mit dem Rotwein haben wird.
„Was heißt da nicht so [noch unnötiger und unnötig lang in die Länge gezogen] viel Musik? Du wirst doch eine Lieblingsband haben!“ Das war keine Frage sondern eine Aufforderung, ein Ausdruck des Entsetzens, eine Beleidigung. Plötzlich fühtle ich mich wieder wie ein Teenager, der vor seinen Kumpels beichten muss, dass er noch nie eine Frau an der Möse berührt hatte („Nicht mal mit dem Finger?“ Die Frage fand ich damals schon so unglaublich dumm. „Nein und auch nicht mit den Zehen.“).
Mit einem Satz setzte sie sich vor mich hin, fiel beinahe vom Sessel doch fing sich auf, indem sich ihre Hände an meinen Beinen abstützte. Ihr Kopf hing einige Sekunden lang schlaff vom Körper, ihre Haare lösten sich von dem Band, dass es eigentlich zu einem Zopf zusammenhalten sollte und einzelne Strähnen fielen vor ihr Gesicht. Einen Moment fragte ich mich, ob sie eingeschlafen war. Doch dann murmelte sie: „Das wird einfacher, als ich dachte“ und ich fragte „Was?“ und sie erschrak kurz, sah mich an und dann kam wieder das Grinsen zum Vorschein.
„Ha! Nichts. Doch“, sie schnippt mit den Fingern. „Musik! Ich werde dir Musik näher, nahe, näher bringen.“
Sie legte ihre Hände auf meine und die Unsicherheit, in die sie mich kurz gestürzt hatte entfloh meinem Körper und ich fühlte zum ersten Mal die Sicherheit, die ich seit Jahren vermisste. Egal was du willst, dachte ich noch und Ellas Hände drückten kurz zu (ein Fluss an Wärme kroch mit dem Druck durch meinen Körper in meine Brust) und dann sprang sie auf, öffnete den Mund und ließ ihre Zunge wild herum gleiten: „Aber davor brauche ich etwas nicht-alkoholisches. Mein Zunge fühlt sich schon ganz schwammig an.“ Wenn ich das nur überprüfen konnte.

Wir hörten den ganzen Tag Musik (ich war etwas beunruhigt, dass ich zu Mittag bereits zwei Flaschen Wein geleert hatte, aber immerhin hatte sie mir geholfen und außerdem wollte ich aus der Norm ausbrechen und zu Mittag betrunken sein war schon etwas gegen der Norm). Ella brachte mir ihre musikalische Erfahrung chronologisch bei, das heißt nach der Ella-Chronik: ihre erste selbstgekaufte „Platte“ (eigentlich ja Compact Disc, aber das klingt echt beschissen), ihre erstes Lieblingsalbum und das erste Konzert. Dann verwischte das ganze Etwas, denn Ella konnte sich nicht mehr genau erinnern, wann sie was wie gehört hatte (zum Glück hatte sie einen last.fm-Account auf dem sie zumindest die letzten paar Jahre an Lieblinsgmusik gespeichert hatte), doch bald ging es ihr (und vor allem mir) nicht mehr wirklich um Einstürzende Neubauten, Franz Ferdinand oder Garbage, sondern um die Verbindungen, die sie mit der Musik verknüpfte. Einige Male musste ich mir von ihr grobe Anschuldigungen gefallen lassen („Du hast nicht einmal einen mp3-Player? Was für ein Unmensch bist du?“) und manchmal wurde es auch etwas unangenehm [a) unangenehm persönlich: „Das war das Lied, das ich hörte, als meine Mutter dann starb“ b) unangenehm persönlich und verdammt scharf „Zu dem Song hab ich mal Sex gehabt. Naja, Sex – ich wurde geleckt und eigentlich hat das auch schon ein paar Nummer davor angefangen, aber gekommen bin ich zu diesem Lied, genau an der, warte, nein, hm, warte, ah ja, an dieser Stelle (Klammer in der Klammer, ich weiß aber; verstehen sie die Doppeldeutigkeit, na ich hoffe doch!), genau an dieser Stelle! Ich kann mich noch gut erinnern, weil, hör‘ jetzt bricht ihre Stimme und das Lied, ja, es vibriert richtig und als ich dann etwas runtergekommen bin hat sich das perfekt mit dem Lied zusammengefügt. Puh. Ich werd‘ heute noch geil, wenn ich das höre“, und ich erst.] und manchmal war sie ganz still und wippte nur etwas mit dem Takt mit und ich konnte sie nur beobachten, wie sie sich immer mehr in den Melodien und den Lyrics verlor. Sie schloss die Augen und begann mit ihre Lippen ihr unbekannte Textzeilen zu imitieren und oft folgten diese Momente von Sätzen wie „Wow, das hab‘ ich schon ewig nicht mehr gehört“ oder „Hm, das versteh ich erst jetzt so richtig“. Ich saß dann oft da und unterdrückte ein Schulter zucken, schwor mir all ihre Lieblingslieder irgendwann einmal nach (und sie ein-) zu holen doch an diesem Nachmittag in dem Hotel („Wollten wir uns nicht eigentlich die Stadt ansehen?“) konnte ich nicht weiter als mir unbekannten Liedern zu lauschen (dank W-LAN und Laptop gab es auch unbegrenzte Möglichkeiten), die mir ab und zu gar nicht gefielen aber zu denen Ella tanzen konnte wie eine Göttin. Ella brachte mir an diesem Tag nicht unbedingt die Musik näher, doch die Musik brachte Ella zu mir.

