Archiv für den Monat April 2014

Rhododendron 10/Eins: Wir sehen uns

Wolf sitzt uns gegenüber uns sagt, jetzt ist es so weit, das ist der Moment der Wahrheit und so weiter und so fort. Wir sind gefickt. Wir sind gefesselt, das auch, aber hauptsächlich sind wir gefickt. Wolf wird ein Messer zücken, die zerbrochene Flasche am Boden in seine Pranken nehmen und uns das Gesicht abziehen. Wolf ist wahnsinnig, das ist nichts Neues, doch wir hielten es immer für ein Spiel, eine Persona (welch schönes Wort), eine Charade, wie man auch zu sagen pflegt, etwas, dass man ablegt, etwas „Aufhaltbares“, abwendbar, doch Wolf ist die Präposition un in unseren selbst geführten Gesprächen: unaufhaltbar, unabwendbar. Ungeduldig, uneinsichtig. Wolf wird uns alle töten.
Ach was sagt Wolf, als wir ihn konfrontieren, passen wir denn nicht auf? Er streckt die Arme in die Höhe, wenn jemand stirbt, dann wird er das sein, er wird am Ende glorreich von uns treten und es wäre eine Schande, wenn es uns erst dann auffiele. Wir passen nicht auf. The fucking king. The fuc-king. The Wolf is laughing now.
Wir fummeln an unseren Kabelbindern. Wieso hat er diese überhaupt mit. Wir konfrontieren ihn. Verdammter Irrer. Unsere Gesichtshälfte schmerzt. Natürlich, Wolf hat uns geschlagen, fest. Wir sollen keine Memme sein, sagt er, irgendwas von Wahnsinn und Unverantwortlichkeiten und das Melitta nun wirklich nichts dafür kann. Alles klar? Alles klar, sagt Melitta, reibt sich die Stelle am Hals. Beinahe hätten wir sie gehabt, wir waren so knapp dran. Unserer Meinung nach soll sie verrecken, sie hat uns gefangen gehalten, die ganze Zeit über, manipuliert und verrückt gemacht, sie ist das, was wir nie sein wollten und jetzt gehören wir zu diesem obskurem Spiel aus versteckten Nachrichten und Codierungen, Wortspielen und Metaphern. Alles ist ein Symbol, alles bedeutet etwas und nichts  ist manchmal auch nur Zufall. Und sie ist Schuld. Wir spucken in ihre Richtung, doch die Kraft verlässt uns und der Speichel landet in unserem Schoß. So ein verdammter Mist. Dafür müssen wir uns dann entschuldigen, sagt Wolf und Melitta nickt. Grinsend.
Wenn überhaupt noch etwas stimmt, dann ist es unser Verdacht bezüglich Melitta. Wolf und sie steckten stets unter einer Decke, die ganze Zeit und Wolf wurde eingeführt um die ganze Sache aufzupeppen. So ein Schwachsinn, heißt es, doch wir glauben ihnen nicht. Alles Lügen, schreien wir, wir haben die Notizbücher gesehen, wir sahen den Beweis, er lag um uns herum und sie haben ihn nicht einmal versteckt. Wie viele Leute (abfällige Betonung) diese Hefte hätten, will Melitta wissen. Jeder besitzt diese verdammten Paperblanks und irgendwie müssen wir ihr dabei Recht geben. Außerdem, fügt Wolf hinzu, sei in seinen Abschnitten doch klar und deutlich heraus gegangen, dass er nicht mit Writer zusammenarbeitet. Writer, Writer, rufen wir im Chor, immer dieses Wort, eine Erfindung, die unseren Geist verwirren soll, uns vom Wesentlichen ablenken soll, wie in einem Krimi, wo andauernd dem großen Schatten nachgejagt wird, während der Mörder die ganze Zeit in den Reihen der Eingeweihten steckt. Wir spucken, diesmal nicht aus Trotz, sondern weil wir uns sonst verschlucken. Wir benutzen bereits die Terminologie, so Wolf. Terminologie our ass.
Und so stehen sie vor uns, Wolf und seine Gefährtin, die Barkeeperin, die ein Teil von uns aus dem ersten Kapitel zu erkennen glaubt. Wenn du meinst, sagt sie, aber was soll der Mist dann? Das wollen wir auch wissen. Und dann setzt sich Wolf ganz nah zu uns, betrachtet unsere Gesichter und studiert die Furchen, die das Alter in unserer Haut hinterlassen hat, zumindest behauptet er das. Wir wissen, dass er sich nur das beste Stück aussucht um es dann mit einer Glasscherbe abzutrennen. Hoffentlich sind es nicht unsere Augen. Hoffentlich sind es zuerst die Augen.
Gutes Stichwort, und dabei muss Wolf grinsen, er dreht sich um und fragt, ob auch jeder den Wortwitz verstanden hat, doch Melitta erinnert ihn daran, dass er noch nichts gesagt hat. Ach ja, denken und sprechen, nicht alles wird aufgezeichnet. Je mehr Wolf labert, umso unwohler wird uns. Wir haben keine Erfahrung mit wirklichem Wahnsinn und so ist es überaus befremdlich Wolf dabei zu zusehen, wie er mehr und mehr in einen Nebel abdriftet. Was wir nicht verstehen ist, wie er es schafft Melitta mit zu ziehen. Es sei denn… doch Wolf unterbricht unseren Gedankengang und schreit: Augenblick der Wahrheit!, grinst und Melitta zuckt mit den Schultern: nicht dein bester Tag. Es scheint Wolf egal zu sein.
Wolf bittet um Ruhe.
Wolf öffnet einen Vorhang aus Plastik.
Wolf weiß wovon er redet.
Halt, rufen wir, da wir sein theatralisches Gehabe nicht ausstehen können, soviel Zeit muss sein und außerdem wollen wir nicht sterben. Selbstredend.
Doch der Wolf lässt sich nicht darauf ein und das sagt er auch so, in seiner verfickten dritten Person.
Aber das was du tust ist Wahnsinn!
Alles sei Wahnsinn.
Bitte nicht.
Er werde uns nichts tun.
Bitte töte uns nicht. Wir beginnen zu weinen. Nein, David beginnt zu weinen, ich beginne sicher nicht –
Dr. Kill heult wie eine Memme.
Wolf kratzt sich am Hinterkopf und dann verpasst er uns beiden eine mit seiner Faust. Melitta schreckt ein bisschen zurück, lässt ihr Grinsen aber nicht fallen.
Hört mir zu, sagt er, jetzt hört mir endlich zu, seit einiger Zeit sei hier ein totales Chaos ausgebrochen und dass sei genau das, was Writer will. Bei dem Wort verdrehen wir die Augen. Irgendwo erklingt ein Piepston. Wolf blickt zu Melitta, die wiederum zur Mikrowelle blickt und dann wieder zu Wolf und dann, hol’s dir doch selber. Wolf steht auf und rutsch beinahe auf den Scherben aus, oh Gott, die Scherben und wir realisieren den Schnitt in unseren Händen und das Blut an Melittas Hals und plötzlich wollen wir nur noch raus. Raus aus unserer Haut. Raus aus unserem Leben. Raus, einfach raus. Es tut mir Leid, formulieren wir mit den Lippen und Melitta beugt sich zu uns und sagt, ich weiß. Und dann küsst sie uns beide sanft auf die Stirn, aber David küsst sie nicht solange wie mich, was eine komplette Lüge ist, denn Dr. Kill sieht sie kaum an und es ist klar, wem dieser Kuss wirklich gegolten hat.
Wolf bringt uns Tee. Wolf stellt den Tee auf den Tisch ab. Wolf sieht uns ruhig an, was untypisch für Wolf ist, aber das wissen doch ohnehin schon alle, also weswegen es noch erwähnen? Melitta macht ein Foto mit ihrem Smartphone und zeigt es uns: wir, gefesselt, Rücken an Rücken und einer von uns muss an den dritten Teil von Indiana Jones denken. Seht ihr? Was sollen wir sehen? Euch. Ja. Ja, was. Wir sehen uns. Gut.

