Archiv für den Monat März 2014

Von absoluter Empathie und der Fähigkeit der Abblende. Ein Review-Essay zu HANNIBAL Season 01 [C: Bryan Fuller]

hannibaltotem

Auf Geweihen aufgespießte Frauen. Zu Engeln gehäutete Serienkiller. Als Totempfahl präsentierte Massengräber. Die Morde in der augenscheinlichen Krimiserie HANNIBAL lesen sich mehr wie die Titel extravaganter Gourmetstücke, als wie Tatorte. Doch dass ist nur die Spitze des Leichenberges (der musste sein); HANNIBAL ist so over-the-top, so maßlos in seiner Präsentation und zielt dabei genau in das blutrünstige Herz der Zuseher, dass es richtig schade (und auch ein wenig verwunderlich) ist, wie grandios die Serie dann doch scheitert.

Dass es sich bei dem Titel-gebenden Helden um den Hannibal handelt, ist wahrscheinlich schon den meisten klar; wenn nicht, ein Blick auf das DVD-Cover schließt den Konnex zum sympathischsten Kannibalen der Popkultur. Im Vorfeld sollte gesagt werden, dass die Neuinterpretation des „Mads Mikkelsen-Hannibal“ mit der Hopkins-Verkörperung des Gourmet wenig (um nicht zu sagen gar nicht) zu tun hat. Überhaupt: Bryan Fuller orientiert sich an den Figuren aus Robert Harris ROTER DRACHE (so wie sich schon Michael Mann und Peter Webber an ihnen orientiert haben), eher als dass er versucht die Ikone nach zu zeichnen. Dass hie und da kleine Anspielungen an die filmischen Originale gesehen, darf man lediglich als Verbeugung vor Jonathan Demmes Werk erachten.

Die Serie beginnt komisch. Und nicht das lustige Komisch. Ein richtiger Prolog fehlt, als hätte man beim sogenannten Zappen direkt aus der Werbung (so stelle ich es mir jedenfalls vor, ich habe schon lange keine Werbung mehr im Fernsehen gesehen) in eine Berichterstattung menschlicher Tragödien geschaltet: Mord. Immer wieder Mord. Die Stimmung ist wie immer düster, die Szenerie blutig, der Held – na no na – ein genialer Sonderling, der nicht gut mit Leuten kann aber dafür Hunde liebt (welch originäre Idee!). Seine „Diagnosen“ des Tatortes sind weniger Beobachtungen, mehr Mutmaßungen, aber hey – er ist genial und deswegen werden aus Ahnungen Fakten und diese sind stets mit der Implikation der (auch sogenannten) „Beweislast“ untermauert. So sind sieseit der Erfindung des Tony Soprano, die amerikanischen Lone Rider, der weiße Super-(Anti)held: kantig, unglücklich, brillant. So auch der Archetyp des cineastischen FBI-Agenten: am Rande des Wahnsinns vorbeischlitternd, einsam und müde blickend aber stets hellwach. Unfreundlichkeit und gutes Aussehen sind quasi der Bonus den man sich als gebrochene Filnmfigur dazu verdient.

Dementsprechend entwickelt sich die Serie auch zu dem typischen Crime-Drama, dass wir seit jeher gewöhnt sind. Doch plötzlich gibt es Risse, dramaturgische Eigenheiten, entfremdete Dialoge, reißerische Passagen und auf einmal ist es aus. HANNIBAL Episode Eins endet abrupt ohne die eigentliche Hauptperson überhaupt richtig eingeführt zu haben, ohne den Gräueltaten einen entsprechenden Epilog zu liefern, ohne ein Conclusio, dass den Hauptfiguren als Recap-Ventil dient. Nach einer Folge HANNIBAL hängt man irgendwie in der Luft.