Mit jedem Lied schwappte sie ein Stück weiter und mit jedem neuen Song wurde sie auch etwas trauriger. Für etwas, dass ihr Leben ausfüllte, machte sie Musik ganz schön traurig.
„Bist du wieder nüchtern?“, fragte sie mich.
„So ziemlich.“ Ich war etwas erschöpft. Wir hockten am Boden und unsere Arme berührten sich.
„Weißt du was ich ab und zu gerne mache?“
„Sag es mir“ und heimlich hoffte ich auf „Hemmungslosen Sex in einem Hotelzimmer haben“ als Antwort. Bis jetzt hatten wir uns nicht geküsst, die innigste Berührung war ein Umarmung als ich sie vom Bahnhof abholte. Natürlich, sie hatte einen Arm auf mir liegen, als sie heute aufwachte, das Hotel in dem wir übernachteten hatte leider nur Doppelzimmer mit großen Betten (mein Fehler), doch sie hatte den Arm rasch zurückgezogen, als sie dann endgültig munter wurde. Als sie mich aus heiterem Himmel einen Brief geschrieben hatte und mich um ein Treffen gefragt hatte, war ich mir zu hundert Prozent sicher, dass es sich bei dieser Reunion um mehr als nur eine freundschaftliche hielt. Mittlerweile waren die Prozent auf unter fünfzig gesunken (als wir betrunken waren, stand die Wahrscheinlichkeit ungefähr bei 80, soweit ich das beurteilen konnte).
„Ich stelle mir vor, dass die Musik die ich gerade höre eine Szene aus einem Film untermalt.“
„Hm.“ Ich hatte es mittlerweile aufgegeben, Ellas musikalische Ausschweifungen gewieft zu kommentieren.
„Und dann stelle ich diese Szenen nach.“ Sie setzt sich auf. Unsere Arme trennen sich. „Kannst du ein Geheimnis – nein. Egal.“
„Was? Nein! Sag‘ es mir!“, flehte ich sie mit neu gewordener Energie an. Ich wollte, dass sie mir vertraut.
„Darum geht’s nicht. Ich sage es dir sowieso. Ich mag nur nicht, wenn Leute in Filmen sagen „Kann ich dir ein Geheimnis anvertrauen“. Das klingt immer so, äh, aufgesetzt. Als ob wir darauf vorbereitet werden sollen, dass jetzt etwas Spannendes offenbart wird.“
„Oder darauf hingedeutet wird, dass der andere das Geheimnis mit ziemlicher Sicherheit ausplaudern wird“, bestätigte ich sie.
„Genau. Klischees, buäh.“
„Phrasen. Ich hasse sie. David und ich machen manchmal – „, ich stocke. Seit dem wir uns am gestrigen Abend getroffen haben, hatte keiner von uns David erwähnt. Ich warte ihre Reaktion ab. Sie nickte mir nur zu und deutete mir so an, dass ich fort fahren soll.
Zögerlich setze ich an: „Also, wir, wir dekonstruieren, so sagen wir zumindest dazu, wir sprechen uns nur in solchen Phrasen an. Solche typischen Floskeln. Zum, äh, Spaß.“
Als Ella bemerkt, dass es das schon war und zu diese Anekdote keine wirkliche Pointe erfuhr, zuckte sie mit den Schultern und machte sich bereit, ihr Geheimnis auszuplaudern. Hoffentlich, ich Idiot musste auch mit David anfangen. 30 Prozent.
„Gut. Es ist ohnehin kein wirkliches Geheimnis [Gänsefüßchen wurden in die Luft gezeichnet], es ist nur so ’ne… Sache. Die ich halt noch nie jemanden erzählt habe.“
Ich atme gespannt ein. 40 Prozent.
„Irgendwie. Wahrscheinlich habe ich bisher noch nicht den Richtigen dafür getroffen.“
Ich halte die Luft an. Der Richtige. 60 Prozent.
