Archiv für den Monat Mai 2014

Part II: Etwas erreichen (Carola)

Menschen, die etwas erreichen wollen sind widerlich.

Marcus will etwas erreichen. Ich weiß nicht wieso und woher er das hat, aber er redet ständig darüber, es scheint der wesentliche Bestandteil seines Alltags zu sein: was tue ich um etwas zu sein. Etwas zu werden. Und dann sitzt er vor seinem Mac – es muss ein Mac sein, Menschen die etwas erreichen wollen, geben sich nicht mit weniger zufrieden – und raucht, bläst dem Bildschirm Schwaden ins Gesicht und wenn die Zigarette verpufft ist, denkt er weiter. Er glaubt, ich sehe ihn nicht, ihn und seinen alten Freund, der weiße, zynische Hintergrund und er glaubt auch, ich sehe das blinkende | nicht, doch gerade das, das ist am Schlimmsten, am Peinlichsten. Ich stehe oder sitze in einem Ort des Zimmers über das Marcus ein Tuch geworfen hat und dann glaubt er, dass ihn aus diesem Tuch niemand heraus beobachten kann. Oder kritisieren, oder beurteilen, aber dennoch. Und mit jedem Blinken schmerzt es etwas mehr in der Brust, doch zu gleich wächst mein Lächeln jedes mal mehr. Einerseits zwickt es, wenn ich Marcus so beobachte, wie er stumm auf seine Tastatur blickt und die wenigen Absätze, stets aus kurzen Sätzen bestehend, Marcus ist kein Mann geschachtelter Gedanken, aus dem Dokument löscht. Schließlich zündet er sich noch eine Zigarette an und das läuft dann so bis in den frühen Nachmittag, bis einer von uns den anderen so sehr nervt, dass ein Streit, eine Diskussion, ein Problem seine Pläne etwas zu erreichen erfolgreich stranguliert.

Menschen, die etwas erreichen wollen, sind Idioten. Egomanen und Idioten und noch vieles mehr. Und meistens Männer. Wenn ich Frauen sehe, die etwas erreichen, posaunen sie es nicht herum, damit es auch jeder hören kann, zumindest nicht die Frauen, die ich kenne (das sind ehrlich gesagt auch nicht mehr als meine Mutter, ihre Mutter und zwei Arbeitskolleginnen, die ich Freunde schimpfe, wenn ich jemanden brauche, den ich vorschieben kann. Und Kathrin.) Aber Männer sind da mitteilsamer. Ihnen geht es gar nicht wirklich darum, es oder etwas erreicht zu haben, der Weg ist das Ziel, Baby. Und dieser Weg ist gepflastert mit leichten Hürden, gesäumt von staunenden Blicken. Doch gebt dem Publikum nur einen Moment der Ruhe, so wendet es sich ab und niemand beachtet mehr den kleinen Jungen, der so hoch springen kann. Zumindest behauptet er das. Marcus will was erreichen, weil Marcus‘ Vater nie was erreicht hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil ihn seine Mutter nicht geliebt hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil sein Penis zwar groß aber nutzlos ist. Ich bevorzuge die letzte Variante. Die Brüllaffen, die sich Marcus Freunde nennen, wollen auch alle was erreichen und stets muss man ihnen sagen, wie erstaunlich ihr Wollen nicht sei. Hier ein Grafiker, der sich selbstständig macht – Geschäft geht beschissen, und bald kann er sich sein Auto nicht mehr leisten (dabei wird mein Grinsen noch größer), aber es braucht, alles braucht. Bis man bekannt wird. Bis sich die Leute für einen interessieren. Aha. Dort ein Spezialist für – ich weiß es nicht mehr, aber nach dem vierten Mal, dass Paul, Peter, Paganini (?) in unserer Wohnung war, ist es wohl zu spät nach zu haken, was er eigentlich macht und Marcus kann ich unmöglich fragen – der jedes Mal von seinem baldigen Durchbruch spricht. Alle nicken. Aller heben ein Bier. Alle schreien, genau. Und dann ist der nächste dran, der sagen darf, was er nicht alles will. Manchmal wollen sie nur Urlaub in einem Land, dass ich nicht aussprechen, geschweige denn schreiben kann. Das gehört dann zu den Dingen, die man gemacht haben sollte, wenn man es dann erreicht hat. Quasi ein Baustein für die Leiter in das Etwas, quasi aber auch der einzige Baustein, denn sowieso kennt (ich habe aufgegeben mir Namen zu merken). Marcus baut auch, aber –  ja: aber.

