Rhododendron 10/Eins: Wir sehen uns

Wolf sitzt uns gegenüber uns sagt, jetzt ist es so weit, das ist der Moment der Wahrheit und so weiter und so fort. Wir sind gefickt. Wir sind gefesselt, das auch, aber hauptsächlich sind wir gefickt. Wolf wird ein Messer zücken, die zerbrochene Flasche am Boden in seine Pranken nehmen und uns das Gesicht abziehen. Wolf ist wahnsinnig, das ist nichts Neues, doch wir hielten es immer für ein Spiel, eine Persona (welch schönes Wort), eine Charade, wie man auch zu sagen pflegt, etwas, dass man ablegt, etwas „Aufhaltbares“, abwendbar, doch Wolf ist die Präposition un in unseren selbst geführten Gesprächen: unaufhaltbar, unabwendbar. Ungeduldig, uneinsichtig. Wolf wird uns alle töten.
Ach was sagt Wolf, als wir ihn konfrontieren, passen wir denn nicht auf? Er streckt die Arme in die Höhe, wenn jemand stirbt, dann wird er das sein, er wird am Ende glorreich von uns treten und es wäre eine Schande, wenn es uns erst dann auffiele. Wir passen nicht auf. The fucking king. The fuc-king. The Wolf is laughing now.
Wir fummeln an unseren Kabelbindern. Wieso hat er diese überhaupt mit. Wir konfrontieren ihn. Verdammter Irrer. Unsere Gesichtshälfte schmerzt. Natürlich, Wolf hat uns geschlagen, fest. Wir sollen keine Memme sein, sagt er, irgendwas von Wahnsinn und Unverantwortlichkeiten und das Melitta nun wirklich nichts dafür kann. Alles klar? Alles klar, sagt Melitta, reibt sich die Stelle am Hals. Beinahe hätten wir sie gehabt, wir waren so knapp dran. Unserer Meinung nach soll sie verrecken, sie hat uns gefangen gehalten, die ganze Zeit über, manipuliert und verrückt gemacht, sie ist das, was wir nie sein wollten und jetzt gehören wir zu diesem obskurem Spiel aus versteckten Nachrichten und Codierungen, Wortspielen und Metaphern. Alles ist ein Symbol, alles bedeutet etwas und nichts  ist manchmal auch nur Zufall. Und sie ist Schuld. Wir spucken in ihre Richtung, doch die Kraft verlässt uns und der Speichel landet in unserem Schoß. So ein verdammter Mist. Dafür müssen wir uns dann entschuldigen, sagt Wolf und Melitta nickt. Grinsend.
Wenn überhaupt noch etwas stimmt, dann ist es unser Verdacht bezüglich Melitta. Wolf und sie steckten stets unter einer Decke, die ganze Zeit und Wolf wurde eingeführt um die ganze Sache aufzupeppen. So ein Schwachsinn, heißt es, doch wir glauben ihnen nicht. Alles Lügen, schreien wir, wir haben die Notizbücher gesehen, wir sahen den Beweis, er lag um uns herum und sie haben ihn nicht einmal versteckt. Wie viele Leute (abfällige Betonung) diese Hefte hätten, will Melitta wissen. Jeder besitzt diese verdammten Paperblanks und irgendwie müssen wir ihr dabei Recht geben. Außerdem, fügt Wolf hinzu, sei in seinen Abschnitten doch klar und deutlich heraus gegangen, dass er nicht mit Writer zusammenarbeitet. Writer, Writer, rufen wir im Chor, immer dieses Wort, eine Erfindung, die unseren Geist verwirren soll, uns vom Wesentlichen ablenken soll, wie in einem Krimi, wo andauernd dem großen Schatten nachgejagt wird, während der Mörder die ganze Zeit in den Reihen der Eingeweihten steckt. Wir spucken, diesmal nicht aus Trotz, sondern weil wir uns sonst verschlucken. Wir benutzen bereits die Terminologie, so Wolf. Terminologie our ass.
Und so stehen sie vor uns, Wolf und seine Gefährtin, die Barkeeperin, die ein Teil von uns aus dem ersten Kapitel zu erkennen glaubt. Wenn du meinst, sagt sie, aber was soll der Mist dann? Das wollen wir auch wissen. Und dann setzt sich Wolf ganz nah zu uns, betrachtet unsere Gesichter und studiert die Furchen, die das Alter in unserer Haut hinterlassen hat, zumindest behauptet er das. Wir wissen, dass er sich nur das beste Stück aussucht um es dann mit einer Glasscherbe abzutrennen. Hoffentlich sind es nicht unsere Augen. Hoffentlich sind es zuerst die Augen.
Gutes Stichwort, und dabei muss Wolf grinsen, er dreht sich um und fragt, ob auch jeder den Wortwitz verstanden hat, doch Melitta erinnert ihn daran, dass er noch nichts gesagt hat. Ach ja, denken und sprechen, nicht alles wird aufgezeichnet. Je mehr Wolf labert, umso unwohler wird uns. Wir haben keine Erfahrung mit wirklichem Wahnsinn und so ist es überaus befremdlich Wolf dabei zu zusehen, wie er mehr und mehr in einen Nebel abdriftet. Was wir nicht verstehen ist, wie er es schafft Melitta mit zu ziehen. Es sei denn… doch Wolf unterbricht unseren Gedankengang und schreit: Augenblick der Wahrheit!, grinst und Melitta zuckt mit den Schultern: nicht dein bester Tag. Es scheint Wolf egal zu sein.
Wolf bittet um Ruhe.
Wolf öffnet einen Vorhang aus Plastik.
Wolf weiß wovon er redet.
Halt, rufen wir, da wir sein theatralisches Gehabe nicht ausstehen können, soviel Zeit muss sein und außerdem wollen wir nicht sterben. Selbstredend.
Doch der Wolf lässt sich nicht darauf ein und das sagt er auch so, in seiner verfickten dritten Person.
Aber das was du tust ist Wahnsinn!
Alles sei Wahnsinn.
Bitte nicht.
Er werde uns nichts tun.
Bitte töte uns nicht. Wir beginnen zu weinen. Nein, David beginnt zu weinen, ich beginne sicher nicht –
Dr. Kill heult wie eine Memme.
Wolf kratzt sich am Hinterkopf und dann verpasst er uns beiden eine mit seiner Faust. Melitta schreckt ein bisschen zurück, lässt ihr Grinsen aber nicht fallen.
Hört mir zu, sagt er, jetzt hört mir endlich zu, seit einiger Zeit sei hier ein totales Chaos ausgebrochen und dass sei genau das, was Writer will. Bei dem Wort verdrehen wir die Augen. Irgendwo erklingt ein Piepston. Wolf blickt zu Melitta, die wiederum zur Mikrowelle blickt und dann wieder zu Wolf und dann, hol’s dir doch selber. Wolf steht auf und rutsch beinahe auf den Scherben aus, oh Gott, die Scherben und wir realisieren den Schnitt in unseren Händen und das Blut an Melittas Hals und plötzlich wollen wir nur noch raus. Raus aus unserer Haut. Raus aus unserem Leben. Raus, einfach raus. Es tut mir Leid, formulieren wir mit den Lippen und Melitta beugt sich zu uns und sagt, ich weiß. Und dann küsst sie uns beide sanft auf die Stirn, aber David küsst sie nicht solange wie mich, was eine komplette Lüge ist, denn Dr. Kill sieht sie kaum an und es ist klar, wem dieser Kuss wirklich gegolten hat.
Wolf bringt uns Tee. Wolf stellt den Tee auf den Tisch ab. Wolf sieht uns ruhig an, was untypisch für Wolf ist, aber das wissen doch ohnehin schon alle, also weswegen es noch erwähnen? Melitta macht ein Foto mit ihrem Smartphone und zeigt es uns: wir, gefesselt, Rücken an Rücken und einer von uns muss an den dritten Teil von Indiana Jones denken. Seht ihr? Was sollen wir sehen? Euch. Ja. Ja, was. Wir sehen uns. Gut.

