subsidiary: „Normale Tassen“

„Du bist unheimlich“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Das ist mein Job“, sage ich nach einer kurzen Weile, in der ich die verschiedensten Varianten dieser Konversation erprobt hatte: a) Falsches Lachen und ein Schlag auf den Rücken (etwas zu fest, absichtlich). b) Nichts sagen und sein Statement somit bestätigen. c) Weggehen (und sein Statement erst recht bestätigen). Er zieht an der Zigarette und zuckt mit den Schultern, was soviel wie „wahrscheinlich“, „von mir aus“ oder „whatever“ bedeuten muss. Ich führe meine Finger zu den Lippen und als ich bemerke, dass ich gar keine Zigarette in den Händen halte, wische ich mir angebliches Irgendetwas von der Lippe. „Na gut, ich muss dann mal wieder“, sagt er und ich sage: „Ja, ich auch.“ Pause. „Unheimlich aussehen.“ Er dreht sich noch einmal um, macht eine etwas aussagende Geste, zögert und geht dann weg. „Bis dann“, denke oder sage ich. Er ist bereits in der Drehtür verschwunden.

„Findest du mich unheimlich?“, frage ich Christian. Christian sagt ja und hält mir seine Hand auffordernd hin. Ich nicke und zerre aus meiner Hosentasche eine Packung Luckies-die-man-knicken-kann raus. „Die sind offen“, sagt er.
„Ja, ich hab‘ mir eine geschnorrt und mit dem vom Kino geraucht.“
„Dem Hübschen?“
„Ja.“
„Wie heißt der nochmal? Irgendetwas mit Jo.“
„Keine Ahnung.“
„Joseph, Johann, Jodolf. Irgendwas mit Jo.“
„Er meint, ich sei unheimlich.“
„Was hast du gesagt?“ Christian öffnet den Geschirrspüler aus dem Dampf  herausströmt.
„Nichts.“
„Das wird’s wohl gewesen sein.“
„Nein. Doch, natürlich habe ich was gesagt.“
„Was.“
„Nichts.“
„Okay.“ Christian dreht sich um und lehnt sich in die Maschine. Als er wieder auftaucht sind seine Brillengläser vom Dampf beschlagen: „Hier.“
Ich nehme die Teller entgegen und lege sie auf die Ablage. Christian seufzt.
„Also, ich bin nicht unheimlich. Oder sehe ich vielleicht komisch aus?“ Ich drehe mich einmal im Kreis.
„Nein, alles okay.“ Nächste Fuhr Teller. Ich setze sie auf die anderen ab
„Du hast nicht einmal geschaut.“
„Ich bin nicht dein Vater, ich muss dir nicht sagen, wie hübsch du bist nur um es dir später leichter zu machen, wenn ich dir mit einer Socke voller Münzen eine verpasse.“
„Ich weiß, dass ich hübsch bin.“
„Und eingebildet.“
„Ach hör auf.“
Irgendetwas steckt fest und Christian zerrt keuchend am Inhalt des Ungetüm: „Fuck.“
„Was?“ Ich lehne mich etwas nach vor, kann aber außer Christians Arsch und Dampf ohnehin nichts erkennen, also lehne ich mich wieder zurück.
„Ich brauch‘ hier ein paar frische Tassen!“, höre ich jemanden rufen.
„Bin dabei.“ Christian ächzt. Dann kommen die Tassen. „Ich bin zu alt für sowas.“
„Ach was, du bist höchstens“, ich mustere ihn, spielerisch, „32?“
„Ah“, seine Augen leuchten auf aber verblassen sofort, als er bemerkt, dass ich das offensichtlich ernst gemeint habe.
„32 ist nicht alt. Und ich bin 34. Aber danke.“
„32 ist voll alt. In deinem Alter hatte mein Vater bereits drei Kinder.“
„Tja, er hätte mal das erste richtig erziehen sollen“, sagt Christian und reckt sich dabei, so dass er größer aussieht. Pause.
„Wa – wie?“ Ich sehe ihm in die Augen.
„Tassen!“, ertönt es aus dem vorderem Bereich.
„Bist du nicht der – du, du bist der älteste, oder?“
“ Nein, mein Bruder ist älter. Und ich habe noch eine Schwester, aber die ist vier, nein, fünf – “
„Ja, okay. So funktioniert das nicht“. Christian dreht sich wieder zu der Geschirrspülmaschine.
„Hä?“