Das | brennt sich in den Bildschirm, will ich ihm sagen. Oder: Vielleicht ist das Schreiben nichts für dich. Oder: Ist doch egal, schreib es einfach mal fertig und dann ließt du es dir durch. Oder: Schreib, was du fühlst. Bei letzerem sieht er mich funkelnd an, mit seinen hellblauen Augen und dann teilt sich die Situation in guter Tag und beschissener Tag. Guter Tag, er macht eine Bemerkung über Paulo Coelho oder Frauen im Allgemeinen. Schlechter Tag er schreit seine Bemerkungen über Paulo Coelho und die Frau, die er hasst, die im das Erreichen von Dingen und Zielen und Etwasen zu Nichte macht, steht direkt vor ihm. Und neben mir. Früher vielleicht hinter ihm. Vielleicht sage ich ihm das einmal, wenn’s mal wieder brennt.

Marcus ist ein bescheidener Mensch im negativsten Sinne, den man sich nur vorstellen kann. Menschen, die etwas erreichen wollen, sind beschränkt. Marcus schreibt nicht, weil er will oder muss – oder doch, er will und muss, aber sein Wollen kommt aus seichten Gewässern. Marcus ist ein Mensch bescheidener Sprache, bescheidenere Gedanken und bescheidener Tage, doch dies will er sich nicht eingestehen. Aus seinen Zeilen, sofern sie sich endlich mal materialisiert haben, strömt der forcierte Duft eines kopierten Geistes. Seine Worte sind alle konstruiert und sorgfältig ausgewählt, nicht, weil es die Worte sind, die ihm helfen, das auszudrücken, was er möchte, sondern weil er weiß, dass es so gehört. Marcus, wenn er mal redet, spricht geschwollen aber im falschen Kontext. Marcus macht sich wichtig, konstruktivistisch und kreativ doch seine Gedankenstriche sind gerade, so gerade, dass ich Marcus-Bingo spiele und immer, wenn die fünf Sätze gefallen sind, wird mein Grinsen größer. Ich steige zu Marcus und seinem toten Bildschirm und lege ihm eine Hand auf die Schulter, hoffe auf einen guten Tag (gute Tage enden manchmal mit Sex und je weniger Marcus geschrieben hat, umso besser wird’s dann). Doch er spürt mich noch kaum, sieht nicht wie sich das Tuch wölbt und murmelt leise etwas von Fäden, die nicht zusammenführen. Ich bin hier, denke ich und wenn ich müde bin, belasse ich es auch dabei. Und wenn ich müde und traurig bin – und das kommt schon sehr oft vor – dann sage ich es ihm: ich bin hier. Es ist nichts, etwas ist nichts, Marcus, du bist nichts.

