III: Stream

Tony Soprano bekommt Xanax. Alle im Fernsehen, so sagt man, nehmen Xanax, das Aspirin der Depression. „Im Fernsehen“ darf eigeneltich heutzutage nicht mehr gesagt werden, denn jeder der etwas von sich hält, sieht kein Fernsehen mehr. Alles wird gestreamt. Amerikanische Serien mit destruktiven Charaktern und Xanax.Was früher die Mondlandung war, ist heute Saddam Husseins Exekution via YouTube. LiveLeaks wie Gaddafi mit einem Messer zu Tode gefickt wird. Mein Leben, ein Link. Panta rhei, wenn man so will. Ich weiß gar nicht, ob es Xanax wirklich gibt, oder ob es sich dabei um eine Fiktion der Filmindustrie handelt, ähnlich wie die Vorwahl 555. Tony Soprano bekommt Xanax und ich bekomme eine Tablette, die nach Unvernunft klingt, ein Hauch von Spannung. Alles wird gut, in Magensäure zersetzte, durch Schleimhäute aufgenommene Ausgeglichenheit. Ich will keine Ausgeglichenheit. Am Ende sitzt Tony Soprano uns gegenüber und nichts hat sich geändert, alles bleibt gleich, ein Mittel um dir zu versprechen: alles wird gut, und wenn nicht, weißt du endlich, dass du nichts dagegen machen kannst und das ist immerhin was.
Seit dem ich mich erinnern kann, waren Tabletten Teil meines Lebens. Sie gingen darüber hinaus, flossen in das Leben meiner Mutter und wären auch in das Leben ihrer Mutter geflossen, hätte man damals unsichtbare Krankheiten unsichtbar behandelt. Es nicht besser machen zu können ist eine große Erleichterung, Medizin die nicht wirkt ist die beste. Alles betäubt fühlt sich das Leben nicht wirklich gut an. „Besser“ ist ein Begriff, den nur gesunde Menschen verwenden, Personen mit sogenannten Träumen, Perspektiven und sonstigen psychologischen Modewörtern. Alles wird gut und wenn nicht, dann nicht. So einfach ist das. Betrete das Draußen, triff dich mit Welten, reise in andere Köpfe, hole dir die kritische Auseinandersetzung mit deinem Geist und dem kollektiven Bewusstsein unserer Gesellschaft, tritt dagegen an, auf der Straße, erfülle dein Wesen, sinniere über deine Stellung, kaufe Kapitalismuskritik. Irgendetwas davon wird schon helfen. Und wenn nicht, dann nicht.
Besitze ironisch, lerne nebenbei, trinke unverantwortlich, zerstöre dich zielsicher, missbrauche alles, genieße nichts, liebe niemanden, ficke dich selbst. Und alles wird gut. Wir sind alle Tyler Durden (so steht es auf unseren T-Shirts), wir sind alle Noam Chomsky (so steht es in unserem Bücherregal), wir sind alle Roddy Piper (deswegen tragen wir unsere Brillen). OBEY-Schriftzüge auf unseren Nahrungsmittel, Gift und Genesung, Hand in Hand zur Aufklärung, Hand in Hand zur Rebellion, ein Klick entfernt ist das Leben, dass du willst, aber nach 60 Minuten Doppelfolge kann man beruhigt ausschalten, sich hinsetzen, Tweet: worst life ever. Für jeden ist etwas dabei, dass ist das schöne daran. Und wer nicht will, der kann noch immer zu Hause bleiben, alte Musik hören und auf das Sterben warten. Existenzialismus ist en vogue, die Ausrede für alles, ironisches Besitzen, ironische Betroffenheit, ironisches Fieber. Treffen wir uns alle in unseren Wohnungen, alleine, öffnen unseren teuersten Alkohol, wagen es gegen die Norm zu reden und versetzen uns dann alle in einen allgemeinen Schockzustand: life is a bitch and then you die. Im Chor. Im Kanon. Ein ständiger Refrain. Too fucked up to care anymore. Für jeden ist etwas dabei. Und wenn nicht, dann nicht: hier gibt es etwas anderes.
Und dann gibt es die, die nur schlafen. Sie schlafen und stehen, schlafen und arbeiten, schlafen und streamen, schlafen und schlafen. Wir sind die geächteten, jene, die sich nicht abgefunden haben, die nicht rebellieren, die keine Stellung beziehen, die nicht auf das Sterben warten, denn das würde bedeuten, dass es etwas gibt, worauf man wartet und warten impliziert stets Hoffnung. Selbst die Hoffnungslosen sehen auf uns herab, selbst die Toten wollen sich nicht mit uns blicken lassen und wenn du gut bist. wenn du klug bist, dann bist du keiner von uns, keiner der Schlafenden, keiner der nichts tun will, nicht einmal das nichts-tun. Und wenn du besser bist, dann lässt du es dir nicht anmerken. Motivation rangiert von faul (faul, faul) zu überambitioniert, doch wir stehen außerhalb dieser Linie, betrachten ohne zu fühlen.
Ich will nach Hause, denn dort kann ich schlafen, ohne dass ich mich rechtfertigen muss. Bis heute. Mein Handy leuchtet nullvierdoppelpunktundmehr. Meine Augen sind verklebt und meine Gedanken verschwommen. Graues Glück lässt nach und ich konnte die Stunden spüren, wie sie durch meine Körper zogen. Ein kurzer Höhepunkt und dann ein schleichender Entzug. Ich versuche nicht auf die Details zu achten; erkenne das Ganze, erkenne dich selbst, erkenne wozu du fähig bist. Widerwärtige Worte der Hoffnung, eine Fotografie aus einer anderen Welt, mit jeder Stunde die ich weniger drauf bin lassen sich meine Gedanken weniger leise stellen und irgendwann erreicht der Gesang seinen Höhepunkt, eine rückwärts abgespielter Beat, ein Schlag, Dissonanz, woher habe ich nur diese Wörter. Wenn das denken beginnt.
