IV: unseen

Mein Geist hat mich eingeholt. Es sind mittlerweile mehrere Monate vergangen, seit dem Pii mir mein Leben gezeigt hat. Die Erinnerungen daran sind verwunschen, das Leuchten in den Augen meines Laptops erloschen. Ich denke Schwachsinn und der Strang zieht sich ständig bis in die Morgenröte. Es ist eine Bewegung, da bin ich mir mittlerweile sicher, ich sehe, wie es überschwappt, immer mehr Menschen erwischt, es sind Zeichen, die auf den Wänden ragen, once seen. Graffitihashtags, kollektiver Selbstmord, doch wer sich einmal hinüber gewagt hat, der kommt nicht unverflucht zurück.

Pass auf Mia.

Die Tundra in der ich mich befinde, hat sich mittlerweile über jeden greifbaren Horizont erstreckt. Aufpassen soll ich. Fuck you. Pii hat keine Ahnung, Pii ist ein wichsender Idiot, der seine Augen nicht öffnet, selbst, wenn man ihm seine Lider aufschneidet.

Was hast du gesehen, Mia?

Mein Name ist etwas, dass ich seit Wochen nicht mehr gehört habe. Zumindest nicht hier.
Ich habe mal gelesen, dass man sich nicht erkennen würde, wenn man einer exakten Kopie seiner selbst gegenüber steht, doch das ist Blödsinn. Ich kenne mich, ich kenne doch mich, das bin ich, und so weiter und sofort. Ich bin doch hier war gesterm. Heute bin ich wir und wir sind nicht hier.
Wenn ich mich eines Tages doch aus unserer Welt heraustrete, stehe ich der Flut gegenüber, Informationswut nenne ich es und es war mir klar, dass es nicht lange ein Geheimnis bleiben kann, doch mehr als einen leichten elektrischen Stoß verspüre ich nicht, wenn ich auf Gleichgesinnte treffe. Es ist ein Odeur, der sich auf der Haut ablagert und sich bemerkbar macht, wenn du zulange die Augen schließt, wenn hinter dir jemand steht, an der Kassa, vor der Straßenbahn, auf der Toilette und an seinem nervösen Atem erkennst du, wie er dazu gehört, wie er weiß, dass hier nicht hier ist und dass wir nur eine kleine Schicht von unserem Glück entfernt sind. Der Geruch; eine unsichtbare Tätowierung, auf der Stirn, den nur wir Vampire erkennen. Der Geruch; der Leak eines anderen Leben.

Sie suchen dich, Mia.

Alles ist eine verdammte Allegorie, der Bildschirm, das dunkle, tiefe Netz, die blasse Haut. Ein Werbevideo, PSA, this is your brain on alternative reality and stuff. Antivideospielpropaganda, gedrungene Gesellschaftskritik, Selbstreflexion und alle Gedanken sind gebrandmarkt mit dem Furcht nichts auszusagen. Alles ist wichtig, Mia, alles bedeutet etwas, verstehst du nicht? Fuck you, Pii, denke ich und umfasse nickend mein graues Glück. Weiches Gebrabbel. Mein Leben bedeutet nichts, zumindest nicht, solange ich nicht vor dem Bildschirm sitze und mein wahres Leben betrachte. Ich lebe 48 Stunden in 24 und mein Körper hat sich bereits an meine zweite Haut gewohnt, nein, hat sie aufgesaugt, umgestülpt, aufgesetzt und trägt sie als groteske Maske leidlicher Metaphorik.

Du siehst besser aus, Mia.

Manchmal vergesse ich, was mir gesagt wird und was ihr gesagt wird. Manchmal vergesse ich, dass ich nicht sie bin, aber letzten Endes geht es ja genau darum. Pii sagt, er mag mein anderes ich nicht und ich sage, das war schon immer ich und dann sagt er irgendetwas und dann klickt er irgendetwas und dann –
– fließt alles so dahin und ich spüre wie es mir besser geht
mit
jedem Tag
im Tag
und
eigentlich
lebt es sich so, ganz gut
auf 160 Zeichen, eingesperrt.