„Gut“, sagt Wolf, „denn jetzt kommt’s.“
„Ich finde, man hat’s bereits geahnt“, sagt Melitta.
„Schhh… Zerstöre nicht meinen großen Enthüllungs-Moment.“
„Den hast du bereits zerstört, als du unbedingt Tee machen musstest. Das hat sie total aus dem Konzept gebracht und mittlerweile glauben sie, dass du sie killen willst.“
„Ist das meine Schuld? Und – sei etwas dankbarer! Immerhin habe ich dich gerettet! Vor dem da!“
„Du hast mich auch zu dem da gebracht – sorry, David.“ Melitta zieht ihren Finger schnell zurück, als sei es ihr unangenehm auf uns zu zeigen.
„Hey, du wolltest sie kennen lernen.“
„Hey“, und dabei macht sie Wolf gekonnt nach, „ich habe dich erst auf die Idee gebracht, die beiden unabhängig voneinander -“
„Schhhhhhh! Du verratest alles!“
„Verrätst. Du verrätst alles.“
„Whatever.“
„Oh Mann, die haben es sicher schon rausgefunden.“
„Die sind doch egal, es geht hier um Dr. Kill und David“, Melitta wird ungeduldig. Sie ist das un in dieser Beziehung und sofort finden wir sie noch ein Stück sympathischer.
„Eh. Also, wie gehen wir das an.“
„Gib beiden ein Messer und wir lösen es auf die altmodische Art“, seufzt Melitta und dabei überzieht sie ihren Sarkasmus auf die humorlose Art.
„Was ist die altmodische Art?“, fragen wir, beunruhigt.
„Ein Kampf bis zum Tode!“, schreit Wolf.
„Und du glaubst wirklich, dass sie dich zu Unrecht als wahnsinnigen halten.“ Mehr eine Behauptung. Wolf zuckt nur mit den Schultern.
„Tee?“
„Was ist hier los?“, wollen wir wissen. Wolf springt in unser Blickfeld und spreizt die Finger vor seiner Visage. Offensichtlich möchte er eine epische Geschichte erzählen, aber wer möchte das nicht. Doch Melitta kommt ihm zuvor: „Einen von euch gibt es nicht.“