„Gut“, sagt Wolf, „denn jetzt kommt’s.“
„Ich finde, man hat’s bereits geahnt“, sagt Melitta.
„Schhh… Zerstöre nicht meinen großen Enthüllungs-Moment.“
„Den hast du bereits zerstört, als du unbedingt Tee machen musstest. Das hat sie total aus dem Konzept gebracht und mittlerweile glauben sie, dass du sie killen willst.“
„Ist das meine Schuld? Und – sei etwas dankbarer! Immerhin habe ich dich gerettet! Vor dem da!“
„Du hast mich auch zu dem da gebracht – sorry, David.“ Melitta zieht ihren Finger schnell zurück, als sei es ihr unangenehm auf uns zu zeigen.
„Hey, du wolltest sie kennen lernen.“
„Hey“, und dabei macht sie Wolf gekonnt nach, „ich habe dich erst auf die Idee gebracht, die beiden unabhängig voneinander -“
„Schhhhhhh! Du verratest alles!“
„Verrätst. Du verrätst alles.“
„Whatever.“
„Oh Mann, die haben es sicher schon rausgefunden.“
„Die sind doch egal, es geht hier um Dr. Kill und David“, Melitta wird ungeduldig. Sie ist das un in dieser Beziehung und sofort finden wir sie noch ein Stück sympathischer.
„Eh. Also, wie gehen wir das an.“
„Gib beiden ein Messer und wir lösen es auf die altmodische Art“, seufzt Melitta und dabei überzieht sie ihren Sarkasmus auf die humorlose Art.
„Was ist die altmodische Art?“, fragen wir, beunruhigt.
„Ein Kampf bis zum Tode!“, schreit Wolf.
„Und du glaubst wirklich, dass sie dich zu Unrecht als wahnsinnigen halten.“ Mehr eine Behauptung. Wolf zuckt nur mit den Schultern.
„Tee?“
„Was ist hier los?“, wollen wir wissen. Wolf springt in unser Blickfeld und spreizt die Finger vor seiner Visage. Offensichtlich möchte er eine epische Geschichte erzählen, aber wer möchte das nicht. Doch Melitta kommt ihm zuvor: „Einen von euch gibt es nicht.“