Du siehst traurig aus, sagt mir der Grafiker. Der Grafiker macht sich an mich ran, weil Männer die etwas erreichen wollen, beweisen sich jeden Moment und das gilt vor allem in Punkto weiblicher Aufmerksamkeit. Als der Grafiker heute noch immer nichts erreicht hat, muss er wohl eines seiner Aufriss-Bücher aufgeschlagen haben, ein Freund hat’s bei ihm vergesssen, wenn’s drauf ankommt sich zu rechtfertigen. Darin steht, dass Frauen dann am besten einzufangen sind, wenn man ihnen konträre Komplimente macht. Du bist hübsch; du siehst traurig aus. Aber das hat der Grafiker wohl nicht verstanden, wozu auch, für die meisten reicht es, wenn man sie offen beleidigt. Der Grafiker hat das Kapitel über die Skala gelesen und übt sich, wenn er unschuldig mit seiner besten Freundin Nummern austauscht, weil ich dich mag, bin ich ehrlich, aber mehr als ’ne sieben, Nadine, ich weiß nicht. Aber hey, bin ja nur ich. An dem Abend habe ich Nadine und ihn am Eingang zu den Toiletten knutschen sehen. Er rückt näher, Marcus ist nicht im Blickfeld, bereitet gerade etwas Lachs vor. Ich mag Lachs und ich mag es auch die Aufmerksamkeit des Grafikers zu bekommen, aber der Mann ist ein Idiot. Sein Oberschenkel berührt meinen und er fragt, ob etwas sei. Etwas. Ich verdrehe die Augen. Ich weiß, wir kennen uns nicht so gut, aber und so weiter. Ihm kann man alles erzählen. Du siehst transzendent aus, sage ich, doch das versteht er nicht. Ich suche Marcus. Der Grafiker geht in Gedanken sein weiteres Vorgehen durch, ich denke mir, ich habe schon lange nicht mehr über Musik geredet, doch der Grafiker redet nicht über Musik, oder Filme, oder Bücher, oder von mir aus auch die aktuelle Lage im Irak oder was weiß ich, welches Land zur Zeit In ist, wenn es um öffentliche Mitleidsbekundungen geht. Der Grafiker redet über Etwas, natürlich, ich errate es an dem Wort „macht“. Was macht die Kunst, was macht das Leben, was macht dein erbärmliches Ziel mir deinen Schwanz in den Mund zu stecken? Das Leben sucht er sich aus, abschweifend in Blicken, Zigarette nicht angezunden, fragend: was glaubst du macht das Leben noch mit uns. Es macht uns betrunken, sage ich, doch die Antwort ist irrelevant. Ich habe vor, geht es dann, ich vergesse immer, dass mein Gesicht nicht gelangweilt schauen kann, meine Augen sind weit und mein Mund formt ein starres Lächeln (das ab und an größer wird, doch). Er fährt fort, irgendetwas von einer Gelegenheit, ich weiß nicht, ob sie konkret besteht oder es sich um allgemeine Gelegenheit handeln. Fickgelegenheiten, vielleicht, insofern für ihn eine konkrete. Ich bin zu faul um seine Belanglosigkeiten nach Avancen zu dechiffrieren und nehme eine Schluck, sage ach ja und er sagt ja, natürlich während er mir in die Augen schaut. Ob er sein Spiegelbild erkennt: es blutet und tropft nur so voll Scheiße, aus seinem Mund schiebt sich Kot, ach ich könnte nicht offensichtlicher sein. Aber nein, meine Augen sind weit und fröhlich, freundlich und einladend, mein Lächeln verständnisvoll, mein Gesicht hübsch und hübsche Geschichte interessiert vor allem, was du einmal erreichen willst.

Einmal habe ich daran gedacht, Travec zu töten. Nicht für Marcus, der sein großes Vorbild lediglich zum Märtyrer hoch stilisiert hätte. Auch nicht für Kathrin, selbst wenn sie es verdient hätte, aber da stehe ich drüber. Ich hätte es nur gerne aus einem Jux heraus gemacht, seine Adresse aufgesucht, bei ihm angeläutet, mich noch einmal für das Interview entschuldigt. Ein neuer Versuch? Darf ich, kann ich, soll ich, und noch weitere gedemütigte Wörter, die gebettet auf meinem Dekolleté sich ihm anbieten. Und dann, wenn er glaubt, ich sei sein, stoße ich ihm ein Messer in seinen Mund, schneide ihm die Zunge und den Gaumen aus den Rachen, lasse die Worte blutig heraus purzeln, Halblaute und gestöhnte Silben aus Hilfe! und Was ist hier los? und Du verdammte Schlampe! und letzten Endes immer wieder: Bitte, bitte nicht. Das Messer lasse ich nach einem zweiten und dritten Mal schließlich stecken und Travec am Küchenboden liegen. Vielleicht sage ich noch so etwas, wie, jetzt sind wir quitt oder ich lege mich zu ihm, für eine Weile begutachte die Decke seines Wohnzimmers bis sie mir zu langweilig wird, auf jeden Fall sehe ich mir sein Etwas an und ich werde erkennen, dass es noch in weiter Ferne liegt, dort wo Marcus verzweifelt danach sucht.

