Final Destination: Review zu „TIMECRIMES“ (2007) von Nacho Vigalondo

Es kann nur so enden.

Timecrimes (1)

Vielleicht habe ich in den letzte Jahren einfach zuviel DOCTOR WHO geschaut. Oder vielleicht ist mein Hirn noch zu sehr mit dem famosen PRIMER beschäftigt. So oder so, als ich Nacho Vigalondos Zeitreise-Thriller aus 2007 betrachtete, machte sich leichtes Bedauern breit. Bitte nicht umdichten: TIMECRIMES ist unterhaltsam und spannend, soweit es der Film nun mal zulässt und bietet zudem noch ein, zwei feine Ideen, trägt jedoch stets eine unerfüllte (oder unerfüllbare) Erwartung mit, dass noch so viel mehr drin gewesen wäre.

Ein Mann geht in den Wald und wird dort attackiert. Er flüchtet sich auf das nächstgelegene Grundstück, macht dort ein bisschen Krawall, bis ihm der dortige Hausherr ein geeignetes Versteck anbietet. Nur leider handelt es sich bei diesem Versteck um eine Zeitmaschine und prompt findet sich der Mann – nennen wir ihn Héctor – eine Handvoll Minuten in der Zeit zurück versetzt. Und damit fangen die Paradoxa (davon habe ich heute mir die Mehrzahl bestätigen lassen, also werde ich das Wort auch benutzen!) erst an…

Ach ja, Zeitreisen. Die sind bekanntlich kompliziert. Oftmals weil sie absichtlich so erzählt werden (PRIMER), sie Universen erschaffen und kollabieren lassen (DONNIE DARKO), unsere klägliche Existenz durch bitteren Determinismus klein reden (12 MONKEYS), mit unseren Erwartungen spielen (TRIANGLE), unsere moralischen Grenzen hinterfragen (ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT II, ha), irgendwie und irgendwas (WHO, LOST) oder einfach nur blöd und unlogisch sind (BUTTERFLY EFFECT, DÉJA VU, PLUS ONE und ein ganzer Haufen mehr). Und wow, kann man mit Zeitreisen viel erzählen! Abendfüllende Geschichten können sich nur um das Thema kreisen, ob man etwas verhindern darf, das passieren muss (quasi jede gute WHO-Episode), oder man jagt eigenen Schatten hinterher und wenn man plottechnisch in einer Zwickmühle oder Sackgasse steckt, nutzt man einfach das nächstliegende Paradoxon und wendet es als logik- & situationslösendes Allzweckmittel an. Der Schlüssel, mit dem du dich befreist? Den hast du schon, den habe ich dir erst in zwei Stunden gegeben!

TIMECRIMES kennt seine Mittel und seine Wege um ans Ziel zu kommen und auch wenn es so wirkt, als ob er anfänglich ein Geheimnis darum macht, stellt sich bald heraus, dass Nacho Vigalondo sich des Genres durchaus bewusst ist; nur leider sind es seine Figuren nicht immer (siehe: Genre Blindness) und eventuell wirkt es auch so, als ob er es seinem Publikum zutrauen würde. Hauptfigur Héctor stellt sich selten blöd an und das Prinzip seiner Situation wird ihm und somit auch uns auf beinahe infantile Weise dargelegt:

Der Film selbst ist allgemein komisch, in jeder Bedeutung des Wortes „komisch“. Er beginnt so merkwürdig, wie er auch weitergeführt wird und die Charaktere (insbesondere der von Nacho Vigalondo selbst gespielte Zeitreise-Betreiber) verhalten sich dem Stil entsprechend. TIMECRIMES (oder um den viel cooleren, spanischen Titel zu verwenden LOS CRONOCRIMENES) fühlt sich in vielen Momenten wie ein absurdes Theater an: Figuren, die auf etwas bestimmtes warten, etwas bestimmtes beobachten und etwas bestimmtes tun, ohne dass es für einen Außenstehenden ersichtliche (oder kaum ersichtliche) Gründe für ihr Verhalten gibt. Alleine Héctors Herangehensweise an seine akkumulierende Probleme sorgen öfters für verständnisloses Raunen: steht der außer sich geratene Mann vor einem verlassenen Haus, schlägt er prompt ein Fenster ein und macht es sich dort gemütlich. Das ist zugleich seltsam, irgendwie irreal aber gerade deswegen auch – ja – komisch.

Komik ist ein Element, welches beim Betrachten von TIMECRIMES unbedingt im Hinterkopf behalten werden sollte (sofern man sich von Héctor nicht ohnehin davon anstecken lässt), denn ohne diese wird einem der Film kaum munden. Nacho Vigalondo als lakonischer Time-Travel-Assistant (schlicht als „El Joven“ – „der Jugendliche“ bzw „der junge Mann“ – im Abspann betitelt) ist eine amüsante Erscheinung im Film und gewinnt jede Szene, in der er auftaucht, für sich. Ebenso Karra Elejalde als Héctor ist eine gelungene Besetzung: der zwischen Verwirrung und Bestimmtheit tendierende, etwas unbeholfene Mann, stolpert von Szene zu Szene und nur durch die Ratlosigkeit, die ihm in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben steht, funktioniert der Plot des Filmes – zumindest so, wie das Drehbuch es will.

