Von absoluter Empathie und der Fähigkeit der Abblende. Ein Review-Essay zu HANNIBAL Season 01 [C: Bryan Fuller]

hannibaltotem

Auf Geweihen aufgespießte Frauen. Zu Engeln gehäutete Serienkiller. Als Totempfahl präsentierte Massengräber. Die Morde in der augenscheinlichen Krimiserie HANNIBAL lesen sich mehr wie die Titel extravaganter Gourmetstücke, als wie Tatorte. Doch dass ist nur die Spitze des Leichenberges (der musste sein); HANNIBAL ist so over-the-top, so maßlos in seiner Präsentation und zielt dabei genau in das blutrünstige Herz der Zuseher, dass es richtig schade (und auch ein wenig verwunderlich) ist, wie grandios die Serie dann doch scheitert.

Dass es sich bei dem Titel-gebenden Helden um den Hannibal handelt, ist wahrscheinlich schon den meisten klar; wenn nicht, ein Blick auf das DVD-Cover schließt den Konnex zum sympathischsten Kannibalen der Popkultur. Im Vorfeld sollte gesagt werden, dass die Neuinterpretation des „Mads Mikkelsen-Hannibal“ mit der Hopkins-Verkörperung des Gourmet wenig (um nicht zu sagen gar nicht) zu tun hat. Überhaupt: Bryan Fuller orientiert sich an den Figuren aus Robert Harris ROTER DRACHE (so wie sich schon Michael Mann und Peter Webber an ihnen orientiert haben), eher als dass er versucht die Ikone nach zu zeichnen. Dass hie und da kleine Anspielungen an die filmischen Originale gesehen, darf man lediglich als Verbeugung vor Jonathan Demmes Werk erachten.

Die Serie beginnt komisch. Und nicht das lustige Komisch. Ein richtiger Prolog fehlt, als hätte man beim sogenannten Zappen direkt aus der Werbung (so stelle ich es mir jedenfalls vor, ich habe schon lange keine Werbung mehr im Fernsehen gesehen) in eine Berichterstattung menschlicher Tragödien geschaltet: Mord. Immer wieder Mord. Die Stimmung ist wie immer düster, die Szenerie blutig, der Held – na no na – ein genialer Sonderling, der nicht gut mit Leuten kann aber dafür Hunde liebt (welch originäre Idee!). Seine „Diagnosen“ des Tatortes sind weniger Beobachtungen, mehr Mutmaßungen, aber hey – er ist genial und deswegen werden aus Ahnungen Fakten und diese sind stets mit der Implikation der (auch sogenannten) „Beweislast“ untermauert. So sind sieseit der Erfindung des Tony Soprano, die amerikanischen Lone Rider, der weiße Super-(Anti)held: kantig, unglücklich, brillant. So auch der Archetyp des cineastischen FBI-Agenten: am Rande des Wahnsinns vorbeischlitternd, einsam und müde blickend aber stets hellwach. Unfreundlichkeit und gutes Aussehen sind quasi der Bonus den man sich als gebrochene Filnmfigur dazu verdient.

Dementsprechend entwickelt sich die Serie auch zu dem typischen Crime-Drama, dass wir seit jeher gewöhnt sind. Doch plötzlich gibt es Risse, dramaturgische Eigenheiten, entfremdete Dialoge, reißerische Passagen und auf einmal ist es aus. HANNIBAL Episode Eins endet abrupt ohne die eigentliche Hauptperson überhaupt richtig eingeführt zu haben, ohne den Gräueltaten einen entsprechenden Epilog zu liefern, ohne ein Conclusio, dass den Hauptfiguren als Recap-Ventil dient. Nach einer Folge HANNIBAL hängt man irgendwie in der Luft.