Die Fesseln sind gelöst. Wir trinken unseren Tee und betrachten das Foto, das Melitta zuvor gemacht hat. Es zeigt immer noch uns beide, gefesselt, wie Indy und sein Vater.
„Ich verstehe nicht“, sagt einer von uns.
„Weil sie es schlecht erklärt hat“, sagt Wolf, angepisst.
„Natürlich gibt es euch beide“, diesmal Melitta, „doch einer von euch war zuerst da.“
Wir sehen uns an.
„Wie ein Blade Runner“, sagt Wolf und seine Augen leuchten.
„Nein, nicht wie ein Blade Runner. Du hast zu viel gekifft. Da, trink deinen Tee.“
Wolf und Melitta beginnen eine Diskussion über die belebende Wirkung sanfter Drogen, doch das Gespräch rückt in den Hintergrund.

Das Licht geht aus und ein Scheinwerfer leuchtet nur für uns:
„Einer von uns wurde erfunden.“
„Einer von uns war immer schon hier.“
„Vielleicht haben sie unrecht. Vielleicht waren wir beide immer schon hier.“
„Vielleicht haben sie noch mehr Recht. Vielleicht waren wir beide nie von Anfang an hier.“
„Was ist das erste woran du dich erinnerst?“
„Eine Tür.“
„Eine schwere Tür.“
„Zu einem Dachboden.“
„Und sie fällt zu.“
„Was wenn alles nicht stimmt.“
„Damit haben wir uns doch schon abgefunden.“
„Die Möglichkeit in Betracht gezogen.“
„Doch was ist geschrieben. Und was war immer schon hier.“

Und dann – fällt uns auf, wie oft unsere abschließenden Gedanken mit den Worten „Und dann“ beginnen. Ein Muster, ein immer wieder kehrendes Muster. Ein Muster in unserer Haut. Eine plötzliche Erkenntnis: was wenn nicht nur Schlechtes von Writer kommt.
„Was wenn auch das Gute -“
„Das Beste, was uns je passiert -“
„Oh nein -“
„Sie war die erste Figur – “
„Noch bevor einer von uns – “
Wir öffnen beide unsere Lippen und hauchen kraftlos: „Ella.“

Part II: Über Fragen (Travec)