Ich höre eine Flügeltür aufschwingen: „Ta-„, doch Christian unterbricht geschickt: „Tassen, ich weiß, Tassen, wir – ich bin dabei. Gott. Groß, klein, mittel? Henkel, kein Henkel, Tee, Kaffee, Latte, Milch, hier bitte. Großer Gott, wie viele verschiedene Tassen brauchen wir eigentlich?“
Verena, eine der Vollzeitkräfte, die ich zwar jeden Tag sehe, aber mit der ich kaum ein Wort gewechselt habe, sieht in grimmig an. Sie ist in meinem Alter, vielleicht sogar jünger und ist bereits für unsere Filiale verantwortlich. Am Wochenende zumindest. Sie greift sich eine der Tassen, die Christian aus dem Schlund des Geschirrspülers befreit hat und inspiziert sie.
„Es gibt nur zwei verschiedene Tassen. Die hier und – „, sie vergisst offensichtlich die Dringlichkeit der fehlenden Tassen im vorderen Bereich und schlängelt sich an Christian vorbei, der sie etwas zu genau dabei betrachtet. Als sie sich bückt um ebenso einen Blick in das Monster zu wagen, bewegt Christian ruckartig seinen Kopf und sieht mich an. Ich grinse ihn an und er erwidert mein Grinsen mit einem Kopfschütteln.
„Und die hier. Espresso-Tassen und Normale-Tassen. Siehst du? Zwei.“ Ihre Stimme klingt amüsiert, ironisch belehrend. Christian starrt auf sie hinab.
„Fühlt sich an, als wären es mehr.“
„Finde ich auch“, räuspere ich mich in das Gespräch ein. Verena dreht sich zu mir um.
„Hat man dir schon mal gesagt, dass du unheimlich bist?“
„Was?“
Sie dreht sich zu Christian um: „Findest du nicht auch? Wie er immer Gespräche anderer mitkommentieren muss.“
„Dass mache ich nie!“
„Siehst du? Schon wieder.“
„The fuck – hey, musst du nicht nach vor? Tassen anschäumen?“
Verena wirft Christian noch einen Blick zu, den ich nicht erkennen kann und dreht dann auf dem Absatz um.
„Tasse?“, frage ich.
Sie hebt zur Antwort ihre Hand, in der sich eine Espresso-Tasse mit dem Logo einer bitteren Kaffeemarke befindet: „Ich hasse Espressos.“
„Espressi“, sagt Christian.
Verena zuckt mit den Schultern, wie der junge Mann aus dem Kino mit Jo oder so zuvor und verschwindet dann hinter der Flügeltür.
Christian macht sich wieder ans Werk die Maschine zu leeren. Ich beobachte ihn dabei.
„Du könntest mir helfen.“
„Ich könnte vieles.“
„Du bist nicht unheimlich, du bist einfach nur faul.“
„Wow. Du bist nicht gut in Beleidigungen.“
„Ja, Faulheit ist eine Tugend, weist du denn das nicht?“, ruft Verena aus dem vorderen Bereich.
„Und ich bin – hey!“ Ich lasse Christian mit dem Geschirrspüler alleine und hechte zur Flügeltür. Ich öffne sie einen Spalt breit und lasse einen giftigen Blick auf Verenas Schultern ruhen. Sie grinst, das kann ich spüren. Dämonen grinsen immer.
„Belauscht du uns?“
„So interessant – “
„Ja ja, so interessant sind wir nicht.“
Sie dreht sich um und ihr Gesicht ist gut gelaunt: „Du bist ganz schön gesprächig heute.“
„Sorry.“ Und dann: „Ich habe nicht geschlafen.“
„Und deswegen bist du gesprächig.“
„Ablenkung. Sonst schlafe ich ein oder – noch schlimmer, ich verwechsle Espresso-Tassen mit Normalen-Tassen.“
Verenas Augen werden groß und sie schüttelt den Kopf: „Ich muss das melden, wenn das passiert.“
„Ich weiß. Doch sobald es dazu kommt, sehe ich mich verpflichtet, mich selbst zu stellen.“
„Tapfer.“
„Ich weiß, ich äh – “ und plötzlich geht mir mein Gesprächsstoff aus und ich wanke wieder zwischen den Varianten. In einer davon, treibe ich es mit Kino-Boy auf der Geschirrspülmaschine. Gesten, sage ich mir und ehe ich mich versehe, fuchtle ich vor Verenas Gesicht mit meinen Fingern.
„Du bist wirklich -“
„Unheimlich?“
„Un- ha, ausgeschlafen. Und unheimlich sowieso, wieso glaubst du, bist du da“, sie zeigt auf die Flügeltür, ich höre Christian stöhnen, „und ich hier.“
„Weil du ein Faschist bist.“
„Okay“, Verenas Augen verengen sich und sie dreht sich langsam um.