Die Fesseln sind gelöst. Wir trinken unseren Tee und betrachten das Foto, das Melitta zuvor gemacht hat. Es zeigt immer noch uns beide, gefesselt, wie Indy und sein Vater.
„Ich verstehe nicht“, sagt einer von uns.
„Weil sie es schlecht erklärt hat“, sagt Wolf, angepisst.
„Natürlich gibt es euch beide“, diesmal Melitta, „doch einer von euch war zuerst da.“
Wir sehen uns an.
„Wie ein Blade Runner“, sagt Wolf und seine Augen leuchten.
„Nein, nicht wie ein Blade Runner. Du hast zu viel gekifft. Da, trink deinen Tee.“
Wolf und Melitta beginnen eine Diskussion über die belebende Wirkung sanfter Drogen, doch das Gespräch rückt in den Hintergrund.

Das Licht geht aus und ein Scheinwerfer leuchtet nur für uns:
„Einer von uns wurde erfunden.“
„Einer von uns war immer schon hier.“
„Vielleicht haben sie unrecht. Vielleicht waren wir beide immer schon hier.“
„Vielleicht haben sie noch mehr Recht. Vielleicht waren wir beide nie von Anfang an hier.“
„Was ist das erste woran du dich erinnerst?“
„Eine Tür.“
„Eine schwere Tür.“
„Zu einem Dachboden.“
„Und sie fällt zu.“
„Was wenn alles nicht stimmt.“
„Damit haben wir uns doch schon abgefunden.“
„Die Möglichkeit in Betracht gezogen.“
„Doch was ist geschrieben. Und was war immer schon hier.“

Und dann – fällt uns auf, wie oft unsere abschließenden Gedanken mit den Worten „Und dann“ beginnen. Ein Muster, ein immer wieder kehrendes Muster. Ein Muster in unserer Haut. Eine plötzliche Erkenntnis: was wenn nicht nur Schlechtes von Writer kommt.
„Was wenn auch das Gute -“
„Das Beste, was uns je passiert -“
„Oh nein -“
„Sie war die erste Figur – “
„Noch bevor einer von uns – “
Wir öffnen beide unsere Lippen und hauchen kraftlos: „Ella.“

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