Natürlich bleibt es nicht bei einer Folge, immerhin sind 13×40 Minuten Gruselkabinett in dieser Staffel inkludiert. Bald hat man heraus, dass HANNIBAL keine übliche Krimi-Mär ist, oder ja, eine Mär schon, aber eine, die den üblichen Krimikonventionen (Wer war es? Wann schnappen sie ihn? Was war sein Motiv?) trotzt. Die Morde, die es zu lösen gilt, geben sich die Klinken in die Hand, wie einst die Monster in AKTE X Folgen: jede Episode noch ein blutrünstigerer Killer!! (Fragen sich TV-Produzenten eigentlich nie, warum gerade am Schauplatz ihrer Serie die Scheiße den Ventilator trifft, wie das englische Idiom viel schöner umschreibt? In Hannibals Virginia, USA steppt der Massenmörderbär und mich wundert, dass dort überhaupt noch Leute wohnen, immerhin geht es dort schlimmer zu als zu Dexters High-Times in Miami.) Doch letzten Endes dreht es sich um etwas Anderes. Fast alles in HANNIBAL ist Aufhänger dafür, seine Figuren in lange Gespräche zu verwickeln, in denen es hauptsächlich darum geht, den Geisteszustand eben dieser zu zerlegen, zu fragmentieren, zu leiten und zu manipulieren. Eine tiefen-psychologische Serie, quasi.

Garniert wird die Serie mit eigentlich (und dem Wort eigentlich lebt immer eine Widerspruch inne) wunderschönen blutigen Bildern, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Bryan Fullers Serie nimmt sein Thema sehr ernst, vielleicht zu ernst, von den einzelnen Episoden-Titeln (u.a. „Apéritif“, „Sorbet“) bis hin zu seinem penetranten Versuch uns alle zu Vegetariern zu machen; das menschliche Fleisch wird hier gekocht, gedünstet, gepfählt, geschält (!) und in allen erdenklichen Formen geschnitten. Fuller hatte immer schon einen Geschmack für das Morbide und das Endliche – immerhin hat er bereits zwei Serien hinter sich, die sich mit dem Thema Tod mehr als nur nebensächlich auseinander setzten (hie: DEAD LIKE ME). Doch die Schlachtplatte, das barocke Vergnügen, mit denen in HANNIBAL der menschliche Körper de-konstruiert und zur Schau gestellt wird ist sowohl in Tönen als auch in Farben ein komplettes Gegenstück zu seinen bisherigen Werken (und da: PUSHING DAISIES).

Und das ist, ehrlich, just awesome. Wer auf derlei Schlachtplatten steht – und das tue ich – der kommt aus dem Schauen gar nicht mehr raus: malerisch, pathetisch, düster, herbstlich, dunkel, sinister, blutig, lyrisch, elegant und ja, bezaubernd. Das Design, die Dramaturgie, der Esprit und die Kulisse lassen Fäden eher zu einem Gedicht als zu einer prosaischen Erzählung ziehen. Einzelne Szenen strahlen hellen, dunklen Gestank aus und setzen sich mit ihrer beinahe schon romantischen Schönheit tief in das Gedächtnis filmischer Bilder fest. Und dabei schafft es HANNIBAL im Gegensatz zu den „perversen Totentänzen“ nicht in das Schaulustige und Voyeuristische zu verfallen. Das mag durchaus widersprüchlich klingen, doch HANNIBAL zeigt in seiner Szenerie soviel Anmut, distanziert sich durch die ständige Begleitung von gelackter Dunkelheit so sehr von der Realität, dass man gar nicht anders kann, als HANNIBAL distanziert zu begegnen. Die „Opfer“ sofern sie überhaupt als solche dargestellt werden, sind Kunststücke von Filmstudenten, die sich in der Requisiten- und Kostümabteilung mal so richtig austoben konnten, die „Täter“ bleiben farblose, Motivation- und Motiv-lose Marionetten, die nur zum Zwecke der vorgeschobenen Dramatik ein paar One-Liner aufsagen und dann unter Blei oder Handschellen verschwinden. HANNIBAL spielt in einem kleinem, viel zu auf sich selbst bezogenen Universum, dessen Konsequenzen nur auf die Nächsten fallen und nie den Schritt in unsere Welt schaffen, so wie es gute Krimis mit ihren „Spiegelbildern der Gesellschaft“ machen.