Part II: Über Eigentum (Marcus)

Ihr Gesicht gleicht einer Tomate. Es ist rot und ihre Haut spannt sich, die Tränendrüsen blähen sich auf, die Augen weit, weit aufgerissen, wie in einem Cartoon. Gleich wird sie wieder schreien und ich probe schon Mal mein Seufzen. Es bleibt stets das Selbe. Was hat dich geritten? Bist du vollkommen übergeschnappt? Wie kommst du nur auf und dann wird aufgezählt. Und stets endet es mit Katrin, nicht weil es passt, sondern weil es meine gerechte Strafe ist. Bis ans Ende meines –

– Und?

Das Und ist der Abschluss einer Schreidusche der ich nur wage folgen konnte. Soweit ich es beurteilen kann, sind wir noch nicht bei Katrin angelangt. Wir. Ich muss lächeln.

– Was ist jetzt schon wieder lustig?
– Ach –
– Ach, fick dich! Fick dein Ach, dein herablassendes, beschissenes, Ach, schieb‘ es dir und deiner verhurten –
– Bitte beruhige dich. Ich hab’s nicht so gemeint.
– Wie gemeint?
– Du weißt schon. Ich neige meine Kopf und füge flüstern hinzu: Herablassend.
– Aber du wolltest.
– Carola, bitte. Nein. Natürlich wollte ich nicht. Es ist nur, ich, ganz ehrlich, ich versteh‘ jetzt nicht genau was

Dinge die ich nicht hätte sagen sollen. Wenn ein Klischee sich bestätigt, dann sind es die Streitgespräche zwischen mir und meiner Frau. Ich hasse sie dafür. Ich hasse Vorurteile und ich hasse es, wenn mir jemand sagt, dass das mal wieder typisch sei. Und meine Frau ist typisch. Typisch Carola.

– Was zum Teufel, schreit sie, geht sicher, dass die Nachbarn es hören und mich mitleidig im Lift begutachten, geht dir nicht ein? Wie kann man nur so beschränkt sein, so unglaublich dumm und beschränkt? Du hättest mich wenigstens Fragen können!
– Und hätte das etwas genützt? Typisch, denke ich und würge etwas hinunter.
– Natürlich, du –
– Einen Scheiß hätte es was geändert.

Carolas Augen werden immer größer. Natürlich sieht sie nicht wirklich aus wie eine Tomate, die wütende Farbe ist aus ihrem Gesicht gewichen und die Unterbrechung ihrer Tobsucht steht ihr gut. Ich frage mich, ob ich noch bei ihr sein würde, wäre sie nicht so verdammt hübsch.

– Ich glaub‘, ich höre nicht –
– Doch, doch. Du hörst richtig. (Du verdammte Schlampe, ich habe keine Lust mehr auf die typische, ah verdammt, ewig selbe Defensivstellung.) Ganz ehrlich, was glaubst du mache ich den ganzen Tag? Glaubst du ich steh auf, steck mir den Finger in den Arsch und überlege mir, wie ich dich heute wieder ärgern kann?
– Das oder du fickst herum. Ihre Augen werden enger.
– Carola, ernsthaft. Ich schreibe nicht, weil, weil irgendwas auf mich zu kommt oder mich die Inspiration packt wie einen dieser abgefuckten Kunststudenten –

Hier muss sie lächeln und ich weiß nicht genau warum, ich gerate aus meinem Konzept, vielleicht war das auch ihr Plan. Diese gewiefte, verfluchte Schlampe. Ich fahre fort:

– Wie ein Kunststudent, der den ganzen Tag nur Latte sauft und sich dann in sein Loft verzieht um seine sexuellen Errungenschaften aufs Papier zu bringen. Ich, ich muss für alles arbeiten. So wie jeder andere auch und es ist nicht leicht, echt nicht immer und eigentlich solltest du dich geehrt fühlen, dass –
– Kunststudenten wohnen in keinem Loft.
– Was hat das jetzt mit der Sache zu tun?
– Nichts, ich dachte nur, wenn du dir schon den ganzen Tag den Kopf zerbrichst, oder arbeitest, so wie du es nennst, sollte es dir nicht all zu schwer fallen, die korrekten Details zu verwenden. Alles andere ist unglaubwürdig. Feedback, Schatz.

Mein Mund steht mir offen und ich lasse mich zurück auf das Bett fallen. Defensivstellung. Typisch Marcus. Ach.

