kaltes koffein

[irgendwann geschrieben und nie abgeschickt]

Der erste Satz meines Lebens, sofern es Sie interessiert (noch, noch, das was ich hier mache, nennt sich wohl hinauszögern, aber noch, noch sind Sie dabei, so wie es aussieht, also möchte ich diesen Moment nicht unnötig in die Länge ziehen, indem ich zum Beispiel statt dem Wort „strapazieren“ nun etwas anderes geschrieben habe) lautet: „Morgen, bitte auch, danke nein, ah.“ Nun, das bezieht sich auf den von mir ersten gesprochenen Satz, die ersten Wörter die ich dachte, wiederum, die waren ganz anders: „Fuck, fuck, fuck, fuck.“ Ungefähr.

Ich wachte auf, und da standen sie, quasi mir vor und in das Gesicht geschrieben, Millimeter von meiner malträtierten Haut entfernt in ziemlich lauten Lettern, repetitiv: „Fuck“. Ich gebe ja zu, irgendwie hätte ich mir schon etwas imposanteres erhofft, ein Vonnegut-Zitat vielleicht, obwohl ich von Vonnegut nur ein Buch besitze und dieses auch nur bis zur Hälfte gelesen habe. Sina meint, Vonnegut hätte einen Schnauzer und einen PR-Agenten, beide mit der Aufgabe beschäftigt, sein Image schon zu Lebzeiten zu polieren. Und damit meint Sina, einen leicht psychopathischen Eindruck zu hinterlassen. Leider könne sie sich keinen Schnauzer wachsen lassen, zumindest keinen so imposanten wie Vonnegut oder, good god, Nietzsche zum Beispiel. Tiere trifft man auch immer seltener an und wenn, dann stets in einem bekannten Umfeld, Katze und Hund und den ganzen Mist, den Kinder und einsame Menschen geschenkt bekommen, Haustiere, kurz gefasst, bei denen sich keiner wundert, wenn man beginnt mit ihnen zu reden oder wie im Falle Nietzsches sich ihnen vor lauter Mitleid an den Hals wirft. Vollkommen normales übermenschliches Verhalten, sozusagen. So bleiben Sina, behauptet sie zumindest, wenig Möglichkeiten eine leicht psychopathische Wirkung auszustrahlen, obwohl es mir zumindest reicht, ihr dabei zu zusehen, wie sie die morgendlichen Kellogs-Smacks verspeist: hasserfüllt.

Es war zur Stunde des Wolfes, als ich erwachte und, wie gesagt, vor und in mir dröhnten derbe Flüche. Ein schwindendes Gefühl. Merkwürdige Sätze. Existenzielles Zeug, aber nur in der zweiten Spur meiner Gedanken, Ebene 1 war hauptsächlich mir „Fucks“ und einem immensen Kater beschäftigt (lassen wir es als Kater gelten, es war dass einzige Gefühl, das ich kannte, welches diesem hier am nächsten kam). Ich schlug die Decke zur Seite und fummelte an meinem Ständer herum, bis sowohl mein Penis, meine Hand und der Schmerz hinter meiner Schädeldecke sich gegen den Gedanken an befreiender Autoerotik aussprachen. Das Aufsetzen war immer der schlimmste Part an der Prozedur gewesen, doch auch im Halbsitz, lehnend an der kühlen Wand, fiel es mir schwer, mich weiter zu erheben. Ich tastete nach Kleidungsstücken, denen das übergroße Bett – erkennen Sie die Anzeichen von Einsamkeit? Ausgefuchst, nicht? – mittlerweile als natürlicher Habitat galt. Ich presste meine Gesicht gegen ein T-Shirt, dass sich in meinen Fängen befand; die anderen Shirts und Hosen und die Hoodies wahrscheinlich auch, nur die Unterwäsche nicht, die armen Schweine haben kein Mitleid mit dem Rest der Welt, schrien und flehten, ich sollte es doch in Ruhe lassen und stattdessen das Hard-Rock-Café Shirt aus Amsterdam nehmen, keine Sau mag die HRC-Shirts, Mann! Kein Erbarmen, ich grunzte erschöpfte Laute in das Shirt, dass ich in der Letzten Nacht getragen hatte. Es roch noch immer nach Rauch. Ich hätte es mit einem weiten Wurf aus dem Zimmer befördern können, es gab ein offenes Fenster und die Tür stand auch einen Spalt weit offen. Ich überlegte wie lange ich das Shirt schon hatte und knüllte es in meinen Händen zusammen, bis es wurferprobte Größe erreicht hatte.

Schlaf kroch in meinen Kopf, als ich meine ersten Gedanken an Flüche, Halbständer, Shirts und Schmerzen vergeudete. Ich schüttelte erschrocken meinen Körper und zwang mich mit einem Satz aus dem Bett (beim Aufkommen wäre ich beinahe vorne über gekippt, falls es Sie interessiert, noch). Ich zog das Shirt an – ein Popculture-Mash-Up aus einem Fight Club-Zitat und Calvin & Hobbes-Zeichnungen, dass ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte – und griff zu einer genug-bedeckenden Boxershorts, mit der man ohne Gefahr vor dem Kühlschrank stehen kann, ohne dass die Mitbewohnerin denkt man penetriere schon wieder die Croissants. (Habe ich schon wieder gesagt? Ich glaube, dass kann man im Nachhinein streichen. Ich werde ein Wort mit dem Lektor halten!)