Denn, wie seine Figuren, verhält sich die Dramaturgie von TIMECRIMES manchmal etwas unbeholfen. Zeitreisegeschichten – vor allem, wenn sie so aufgebaut sind wie diese hier – funktionieren gerade deswegen so genussvoll und flüssig, weil und wenn die Details stimmen. Und ja, die Details stimmen hier oft und sind sogar manchmal geschickt versteckt, doch meistens wirkt die Entwicklung forciert und etwas platt. (Ich bemerke gerade, dass ich abschwächende Wörter wie etwas oder manchmal verwende, wohl aus dem Grund, weil ich mit TIMECRIMES nicht so hart ins Gericht gehen will. Der Film hat eine sympathische Ausstrahlung und einen eigenen Stil, der mich anspricht und weswegen ich ihm die zahlreichen Süden auch verzeihen will, aber ein klugscheißender Kritiker muss nun mal tun, was er tun muss. It’s all I have!) Wichtigstes Element des Filmes ist dass sich ineinander fügen und dass zusammen führen von losen Enden, doch diese Enden sind absichtlich wage gebunden oder unnötig verkompliziert dargestellt. Oder anders: nackte Frauen im Wald brauchen schon einen verdammt guten Grund nackte Frauen im Wald zu sein und dieser Grund ist hier einfach nicht gegeben.

Hinzu kommt noch eine Ansammlung an (Kontinuitäts-, duh) Fehlern. Da gibt es die für das Genre stets ärgerlichen, aber beinahe schon Selbstverständlichen (Zeiteinheiten stimmen nicht überein) bis hin zu wirklich Gravierenden (zerrissene T-Shirts sind in der nächsten Szene wieder ganz?). Ein faules Drehbuch („Zum Glück ist mir der Trick mit den xy eingefallen!“) um Plotlöcher zu überbrücken sind dann quasi der Beweis, das Kirschen auf der Torte nicht immer etwas Positives bedeuten zu haben. Besonders frustrierend ist es dann, wenn zunächst unwissende (s.o. genre-blinde) Figuren geläutert werden um zukünftige (oder vergangene? HA!) Fehler zu vermeiden, ihr neu erlangtes Wissen preisgeben nur um dann wenige Minuten später genau den selben Fehler wieder zu begehen! Und leider handelt es sich dabei nicht um kleine Details am Rande, sondern sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Geschichte so funktioniert, wie sie nun mal funktioniert.

Insofern erkennt man, das Vigalondo weiß, wie das Genre tickt (ja, ich muss dabei grinsen), nur leider geht er nie einen Schritt weiter. Nie erhebt sich TIMECRIMES von dem üblichen Sci-Fi-Flick in etwas Besseres. Etwas, das klüger als sein Publikum ist. Das ist meiner Meinung nach ein großes „Problem“ in Science-Fiction-Filmen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, eine gewiefte Geschichte zu erzählen: SOURCE CODE zum Beispiel ist ein solider, unterhaltsamer Film, dessen Ausgang jedoch nie im Unklaren liegt, das Ende überrascht nicht. LOOPER (der beste Sci-Fi-Filme der letzten Jahre) umgeht dies und bringt uns das klassische Beispiel von „der-Weg-ist-das-Ziel“, in dem er den Weg umfährt, und uns ganz anders, als wir es erwarten zum augenscheinlichen Ziel führt. Das Finale gerät in den Hintergrund, da die Geschichte nicht mehr vom ewigen Dilemma des verdammten Determinismus getragen wird.

Und TIMECRIMES? Wie gesagt, der Film weiß es, sicherlich, spielt auch ein bisschen damit, wird aber nie übermütig. Vigalondos Film entspricht leider zu sehr der Norm, da er sich einfach zu sehr auf seine Idee verlässt. Gerne würde ich schreiben, dass dies auch weiter nichts ausmacht, aber dem ist nicht so. Und wieder, nicht falsch verstehen: TIMECRIMES ist ein guter Film, die Komik passend unpassend, die Stimmung schwappt gekonnt ins Düstere über, die Figuren sind allesamt sympathisch und viele der Bilder auch bemerkenswert (Mister Bandagengesicht wäre die perfekte Slasher-Kultfigur und das Setting des wissenschaftlichen Anwesen, erinnert zu sehr an 60er Jahre Sci-Fi-Filme, als dass es ein Zufall sein könnte), doch dafür, dass sich der Film so sehr auf seinen Plot verlässt, der wiederum sich viel zu konstruiert anfühlt, ist es einfach zu wenig. Am Ende bleibt man unterhalten, lakonisch wissend dass da mehr gewesen sein könnte aber dennoch nicht enttäuscht: dass TIMECRIMES nicht mehr überrascht war nach ungefähr einer halben Stunde klar – und er ist dabei immer noch besser als 95% dieser Filme.

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2 Gedanken zu „Final Destination: Review zu „TIMECRIMES“ (2007) von Nacho Vigalondo

  1. Daniel sagt:

    Danke für Deine Review, war sehr interessant. Okay, zugegeben, die Story um die „Zeitmaschine“ war etwas weit hergeholt, aber irgendwie muss man ja erklären, wie es zu diesen Zeitreisen kommt, weiter will ich euch aber nicht spoilern. Der Film hat so ein bisschen was von Und täglich grüßt das Murmeltier, nur eben etwas krasser und sehr schnell auch schwerer zu verstehen, so richtig schön wirr bis zum Finale bei dem man selbst kaum hinterherkommt. Ich liebe das wenn das so passiert und deswegen ist Timecrimes einer der besten Zeitreise Filme, die ich bisher gesehen habe.

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