Apropos Konsequenzen: hier weist HANNIBAL auch seine überdeutlichen und unübersehbaren Schwächen auf. Bryan Fuller und seine Autoren nehmen sich nämlich waghalsige Freiheiten, die so wohl keine klassische Krimiserie verkraften würde. So sind Spekulationen sofort Beweise und diese führen in beinahe hundert Prozent zu Erfolgen. Lecter selbst besitzt als Pendant zu der Begabung seines eigentlichen Kontrahenten Will (der mit seiner „absoluten Empathie“ Tatorte magisch zum Leben erwecken kann), die Fähigkeit der Abblende, so dass er sich nicht mit „unwichtigen“ Handlungssträngen oder „Details“ (wie das Verschwinden diverser Leichen) beschäftigen muss. Überhaupt geht die Serie sehr leger mit dem Thema um: während zuvor genannter Serienvertreter DEXTER – zumindest bis zu vierten Staffel – wegen jedem noch so kleinem Haar um seine Demaskierung als Serienkiller zittern musste, verschwinden rund um den psychopathischen Psychotherapueten Lecter andauernd Menschen, ohne dass bis zu letzt ein Verdacht entsteht. HANNIBAL suggeriert dass es ein Kinderspiel sein muss, Leichen aus allen erdenklichen Situationen verschwinden zu lassen: man muss nur wissen, wie lange man sie ziehen lässt oder welcher Wein zu ihnen passt.

Das hat natürlich einen negativen Beigeschmack, der sich hauptsächlich auf die ohnehin schon fragil aufgebaute Spannung auswirkt. Da HANNIBAL und seine Hauptfiguren Konsequenzen nur dann kennen, wenn es ihnen passt, ist es nicht weiterhin verwunderlich, wenn man sich – wie meine bessere Hälfte zum Beispiel – frustriert abwendet. Das Drehbuch wirkt letzten Endes zu sehr ein forcierte dramatisches Moment konstruiert, täuscht Tiefe und Doppelbödigkeit vor wo weder existieren und präsentiert sich für seine losen Enden unglaublich ausschweifend. Und so erliegt man entweder einem Bann oder man durschaut ihn: in meinen Freundeskreis wurde die Serie entweder nach ein paar Folgen fallen gelassen oder manisch zu Ende ge-binge watched. Lässt man sich auf letzteres ein, entdeckt man folglich auch die Inkonsequent, die ich zuvor schon angesprochen habe.

Zwar werden einige sogenannte Logikfehler zum Ende der Staffel ausgebügelt, doch ganz verschwindet die Skepsis nie. Ebenso erkennt man die für 13 Folgen unglaublich lahme Erzählung die Fullers Serie an den Tag legt; so sieht zwar alles schön aus – und das Auge isst ja bekanntlich mit – aber die Substanz, die HANNIBAL in seinen langen Mono- & Dialogen verspricht, kommt nie wirklich zur Geltung. Das „Psychologische“, welches in den Gesprächen der Protagonisten hin und her geworfen wird, die Einsichten, die diese erfahren, die Metaphysik und stampfende Symbolik: es ist alles nur Geschwafel!! Leeres Gerede, keine Aussage. Oft ziehen sich Episoden rund um ein „Thema“, dass aber weder Tiefe noch Plotentwicklung sondern nur den Schein dieser bietet und dass ist letzten Endes auch der Aspekt, welcher der Serie das Genick bricht.

Das heißt jedoch nicht automatisch, HANNIBAL sei langweilig. Fullers Serie dreht gegen Ende so richtig auf und bietet einen fetziges Finale, dass mit der Einführung des „Wendigo“ (unter Anführungszeichen) nur düsterer wird. Sehr viel düsterer. Fast schon böse. HANNIBAL sieht toll aus und kann auf audiovisueller Ebene auch was (der Soundtrack ist fabelhaft, erinnert in seinen besten Momenten an Thomas Bangalters albtraumhafte Soundkulisse des Filmes IRRÉVERSIBLE), ist aber bei weitem nicht das, was es vorgibt zu sein. Darüber kann man hinweg sehen, oder man tut es nicht. Oder man drückt mal dieses, mal jenes Auge zu und genießt ein leckeres Essen, von dem man jedoch nicht satt wird. Und dann gingen mir die Essensmetaphern aus.