„Nein, sorry, das habe ich anders gemeint.“
„Du hast Faschist anders gemeint.“
„Ja, weist du, oh Gott. Also, Menschen in Führungspositionen, Chefs, also, nicht nur die großen, sondern auch so Mittel-Chefs, die zeigen ein erhöhtes Verlangen, nein, Verlangen ist zu groß, äh, Tendenz zu autoritärem Verhalten. Man kann schwer Chef werden, wenn man sich nicht an die Regeln hält, und du als Vertretende Filialleiterin musst du zumindest Tendenzen zu, äh. Okay. Streich das.“
„Was? Den Faschismus im mittleren Management, dem ich ja offensichtlich innewohne“, sie zeigt dabei auf ihre Schürze, die mit dem Logo der regionalen Kette versehen ist. „Kathi’s Kaffe“ [sic!].
Kathi’s Kaffee ist der Inbegriff des Faschismus. Mitsamt dem italienischen Kaffee. Eindeutig.“
„Hast du das auch dem Typen vom Kino erzählt?“
„Du belauscht uns also doch.“
„Siehst du hier irgendjemanden?“ Verena verweist auf die Plätze unserer Lokalität. Sie sind leer, bis auf einen Tisch, an dem ein alter Mann mit Espresso sitzt.
„Rush Hour.“
„Ja, aber nicht hier.“
„Und um deine Frage zu beantworten -“
„Keine meiner Fragen sind ernst gemeint. Ich brauche wirklich keine – “
„Den Kino-Boy habe ich gefragt, was er um diese Uhrzeit hier macht“
„Irgendwer muss ja aufsperren.“
„Vielleicht muss er die Kinosäle auf Eindringlinge oder heimliche Übernächtiger durchkämmen. Ich habe mir als Kind immer geschworen, dass ich mal im Kino übernachten werde.“
„Und hast du?“
„Einmal, ich war besoffen, aber sie haben mich raus geworfen, nachdem ich bei den Zwei Türmen in eine der Reihen gepisst habe. Helmsklamm. Es war ganz leise im Kinosaal. Bis -“
„Ja, okay. Gut. Mann, das hast du ihm erzählt?“
Ich überlege, öffne meine Augen und starre Verena an.
„Oh Gott, dass hätte ich nicht tun sollen.“
„Nein, das, oh je – „, sie beginnt zu kichern, „das ist eine Geschichte, die du niemandem niemals erzählen solltest.“
„Doppelte Verneinung.“
„Niemals jemanden.“
„Jemandem.“
„Wie. Auch. Immer. Adam?“ Ich nicke.
„Adam. Nie wieder. Okay? Und ab jetzt probst du alle Gespräche zuerst mit mir.“
„Das war ein grauenhaftes erstes Gespräch, nicht?“
„Kino-Boy wird es verkraften. Aber ja, das war ein grauenhaftes erstes Gespräch. Und ich spreche aus soeben erlebter Erfahrung.“
„Fuck.“
„Ich bin quasi deine Vorgesetzte.“
„Am Wochenende. Und das bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht fluchen kann.“
„Es bedeutet, dass du eigentlich nicht fluchen kannst. Nicht wenn Kunden in der Nähe sind.“
Wir blicken zu dem alten Mann, der seine Espresso ausgetrunken hat. Er sieht uns an und sagt: „Flüche sind das harmloseste, was ich von Ihnen gehört habe.“
„Halten Sie den Mund, Ferdinand, sonst müssen Sie für den Kaffee ab jetzt bezahlen.“
Ich halte den Atem an und beobachte den Austausch aus Blicken zwischen dem alten Mann und Verena. Er grinst, sie sieht mich an, legt den Finger auf ihre Lippen und sagt: „Aber kein Wort zu Kathi.“
„Kathi’s!“, verbessere ich sie.
„Egal. Faschisten. Ruf mich, wenn was passiert.“
Und mit einem Satz ist sie hinter der Flügeltür verschwunden: „Hey, Chris! Du, der Neue hat mir gerade erzählt, dass er in ein Kino gepinkelt hat!“
Ich bleibe am Tresen stehen und der Mann erhebt sich.
„Und sie zahlen wirklich nicht?“
Ferdinand sieht mich stumm an.
„Okay. Mir egal. Ferdinand?“, ich ziehe meinen imaginären Hut vor ihm. Er tut es mir gleich: „Kinopisser?“
„Adam reicht vollkommen.“
„Kinopisser.“
„Gehen Sie sterben Ferdinand“ und damit verabschiede ich mich wieder in den kleinen Raum, der sich Küche schimpft.

 

 

 

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