Bezauberndes Lächeln

Der Mann erschrak, als ich mich gegenüber von ihm hinsetzte. Ich bat um Entschuldigung und verweilte kurzen Blickes in seinem Gesicht, welches sie anfühlte, als ob ich es bereits kennen müsste. Doch die vielen Augen des Tages verschwammen in einer Masse aus kaum greifbaren Erinnerungen und natürlich mischte sich ihr Augenpaar dazwischen, so dass ich die Aufregung die ich verursacht habe, nicht weiter beachtete. Sie hatte mir heute wieder ein Lächeln geschenkt und es war das einzige worauf ich mich den ganze Tag gefreut hatte und ich nahm mir vor auch am Abend an der bezaubernden Mundwinkelbewegung ihrerseits zu zerren. Ich formte das Wort „bezaubernd“ an meinen Lippen und sprach es in vorsichtigen Bewegungen aus, überlegte mir eine schönere Umschreibung, doch meine Gedanken verflogen rasch und in Stillen fiel mein Blick von ihren Lippen hinab, schlängelte sich ihren Nacken hinab und erstarrte an ihrem Dekolleté, dass ich nur aus dem Grund so nannte, weil ich mir dabei wenige schäbig vorkam. Ich schloss die Augen und lehnte mich gegen das Straßenbahnfenster, ließ die Vibration der Fahrt durch meinen Kopf ziehen und spürte, wie der Tag von mir abfiel und sich angenehme Erschöpfung und sanfte Erregung in mir ausbreitete. Bezauberndes Lächeln.

Als ich die Augen wenige Momente später wieder öffnete, hatte der Mann zwei Bücher unbestimmten Einbandes in der Hand. Auf ersten Blick schienen sie sich in Farbe und Haptik wesentlich zu unterscheiden, doch ich kann Ihnen bereits versichern, dass es sich um die selben Bücher handelten. Das eine hatte nur viele Jahre hinter sich, das andere selbiges noch vor.

Ich beobachtete nun mit geweckter Neugierde den Mann, wie er zwischen den Blättern beider Bücher hin und her wechselte, sein Blick glasig und seine Hände zitternd. Er zog einen Stift aus seiner Jackentasche hervor und schrieb damit etwas in das schöne, jüngere Buch. Anschließend öffnete er das verbrauchte Buch und begutachtete einen Weile die aufgeschlagene Seite; seine Augen fixierten die Stelle am Kopfsteg, so schien es mir zumindest und ich spürte die Anspannung in seiner Haltung. Letztendlich stieß er einen erschöpften Laut aus und legte die Hände in sein Gesicht und in mir breitete sich eine Stille aus, die sich gegen meine Brust presste. Der Mann atmete tief ein und als er die Augen wieder öffnete, blickten wir uns direkt an. Ich wollte etwas sagen, wusste jedoch nicht, welche Phrasen ich formulieren sollte um mich nicht all zu sehr investieren zu müssen. Der  Mann klappte das alte Buch zu und stand auf. Er trat an mich heran und sagte:

„Willst du wissen, was hier drinnen steht?“

„Nein.“, antwortete ich.

„Gut“, und dann drehte er sich um und ging davon. Ich überlegte kurz und dann stand ich auf.

„Hey“, rief ich im nach und zog die Blicke anderer Fahrgäste auf mich. „Warten Sie.“ Der Mann stand am Ausgang und drückte den Knopf zum Aussteigen als er sich umdrehte. „Was steht drinnen?“ Die Straßenbahn hielt und er stieg aus. Mich trennten weniger Meter von der frischen Luft, doch ich weigerte mich dem Mann zu folgen. Er hatte sich umgedreht und wartete, dass ich ebenso ausstieg. Seine Augen blitzten erwartungsvoll.

„Nein“, sagte ich und da schlossen sich auch schon die Türen. Der Mann öffnete verdutzt den Mund und trat gegen den geschlossenen Ausgang.

Er schrie. Ich wich zurück und die Stille entwich aus meinem Körper und Panik öffnete sich. Die vorderste Tür beim Schaffner stand noch offen und der Mann startete darauf hin. Meine Hände verkrampften sich und mein Bauch zog sich zusammen. Der Mann schob seine Hand zwischen die sich schließende Tür und stemmte sie auf. Ein warnendes Geräusch durchzog den Zug. Ich trat einige Schritte zurück, unschlüssig, in welche Richtung ich mich bewegen sollte. Und dann fiel ein Gedanke, der einzige an den ich mich festhalten konnte. Ihre Lippen, sie standen halb geöffnet, ihr Gesicht, dass heute noch gelächelt hatte formte sich zu einer erschrockenen Zügen und mit einem Hauch rief sie mir zu:

„Lauf!“

Ich drückte im schnellen Takt den Ausstiegknopf der Straßenbahntür, doch diese entzog sich jeglicher Reaktion. Der Mann stand im Mittelgang und trat an mich heran.

„Willst du wissen was hier drinnen steht“, fragte er mich. Ich atmete schnell und versuchte meine Finger zu fokussieren, die sich um eine Stange gewickelt hatten. Die Luft in meinen Lungen schien dünn und unbrauchbar. Mein Sichtfeld flimmerte. Der Mann kam näher. Meine Beine versagten. Mit einem Satz, der mir beinahe das Bewusstsein kostete, griff der nach mir und packte mich am Kragen.

„Vorsicht.“ Er führte mich behutsam auf die  nächste Sitzgelegenheit heran.

