Part II: Etwas erreichen (Carola)

Menschen, die etwas erreichen wollen sind widerlich.

Marcus will etwas erreichen. Ich weiß nicht wieso und woher er das hat, aber er redet ständig darüber, es scheint der wesentliche Bestandteil seines Alltags zu sein: was tue ich um etwas zu sein. Etwas zu werden. Und dann sitzt er vor seinem Mac – es muss ein Mac sein, Menschen die etwas erreichen wollen, geben sich nicht mit weniger zufrieden – und raucht, bläst dem Bildschirm Schwaden ins Gesicht und wenn die Zigarette verpufft ist, denkt er weiter. Er glaubt, ich sehe ihn nicht, ihn und seinen alten Freund, der weiße, zynische Hintergrund und er glaubt auch, ich sehe das blinkende | nicht, doch gerade das, das ist am Schlimmsten, am Peinlichsten. Ich stehe oder sitze in einem Ort des Zimmers über das Marcus ein Tuch geworfen hat und dann glaubt er, dass ihn aus diesem Tuch niemand heraus beobachten kann. Oder kritisieren, oder beurteilen, aber dennoch. Und mit jedem Blinken schmerzt es etwas mehr in der Brust, doch zu gleich wächst mein Lächeln jedes mal mehr. Einerseits zwickt es, wenn ich Marcus so beobachte, wie er stumm auf seine Tastatur blickt und die wenigen Absätze, stets aus kurzen Sätzen bestehend, Marcus ist kein Mann geschachtelter Gedanken, aus dem Dokument löscht. Schließlich zündet er sich noch eine Zigarette an und das läuft dann so bis in den frühen Nachmittag, bis einer von uns den anderen so sehr nervt, dass ein Streit, eine Diskussion, ein Problem seine Pläne etwas zu erreichen erfolgreich stranguliert.

Menschen, die etwas erreichen wollen, sind Idioten. Egomanen und Idioten und noch vieles mehr. Und meistens Männer. Wenn ich Frauen sehe, die etwas erreichen, posaunen sie es nicht herum, damit es auch jeder hören kann, zumindest nicht die Frauen, die ich kenne (das sind ehrlich gesagt auch nicht mehr als meine Mutter, ihre Mutter und zwei Arbeitskolleginnen, die ich Freunde schimpfe, wenn ich jemanden brauche, den ich vorschieben kann. Und Kathrin.) Aber Männer sind da mitteilsamer. Ihnen geht es gar nicht wirklich darum, es oder etwas erreicht zu haben, der Weg ist das Ziel, Baby. Und dieser Weg ist gepflastert mit leichten Hürden, gesäumt von staunenden Blicken. Doch gebt dem Publikum nur einen Moment der Ruhe, so wendet es sich ab und niemand beachtet mehr den kleinen Jungen, der so hoch springen kann. Zumindest behauptet er das. Marcus will was erreichen, weil Marcus‘ Vater nie was erreicht hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil ihn seine Mutter nicht geliebt hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil sein Penis zwar groß aber nutzlos ist. Ich bevorzuge die letzte Variante. Die Brüllaffen, die sich Marcus Freunde nennen, wollen auch alle was erreichen und stets muss man ihnen sagen, wie erstaunlich ihr Wollen nicht sei. Hier ein Grafiker, der sich selbstständig macht – Geschäft geht beschissen, und bald kann er sich sein Auto nicht mehr leisten (dabei wird mein Grinsen noch größer), aber es braucht, alles braucht. Bis man bekannt wird. Bis sich die Leute für einen interessieren. Aha. Dort ein Spezialist für – ich weiß es nicht mehr, aber nach dem vierten Mal, dass Paul, Peter, Paganini (?) in unserer Wohnung war, ist es wohl zu spät nach zu haken, was er eigentlich macht und Marcus kann ich unmöglich fragen – der jedes Mal von seinem baldigen Durchbruch spricht. Alle nicken. Aller heben ein Bier. Alle schreien, genau. Und dann ist der nächste dran, der sagen darf, was er nicht alles will. Manchmal wollen sie nur Urlaub in einem Land, dass ich nicht aussprechen, geschweige denn schreiben kann. Das gehört dann zu den Dingen, die man gemacht haben sollte, wenn man es dann erreicht hat. Quasi ein Baustein für die Leiter in das Etwas, quasi aber auch der einzige Baustein, denn sowieso kennt (ich habe aufgegeben mir Namen zu merken). Marcus baut auch, aber –  ja: aber.