 

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III: Stream

Tony Soprano bekommt Xanax. Alle im Fernsehen, so sagt man, nehmen Xanax, das Aspirin der Depression. „Im Fernsehen“ darf eigeneltich heutzutage nicht mehr gesagt werden, denn jeder der etwas von sich hält, sieht kein Fernsehen mehr. Alles wird gestreamt. Amerikanische Serien mit destruktiven Charaktern und Xanax.Was früher die Mondlandung war, ist heute Saddam Husseins Exekution via YouTube. LiveLeaks wie Gaddafi mit einem Messer zu Tode gefickt wird. Mein Leben, ein Link. Panta rhei, wenn man so will. Ich weiß gar nicht, ob es Xanax wirklich gibt, oder ob es sich dabei um eine Fiktion der Filmindustrie handelt, ähnlich wie die Vorwahl 555. Tony Soprano bekommt Xanax und ich bekomme eine Tablette, die nach Unvernunft klingt, ein Hauch von Spannung. Alles wird gut, in Magensäure zersetzte, durch Schleimhäute aufgenommene Ausgeglichenheit. Ich will keine Ausgeglichenheit. Am Ende sitzt Tony Soprano uns gegenüber und nichts hat sich geändert, alles bleibt gleich, ein Mittel um dir zu versprechen: alles wird gut, und wenn nicht, weißt du endlich, dass du nichts dagegen machen kannst und das ist immerhin was.
Seit dem ich mich erinnern kann, waren Tabletten Teil meines Lebens. Sie gingen darüber hinaus, flossen in das Leben meiner Mutter und wären auch in das Leben ihrer Mutter geflossen, hätte man damals unsichtbare Krankheiten unsichtbar behandelt. Es nicht besser machen zu können ist eine große Erleichterung, Medizin die nicht wirkt ist die beste. Alles betäubt fühlt sich das Leben nicht wirklich gut an. „Besser“ ist ein Begriff, den nur gesunde Menschen verwenden, Personen mit sogenannten Träumen, Perspektiven und sonstigen psychologischen Modewörtern. Alles wird gut und wenn nicht, dann nicht. So einfach ist das. Betrete das Draußen, triff dich mit Welten, reise in andere Köpfe, hole dir die kritische Auseinandersetzung mit deinem Geist und dem kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft, tritt dagegen an, auf der Straße, erfülle dein Wesen, sinniere über deine Stellung, kaufe Kapitalismuskritik. Irgendetwas davon wird schon helfen. Und wenn nicht, dann nicht.
Besitze ironisch, lerne nebenbei, trinke unverantwortlich, zerstöre dich zielsicher, missbrauche alles, genieße nichts, liebe niemanden, ficke dich selbst. Und alles wird gut. Wir sind alle Tyler Durden (so steht es auf unseren T-Shirts), wir sind alle Noam Chomsky (so steht es in unserem Bücherregal), wir sind alle Roddy Piper (deswegen tragen wir unsere Brillen). OBEY-Schriftzüge auf unseren Nahrungsmittel, Gift und Genesung, Hand in Hand zur Aufklärung, Hand in Hand zur Rebellion, ein Klick entfernt ist das Leben, dass du willst, aber nach 60 Minuten Doppelfolge kann man beruhigt ausschalten, sich hinsetzen, Tweet: worst life ever. Für jeden ist etwas dabei, dass ist das schöne daran. Und wer nicht will, der kann noch immer zu Hause bleiben, alte Musik hören und auf das Sterben warten. Existenzialismus ist en vogue, die Ausrede für alles, ironisches Besitzen, ironische Betroffenheit, ironisches Fieber. Treffen wir uns alle in unseren Wohnungen, alleine, öffnen unseren teuersten Alkohol, wagen es gegen die Norm zu reden und versetzen uns dann alle in einen allgemeinen Schockzustand: life is a bitch and then you die. Im Chor. Im Kanon. Ein ständiger Refrain. Too fucked up to care anymore. Für jeden ist etwas dabei. Und wenn nicht, dann nicht: hier gibt es etwas anderes.