Ich öffne meinen Laptop. Lasse mich vom Licht blenden. Internetbrowser. Der Strich, der wartet. Verschwindet und erscheint, wartend auf Eingabe: Social Network, LiveTicker, YouPorn, MusicVid, Wortwitz mit kleinem I. Ich stelle mich dumm, tue so, als ob ich nicht wüsste, wonach ich suchen soll, doch der Refrain wird lauter und lauter, das Foto an der Wand heller als das künstliche Licht des Bildschirms. Wage es nicht mich abzunehmen. Wehe dir.
Ich rufe Pii an. Letzten Endes: Hoffnung. Heute beginne ich auf den Tod zu warten.
Pii hebt ab, sehr schnell.
Es ist halb fünf, sagt er, tut so, als ob Zeit eine Bedeutung hätte.
Es ist das Video. Wir wissen es beide, aber einer muss diesen Satz zu erst sagen: es ist das Video.
Woher hast du diesen Link, will ich wissen.
Schicke in mir, will ich sagen.
Soll ich in dir schicken?
Es ist jedes mal ein anderes Wort.
Pass auf.
Mia, pass auf.
Worauf, denke ich mir und gleichzeitig, ich muss aufpassen. Jetzt muss ich aufpassen: dass mir nichts geschieht, dass mir nichts passiert, dass ich noch weiter lebe, dass ich wach bleibe, dass ich beginne zu rebellieren, zu sterben, zu – oh – leben.
„Wer ist sie.“
„Mia, das weißt du doch.“
„Wo ist sie.“
„Mia, ich weiß nicht, einen Schritt neben dir? Am selben Ort?“
„Das war nicht meine Wohnung.“
„Mia, das war eine Alternative.“
Hör auf meinen Namen zu sagen.
„Sorry. Ich schick dir den Link. Wenn es so nicht funktioniert, schick ich dir das Video auf dem man den Link findet, wenn sie das Design nicht mal wieder verändert haben.“
Oder den Link gelöscht haben, denke ich.
„Oder den Link gelöscht haben“, sage ich.
„Hm.“
„Hm, was.“
„Nichts.“
Pii ist ein Wichser, aber normaler weise macht mir das nichts aus. Heute schon. Heute macht mir alles etwas aus.
„Du wirst wahrscheinlich nichts erkennen. Du – also, die andere in dem Video, die wird schlafen.“
„Nicht wenn sie mir ähnlich ist.“
„Mia, sie ist du.“
Sieht mir aber nicht ähnlich.
„Hast du WhatsApp.“
Nein, eMail, Pii du verdammter Idiot.
Einige Minuten vergehen nach dem ich aufgelegt habe. Ich aktualisiere meinen Posteingang im Sekundentakt. Das Foto an der Wand leuchtet immer heller. Wehe. Dann taucht eine kleine 1 neben dem Briefsymbol auf. Mein Herz schlägt zum ersten Mal seit Jahren selbstständig. Meine Finger greifen zur Schublade meines Nachttisches.
Pii will dich ficken und er tut es jetzt gerade mit dir. Das bist nicht du, dass ist irgendwer, der aussieht wie du.
Das bist nicht du.
Das Foto leuchtet in neongrellen Farben.
Ich klicke den Link an. Das obskure Video mit der japanischen Tittenkatze erscheint. Ich schalte automatisch den Sound auf stumm. Scrolle runter. Wechsle zu Piis eMail: „such nach user _void74, kopiere den link, achte auf das wort. dann musst du die richtige zeile markieren, die ist im background versteckt. wenn du sie nicht findest, schau im quellcode nach, dass ist manchmal einfacher“
Ich finde den Comment. Ich finde die Site. UNDERWORLD. Rote Lettern (orange?). Ich suche die restliche Seite ab. Schwarze Text auf schwarzen Hintergrund. Unzählige Links. Ich rufe Pii an.
Woher ich wissen soll, welcher Link.
Seufzen, einatmen, dann: „Hast du dein Wort gesehen?“
Ich nicke, doch Pii gibt mir keine Antwort. Dann realisiere ich es erst und sage ja.
„Gut. Such den Link mit deinem Wort. Manchmal ist es verkehrt geschrieben, manchmal ist es geteilt, aber es ist immer dein Wort. Und ja. The Rest is history.“
Pii hat keine Ahnung, wie man mit Worten umgeht.
„Viel Spaß noch, ich geh jetzt schlafen. Es wird hell.“
„Eine Fragen noch.“
Ich höre Pii grinsen.
„…woher weiß ich“, und dann entscheide ich mich um: „Was hast du gesehen?“
Ich höre Pii aufhören zu grinsen. Atmen, schlucken, atmen.
„Pii? Was hast du gesehen?“
„Mich natürlich.“
„Und?“
„Und nichts.“
„Pii?“
Atmen, schlucken, atmen, ansetzen: „Und ein Kind.“
Damit ist das Gespräch beendet.
Wäre das hier ein Film würde ich jetzt ein Klicken und einen langen Ton aus dem Telefon hören. Doch es klingt nur nach Leere.
Das Bild leuchtet: wehe.
Ich finde meinen Link.
Tony Soprano bekommt Xanax. Und alles wird gleich. Bleibt besser.
Ich klicke auf meinen Link.
Man kann nichts tun, nur warten.
Ein Videostream erscheint im Vollbild; es klingt nach Leere.
Alles was du tun musst, ist auf zu wachen,
Ich kneife meine Augen zusammen, das Strahlen der Fotografie erlischt.
Schwarzes Rauschen: atmen, schlucken, atmen.

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