– Was weist du schon von Details, murmle ich vor mich hin, weil mir nichts besseres einfällt und alles was ich ihr an den Kopf werfen könnte, würde sie mit Leichtigkeit zurückwerfen.
– Offensichtlich mehr als du. Das hier – sie wirft mir mein Manuskript in den Schoß, ihre Hände haben wütenden Spuren hinterlassen – ist Diebstahl.
– Bitte, wo ist das hier Diebstahl?
– Marcus? Bist du vollkommen – a) übergeschnappt, b) bescheuert, c) hirnverbrannt. Wir sind nicht mehr weit vom Ende entfernt.
– Nein, Caro. Bin ich nicht. Das hier – ich nehme die lose aneinander gehefteten Seiten  – ist Arbeit. Arbeit, verstehst du? Damit mache ich Geld. Und ich kann mir nicht immer etwas aus den Fingern saugen, wie gesagt, eigentlich solltest du-
– Was? Stolz sein? Dass ich dein Probant für „authentische Erzählung“ bin? Dass dir nichts einfällt und du mein verficktes Leben als lausige Geschichte für deinen lausigen Film verwendest?

Sie schreit wieder. Zweiter Akt. Was bedeutet, dass auch ich zu schreien beginne.

– Und dazu noch ohne mich zu fragen!
– Was soll ich dich fragen?
– Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass ich nicht will, dass … dass Dinge aus meinen Leben irgendwo dargestellt werden? Öffentlich und vor unseren Freunden?
– Oh mann, woher sollen die den wissen, woher will überhaupt, wer wissen, dass es um dich geht?

Sie reist mir das Manuskript aus den Händen. Seiten fallen hinab.

– Hör auf, Caro.
– Hall0? Woher sollen sie es wissen? Was für ein verfickter Name steht denn da?
– Mit K geschrieben.
– Bist du wirklich so blöd?
– Hey, ich hab‘ aus ein paar zusammenhanglosen Szenen eine Geschichte geformt, du solltest dich glücklich Schätzen als Muße fungiert-
– Du bist jetzt völlig…. aber wirklich? Noch mal zum Mitschreiben, für die Behinderten: Ich. Will. Nicht. Dass. Du.
– Jaja, ich hab verstanden, tja. Pech.
– Halt dein Maul du Wichser und hör zu: Ich. Will. Keine. Verfickte Inspiration für dich sein. Hast du das verstanden? Das, was hier drin steht, Marcus, ehrlich… das ist privat.
– Und? Keinen schert’s. Du bist jedem scheißegal! Außerdem bist du nicht die einzige –
– Mich schert’s du unsensibles, dummes Arschloch. Hier: Ich kann nur kommen, wenn du wirklich zupackst. Bla bla, dummes bla bla, erwürg mich, erwürg mich?
– Na und? Viele Menschen machen das.
– Aber sie sagen es nicht jedem –
– Eben. Woher sollen sie wissen –
– Die Figur heißt wie ich, sieht so aus wie ich und redet wie ich!
– Thomas Mann hat auch-
– Fang nicht mit dem Scheiß an, du bist kein Thomas Mann und selbst wenn, das heißt noch lange nicht, dass du so ein Arsch sein musst, wie er. Hier.

Sie wirft wieder ein paar Seiten achtlos zu Boden. Ich spüre, wie Tränen in mir aufsteigen. Meine Hand verkrampft sich zur Faust, wie man so schön sagt und ich stelle mir vor, wie ich meiner Frau in den Bauch boxe, bis sie endlich die Klappe hält. Sie holt Luft, es erwartet mich eine lange Liste an Beweisen.

– Zum Beispiel: Als ich 12 Jahre alt war, war ich in einen jungen aus der Schule verliebt. Ich meine so richtig verliebt. Ich habe mich berührt und an ihn gedacht. Es war toll und ich wollte, dass auch er es erfährt.

Sie räuspert sich. Es fällt ihr wesentlich schwerer, als sie es sich eingestehen will. Das gefällt mir und ich irgendwie will ich, dass sie es auch erfährt.

Eines Tages habe ich mein Höschen heimlich während der Stunde ausgezogen und es zusammen geknüllt. Und so weiter. 7

Sie gibt auf. Ich muss lächeln und sie weiß warum.