Und dann gibt es die, die nur schlafen. Sie schlafen und stehen, schlafen und arbeiten, schlafen und streamen, schlafen und schlafen. Wir sind die geächteten, jene, die sich nicht abgefunden haben, die nicht rebellieren, die keine Stellung beziehen, die nicht auf das Sterben warten, denn das würde bedeuten, dass es etwas gibt, worauf man wartet und warten impliziert stets Hoffnung. Selbst die Hoffnungslosen sehen auf uns herab, selbst die Toten wollen sich nicht mit uns blicken lassen und wenn du gut bist. wenn du klug bist, dann bist du keiner von uns, keiner der Schlafenden, keiner der nichts tun will, nicht einmal das nichts-tun. Und wenn du besser bist, dann lässt du es dir nicht anmerken. Motivation rangiert von faul (faul, faul) zu überambitioniert, doch wir stehen außerhalb dieser Linie, betrachten ohne zu fühlen.
Ich will nach Hause, denn dort kann ich schlafen, ohne dass ich mich rechtfertigen muss. Bis heute. Mein Handy leuchtet nullvierdoppelpunktundmehr. Meine Augen sind verklebt und meine Gedanken verschwommen. Graues Glück lässt nach und ich konnte die Stunden spüren, wie sie durch meine Körper zogen. Ein kurzer Höhepunkt und dann ein schleichender Entzug. Ich versuche nicht auf die Details zu achten; erkenne das Ganze, erkenne dich selbst, erkenne wozu du fähig bist. Widerwärtige Worte der Hoffnung, eine Fotografie aus einer anderen Welt, mit jeder Stunde die ich weniger drauf bin lassen sich meine Gedanken weniger leise stellen und irgendwann erreicht der Gesang seinen Höhepunkt, eine rückwärts abgespielter Beat, ein Schlag, Dissonanz, woher habe ich nur diese Wörter. Wenn das denken beginnt.
Ich öffne meinen Laptop. Lasse mich vom Licht blenden. Internetbrowser. Der Strich, der wartet. Verschwindet und erscheint, wartend auf Eingabe: Social Network, LiveTicker, YouPorn, MusicVid, Wortwitz mit kleinem I. Ich stelle mich dumm, tue so, als ob ich nicht wüsste, wonach ich suchen soll, doch der Refrain wird lauter und lauter, das Foto an der Wand heller als das künstliche Licht des Bildschirms. Wage es nicht mich abzunehmen. Wehe dir.
Ich rufe Pii an. Letzten Endes: Hoffnung. Heute beginne ich auf den Tod zu warten.
Pii hebt ab, sehr schnell.
Es ist halb fünf, sagt er, tut so, als ob Zeit eine Bedeutung hätte.
Es ist das Video. Wir wissen es beide, aber einer muss diesen Satz zu erst sagen: es ist das Video.
Woher hast du diesen Link, will ich wissen.
Schicke in mir, will ich sagen.
Soll ich in dir schicken?
Es ist jedes mal ein anderes Wort.
Pass auf.
Mia, pass auf.
Worauf, denke ich mir und gleichzeitig, ich muss aufpassen. Jetzt muss ich aufpassen: dass mir nichts geschieht, dass mir nichts passiert, dass ich noch weiter lebe, dass ich wach bleibe, dass ich beginne zu rebellieren, zu sterben, zu – oh – leben.
„Wer ist sie.“
„Mia, das weißt du doch.“
„Wo ist sie.“