Das | brennt sich in den Bildschirm, will ich ihm sagen. Oder: Vielleicht ist das Schreiben nichts für dich. Oder: Ist doch egal, schreib es einfach mal fertig und dann ließt du es dir durch. Oder: Schreib, was du fühlst. Bei letzerem sieht er mich funkelnd an, mit seinen hellblauen Augen und dann teilt sich die Situation in guter Tag und beschissener Tag. Guter Tag, er macht eine Bemerkung über Paulo Coelho oder Frauen im Allgemeinen. Schlechter Tag er schreit seine Bemerkungen über Paulo Coelho und die Frau, die er hasst, die im das Erreichen von Dingen und Zielen und Etwasen zu Nichte macht, steht direkt vor ihm. Und neben mir. Früher vielleicht hinter ihm. Vielleicht sage ich ihm das einmal, wenn’s mal wieder brennt.

Marcus ist ein bescheidener Mensch im negativsten Sinne, den man sich nur vorstellen kann. Menschen, die etwas erreichen wollen, sind beschränkt. Marcus schreibt nicht, weil er will oder muss – oder doch, er will und muss, aber sein Wollen kommt aus seichten Gewässern. Marcus ist ein Mensch bescheidener Sprache, bescheidenere Gedanken und bescheidener Tage, doch dies will er sich nicht eingestehen. Aus seinen Zeilen, sofern sie sich endlich mal materialisiert haben, strömt der forcierte Duft eines kopierten Geistes. Seine Worte sind alle konstruiert und sorgfältig ausgewählt, nicht, weil es die Worte sind, die ihm helfen, das auszudrücken, was er möchte, sondern weil er weiß, dass es so gehört. Marcus, wenn er mal redet, spricht geschwollen aber im falschen Kontext. Marcus macht sich wichtig, konstruktivistisch und kreativ doch seine Gedankenstriche sind gerade, so gerade, dass ich Marcus-Bingo spiele und immer, wenn die fünf Sätze gefallen sind, wird mein Grinsen größer. Ich steige zu Marcus und seinem toten Bildschirm und lege ihm eine Hand auf die Schulter, hoffe auf einen guten Tag (gute Tage enden manchmal mit Sex und je weniger Marcus geschrieben hat, umso besser wird’s dann). Doch er spürt mich noch kaum, sieht nicht wie sich das Tuch wölbt und murmelt leise etwas von Fäden, die nicht zusammenführen. Ich bin hier, denke ich und wenn ich müde bin, belasse ich es auch dabei. Und wenn ich müde und traurig bin – und das kommt schon sehr oft vor – dann sage ich es ihm: ich bin hier. Es ist nichts, etwas ist nichts, Marcus, du bist nichts.