– Okay. Und?
– Und? UND? Marcus, du weißt, dass ich dir diese Geschichte im Vertrauen erzählt… ich meine, dass ist nicht etwas, dass mich, dass andere…
– Wer soll das schon erfahren? Woher sollen sie überhaupt wissen, dass es dabei um dich geht?
– Du schreibst eindeutig über mich, ein Blinder würde es erkennen. Du bist der einzige der es nicht sieht und du hast den Mist sogar verfasst. Das ist – bezeichnend.
– Du bist bezeichnen. Bezeichnend für die Unterdrückung künstlerischer –
– Du hast sie nicht mehr alle. Irgendwas ist kaputt gegangen, spätestens als du mit Katrin gefickt hast, war’s mir klar-
– Das hat nichts damit zu tun! Und das weißt du!
– Na und? Dein Text hat ja auch nichts mit mir zu tun. Und trotzdem reden wir darüber.
– Du redest darüber. Nein, du brüllst. Mir ist es egal.
– Natürlich ist es dir egal, weil du sozial erkalteter Abschaum bist, der immer nur an sich denkt und –
– Hey! Ich habe das geschrieben, was ich für interessant finde! Das mache ich!
– Ich weiß, den ganzen Tag, wenn du mal Pause von deinen Pornos machst. Was? Schau nicht so, wenn du nicht willst, dass man es erfährt, lösch‘ deinen Verlauf. Du bist echt zu blöd für alles. Ha, das wäre super. Wie wäre es wenn ich eine Geschichte schreibe, über einen gescheiterten Autor, der seinen Selbsthass in widerlichen Pornos ertränkt? Und die Kapitel nenne ich dann nach deinen Suchanfragen: Kapitel Eins: gagged bitches, Kapitel Zwei, lesbian slaves – 
– Dann mach doch!! Schreib deine verfickte Geschichte, Carola! Du bist doch eh zu nichts in der Lage! Weist du, wenigstens kann ich etwas zu Papier bringen, während du nichts anderes machst als… Kolumnen zu verfassen. Für ein irgendwas Online-Magazin! Ohne mich hättest du das Interview nicht einmal bekommen. Meine Güte, sie hätten dich nicht einmal in die Nähe von ihm gelassen, du mit deinen drittklassigen Kommentaren zu –
– Ah ja, er. Der große Meister, der nichts anderes will, als, ähem, die Essenz der menschlichen Existenz zu ergründen. La di fucking da. Diese selbstverliebte, prätentiöse Crap gefällt dir auch noch! Lass mich raten, lutscht du seinen Schwanz? Oder siehst du zu wenn Katrin –
– Halt dein Maul du verdammte –

Ich bin aufgestanden und stehe, mit beiden Händen zu Fäusten geballt dicht vor meiner Frau.

– Oder was? Halt dein Maul, oder was Marcus? Willst du mir eine verpassen? Offensichtlich willst du das. Warte, wie war die Stelle in der ich an den Haaren gezogen ins Treppenhaus geschleift werde und dort dann heulend ausgesperrt werde? Na, wenigstens hast du dir mal was selbst ausgedacht.
– Die Figur ist nun mal eine sehr impulsive –
– Ach halt doch du dein Maul, mit deinen Figuren und deinen –

Sie fuchtelt mit ihren Händen, so nah an meinem Gesicht, dass ich die Luftzug mitbekomme und ihr kratzigen Nägel meine Haut streifen.

– Außerdem war das mit den Pornos nur Recherche.
– Bitte was?
– Ich wollte nur, du weißt schon, wissen, was daran geil ist. Was jemanden der so ist an macht.
– Jemand der wie ist?
– Ah, come on.

Ich setze mich wieder aufs Bett und löse die Spannung aus meinen Händen. Mit einer offenen Geste weise ich auf Carola.