„Mia, ich weiß nicht, einen Schritt neben dir? Am selben Ort?“
„Das war nicht meine Wohnung.“
„Mia, das war eine Alternative.“
Hör auf meinen Namen zu sagen.
„Sorry. Ich schick dir den Link. Wenn es so nicht funktioniert, schick ich dir das Video auf dem man den Link findet, wenn sie das Design nicht mal wieder verändert haben.“
Oder den Link gelöscht haben, denke ich.
„Oder den Link gelöscht haben“, sage ich.
„Hm.“
„Hm, was.“
„Nichts.“
Pii ist ein Wichser, aber normaler weise macht mir das nichts aus. Heute schon. Heute macht mir alles etwas aus.
„Du wirst wahrscheinlich nichts erkennen. Du – also, die andere in dem Video, die wird schlafen.“
„Nicht wenn sie mir ähnlich ist.“
„Mia, sie ist du.“
Sieht mir aber nicht ähnlich.
„Hast du WhatsApp.“
Nein, eMail, Pii du verdammter Idiot.
Einige Minuten vergehen nach dem ich aufgelegt habe. Ich aktualisiere meinen Posteingang im Sekundentakt. Das Foto an der Wand leuchtet immer heller. Wehe. Dann taucht eine kleine 1 neben dem Briefsymbol auf. Mein Herz schlägt zum ersten Mal seit Jahren selbstständig. Meine Finger greifen zur Schublade meines Nachttisches.
Pii will dich ficken und er tut es jetzt gerade mit dir. Das bist nicht du, dass ist irgendwer, der aussieht wie du.
Das bist nicht du.
Das Foto leuchtet in neongrellen Farben.
Ich klicke den Link an. Das obskure Video mit der japanischen Tittenkatze erscheint. Ich schalte automatisch den Sound auf stumm. Scrolle runter. Wechsle zu Piis eMail: „such nach user _void74, kopiere den link, achte auf das wort. dann musst du die richtige zeile markieren, die ist im background versteckt. wenn du sie nicht findest, schau im quellcode nach, dass ist manchmal einfacher“
Ich finde den Comment. Ich finde die Site. UNDERWORLD. Rote Lettern (orange?). Ich suche die restliche Seite ab. Schwarze Text auf schwarzen Hintergrund. Unzählige Links. Ich rufe Pii an.
Woher ich wissen soll, welcher Link.
Seufzen, einatmen, dann: „Hast du dein Wort gesehen?“
Ich nicke, doch Pii gibt mir keine Antwort. Dann realisiere ich es erst und sage ja.
„Gut. Such den Link mit deinem Wort. Manchmal ist es verkehrt geschrieben, manchmal ist es geteilt, aber es ist immer dein Wort. Und ja. The Rest is history.“
Pii hat keine Ahnung, wie man mit Worten umgeht.
„Viel Spaß noch, ich geh jetzt schlafen. Es wird hell.“
„Eine Fragen noch.“
Ich höre Pii grinsen.
„…woher weiß ich“, und dann entscheide ich mich um: „Was hast du gesehen?“
Ich höre Pii aufhören zu grinsen. Atmen, schlucken, atmen.
„Pii? Was hast du gesehen?“
„Mich natürlich.“
„Und?“
„Und nichts.“
„Pii?“
Atmen, schlucken, atmen, ansetzen: „Und ein Kind.“
Damit ist das Gespräch beendet.
Wäre das hier ein Film würde ich jetzt ein Klicken und einen langen Ton aus dem Telefon hören. Doch es klingt nur nach Leere.
Das Bild leuchtet: wehe.
Ich finde meinen Link.
Tony Soprano bekommt Xanax. Und alles wird gleich. Bleibt besser.
Ich klicke auf meinen Link.
Man kann nichts tun, nur warten.
Ein Videostream erscheint im Vollbild; es klingt nach Leere.
Alles was du tun musst, ist auf zu wachen,
Ich kneife meine Augen zusammen, das Strahlen der Fotografie erlischt.
Schwarzes Rauschen: atmen, schlucken, atmen.