Natürlich bleibt es nicht bei einer Folge, immerhin sind 13×40 Minuten Gruselkabinett in dieser Staffel inkludiert. Bald hat man heraus, dass HANNIBAL keine übliche Krimi-Mär ist, oder ja, eine Mär schon, aber eine, die den üblichen Krimikonventionen (Wer war es? Wann schnappen sie ihn? Was war sein Motiv?) trotzt. Die Morde, die es zu lösen gilt, geben sich die Klinken in die Hand, wie einst die Monster in AKTE X Folgen: jede Episode noch ein blutrünstigerer Killer!! (Fragen sich TV-Produzenten eigentlich nie, warum gerade am Schauplatz ihrer Serie die Scheiße den Ventilator trifft, wie das englische Idiom viel schöner umschreibt? In Hannibals Virginia, USA steppt der Massenmörderbär und mich wundert, dass dort überhaupt noch Leute wohnen, immerhin geht es dort schlimmer zu als zu Dexters High-Times in Miami.) Doch letzten Endes dreht es sich um etwas Anderes. Fast alles in HANNIBAL ist Aufhänger dafür, seine Figuren in lange Gespräche zu verwickeln, in denen es hauptsächlich darum geht, den Geisteszustand eben dieser zu zerlegen, zu fragmentieren, zu leiten und zu manipulieren. Eine tiefen-psychologische Serie, quasi.

Garniert wird die Serie mit eigentlich (und dem Wort eigentlich lebt immer eine Widerspruch inne) wunderschönen blutigen Bildern, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Bryan Fullers Serie nimmt sein Thema sehr ernst, vielleicht zu ernst, von den einzelnen Episoden-Titeln (u.a. „Apéritif“, „Sorbet“) bis hin zu seinem penetranten Versuch uns alle zu Vegetariern zu machen; das menschliche Fleisch wird hier gekocht, gedünstet, gepfählt, geschält (!) und in allen erdenklichen Formen geschnitten. Fuller hatte immer schon einen Geschmack für das Morbide und das Endliche – immerhin hat er bereits zwei Serien hinter sich, die sich mit dem Thema Tod mehr als nur nebensächlich auseinander setzten (hie: DEAD LIKE ME). Doch die Schlachtplatte, das barocke Vergnügen, mit denen in HANNIBAL der menschliche Körper de-konstruiert und zur Schau gestellt wird ist sowohl in Tönen als auch in Farben ein komplettes Gegenstück zu seinen bisherigen Werken (und da: PUSHING DAISIES).

Und das ist, ehrlich, just awesome. Wer auf derlei Schlachtplatten steht – und das tue ich – der kommt aus dem Schauen gar nicht mehr raus: malerisch, pathetisch, düster, herbstlich, dunkel, sinister, blutig, lyrisch, elegant und ja, bezaubernd. Das Design, die Dramaturgie, der Esprit und die Kulisse lassen Fäden eher zu einem Gedicht als zu einer prosaischen Erzählung ziehen. Einzelne Szenen strahlen hellen, dunklen Gestank aus und setzen sich mit ihrer beinahe schon romantischen Schönheit tief in das Gedächtnis filmischer Bilder fest. Und dabei schafft es HANNIBAL im Gegensatz zu den „perversen Totentänzen“ nicht in das Schaulustige und Voyeuristische zu verfallen. Das mag durchaus widersprüchlich klingen, doch HANNIBAL zeigt in seiner Szenerie soviel Anmut, distanziert sich durch die ständige Begleitung von gelackter Dunkelheit so sehr von der Realität, dass man gar nicht anders kann, als HANNIBAL distanziert zu begegnen. Die „Opfer“ sofern sie überhaupt als solche dargestellt werden, sind Kunststücke von Filmstudenten, die sich in der Requisiten- und Kostümabteilung mal so richtig austoben konnten, die „Täter“ bleiben farblose, Motivation- und Motiv-lose Marionetten, die nur zum Zwecke der vorgeschobenen Dramatik ein paar One-Liner aufsagen und dann unter Blei oder Handschellen verschwinden. HANNIBAL spielt in einem kleinem, viel zu auf sich selbst bezogenen Universum, dessen Konsequenzen nur auf die Nächsten fallen und nie den Schritt in unsere Welt schaffen, so wie es gute Krimis mit ihren „Spiegelbildern der Gesellschaft“ machen.