– So wie ich, das wolltest du doch sagen!
– Nein, nicht so wie du. So wie die Figur in dem Film –
– Die rein zufällig die gleichen Erfahrungen gemacht hat wie ich, die gleichen Sachen ihren Freund anvertraut, so wie ich meinem Noch-Gatten? Mann, ich würde dir am liebsten in deine Fresse spucken. Recherche, du glaubst doch nicht wirklich, dass ich das glaube. Außerdem steh ich ja nicht auf so etwas, ich meine, das hast du vollkommen aus dem Kontext –
– Ah, auf einmal interessiert es sich, wie und was da drin steht?
– Es interessiert mich die ganze Zeit schon, du Arschloch. Das ist die ganze Zeit mein Punkt. Wie beschränkt –
– Hör endlich auf damit. Selbst wenn es hier um dich geht, dass wird nie wer erfahren. Ich ändere den Namen und Punkt.
– Und dann was? Hältst du die Leute für wirklich so blöd. Hier stehen komplette Abende, bei denen meine Freunde dabei waren! Der Typ, der mich in der Bar fast vergewaltigt-
– Nicht dich. Die Figur.
– Halt dein Maul, Marcus. Der widerliche Typ, das ist eindeutig mein Ex. Das Gespräch über Goddart? Das hast du eindeutig von ihm! Du weißt ja nicht mal, wer Goddart ist, hätte er dir nicht –
– Na und? Wirklich Caro! Na. Und? Was ist schon dabei? Es ist alles Fiktion, und selbst wenn hier und da etwas –

Ich versuche die richtigen Worte zu finden und beginne mit meinem Oberkörper dämlich zu schaukeln.

– …etwas aus der Realität abgekupfert ist. Na und? Das macht es ja erst richtig gut! Verstehst du nicht? Siehst du nicht, dass das hier viel größer ist, als dein Ego? Ich meine, es ist für einen Benjamin JacobTravec Film! B. J. Travec!
– Scheiß auf Travec. Seine Filme sind ohnehin Mist.
– Sagte die Kolumnistin der, warte, nein, hilf mir nicht, ich komme gleich drauf. Irgendwas mit Scheißegal?
– Wichser.
– Ungebildete Kuh. Roger Ebert hat über seine Filme mal gesagt –
– What the fuck interessiert mich Roger fuckin‘ Albert?
– Ebert.
– Was auch immer. Du, oh Gott, du mit deinen –

Sie bricht den Satz ab und wendet sich ab, geht zum Fenster öffnet es und nimmt einen kräftigen Zug. Dritter Akt. Ich glaube sie weint. Ich stehe auf und gehe zuversichtlich auf sie zu. Lege einen Arm auf ihre Schulter. Wenn ich Glück habe, dann-

– Lass mich. Ich will nicht, dass du mich berührst. Hörst du? Es gibt nichts ekelhafteres, als –
– Okay, okay.

Ich weiche nur wenige Zentimeter zurück und versuche es erneut, unterlasse eine direkte Berührung sondern fahre ihr nur durch die Haare.

– Er fand es wirklich gut.
– Was?
– Das Script.
– Du hast es ihm gezeigt? Bist du – wie kannst du, Marcus! Fuck! Wer hat es noch gelesen?
– Niemand, niemand! Ich schwöre. Es war auch nur der erste Entwurf, die Stelle mit dem Dinner war zum Beispiel gar nicht dabei.
– Ah du meinst das Dinner, als dein Vater sich an mich rangemacht hat, während dir die Katrin unter dem Tisch –
– Bitte, Caro. Fang‘ jetzt nicht auch noch mit dem an.
– Ah, ja. Wir reden nur dann, wenn du es davor allen Menschen gezeigt hast. Look at me, look at me und meine gestörte Frau, die sich selbst umgebracht hätte, wäre da nicht der ach so tolle Marcus, der das alles ja nur macht, weil er so ein netter Typ ist. Sag, kommt im dem Drehbuch auch raus, warum sich, ähm, Ka-Rola umbringen will? Oder bekommt das auch Felix zugeschrieben. Immerhin wollte er mich ja vergewaltigen, also –
– Das schreib ich raus, die Vergewaltigung passt ohnehin nicht wirklich rein.
– Hörst du dir manchmal auch zu?
– Und nein, der Selbstmordversuch ist nicht in dem Script, okay. Ich, äh, ich wollte…
– Ja?
– Ich wollte dich zu erst fragen.

Sie dreht sich um und ihre Augen sind leicht gerötet. Sie sieht mich noch wütender an. Nicht gerade das, was ich mir erwartet habe.

– Dir ist nicht mehr zu helfen.
– Caro, hör mir zu. Ich habe es geschrieben, weil, weil es wirklich gut ging.