II: Leak

Im Endeffekt geht es nicht wirklich darum, dass sie ein großes Fenster besitzt, oder dass die kleinen tausend Dinge ihre Mutter nicht getötet haben, oder dass ein dicker Kater (von dem ich mich sicherlich trennen werde) sich anhänglich um ihre Beine schlingt, oder um den greifbaren Geruch, der in ihrer Wohnung steckt, der sich durch jedes Zimmer zieht; ein Geruch, der Leben verspricht, Menschen und Freundschaft, eine künstliche Mischung aus Schweiß und Blumenwiese Trademark und den gestrigen Resten selbst gekochter Mahlzeiten, ein Geruch, welcher dem Gegenteil meiner Wohnung, ach was, meines Lebens entspricht. Mein Überlebensduft besteht aus verschwendetem Nachtlicht, das ich brauche um einzuschlafen, aus feuchten Kleidern, die sich vor einer Waschmaschine stapeln, die partout das Abpumpen vergisst, aus ängstliche Schweißspuren, die sich in die Fasern meiner Bettbezüge klammern, die Art von Schweiß, die nicht von ehrlicher Arbeit oder einem gesunden Sexleben daher rühren, sondern ihren Ursprung in Passivität haben, die Art von Passivität, bei der andere Menschen die Nase rümpfen, die Luft anhaltend und meine Anwesenheit schnell hinter sich bringend. Faul, faul, faul. Wenn man ein Wort oft genug wendet.
Im Endeffekt geht es mir nicht darum, wie ihr Leben wohl riechen mag, wie heimisch-kitschig ihre Wohnung aussieht oder zumindest das Eck, dass ich betrachten darf, ein Auszug aus einem IKEA-Katalog, fad aber ausgeglichen, hie und da Details ausbalancierte Abgründe preisgebend: eine Shisha hinter dem Vorhang, eine Massageöl am Nachtisch, dessen eigentlicher Zweck sich auf dem Label nicht zu verstecken braucht, Weinflaschen, Mehrzahl. Ein selbstzufriedenes Leben mit gelegentlichen Einbrüchen, die sich so leicht abschütteln lassen, wie kleine Gemeinheiten von zu ehrlichen Freunden. Nein, ich wiederhole mich, aber nein, das ist es nicht. Es ist mein Gesicht, genauer gesagt der Blick, der sich in dem ruckelnden Bild auf dem Laptop festfährt, der richtige Augenblick und zugleich millionenfach der falschen. Meine Finger pressen sich fest um meine Drogen, als ob ich durch Druck ihre Wirkung absorbieren könne. Ich werde mir ihr Leben genau ansehen und es studieren und meine Pläne schmieden, meinen Neid wachsen lassen, unzählbare Gründe finden, die es besser machen, dieses Leben, vielleicht um es recht zu fertigen oder meine Gedanken zu festigen, vielleicht auch um ich zur Ruhe zu setzen, mich in Wohlbehagen zu betten, bevor ich das klamme Licht einschalte und in Gedanken bis hundert zähle, hoffend bei fünfzig schon zu schlafen. Ich werde sie nächtelang beobachtet, ich werde dabei sein, wie sie sich berührt, ich werde ihre Träume spüren, wenn sie schläft und ich nicht loslassen kann, immer auf der Suche nach einem weiterem Fenster, in einem neuen Tab öffnen.
Aber meinen Entschluss werde ich nicht fassen, wenn sie lächelnd durch ihre Wohnung tanzt, wenn sie schweren Kopfes noch ein Glas Wein trinkt, wenn sie lächelnd einschläft, klebrige Finger und stechendem Herzen. Hier in Piis Wohnung, als ich diesen Blick sehe, beschließe ich, dass dieser Blick mir gehören soll, dieses unverbrauchte Gesicht, dieses gefasste Gesicht, dem das Glück nicht grau ist. Es ist nur fair.
Was ist das, frage ich.
„Das bist du. Jetzt, nur nicht hier.“
Das Bild ruckelt weiter, das Gesicht kommt näher und fixiert das meine, sieht mich direkt an und streckt die Zeigefinger nach mir aus, doch bevor ich mich erschrecken kann, pressen die Fingerkuppen geschickt einen Mitesser aus dem Kinn.
Was ist das.
Nicht hier.
Du bist Super Mario und jedes Mal wenn er in den Abgrund springt, wechseln wir in die nächste Realität. Seine Leben sind immer Null. Sie lassen uns nur glauben.