Apropos Konsequenzen: hier weist HANNIBAL auch seine überdeutlichen und unübersehbaren Schwächen auf. Bryan Fuller und seine Autoren nehmen sich nämlich waghalsige Freiheiten, die so wohl keine klassische Krimiserie verkraften würde. So sind Spekulationen sofort Beweise und diese führen in beinahe hundert Prozent zu Erfolgen. Lecter selbst besitzt als Pendant zu der Begabung seines eigentlichen Kontrahenten Will (der mit seiner „absoluten Empathie“ Tatorte magisch zum Leben erwecken kann), die Fähigkeit der Abblende, so dass er sich nicht mit „unwichtigen“ Handlungssträngen oder „Details“ (wie das Verschwinden diverser Leichen) beschäftigen muss. Überhaupt geht die Serie sehr leger mit dem Thema um: während zuvor genannter Serienvertreter DEXTER – zumindest bis zu vierten Staffel – wegen jedem noch so kleinem Haar um seine Demaskierung als Serienkiller zittern musste, verschwinden rund um den psychopathischen Psychotherapueten Lecter andauernd Menschen, ohne dass bis zu letzt ein Verdacht entsteht. HANNIBAL suggeriert dass es ein Kinderspiel sein muss, Leichen aus allen erdenklichen Situationen verschwinden zu lassen: man muss nur wissen, wie lange man sie ziehen lässt oder welcher Wein zu ihnen passt.

Das hat natürlich einen negativen Beigeschmack, der sich hauptsächlich auf die ohnehin schon fragil aufgebaute Spannung auswirkt. Da HANNIBAL und seine Hauptfiguren Konsequenzen nur dann kennen, wenn es ihnen passt, ist es nicht weiterhin verwunderlich, wenn man sich – wie meine bessere Hälfte zum Beispiel – frustriert abwendet. Das Drehbuch wirkt letzten Endes zu sehr ein forcierte dramatisches Moment konstruiert, täuscht Tiefe und Doppelbödigkeit vor wo weder existieren und präsentiert sich für seine losen Enden unglaublich ausschweifend. Und so erliegt man entweder einem Bann oder man durschaut ihn: in meinen Freundeskreis wurde die Serie entweder nach ein paar Folgen fallen gelassen oder manisch zu Ende ge-binge watched. Lässt man sich auf letzteres ein, entdeckt man folglich auch die Inkonsequent, die ich zuvor schon angesprochen habe.

Zwar werden einige sogenannte Logikfehler zum Ende der Staffel ausgebügelt, doch ganz verschwindet die Skepsis nie. Ebenso erkennt man die für 13 Folgen unglaublich lahme Erzählung die Fullers Serie an den Tag legt; so sieht zwar alles schön aus – und das Auge isst ja bekanntlich mit – aber die Substanz, die HANNIBAL in seinen langen Mono- & Dialogen verspricht, kommt nie wirklich zur Geltung. Das „Psychologische“, welches in den Gesprächen der Protagonisten hin und her geworfen wird, die Einsichten, die diese erfahren, die Metaphysik und stampfende Symbolik: es ist alles nur Geschwafel!! Leeres Gerede, keine Aussage. Oft ziehen sich Episoden rund um ein „Thema“, dass aber weder Tiefe noch Plotentwicklung sondern nur den Schein dieser bietet und dass ist letzten Endes auch der Aspekt, welcher der Serie das Genick bricht.

Das heißt jedoch nicht automatisch, HANNIBAL sei langweilig. Fullers Serie dreht gegen Ende so richtig auf und bietet einen fetziges Finale, dass mit der Einführung des „Wendigo“ (unter Anführungszeichen) nur düsterer wird. Sehr viel düsterer. Fast schon böse. HANNIBAL sieht toll aus und kann auf audiovisueller Ebene auch was (der Soundtrack ist fabelhaft, erinnert in seinen besten Momenten an Thomas Bangalters albtraumhafte Soundkulisse des Filmes IRRÉVERSIBLE), ist aber bei weitem nicht das, was es vorgibt zu sein. Darüber kann man hinweg sehen, oder man tut es nicht. Oder man drückt mal dieses, mal jenes Auge zu und genießt ein leckeres Essen, von dem man jedoch nicht satt wird. Und dann gingen mir die Essensmetaphern aus.

 

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