„Also. Ich – warte.“ (Warten? Worauf? Verdammt!) Ella stand auf und öffnete das Fenster. Es hatte leicht zu regnen begonnen. Sie schnappte sich die Decke vom Bett und setzte sich vor den Laptop hin, werkte auf YouTube herum und sucht einen Lied. Als sie es gefunden hatte, klickt sie auf das Video und stellt es etwas leiser ein. Der Regen vermischt sich mit den langsamen Drums, es läuft „Directionless“ von Sophia.
„Also. Ich habe manchmal ganz besondere Szenen im Kopf. Und dann gab es dieses Lied – nicht dieses („Wozu dann das ganze?“, dachte ich mir etwas genervt) – dass wie, ich weiß nicht, wie die sich entfernende Totale (Sie macht die dazu gehörige Geste dazu, zwei quergestellte L mit den Fingern, die sich von meinem Gesicht weg bewegt) von einem Rettungswagen, der zu einem Unfallort fährt. Ich sehe, hm, zerbrochenes Glas am Boden, ein Auto, das starr mitten im Chaos verweilt und wir entfernen uns gemeinsam mit diesem ruhigen Lied, Lichter flackern und die Hintergrundgeräusche sind alle stumm geschalten, wir hören nur diese Geigen (eine Violin-Geste) und dieser Unfall. Die Kraft der Zerstörung, eine eingefrorene Bewegung, irgendwie gewalttätig und doch zart. Und immer weiter, bis das zerstörte Auto nur noch ein kleiner Punkt im Zentrum eines flackerndes Bildes ist.“
Sie stoppte, hörte noch den letzten Takten des Liedes zu wie es sanft outfadet. Und dann klickte sie auf einen weiteren, geöffneten Tab. Und ich verstehe: „Reprise“. Es beginnt wie die Sirene eines Rettungswagen, wenn man so will.
„Und das hab ich dann gemacht.“
Ich sah sie still an, wusste nicht, mit welchen Worten ich das Lied und den Regen und das Schweigen füllen sollte.
„Ich hab das Album in den Player geschoben und hab das Lied auf Pause gestellt und dann hab‘ ich Gas gegeben.“ Ihre Stimme hatte sich an das Lied angepasst: sie sprach leise, vorsichtig und etwas, ja, etwas gelangweilt.
„Ich war nicht schnell unterwegs, ich wollte mich ja nicht umbringen (diesmal nicht, dachte niemand von uns, ja klar), aber ich bin gegen den nächsten Baum gefahren. Ich war angeschnallt, trotzdem hat es mich ziemlich gegen die Windschutzscheibe gefetzt. Kurz vorm Aufprall hab ich noch auf Play gedrückt. Naja, nicht ganz. Ich hab auf Auswerfen gedrückt, aber ein weiterer Versuch war leider nicht drin.“ Dabei kicherte sie.
„Und dann?“, ich wagte es kaum sie zu fragen. Das erste Mal in meinem Leben verspürte ich Angst vor einem Menschen.
„Dann hab ich auf Play gedrückt.“

Es war nicht so gewesen, wie Ella es wollte, doch sie war schon sehr nah dran. Und dann, erzählte sie mir, hatte Ella begonnen ihre Szenen zu perfektionieren. Immer mit einem tragbaren Abspielgerät unterwegs, hatte sie sich bestimmte Musikstücke zurecht gelegt und Playlists gestaltet, die zu bestimmten Stimmungen, Wetterbedinugen, Aktivitäten (und so weiter) gepasst hatten. Ich musste sie dann fragen: „Und was hast du für dieses Wochenende eingepackt?“
Sie grinst (wie Menschen nur in Filmen grinsen, wenn sie einem einen Streich gespielt haben) und blickt aus dem Fenster: „Regen, was sonst?“
Ella rutschte zu mir und legte ihren Kopf auf meine Schulter – 80 Prozent.
„Wieso bist du eigentlich hier“, sagte sie nach einer kurzen Pause (eine perfekte Pause, die sich so richtig anfühlte, als wäre sie einstudiert worden: gerade lang genug, dass ich die Schwere ihres Kopfes auf mir verteilen und die Wärme ihres Körpers in mich aufnehmen konnte und nicht zu lang, so dass keine unangenehme Stille entstand).
Wegen dir, wollte ich sagen und es lag mir bereits auf der Zunge, purzelte mir über die Lippen: „Wegen – deinem Brief?“, versuchte ich mich zu retten.
