II: Leak

Im Endeffekt geht es nicht wirklich darum, dass sie ein großes Fenster besitzt, oder dass die kleinen tausend Dinge ihre Mutter nicht getötet haben, oder dass ein dicker Kater (von dem ich mich sicherlich trennen werde) sich anhänglich um ihre Beine schlingt, oder um den greifbaren Geruch, der in ihrer Wohnung steckt, der sich durch jedes Zimmer zieht; ein Geruch, der Leben verspricht, Menschen und Freundschaft, eine künstliche Mischung aus Schweiß und Blumenwiese Trademark und den gestrigen Resten selbst gekochter Mahlzeiten, ein Geruch, welcher dem Gegenteil meiner Wohnung, ach was, meines Lebens entspricht. Mein Überlebensduft besteht aus verschwendetem Nachtlicht, das ich brauche um einzuschlafen, aus feuchten Kleidern, die sich vor einer Waschmaschine stapeln, die partout das Abpumpen vergisst, aus ängstliche Schweißspuren, die sich in die Fasern meiner Bettbezüge klammern, die Art von Schweiß, die nicht von ehrlicher Arbeit oder einem gesunden Sexleben daher rühren, sondern ihren Ursprung in Passivität haben, die Art von Passivität, bei der andere Menschen die Nase rümpfen, die Luft anhaltend und meine Anwesenheit schnell hinter sich bringend. Faul, faul, faul. Wenn man ein Wort oft genug wendet.
Im Endeffekt geht es mir nicht darum, wie ihr Leben wohl riechen mag, wie heimisch-kitschig ihre Wohnung aussieht oder zumindest das Eck, dass ich betrachten darf, ein Auszug aus einem IKEA-Katalog, fad aber ausgeglichen, hie und da Details ausbalancierte Abgründe preisgebend: eine Shisha hinter dem Vorhang, eine Massageöl am Nachtisch, dessen eigentlicher Zweck sich auf dem Label nicht zu verstecken braucht, Weinflaschen, Mehrzahl. Ein selbstzufriedenes Leben mit gelegentlichen Einbrüchen, die sich so leicht abschütteln lassen, wie kleine Gemeinheiten von zu ehrlichen Freunden. Nein, ich wiederhole mich, aber nein, das ist es nicht. Es ist mein Gesicht, genauer gesagt der Blick, der sich in dem ruckelnden Bild auf dem Laptop festfährt, der richtige Augenblick und zugleich millionenfach der falschen. Meine Finger pressen sich fest um meine Drogen, als ob ich durch Druck ihre Wirkung absorbieren könne. Ich werde mir ihr Leben genau ansehen und es studieren und meine Pläne schmieden, meinen Neid wachsen lassen, unzählbare Gründe finden, die es besser machen, dieses Leben, vielleicht um es recht zu fertigen oder meine Gedanken zu festigen, vielleicht auch um ich zur Ruhe zu setzen, mich in Wohlbehagen zu betten, bevor ich das klamme Licht einschalte und in Gedanken bis hundert zähle, hoffend bei fünfzig schon zu schlafen. Ich werde sie nächtelang beobachtet, ich werde dabei sein, wie sie sich berührt, ich werde ihre Träume spüren, wenn sie schläft und ich nicht loslassen kann, immer auf der Suche nach einem weiterem Fenster, in einem neuen Tab öffnen.
Aber meinen Entschluss werde ich nicht fassen, wenn sie lächelnd durch ihre Wohnung tanzt, wenn sie schweren Kopfes noch ein Glas Wein trinkt, wenn sie lächelnd einschläft, klebrige Finger und stechendem Herzen. Hier in Piis Wohnung, als ich diesen Blick sehe, beschließe ich, dass dieser Blick mir gehören soll, dieses unverbrauchte Gesicht, dieses gefasste Gesicht, dem das Glück nicht grau ist. Es ist nur fair.
Was ist das, frage ich.
„Das bist du. Jetzt, nur nicht hier.“
Das Bild ruckelt weiter, das Gesicht kommt näher und fixiert das meine, sieht mich direkt an und streckt die Zeigefinger nach mir aus, doch bevor ich mich erschrecken kann, pressen die Fingerkuppen geschickt einen Mitesser aus dem Kinn.
Was ist das.
Nicht hier.
Du bist Super Mario und jedes Mal wenn er in den Abgrund springt, wechseln wir in die nächste Realität. Seine Leben sind immer Null. Sie lassen uns nur glauben.