Pii labert. Sie, mein anderes Ich, lehnt sich zurück, betrachtet sich im Spiegel, ich erkenne Anzeichen von Vertrautheit, wiederkehrende Merkmale, Symbole die sich durch mehrere Werke eines Schriftstellers ziehen: wie sie ihre Haare zurück kämmt, wie sie sich die Hände wäscht, wie sie das Gesicht verzieht um im Badezimmerspiegel nach Unreinheiten in unserer – ihrer, ihrer, ihrer – Haut sucht. Es sind meine Bewegungen, meine Zuckungen, das bin ich im Spiegel, in dem Badezimmer auf dem fleckigen Bildschirm des klebrigen Laptops. Das sind meine Bewegungen und sie hat sie mir gestohlen. Wir drehen uns um, gerade als ich meinen gesunden Anblick nicht mehr ertragen kann und gehen wieder ins Schlafzimmer und ich suche gierig nach Spuren meines echten Lebens. Ein Buch, das ich als Kind gelesen habe. Ein Pullover von dem ich mich nicht trennen kann. Ein Bild, das ich immer schon zeichnen wollte. Musik, die mir gefällt. Irgendetwas. Irgendetwas, das mir beweist, dass ich träume, dass ich jeden Moment aufwachen werde und dass ich nur die Augen zu öffnen brauche um mich dort zu, in diesem, in dem richtigen Leben wieder zu finden. Das Bild wird blasser und beginnt stärker zu Ruckeln, die Aussetzer werden abgehackter, die Bewegungen kantiger und dann, bevor ich – sie, sie, sie, verdammt, nicht ich – ihre Socken ausziehen kann, bleibt es stecken und ich werde mit der Aussicht auf ihre unvernarbten Beine bestraft.
„Irgendwann hört es auf.“ Pii hat den Joint fertig geraucht.
Was hast du gesehen, fragt er, aber ich gebe ihm keine Antwort.
Abgefuckt, will er wissen, abgefuckt, total. „Ich weiß.“
Was es sei, doch er zuckt nur mit den Schultern. Und dann dreht er den Laptop um, betrachtet meine – ihre – nackten Beine, etwas zu lang für meinen Geschmack, tippt konzentriert auf der Tastatur herum, Steuerung und P.
„Ich habe mir extra gutes Papier gekauft.“
Gutes Papier, flüstere ich, murmle mir zu, unschlüssig, was ich mit dieser Information machen soll. Was ich mit allem machen soll, mit mir, mit Pii, mit ihr die im Laptop lebt, jetzt nur nicht hier. Das bin ich. Hier. Ich bin doch hier. Mein Finger haben grau und orange vergessen, haben sich auf den Tisch ausgebreitet und versuchen eine falsche Ruhe aufrecht zu erhalten. Der Knoten im inneren meines Körpers hat sich nicht gelöst, er wurde nur noch enger gezogen. Etwas will hinaus und ich weiß nicht, ob es ein kräftiger Schrei oder mein mageres Mittagessen ist. Mein Anspannung will beides, mein Körper fürchtet alles. Bleib ruhig, denke ich mir, im Refrain. Im Kanon. Bleib ruhig, denkt sie sich.
Pii erhebt sich und geht in ein anderes Zimmer, kommt mit einem starken Blatt Papier zurück auf dem das Bild meiner makellosen Beine abgedruckt ist.
„Ich habe mir einen guten Drucker und dieses verfickt smoothe Papier besorgt“, er fährt mit seinen Fingern über die Hochglanzoberfläche, „um die Details zu erkennen.“
Pii gibt mir den Ausdruck. Ob alles okay sei. Nein. Das wird schon wieder. Ganz schön abgefuckt, hm? Ja. Pii runzelt die Stirn, er hat sich offensichtlich mehr erwartet, als meine tauben Emotionen, die sich nur all zu gut unterdrücken lassen. Zu Hause werde ich kotzen, in der Dusche schreien, zusammenfallen und schließlich mein Nachtlicht einschalten, bis hundert zählen, bei zwanzig aus dem Bett stolpern und mich noch einmal übergeben. Bei fünfzig werde ich mir graues Glück genehmigen, dass nach dem Schock immer noch Platz für Aufmerksamkeit einfordert. Bei siebzig werde ich das Bild an meine Schlafzimmerwand kleben, so dass ich es sofort sehe, wenn ich aufwache. Doch jetzt bleibe ich ruhig, nehme mir vor dann aufzustehen und zu gehen, mich zu bedanken und vorsichtig die zwei Stockwerke hinab steigen.
Es ist so eine Art Live-Stream, aber ich habe keine Ahnung woher, beginnt Pii, doch als seine Gesprächsavancen auf ein starres Gesicht treffen wendet er sich ab und murmelt, dass er bereits eine ganze Mappe an ausgedruckten Bildern hat. Ob ich sie sehen will. Das nächste Mal und ich ziehe mir von eigener Willenskraft und dem Gras benommen die Schuhe an, lasse die Tür offen und Pii mit einem ratlosen Blick zurück.
„Etwas verbindet uns“, ruft er mir nach, als ich bereits das erste Stockwerk hinter mir gelassen habe. „Es ist nicht immer offensichtlich. Der Teufel“ – mir wird schlecht, Speichel sammelt sich in meinen Mundwinkeln – „steckt im Detail.“
Die Details: zwei Beine, ein Socken der an einem Fuß baumelt, zwei Hände die sich dorthin strecken, dahinter ein Holzboden, ein Kabel, ein unbestimmbarer Fleck. Staubkörner. Keine Narben. Das ist es. Das ist mein anderes Leben. Und ich werde es mir holen.