„Ja, aber darauf hättest du auch scheißen können.“
Ja, hätte ich, doch mein Leben war das worauf ich hätte scheißen können, ein repetitives Fehlverhalten, ein langweiliger Strom aus Dummheit und Gewohnheit. Ich war mit meinem teuren Auto her gefahren, hatte meine teure Wohnung zurück gelassen, meiner teuren Fickbeziehung gesagt, dass ich nicht in der Stadt war, in der ich natürlich im teuersten Bezirk wohnte. Im Taxi weinen und so weiter, doch nichts konnte mich noch davon überzeugen, dass es mir an nichts mangelte. Und es war nicht einmal der Wunsch nach Veränderung, oder der Wunsch nach Selbsterfüllung, der Wunsch nach Jugend oder Sex, oder der Wunsch nach Abwechslung und Abenteuer, sondern nur der Wunsch nach einem Wunsch. Dass ich endlich wieder etwas empfand, dass sich nicht in Trägheit äußerte. Und ich bemerkte: mein Wunsch war erfüllt worden, es war vielleicht der Wein der noch in meinem Kopf polterte, oder mein Irrglaube an so etwas, das die Leute (abfällige Betonung) gemeinhin als „Nostalgie“ bezeichnen, vielleicht auch die streichende Musik und der beruhigende Regen, der sich mit seinen leisen Geräusch in mein Herz bohrte, doch als ich mit Ella am Boden dieses Hotelzimmer saß, kam ein Gefühl zu Stande, dass ich nicht einordnen konnte, aber von dem ich wusste, dass ich es vermisst hatte (das Gefühl war, wenn wir es auf den gemeinsamen Nenner brechen wollen, die Angst, die sich in mir breit machte, die Ella in mir streute, als sie mir mit ihrer Unberechenbarkeit kam. Angst, nichts anderes, doch das wusste ich damals noch nicht).
„Nein. Ich war neugierig“, gab ich zur Antwort.
„Worauf?“
„Auf dich. Puh, das klingt kitschig (ah, sie lächelt), lass es mich nochmal versuchen. Auf das, was du mir zeigen willst.“
„Wer sagt, dass ich dir was zeigen will.“
„Willst du nicht?“
Sie grinste.

Und dann stiegen wir in mein Auto. Ich hatte ihr erklärt, wie ich alles hasste, was sich um mich herum bewegte, wie ich meine Freunde nicht ausstehen konnte und wie banal sie mir alle vorkamen, vor allem David. Es war das zweite und das letzte Mal, dass wir je über ihn redeten. Ich erklärte ihr, dass ich es nicht aus dem Bett käme, wenn ich daran dachte, was ich noch tun musste, wie mir die Werbetexte und das Fachvokabular am Arsch gingen, wie ich kotzen könnte, wenn ich mich mit meinen Kollegen traf und wir besprachen, was sich auf „fein“ reimte.
„Wirf es weg“, hatte sie gesagt und ich fragte wie und sie sagte, sie hätte da ein Lied, das würde sehr gut dazu passen.
Also fuhren wir durch den Regen, benutzten die Bundestraßen und bogen geschickt ab, bis wir zu der Spitze einen kleinen Hügel kamen, auf dem ein umzäuntes Gelände den Pfad zu einem Fluss oder Teich beschützte. Wir stellten das Auto ab, zogen den Schlüssel jedoch nicht ab. Ella legte eine CD ein, die sie im Zimmer gebrannt hatte. Auf der CD war genau ein Lied von einer Band, die ich nicht kannte (Shout Out Louds, ein dämlicher Name, dachte ich mir): „Go Sadness.“ Wir hörten uns das Lied an. Und dann noch mal. Wie „entkorkten“ einen Wein (sprich: wir schraubten ihn auf) und tranken aus der Flasche. Bald sangen wir lauter. Irgendwann, es musste nach der zehnten Wiederholung gewesen sein, fragte Ella mich nur schlicht: „Und?“
Bye bye car keys„, zitierte ich die sogenannten Shout Out Louds. Ich zog den Schlüssel ab. Es regnete mittlerweile stärker. „Wer zuerst unten ist darf ihn werfen?“
„Nein. Du wirfst.“
Ich war un-schlüssig (ha!). Meine Hand schmerzte, der Alkohol trübte meine Sinne und dessen war ich mir durchaus bewusst.
„Werde ich das bereuen?“
„Vielleicht. Wahrscheinlich. Der Wagen sieht ziemlich teuer aus.“
Ziemlich teuer. Ich löste die Handbremse und rannte den Hügel hinab, die Angst stand mir bis zum Hals und mein Herz raste.

Hinter mir stand Ella. Die Finger zu zwei L geformt; sie beobachtete mich durch ihre Linse. Ich konnte es nicht mehr hören, doch – scheiß drauf, scheiß auf alles, ich tu‘ jetzt so, als ob ich es wissen würde und vielleicht weiß ich es ja, also: Ella blickte durch ihre Finger und flüsterte „Hundert Prozent.“ Und dann lief sie mir hinter her.

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