Ich versuche so ruhig wie möglich zu bleiben. Meine Frau schiebt sich an mir vorbei.

– Caro, bitte. Du weist, wie lange ich nicht… und dann, dann hab‘ ich ein bisschen herum probiert. Eigene Erfahrungen gesammelt.
– Ach ja, wo sind die bitte? Ich hab‘ nur mich gefunden, keine Spur von dem fremdfickenden, eifersüchtigen und selbstverliebten Arschloch von Ehemann.
– Ich… mir. Du, siehst du? Du bist interessanter als ich! Wichtiger! Und als ich gemerkt habe, dass du, ähm, mehr Platz eingenommen hast war es schon zu spät. Ich hatte bereits ein Konzept. Und Travec wollte etwas auf den Tisch haben und ich war wirklich überzeugt von dem Stück und deswegen – okay. Ja, ich hätte dich vielleicht vorher fragen sollen, aber wie gesagt, es wird nie jemand erfahren und überhaupt! Nimm dich einfach nicht so wichtig.
– Mit K? Du bist doch – du hast nicht mal meinen Namen geändert!
– Wird noch, wird noch! Ich musste mich… besser in dich versetzen, verstehst du?

Ein kurzer Schmerz durchfährt meine Wange und einen kurzen Augenblick glaube ich, dass ich sie zurück schlagen werde.

– Du kennst mich nicht. Du wirst mich nie kennen, oh Gott. Du bist abscheulich. Du gibst es ohnehin zu! Wieso, wieso, wieso Marcus? Wieso glaubst du, dass das alles okay ist?
– Ich frag‘ dich doch jetzt!
– Einen Scheiß tust du. Und solltest du fragen: Nein, du Wichser, du darfst nicht. Du darfst nicht mit mir spielen, als ob ich deine Pro-Ta-Go-Nistin wärst, mach‘ diesen Psychoscheiß mit deiner Hure von Assistentin, aber nicht mit mir.

Carola hat sich mittlerweile angezogen und der übliche Tanz des Herauszögerns beginnt. Sie blickt sich, in voller Montur, im Zimmer um, sucht nach etwas, dass sie eventuell vergessen haben könnte, obwohl wir beide wissen, dass es hier nichts gibt, was sie finden könnte. Sie macht einen Schritt auf mich zu und reist mir mein Manuskript aus den Händen.

– Na komm. Zerreis es, wenn es dir dann besser geht. Komm!_
– Fick dich.

Du dich auch. Sie geht aus der Wohnung und mit einem lauten Knall fliegt die Tür zu. Ich höre, wie im Gang jemand die Tür aufsperrt und öffnet. Kann ich helfen, alles okay, jaja, ich, wir hatten nur, und so weiter. Ende von Akt III. Ich trete zur Wohnungstür, drehe den Schlüssel um und hoffe, dass sie es noch gehört hat. Den Schlüssel ziehe ich jedoch ab, gehe in mein Arbeitszimmer. Ich setze mich in meinen Lehnsessel und bleibe einige Momente ruhig sitzen, genieße die Stille. Doch sie lässt sich nicht genießen, in ihr stinken die Worte, die gesagt und geschrieben wurden und ich werde unruhig, das bekannte Gefühl überkommt mich, das Verlangen ihr nach zu rennen und sie zurück zu holen, doch ich weiß, dass ich das nicht mehr soll. Lass sie laufen, wenn sie will, sagt Katrin immer. Ich atme tief ein und erinnere mich kurz. Dann stehe ich auf, hole eine Rolle Toilettenpapier und schalte den Computer ein.

Es ist bereits dunkel, als sie wieder kommt. Ich schlafe noch nicht, stelle mich aber so. Ich höre sie entkleiden, die duftschweren Kleider aus Rauch und Rausch auf den Boden klatschen. Die Badezimmertür öffnet und schließt sich. Als sie fertig ist, löscht sie das Licht im Vorzimmer und betritt vorsichtig das Zimmer. Sich schlüpft unter die gemeinsame Decke.

– Hey.
– Mhh.
– Wo warst du?

Sie zieht die Decke zu sich, mein nackter Unterkörper wird freigelegt.

– Caro?
– Fick dich, Marcus.