Come on, you sons of bitches, do you want to live forever? – Review zu EDGE OF TOMORROW von Doug Liman

EDGE OF TOMORROW

Tom Cruise aka Sergeant Cage stirbt und stirbt und stirbt. Mal erwischt in ein herabstürzender Helikopter, mal bekommt er ein Loch in seinen Anzug geballert. Nicht selten erwischt ihn ein Alien und frisst ihm (zumindest einmal) mit seinem säurehaltigen Blut das Gesicht weg. So oft wie möglich erschießt ihn Rita (Emily Blunt); hämmert eine Kugel durch seinen Hinterkopf, denn nur so funktioniert es. Cage darf nicht überleben. Nicht, solange der Krieg zu Ende ist.

Um Wortspiele auf keinen Fall zu vermeiden, beginnen wir mal mit diesem. Generic Action-Thriller with an edge. Of Tomorrow! Das war auch schon das beste, den ich aus dem Ärmel schütteln kann; alles andere geht in die Richtung „Täglich grüßt“ und dann irgendetwas mit Außerirdischen. Tja, Wortspiele sind nun mal nicht meine Stärke, aber bleiben wir (?) beim Thema: es ist an sich schon fahrlässig, den Murmeltiertag nicht zu erwähnen, jedoch verbirgt sich hinter THE EDGE OF TOMORROW keine Variation der beliebten Murmeltier-Mär, sondern ein intensiver Action-Albtraum, der eher an gegenwärtige Filme à la SOURCE CODE erinnert. Nicht dass Duncan Jones Werk jetzt ein arg nachahmenswerter Film wäre, aber das Konzept von EoT liegt Duncan Jones‘ Sci-Fi-Thriller sehr nahe (und ist mir allemal lieber, als der x-te Actionaufguss mit Mikrowellen-Inhalt).

Und jetzt komm‘ ich auch schon zum Punkt: EDGE fetzt. Zwar nicht von Anfang bis zum (vergleichsweise schwachen) Ende, aber durchwegs meistens fast bist voll. Überhaupt war Doug Limans (BOURNE N°1) Film von Anfang an sympathisch: Tom Cruise spielt das, was er am besten kann, eine arrogantes, schmieriges Smugface, ein Wiesel, dass „Leute in dazu bringt in diesem Krieg zu sterben“, aber sicherlich nicht selbst daran teilnimmt. Irgendwann musste es ja rauskommen, aber das beliebte Hassobjekt Cruise ist mir irgendwie ans Herz gewachsen, vor allem wenn seine Darstellung der aus MAGNOLIA so ähnelt. Wie Sgt. Cage versucht sich aus der Misere zu reden und letzten Endes nur noch die direkte Flucht als Ausweg erkennt, ist ein kleiner Genuss, abseits des lauten Getöse, das dann folgt.

Und wie laut es das tut. Nun gut, vielleicht lag es an der siebten Reihe IMAX oder generell, das Kinos gerne laut und groß sind, aber bei der ersten Angriffswelle der natürlich feindlich gesinnten und überstarken Super-Aliens, verschlug es mir, so wahr diese Floskel noch sein kann, den Atem. Actionkino kann mich sehr schnell langweilen, egal wie amüsant dargestellt, gut choreographiert, stilvoll ausbalanciert oder schön geschossen ist. Umso berauschender war das Gefühl, im Auge dieses brachialen Sturmes zu sitzen – nur verwende ich diesen Ausdruck falsch, den das Gewitter war alles andere als ruhig. Kein Scheiß, und vielleicht rede ich mir das auch alles ein, aber noch Tage später beschäftigt mich die schlichtweg großartige Anfangssequenz. Mittlerweile bin ich auf mehrere Gründe gekommen, die ich natürlich mit euch teile:

Zunächst schlägt EDGE OF TOMORROW überraschend und überraschend hart zu. Die Action ist materialistisch und gibt, trotz des eindeutigen Einsatz von CGI, ein Gefühl von realer Gewalt wieder. Cruise gibt dabei den Anker für die Kamera und versetzt uns damit auch direkt in das Geschehen, welches sich nur in wenigen Momenten eine Ruhepause gönnt. Ebenso geht eine siedende Bedrohung von den Außerirdischen aus, jedoch nicht aus den Gründen, die man von dem Giger’schen Kultalien kennt. Auf einer themenverwandten Seite wurde fehlende Greifbarkeit für die fremde Bedrohung bemängelt, welche aber bei mir genau der Grund für das unwohle Bauchgefühl gesorgt hat: bis zur ersten, schmerzhaften Begegnung mit den Angreifern, weiß Zuschauer (und wahrscheinlich auch Sgt. Cage) nicht, was ihn erwartet, als das Grauen dann zum Vorschein tritt, ist es schnell, brutal und deutlich überlegen. Erster Gedanke war schlicht: Fuck. Wie soll man die Dinger besiegen? Doch letzten Endes gewinnt Cruise die Szene (und den Film) für sich: die Bedrohung steht, die Assoziationen sind geweckt – die Verweise auf die Landung der Alliierten in die Normandie im zweiten oder die Schlacht um Verdun im ersten Weltkrieg sind eindeutig und wenig subtil; alleine die Bilder des zerbombten Strand wecken Eindrücke, die man sonst nur aus Berichten über den sogenannten D-Day kennt – doch Cruise gibt der Panik ein Gesicht in dem man sich wiederfindet. Wenn ich an die Anfangssequenz von EoT zurückdenke, sehe ich Sgt. Cage mit zerbrochenen Visier vor mir, wie er ängstlich und verzweifelt durch das Bild taumelt, während rund um ihn die Welt zu Grunde geht.