Aber warum einen Horrorfilm, fragten sie meistens und als der skeptische Blick seine Lippen streiften, lächelte er. Er hatte diesen Moment einstudiert, er gehörte zu seinem Repertoire aus Reaktionen, eine geschulte Pause, der Zweifel an seinem Genie und dann stets, das triumphierende Lächeln. Er mochte es gern, wenn sie ihn hinterfragten, denn es gehörte zu den auferlegten Situationen des Lebens, die es ihm ermöglichten seine Überlegenheit gekonnt auszubreiten. Diese Narren. Es funktionierte auch ohne dass sie ihn fragten, ihre Mimik verriet ohnehin alles, die Abscheu, der Schock, der Glaubensverlust, all dies versteckt in einem Stirnrunzeln, welches er nur so gern seinen Schauspielern entlockt hätte, Emotion, Emotion!, doch wenn sie fragten, war ihm das lieber.
So lehnte er sich also zurück und – das Lächeln nicht vergessen – spreizte seine Lippen, setzte zu seinem Ton an und dann lächelte er ein zweites Mal, diesmal hörbar und setzte der Pause einen Augenaufschlag hinzu: Das fragt man mich immer.
Für den Fortgang dieses Gespräch kannte er mehrere Ausgänge, mehrere Reaktionen, die er stets in die Richtung seiner Absichten lenken konnte. Variante A begann mit einer Gegenfrage, mit der Gegenfrage der Gegenfragen, sozusagen: Wieso nicht?
Eine rhetorische ohnehin, das wussten seine Gesprächspartner meistens und jene die es wagten eine solche mit einer Antwort zu bespucken, denen wünschte er heimlich den Tod an den Hals. Es galt niemals seinen Rhythmus zu brechen und auf rhetorische Fragen zu antworten waren wie penetrante Buhrufe aus der hintersten Reihe eines ansonsten applaudierenden Publikums. Er stellte sich die Worte vor, wie sie plump und dumm zu Boden fielen, schwer von Saft der Mundhöhle aus der sie gekrochen waren. Nun war es an ihm die Frevelworte aufzuklauben und dem schlampigen Gegenüber wieder in sein Maul zu stopfen, bis dieser unter Erbrechen an ihnen erstickte. Wieso nicht? Solche Gespräche endeten meist abrupt.
Ernst zu nehmende Dialogpartner kenne ihre Schritte; rhetorische Frage, stilistische Pause, ein gemütlicher Sessel erlaubt hier ein leicht provokantes Zurücklehnen, die Andeutung des „Ja, wieso denn nicht?“, welches an der Spitze der Zunge hinab zu tropfen droht. Der Meister öffnet einladend die Hand, ganz leicht, es soll ja keine Aufforderung sein, ein Anstoß höchstens, eine höfliche Bitte fort zu fahren. Das gefiel ihm am meisten, so wusste er, dass er es mit einem Connaisseur zu tun hatte. Variante A eignete sich hervorragend die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht der, der die richtigen Fragen stellt, verdient auch die richtigen Antworten. Jener, der sie weiß zu stellen, hat sie sich verdient.
Variante B ließ den Beginn von Variante A aus und stürzte sich sofort auf die Semantik des Wortes „Horrorfilms“. Was sie ein Horrorfilm überhaupt? Wer behaupte, dass sich in Horrorfilmen nur Gestalten schauerlichen Ursprunges bewegen dürfen, dass nur maskierte Schlitzer und grunzende Bestien sich hinter der nächsten „Kante“ (so nannte er gerne das Ende des Bildes, er hoffte, dass es sich eines Tages durchsetzen würde) verstecken dürfte? Sei Horror nicht die allgemeine Bedeutung von Angst und wenn sein Film es schaffe, dem Publikum Angst zu machen, sie in ihren Innersten zu beunruhigen, ihre Seele dort zu berühren, wo sie nicht berührt werden will? „Horror sei eine Belästigung der Sinne“, war einer seiner Lieblings-Sprüche, doch er musste mittlerweile aufpassen, ihn nicht zu oft zu verwenden, nach dem ein Idiot vom Online-Standard damit die Überschrift eines Interviews verwendet hatte (zugegeben, etwas stolz war er schon gewesen). Variante B lies sich eine Weile hinziehen. Das hing natürlich von verschiedenen Faktoren ab, einerseits seines Gemütszustandes oder der Geduld seine Gesprächspartners. Noch wichtiger als die Geduld dessen, war seine Gewichtung: war sein Interviewer ein Schreiber eines prominenten Wochenblattes, lies er sich natürlich gerne Zeit. Ein mittelklassiges Online-Magazin brachte es höchstens zu Variante C und vor nicht all zu langer Zeit war er – er! – von dem offensichtlichen Werbemagazin „Skip“ zu einem Gespräch gebeten worden, dass er zwar besucht, aber nach zwei, unglaublich dummen, Fragen auch wieder verlassen hatte. Nein, das „Skip“ war nicht einmal Variante C wert.
