Part II: Über Fragen (Travec)

Aber warum einen Horrorfilm, fragten sie meistens und als der skeptische Blick seine Lippen streiften, lächelte er. Er hatte diesen Moment einstudiert, er gehörte zu seinem Repertoire aus Reaktionen, eine geschulte Pause, der Zweifel an seinem Genie und dann stets, das triumphierende Lächeln. Er mochte es gern, wenn sie ihn hinterfragten, denn es gehörte zu den auferlegten Situationen des Lebens, die es ihm ermöglichten seine Überlegenheit gekonnt auszubreiten. Diese Narren. Es funktionierte auch ohne dass sie ihn fragten, ihre Mimik verriet ohnehin alles, die Abscheu, der Schock, der Glaubensverlust, all dies versteckt in einem Stirnrunzeln, welches er nur so gern seinen Schauspielern entlockt hätte, Emotion, Emotion!, doch wenn sie fragten, war ihm das lieber.
So lehnte er sich also zurück und – das Lächeln nicht vergessen – spreizte seine Lippen, setzte zu seinem Ton an und dann lächelte er ein zweites Mal, diesmal hörbar und setzte der Pause einen Augenaufschlag hinzu: Das fragt man mich immer.
Für den Fortgang dieses Gespräch kannte er mehrere Ausgänge, mehrere Reaktionen, die er stets in die Richtung seiner Absichten lenken konnte. Variante A begann mit einer Gegenfrage, mit der Gegenfrage der Gegenfragen, sozusagen: Wieso nicht?
Eine rhetorische ohnehin, das wussten seine Gesprächspartner meistens und jene die es wagten eine solche mit einer Antwort zu bespucken, denen wünschte er heimlich den Tod an den Hals. Es galt niemals seinen Rhythmus zu brechen und auf rhetorische Fragen zu antworten waren wie penetrante Buhrufe aus der hintersten Reihe eines ansonsten applaudierenden Publikums. Er stellte sich die Worte vor, wie sie plump und dumm zu Boden fielen, schwer von Saft der Mundhöhle aus der sie gekrochen waren. Nun war es an ihm die Frevelworte aufzuklauben und dem schlampigen Gegenüber wieder in sein Maul zu stopfen, bis dieser unter Erbrechen an ihnen erstickte. Wieso nicht? Solche Gespräche endeten meist abrupt.
Ernst zu nehmende Dialogpartner kenne ihre Schritte; rhetorische Frage, stilistische Pause, ein gemütlicher Sessel erlaubt hier ein leicht provokantes Zurücklehnen, die Andeutung des „Ja, wieso denn nicht?“, welches an der Spitze der Zunge hinab zu tropfen droht. Der Meister öffnet einladend die Hand, ganz leicht, es soll ja keine Aufforderung sein, ein Anstoß höchstens, eine höfliche Bitte fort zu fahren. Das gefiel ihm am meisten, so wusste er, dass er es mit einem Connaisseur zu tun hatte. Variante A eignete sich hervorragend die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht der, der die richtigen Fragen stellt, verdient auch die richtigen Antworten. Jener, der sie weiß zu stellen, hat sie sich verdient.
Variante B ließ den Beginn von Variante A aus und stürzte sich sofort auf die Semantik des Wortes „Horrorfilms“. Was sie ein Horrorfilm überhaupt? Wer behaupte, dass sich in Horrorfilmen nur Gestalten schauerlichen Ursprunges bewegen dürfen, dass nur maskierte Schlitzer und grunzende Bestien sich hinter der nächsten „Kante“ (so nannte er gerne das Ende des Bildes, er hoffte, dass es sich eines Tages durchsetzen würde) verstecken dürfte? Sei Horror nicht die allgemeine Bedeutung von Angst und wenn sein Film es schaffe, dem Publikum Angst zu machen, sie in ihren Innersten zu beunruhigen, ihre Seele dort zu berühren, wo sie nicht berührt werden will? „Horror sei eine Belästigung der Sinne“, war einer seiner Lieblings-Sprüche, doch er musste mittlerweile aufpassen, ihn nicht zu oft zu verwenden, nach dem ein Idiot vom Online-Standard damit die Überschrift eines Interviews verwendet hatte (zugegeben, etwas stolz war er schon gewesen). Variante B lies sich eine Weile hinziehen. Das hing natürlich von verschiedenen Faktoren ab, einerseits seines Gemütszustandes oder der Geduld seine Gesprächspartners. Noch wichtiger als die Geduld dessen, war seine Gewichtung: war sein Interviewer ein Schreiber eines prominenten Wochenblattes, lies er sich natürlich gerne Zeit. Ein mittelklassiges Online-Magazin brachte es höchstens zu Variante C und vor nicht all zu langer Zeit war er – er! – von dem offensichtlichen Werbemagazin „Skip“ zu einem Gespräch gebeten worden, dass er zwar besucht, aber nach zwei, unglaublich dummen, Fragen auch wieder verlassen hatte. Nein, das „Skip“ war nicht einmal Variante C wert.