Letzten Absatz kann dann auch fast auf den restlichen Film umgelegt werden. Das ist mehr, als ich von einem Actionfilm erwarte. Seriously, das ist mehr, als ich in den meisten Kriegsfilmen erlebt habe (Spielberg, Coppola und Kubrick mal ausgeschlossen, aber das versteht sich von selbst, ich meine eher diese Kaliber, da, hier und – oh gott –dort)! Natürlich kann EoT seinen hohen Adrenalinspiegel nicht bis zum Schluss halten, jedoch wird man mit einer durchaus vernünftigen Story belohnt. Wie gesagt, Sgt. Cages Tag X hört scheußlich auf, doch mit dem Tod ist es noch nicht zu Ende. Cage versucht natürlich so schnell wie möglich, den Zirkel zu durchbrechen und seine Kameraden zu retten, doch würdet ihr auf Tom Cruise hören? Und so stirbt unsere Hauptprotagonist quasi tausend Tode, wobei er jedes Mal besser wird. Hier erfreut sich der Film an einer „Montage, die auch sogar Sinn macht“. Und ja – Superman-Effekt (wer dem Link folgt, wird’s wissen), Aufhebung des Todes, Verminderung der Bedrohung usw usf. Das macht hat in diesem Sinne aber keine wirklichen negativen Ausmaße, da der ständige Tod des Hauptcharakters für clevere und selbstverständlich auch sarkastische Momente sorgt.

Der sinistre Humor wird des übrigens von einer überaus humorlosen Emily Blunt geliefert, die schon mal Cage aus – ich mutmaße hier mal – reinem Spaß, eine Kugel verpasst. Emily Blunt als Full Metal Bitch Rita Vrataski ist (samt Mecha-Anzug) nicht nur verdammt sexy sondern auch mindestens so hart. Sharni „Fuck-Yeah!“ Vinson-Kaliber hart und nicht diese weichgespülten „starken“ Frauenfiguren, die uns das Fernsehen da immer vorsetzen will. Cage & Rita besitzen zwar eine solide Dynamik ab, sind jedoch nicht dieses Leinwandpaar, bei dem the ampersand dazugehört. Dafür hat Rita ein verdammtes Schwert. Glaubt mir, you don’t wanna fuck with her.

ALL YOU NEED IS KILL

Figuratively. Sorry.

Der Film setzt sich montagenartig fort, bis er sich die obligatorische Verschnaufpause vor dem letzten Akt gönnt, nur um dann in den obligatorischen letzten Akt zu rutschen. EDGE OF TOMORROW ist dann und wann doch nur ein Actionfilm, halt ein guter. Meine Partnerin in crime bewertet Klischees und Sünden in Filmen an der Seufz-Skala und auch hier schneidet Doug Limans Werk sehr gut ab (0x Aufseufzen also bitte). Auch das Setting differenziert sich angenehm von den generischen Bildern des üblichen Schmarrn, so ähnlich erging es mir damals bei DISTRICT 9 im Kino, der alleine Aufgrund seiner Location für das „gewisse Andere“ sorgte.

Apropos DISTRICT 9. Politischer unsubtiler Subtext und so. Beim Rekapitulieren von EoT fiel mir fiel der Gedanke, dass es eigentlich schade ist, dass sich der Film hierbei nicht mehr getraut hat, vielleicht etwas aussagen will, das Geschehen mit unangenehmen Wahrheiten unterfüttern, wie die Intellektuellen und Satiriker so machen. Dann wiederum; warum? Vielleicht ensteht beim Lesen der Romanvorlage „All You Need Is Kill“ von Hiroshi Sakurazaka ja ein Bild einer Gesellschaft, die aus Krieg Geschäft zieht, quasi brecht’sche Anwandlungen oder vielleicht tut die Erzählung das auch nicht, im Film dient es lediglich als Aufhänger, Cages Charakter zu zeichnen. So gesehen bleiben EDGE gesellschaftspolitische Andeutungen und subversive Nachrichten fern und das ist wirklich, wirklich gut so.

Letztendlich – ein Wort, dass ich gerne verwende um mir selbst zu sagen, dass mittlerweile genug geschrieben wurde – ist EDGE OF TOMORROW auch nur ein Unterhaltungsfilm und zwar auf die beste Art und Weise. Vielleicht ist es auch die unangestrengte Art, die keinen Twist und keine Verschwörung bereit hält, die ihre Helden nur durch den notwendigsten Kitsch zieht (in Maßen, aber dennoch) oder die bis zum hintersten Soldat interessanten und doch unwichtigen und karikierten Nebenfiguren. EoT ist clever, aber nicht angeberisch, ausgeglichen mit eindeutigen Höhepunkten und kaum Schwachstellen. Langweilig wird einem hier nicht. Das Ende sieht man bereits kommen, doch insofern ist der Film dann auch eine Metapher an sich. Das alles war irgendwann schon einmal da, immer und immer wieder, also machen wir es diesmal besser. Bleibt nur zu hoffen, dass es der Film auch beim zweiten Male schafft.
Und beim dritten Mal.
Und beim Vierten.
Und Fünften.
Und.

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