Variante C war eigentlich eine Mischung aus Variante A und B, nur launischer. Und viel aggressiver. Er hatte Variante C überaus gerne, da sie ihm am meisten Spielraum bot und weil er dadurch das Gespräch vollends auf seine Seite zog und dirigierte. Variante C war eine Demonstration seines fleißigen Geistes, der jedoch ebenso sprunghaft und erschreckend sein konnte. Er wusste, dass die Öffentlichkeit sich Variante C wünschte und so behielt er sich dieses Stück für Auftritte im Fernsehen oder Radiosendungen vor. Er ging systematisch vor, entblößen, entlarven, niederstrecken. Das ging meistens so: 1. Eine solch‘ blöde Frage, habe er schon lange nicht mehr gehört. 2. Wer schreibt denn ihre Sätze, ein Assistent? 3. Ich glaube nicht, dass Sie mir noch fragen stellen dürfen! Sobald sein Gesprächspartner sich dann etwas perplex sich abgewendet hat, warf er ihm noch einen letzten Stein an den Kopf; den Eindruck erweckend, er bemühe sich der Diskretion, aber bewusst hörbar fügt er flüsternd hinzu, dass werauchimmer nach diesem Interview noch hoffen kann, in dem Gebäude welches die journalistische Institution innewohnt noch putzen zu dürfen. Zwei Moderatoren brachten ihm nach Variante C sogar noch einen Melange, als er danach befahl, live.
Variante C half ungemein sein Image aufzupolieren und als Skandal-Regisseur aufzutreten, den das Feuilleton ehrt und hasst. Wie in Variante A & B ging es in Variante C schlicht um seinen Charakter, doch in C brauchte er sich nicht zu verstecken, in C lief er seiner sorgfältig geschnitzten Persona freien Lauf. Manchmal geschah es auch ohne sein bewusstes Zutun. Die Redaktionen, wie gesagt, liebten es; nicht selten wurden Abdrucke seiner Gespräche mit folgenden Worten eröffnet: „machte bei unserem Gespräch seinem Ruf als […] aller Ehre“ oder „nahm wie immer kein Blatt vor den Mund“. Sehr gerne las er die Zeilen: „musste das Interview abgebrochen werden“. Dass diese kleinen Randale natürlich stets mit den Medien abgesprochen (aber nicht unbedingt mit den Interviewern) waren, stand außer Frage. Die einzigen Gespräche, die er nicht veröffentlichen ließ waren fade, meist zu den Inhalten seiner Filme Lehrbuch-Sätze. Jene, die keinerlei Freiraum boten, die weder nach Gegenfragen noch nach Beleidigung schrien, sondern bezahlte Werbung waren, die sein Produzent in Auftrag gegeben hatte. Wenn man ihn wenigstens nach einer Eigeninterpretation gefragt hätte! Dies konnte man imposant und beinahe schon zu leicht mit einer furiosen Variante C aus den Weg räumen, in welcher Zeit leben wir, dass ich dem Redakteur eines sogenannten Qualitätsmediums meinen eigenen Film erklären muss, oder, welch selbstverständliche Frage die repräsentativ für den kulturellen Stillstand dieses Landes steht,  aber eine Inhaltsangabe war nur eine Inhaltsangabe und ein zorniger Ausbruch lies ihn zu leicht wie einen Idioten da stehen. Diese Rolle sollten sich Literaturkritiker für sich aufheben.

Eine sogenannte Journalistin der Online-Version des Jugendmagazins für irgendeine Wochenzeitung aus Deutschland stand ihm entgegen, hatte ihr altmodisches Diktiergerät ausgepackt und hielt es zittrig in den Händen. Ihre Brüste spannten gegen die weiße Bluse, die ziemlich ungetragen und dementsprechend ungemütlich aussah. Sie musste sie sich für diesen Anlass gekauft haben.
„Wieso kein Horrorfilm“, sagte er lächelnd.
Ein Schwall an präpotenter Kritik platzte aus ihren glossierten Lippen. Variante C also, dachte er erfreut und knackte einmal hart mit seinem Kiefer.