Pii labert. Sie, mein anderes Ich, lehnt sich zurück, betrachtet sich im Spiegel, ich erkenne Anzeichen von Vertrautheit, wiederkehrende Merkmale, Symbole die sich durch mehrere Werke eines Schriftstellers ziehen: wie sie ihre Haare zurück kämmt, wie sie sich die Hände wäscht, wie sie das Gesicht verzieht um im Badezimmerspiegel nach Unreinheiten in unserer – ihrer, ihrer, ihrer – Haut sucht. Es sind meine Bewegungen, meine Zuckungen, das bin ich im Spiegel, in dem Badezimmer auf dem fleckigen Bildschirm des klebrigen Laptops. Das sind meine Bewegungen und sie hat sie mir gestohlen. Wir drehen uns um, gerade als ich meinen gesunden Anblick nicht mehr ertragen kann und gehen wieder ins Schlafzimmer und ich suche gierig nach Spuren meines echten Lebens. Ein Buch, das ich als Kind gelesen habe. Ein Pullover von dem ich mich nicht trennen kann. Ein Bild, das ich immer schon zeichnen wollte. Musik, die mir gefällt. Irgendetwas. Irgendetwas, das mir beweist, dass ich träume, dass ich jeden Moment aufwachen werde und dass ich nur die Augen zu öffnen brauche um mich dort zu, in diesem, in dem richtigen Leben wieder zu finden. Das Bild wird blasser und beginnt stärker zu Ruckeln, die Aussetzer werden abgehackter, die Bewegungen kantiger und dann, bevor ich – sie, sie, sie, verdammt, nicht ich – ihre Socken ausziehen kann, bleibt es stecken und ich werde mit der Aussicht auf ihre unvernarbten Beine bestraft.
„Irgendwann hört es auf.“ Pii hat den Joint fertig geraucht.
Was hast du gesehen, fragt er, aber ich gebe ihm keine Antwort.
Abgefuckt, will er wissen, abgefuckt, total. „Ich weiß.“
Was es sei, doch er zuckt nur mit den Schultern. Und dann dreht er den Laptop um, betrachtet meine – ihre – nackten Beine, etwas zu lang für meinen Geschmack, tippt konzentriert auf der Tastatur herum, Steuerung und P.
„Ich habe mir extra gutes Papier gekauft.“
Gutes Papier, flüstere ich, murmle mir zu, unschlüssig, was ich mit dieser Information machen soll. Was ich mit allem machen soll, mit mir, mit Pii, mit ihr die im Laptop lebt, jetzt nur nicht hier. Das bin ich. Hier. Ich bin doch hier. Mein Finger haben grau und orange vergessen, haben sich auf den Tisch ausgebreitet und versuchen eine falsche Ruhe aufrecht zu erhalten. Der Knoten im inneren meines Körpers hat sich nicht gelöst, er wurde nur noch enger gezogen. Etwas will hinaus und ich weiß nicht, ob es ein kräftiger Schrei oder mein mageres Mittagessen ist. Mein Anspannung will beides, mein Körper fürchtet alles. Bleib ruhig, denke ich mir, im Refrain. Im Kanon. Bleib ruhig, denkt sie sich.
Pii erhebt sich und geht in ein anderes Zimmer, kommt mit einem starken Blatt Papier zurück auf dem das Bild meiner makellosen Beine abgedruckt ist.
„Ich habe mir einen guten Drucker und dieses verfickt smoothe Papier besorgt“, er fährt mit seinen Fingern über die Hochglanzoberfläche, „um die Details zu erkennen.“
Pii gibt mir den Ausdruck. Ob alles okay sei. Nein. Das wird schon wieder. Ganz schön abgefuckt, hm? Ja. Pii runzelt die Stirn, er hat sich offensichtlich mehr erwartet, als meine tauben Emotionen, die sich nur all zu gut unterdrücken lassen. Zu Hause werde ich kotzen, in der Dusche schreien, zusammenfallen und schließlich mein Nachtlicht einschalten, bis hundert zählen, bei zwanzig aus dem Bett stolpern und mich noch einmal übergeben. Bei fünfzig werde ich mir graues Glück genehmigen, dass nach dem Schock immer noch Platz für Aufmerksamkeit einfordert. Bei siebzig werde ich das Bild an meine Schlafzimmerwand kleben, so dass ich es sofort sehe, wenn ich aufwache. Doch jetzt bleibe ich ruhig, nehme mir vor dann aufzustehen und zu gehen, mich zu bedanken und vorsichtig die zwei Stockwerke hinab steigen.
Es ist so eine Art Live-Stream, aber ich habe keine Ahnung woher, beginnt Pii, doch als seine Gesprächsavancen auf ein starres Gesicht treffen wendet er sich ab und murmelt, dass er bereits eine ganze Mappe an ausgedruckten Bildern hat. Ob ich sie sehen will. Das nächste Mal und ich ziehe mir von eigener Willenskraft und dem Gras benommen die Schuhe an, lasse die Tür offen und Pii mit einem ratlosen Blick zurück.
„Etwas verbindet uns“, ruft er mir nach, als ich bereits das erste Stockwerk hinter mir gelassen habe. „Es ist nicht immer offensichtlich. Der Teufel“ – mir wird schlecht, Speichel sammelt sich in meinen Mundwinkeln – „steckt im Detail.“
Die Details: zwei Beine, ein Socken der an einem Fuß baumelt, zwei Hände die sich dorthin strecken, dahinter ein Holzboden, ein Kabel, ein unbestimmbarer Fleck. Staubkörner. Keine Narben. Das ist es. Das ist mein anderes Leben. Und ich werde es mir holen.

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