„Hier.“ Der Mann griff in seine Tasche und zog einen Asthma-Spray hervor. Ich schüttelte den Kopf und versuchte in Richtung meines Rucksackes zu deuten.

„Das ist der Selbe.“ Ich versichere Ihnen, es war der selbe.

Da ich keine Möglichkeit sah mich zu wehren, lies ich den Mann das Medikament an meine Lippen heranführen und den abgestandenen Geschmack in mich hinein sprühen.

„Gleich.“, sagte er.

Mein Puls beruhigte sich. „Ich weiß.“ Mein Atem wurde tief. „Ist ohnehin nur psychosomatisch“, fügte ich hinzu.

„Ich weiß“, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Wir saßen einen unbehaglichen Moment still nebeneinander, der vertraute Fremde und ich, immer weniger auf meine Atmung achtend. Der Schwindel zog vorbei und ich presste meine Lider aufeinander, drückte die Ansammlung an Tränen heraus, die sich in solchen Zeiten stets in mir ansammelten. Ich wollte laut aufschreien.

Der Zug blieb an der nächsten Station stehen und die Türen öffneten sich.

„Wollen wir?“, sagte der Mann und verwies auf den Ausgang. Ich nickte, und trat vorsichtig aus dem Waggon. Wir warteten bis die Straßenbahn abgefahren war und dann atmeten wir beide tief ein. Die ganze Zeit über hielt er beide Bücher in den Händen von denen er mir nun eines gab.

„Bitte öffne es“, sagte der Mann.

„Wer sind Sie? Wir kennen uns, nicht wahr? Sie sind wahrscheinlich öfters im Geschäft, es tut mir leid, ich bin nicht sonderlich gut mit Gesichtern, manchmal brauche ich vier bis fünf Anläufe um…“

„Öffne das Buch.“

Ich verstummte und nahm das Buch entgegen, dass er mir geduldig hinhielt.

„Danke.“ Er lächelte. Und: „Du bist nicht schlecht in Gesichter merken, zumindest nicht schlechter als ich. Du denkst zur Zeit nur an eines.“ Wir sahen uns an, und ich merkte, wie mein Atem wieder flacher wurde.

„Keine Angst“, fuhr der Mann fort, „öffne das Buch und schreib etwas hinein.“

„Was soll ich schreiben?“

„Ihren Namen.“

„Wie bitte?“

„Du weist, was ich meine“, seine Stimme  blieb freundlich, doch meine Finger begannen sich wieder zu verkrampfen. Ich schielte zur Seite um nach Fluchtwegen ausschau zu halten.

„Nur ihren Vornamen. Bitte. Sonst nichts.“

Ich nickte, nahm so ruhig wie mir möglich den Stift aus seiner Hand und öffnete das Buch.

„Egal wohin.“

Bezauberndes Lächeln. In meinem Kopf hallte ihre Stimme. Woher kannte ich sie? Ich schrieb ihren Namen und als ich fertig war, fiel mir auf, dass er mir völlig fremd war.

Ich nahm das Buch entgegen und in weiter Ferne entstand eine Erinnerung an einen Menschen, den ich einmal geliebt hatte und ein anderes Mal nie kennen gelernt hatte. Ein letztes Mal, dachte ich. Ich sah meine Schrift und ich sah mich selbst gegenüberstehend, vergessend, dass sie jemals existiert hatte, nur weil ich es nicht lassen konnte, mich auch hier auszubreiten. Ich war eine Krankheit, sagte ich mir immer wieder, ich gehöre ausgemerzt, doch zugleich wusste ich, dass dem nicht so sein wird. Ich lies mich stehen, dieses Ich, dass nicht wusste, wer er war, mich, den ich gerade um seine Liebe beraubt hatte und schritt von dannen. Heute würde ich mich wieder in mein Bett legen und morgen würde ich wieder Jahre zuvor erwachen, stets in einer neuen Welt, wartend auf den einen Tag, der es mir ermöglichen wird, sie noch einmal zu spüren. Sie wird am selbigen Tag sterben, denn dieses bezauberndes Lächeln erlischt, sobald ich es zum letzten Mal erblicke.

Ich erwachte jung und machte mich auf den Weg. Alle Tage waren gleich, und unterschieden sich nur marginal. Ich suchte sie auf und sprach sie an. Es wurde immer einfacher. Es ist nicht schwer, jemanden zu lieben, der dich bereits hundert Jahre kennt.

In jeder Welt gibt es ein Opfer. Wenn ihr Name in beiden Büchern auftaucht, gibt es zwei.

In jeder Welt gibt es die Maschine. Nicht in jeder Welt, finde ich sie.

Manchmal sehe ich mich mit einem Buch in der Straßenbahn herumfahren. Dieses Buch hat sie mir einmal geschenkt. Ich habe Angst, dass eines Nachts mir jemand ein Buch überreicht und ich ihren Namen vergessen werde. Eines Tages wird eine Seite in dem Buch fehlen. Wenn alles so geschieht, wie es geschieht, bleibt das Buch ganz, an dem Ort, an dem ich es das letzte Mal gesehen habe. Eines Tages wird eine Seite fehlen. Und eines Tages, das ganze Buch.

(Mein Atem wird flacher, meine Finger verkrampfen sich.)

Und eines Tages wird sie fehlen und ich werde die letzte Welt gefunden haben, in der sie existiert.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das dieser Tag endlich eintritt.

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