Ich rieche Zigarettenrauch, als ich die Küche erreiche. Es ist dunkel und als ich nach dem Lichtschalter taste, sagt ein aufglühender Punkt in der Finsternis: „Nicht.“

Ich erstarre einige Momente (also, äh, zirka, vier Sekunden? Fünf? So ungefähr.) in der ausführenden Bewegung und als ich schließlich beschlossene habe, dass es zu früh und zu ich zu kaputt für solche – wie sagt man „shenanigans“ auf Deutsch? Unfug? Faxen? – bin, schlage ich auf den Schalter und das matte Licht der nackten Küchenglühbirne, von der ich schwöre, dass ich sie bereits ausgewechselt habe um dieses Scheißlicht nicht mehr zu ertragen, flackert kurz grell auf und beruhigt sich dann in einer, tja, beschissenen Helligkeit. Sina steht in der Mitte des Raumes, macht einen „Oh Mann“ Geste ohne dabei „Oh Mann“ zu sagen und ich glaube, dass sie auf den Boden äschert.

Ich „Oh Mann“-Geste sie zurück und trete an sie heran. Sie dämpft die Zigarette auf dem Tresen aus; das dunkelbraune Holzimitat beginnt merkwürdig zu riechen und in der Dunkelheit des falschen Holzbrauns entsteht ein noch dunklerer Kreis und ich bin mir sicher, dass irgendwer von Ihnen darin eine gute Metapher findet, sobald er mal weiß, worum es geht, aber ich bin auf jeden Fall zu faul dafür und als ich Sina durch einen entgeisterten Blick klar machen will, dass das nun aber wirklich nicht sein muss, kontert sie nur mit einem scharfen und beleidigend klingendem „Was?“.

Die Zigarette funkelt noch etwas weiter und Sina beobachtet, wie der aufsteigende Rauch erlischt, ich trete noch näher an sie heran, sie trägt ein x-beliebiges Shirt, an das ich mich nicht erinnern werde und eine graue und weite Jogginghose, leider, ich fasse sie mit meiner Hand an ihrem Nacken und ziehe sie etwas zu mir, ihr Blick derweil auf der sterbenden Zigarette verweilend. Ich rieche den Rauch aus ihrem Mund und ich rieche, wie der Geruch sich langsam zurückzieht, „wie ein Sonnenuntergang“, fällt mir ein und irgendwie reizt mich der Gedanke daran, dass dies doch meine ersten Worte sein könnten: „Du bist wie Rauch, der wiederum sich wie ein Sonnenuntergang verhält, alles verblasst, nein, alles ist vergänglich, man blickt kurz weg und wenn man sich umdreht, ist er plötzlich verschwunden“ und dann komme ich drauf, dass ich keinen Kontext, keine ordentliche Syntax und vor allem – und das ist am Wichtigsten – nicht das richtige Publikum für derlei Phrasendrescherei habe. Mein Griff löst sich, ihr Blick auch, alles ist verraucht. Für einen wunderschönen Augenblick – und ja, ich verwende das Wort „wunderschön“ inflationär, ist mir doch egal – liegt alles in Rauch und ich glaube

Sina dreht sich weg und öffnet den Kühlschrank, hebt eine halbe Kanne kalten Kaffee heraus. Eine Tasse, an der der Henkel fehlt, dunkle Flüssigkeit fliest in sie hinein und ich frage mich, ob man daraus ein Haiku schreiben könnte.

Die dunkle Tasse, Koffein fließt in sie rein, alles ist Unsinn.

In der Zeit, in der ich für den Vers gebraucht habe, hat sich Sina auf den Boden gesetzt, bereits ihre zweite Zigarette angezündet und ist verdächtig nahe dran, ans Ende des kalten Koffein zu gelangen und sich eine zweite Portion zu genehmigen, so dass für mich nichts übrig bleibt. Ich stehe kurz unschlüssig in der Küche herum, bis ich mich dann auf den Boden fallen lasse. Dann fällt mir auf, dass es Sina nicht auffällt, dass ich sie ansehe. Natürlich fällt es ihr auf, sie ist kein Idiot [Anm. von Sina, der Mitbewohnerin, die, wenn sie das hier nochmal erwähnen darf, ziemlich unzufrieden über die Namensgebung der eindeutigen Hauptfigur, eben ihr selber, ist. Wenn man schon in einer Geschichte vorkommt, wieso muss man dann so heißen, wie man heißt, so viele tolle Namen schwirren in der Luft herum!]. Ich räuspere mich. Sie sieht mich an.

„Morgen.“ Sie sieht mich an und nimmt einen Schluck aus der Tasse.

„Bitte auch.“ Mein Atem ist auffordernd, Sina sieht mich immer noch an, stellt die Tasse ab, gießt Kaffee hinein und schiebt die Tasse ungeschickt – absichtlich – zu mir herüber, so dass in mehreren Zügen sich Kaffeeflecken ausbreiten. Sina wendet ihren Blick ab, hält mir aber dafür generös eine Packung gelbe Parisienne entgegen.

„Danke, nein“, und dann nehme ich einen Schluck – „ah“ – und ja, es ist mir bewusst, dass mein erster Satz eigentlich aus drei kleinen Satzfragmenten besteht, beziehungsweise auch zusammengefügt kein wirklicher Satz zustande kommt, so what, ich habe Sie angelogen, aber damit bin ich sicher nicht der erste und außerdem: willkommen. Stellen Sie sich schon mal darauf ein.

„Bitte auch, danke nein“, äfft mich Sina nach, „Das war’s? Deswegen bin ich aufgestanden?“

Ich zucke mit den Schultern und schlürfe den Kaffee, der mit jedem Schluck widerlicher schmeckt.

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