Du siehst traurig aus, sagt mir der Grafiker. Der Grafiker macht sich an mich ran, weil Männer die etwas erreichen wollen, beweisen sich jeden Moment und das gilt vor allem in Punkto weiblicher Aufmerksamkeit. Als der Grafiker heute noch immer nichts erreicht hat, muss er wohl eines seiner Aufriss-Bücher aufgeschlagen haben, ein Freund hat’s bei ihm vergesssen, wenn’s drauf ankommt sich zu rechtfertigen. Darin steht, dass Frauen dann am besten einzufangen sind, wenn man ihnen konträre Komplimente macht. Du bist hübsch; du siehst traurig aus. Aber das hat der Grafiker wohl nicht verstanden, wozu auch, für die meisten reicht es, wenn man sie offen beleidigt. Der Grafiker hat das Kapitel über die Skala gelesen und übt sich, wenn er unschuldig mit seiner besten Freundin Nummern austauscht, weil ich dich mag, bin ich ehrlich, aber mehr als ’ne sieben, Nadine, ich weiß nicht. Aber hey, bin ja nur ich. An dem Abend habe ich Nadine und ihn am Eingang zu den Toiletten knutschen sehen. Er rückt näher, Marcus ist nicht im Blickfeld, bereitet gerade etwas Lachs vor. Ich mag Lachs und ich mag es auch die Aufmerksamkeit des Grafikers zu bekommen, aber der Mann ist ein Idiot. Sein Oberschenkel berührt meinen und er fragt, ob etwas sei. Etwas. Ich verdrehe die Augen. Ich weiß, wir kennen uns nicht so gut, aber und so weiter. Ihm kann man alles erzählen. Du siehst transzendent aus, sage ich, doch das versteht er nicht. Ich suche Marcus. Der Grafiker geht in Gedanken sein weiteres Vorgehen durch, ich denke mir, ich habe schon lange nicht mehr über Musik geredet, doch der Grafiker redet nicht über Musik, oder Filme, oder Bücher, oder von mir aus auch die aktuelle Lage im Irak oder was weiß ich, welches Land zur Zeit In ist, wenn es um öffentliche Mitleidsbekundungen geht. Der Grafiker redet über Etwas, natürlich, ich errate es an dem Wort „macht“. Was macht die Kunst, was macht das Leben, was macht dein erbärmliches Ziel mir deinen Schwanz in den Mund zu stecken? Das Leben sucht er sich aus, abschweifend in Blicken, Zigarette nicht angezunden, fragend: was glaubst du macht das Leben noch mit uns. Es macht uns betrunken, sage ich, doch die Antwort ist irrelevant. Ich habe vor, geht es dann, ich vergesse immer, dass mein Gesicht nicht gelangweilt schauen kann, meine Augen sind weit und mein Mund formt ein starres Lächeln (das ab und an größer wird, doch). Er fährt fort, irgendetwas von einer Gelegenheit, ich weiß nicht, ob sie konkret besteht oder es sich um allgemeine Gelegenheit handeln. Fickgelegenheiten, vielleicht, insofern für ihn eine konkrete. Ich bin zu faul um seine Belanglosigkeiten nach Avancen zu dechiffrieren und nehme eine Schluck, sage ach ja und er sagt ja, natürlich während er mir in die Augen schaut. Ob er sein Spiegelbild erkennt: es blutet und tropft nur so voll Scheiße, aus seinem Mund schiebt sich Kot, ach ich könnte nicht offensichtlicher sein. Aber nein, meine Augen sind weit und fröhlich, freundlich und einladend, mein Lächeln verständnisvoll, mein Gesicht hübsch und hübsche Geschichte interessiert vor allem, was du einmal erreichen willst.

Einmal habe ich daran gedacht, Travec zu töten. Nicht für Marcus, der sein großes Vorbild lediglich zum Märtyrer hoch stilisiert hätte. Auch nicht für Kathrin, selbst wenn sie es verdient hätte, aber da stehe ich drüber. Ich hätte es nur gerne aus einem Jux heraus gemacht, seine Adresse aufgesucht, bei ihm angeläutet, mich noch einmal für das Interview entschuldigt. Ein neuer Versuch? Darf ich, kann ich, soll ich, und noch weitere gedemütigte Wörter, die gebettet auf meinem Dekolleté sich ihm anbieten. Und dann, wenn er glaubt, ich sei sein, stoße ich ihm ein Messer in seinen Mund, schneide ihm die Zunge und den Gaumen aus den Rachen, lasse die Worte blutig heraus purzeln, Halblaute und gestöhnte Silben aus Hilfe! und Was ist hier los? und Du verdammte Schlampe! und letzten Endes immer wieder: Bitte, bitte nicht. Das Messer lasse ich nach einem zweiten und dritten Mal schließlich stecken und Travec am Küchenboden liegen. Vielleicht sage ich noch so etwas, wie, jetzt sind wir quitt oder ich lege mich zu ihm, für eine Weile begutachte die Decke seines Wohnzimmers bis sie mir zu langweilig wird, auf jeden Fall sehe ich mir sein Etwas an und ich werde erkennen, dass es noch in weiter Ferne liegt, dort wo Marcus verzweifelt danach sucht.

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