Variante C war eigentlich eine Mischung aus Variante A und B, nur launischer. Und viel aggressiver. Er hatte Variante C überaus gerne, da sie ihm am meisten Spielraum bot und weil er dadurch das Gespräch vollends auf seine Seite zog und dirigierte. Variante C war eine Demonstration seines fleißigen Geistes, der jedoch ebenso sprunghaft und erschreckend sein konnte. Er wusste, dass die Öffentlichkeit sich Variante C wünschte und so behielt er sich dieses Stück für Auftritte im Fernsehen oder Radiosendungen vor. Er ging systematisch vor, entblößen, entlarven, niederstrecken. Das ging meistens so: 1. Eine solch‘ blöde Frage, habe er schon lange nicht mehr gehört. 2. Wer schreibt denn ihre Sätze, ein Assistent? 3. Ich glaube nicht, dass Sie mir noch fragen stellen dürfen! Sobald sein Gesprächspartner sich dann etwas perplex sich abgewendet hat, warf er ihm noch einen letzten Stein an den Kopf; den Eindruck erweckend, er bemühe sich der Diskretion, aber bewusst hörbar fügt er flüsternd hinzu, dass werauchimmer nach diesem Interview noch hoffen kann, in dem Gebäude welches die journalistische Institution innewohnt noch putzen zu dürfen. Zwei Moderatoren brachten ihm nach Variante C sogar noch einen Melange, als er danach befahl, live.
Variante C half ungemein sein Image aufzupolieren und als Skandal-Regisseur aufzutreten, den das Feuilleton ehrt und hasst. Wie in Variante A & B ging es in Variante C schlicht um seinen Charakter, doch in C brauchte er sich nicht zu verstecken, in C lief er seiner sorgfältig geschnitzten Persona freien Lauf. Manchmal geschah es auch ohne sein bewusstes Zutun. Die Redaktionen, wie gesagt, liebten es; nicht selten wurden Abdrucke seiner Gespräche mit folgenden Worten eröffnet: „machte bei unserem Gespräch seinem Ruf als […] aller Ehre“ oder „nahm wie immer kein Blatt vor den Mund“. Sehr gerne las er die Zeilen: „musste das Interview abgebrochen werden“. Dass diese kleinen Randale natürlich stets mit den Medien abgesprochen (aber nicht unbedingt mit den Interviewern) waren, stand außer Frage. Die einzigen Gespräche, die er nicht veröffentlichen ließ waren fade, meist zu den Inhalten seiner Filme Lehrbuch-Sätze. Jene, die keinerlei Freiraum boten, die weder nach Gegenfragen noch nach Beleidigung schrien, sondern bezahlte Werbung waren, die sein Produzent in Auftrag gegeben hatte. Wenn man ihn wenigstens nach einer Eigeninterpretation gefragt hätte! Dies konnte man imposant und beinahe schon zu leicht mit einer furiosen Variante C aus den Weg räumen, in welcher Zeit leben wir, dass ich dem Redakteur eines sogenannten Qualitätsmediums meinen eigenen Film erklären muss, oder, welch selbstverständliche Frage die repräsentativ für den kulturellen Stillstand dieses Landes steht,  aber eine Inhaltsangabe war nur eine Inhaltsangabe und ein zorniger Ausbruch lies ihn zu leicht wie einen Idioten da stehen. Diese Rolle sollten sich Literaturkritiker für sich aufheben.

Eine sogenannte Journalistin der Online-Version des Jugendmagazins für irgendeine Wochenzeitung aus Deutschland stand ihm entgegen, hatte ihr altmodisches Diktiergerät ausgepackt und hielt es zittrig in den Händen. Ihre Brüste spannten gegen die weiße Bluse, die ziemlich ungetragen und dementsprechend ungemütlich aussah. Sie musste sie sich für diesen Anlass gekauft haben.
„Wieso kein Horrorfilm“, sagte er lächelnd.
Ein Schwall an präpotenter Kritik platzte aus ihren glossierten Lippen. Variante C also, dachte er erfreut und knackte einmal hart mit seinem Kiefer.

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