Bis ich eines Tages erwache und mir mein Gesicht entgegen schlägt: „Wer ist da?“
Ich klopfe an eine Scheibe: „Wer ist da?“
Ich leuchte blasser, LED-Haut: „Wer ist da?“
Ich halte die Luft an. Der Geruch steigt mir in die Nase: „Du bist es, nicht wahr? Du bist da. Du bist real.“
Ich spüre wie sich Erbrochenes in meinem Mund sammelt. Und meine Stimme sagt: „Bitte. Bitte, sei real.“

Pii wundert sich nicht, aber Pii wundert sich selten. Dafür ist er zu dumm.
„Bei manchen hören die Träume wieder auf“, sagt er.
„Bei manchen“, wiederhole ich, neben mir, wieder. Ich habe mich doch bereits so an mich gewöhnt.
„Sie werden weniger, wenn man nicht, naja, du weißt schon, nicht jeden Tag.“ Pii zieht an seinem Joint. Ich bin seit 26 Stunden offline.
„Aber bei manchen“, er macht einen Zug, ich wiederhole „bei manchen“, leise, daneben, off, „bei manchen, wird es schlimmer, wenn man sich nicht einloggt.“
„Das klingt so dumm.“
„Ja, sorry. Aber mittlerweile bewegen wir uns in der Sucht-Metaphorik.“
Halt dein Maul, Pii.
„Sowie die Leute süchtig von Candy Crush werden.“
„Das ist nicht Candy Crush.“
„Das ist nicht real, Mia.“
Das hatten wir schon einmal.
„Frequenzen.“
Im Gehirn, Stromstöße, die dich sehen lassen, was du sehen willst.
„Deswegen ist es in deinem Schlaf.“
„Wer… wer hat diese Träume noch.“
Pii grinst, (Dämonen), ein Zug und dann: „Oh, du willst sie also endlich kennen lernen.“
Ich will raus aus meiner Haut und die andere wieder anziehen.
„Ja.“ Nein.
„Die sind aber ganz schön sick.“
Too fucked up.
„Wann?“
„Nicht heute.“ Pause. „Morgen ruf ich dich an.“
„Schreib mir.“
„Nein. Bleib offline, Mia.“
„Nein.“
„Deine Sache, Sweetheart.“
„Ganz genau.“
Ich drehe mich um und drehe mich um, strecke die Hand aus, grau fällt hinein und dann drehe ich mich um.
„Du weist, wie sie  es nennen“, sagt er als ich die Hand zur Klinke ausstrecke. Ich setze in der Bewegung aus, ein Stück, das fehlt, abgebrochenes Leben.
„Den Lag.“
„Mhm.“
„Wenn der Stream nicht mehr nachkommt, stockt. Lag, ja?“
Mhm, du abgefuckter Wichser.
Er macht einen Zug und in lässt seinen halb verdrehten Körper wieder zurück fahren. Zug.
„Der Lag reist ein Loch in sie hinein und dieses Loch füllt dein Gehirn im Schlaf. Bruchstücke, wie ein surrealistisches Gemälde. Wie diese alten deutschen Filme.“
Blödsinn.
„Expressionistisch.“
Das Gras lässt seinen Assoziationen freien Lauf. Ich umfasse die Klinke.
„Das meine ich zumindest. Manche – „
– manche –
„User meinen aber, dass sie dich im Traum suchen. Und wenn sie dich dann einmal gesehen haben, dann – tja. Du weist ja, once seen…“
Ich umfasse die Klinke. Mein Atem steht.
Pii hustet und tastet mit zusammengekniffenen Augen nach einem Glas Wasser, dass auf dem Couchtisch steht.
Auf dem Couchtisch stand.
Er flucht, steht auf, geht zum Kühlschrank und hohlt sich daraus eine Limonade. Ich bleibe während dessen erstarrt an der Tür. Als Pii wieder ins Zimmer kommt, ist er verwundert, dass ich hier bin. Ich bleibe stehen. Ein Monster nähert sich. Piis Atem an meiner Wange: „Abgefuckt, nicht?“
Mhm.
„Wer sucht mich?“
Pii grinst. Ein langes, dunkles, zimmerbreites Grinsen. „Schluck runter, Süßes“, sagt er und ich schmecke das Salz seines Schweißes auf den Fingerspitzen. „Grau ist glück?“, ich nicke.
Er dreht sich um und geht zurück zu Couch. Ich drücke die Klinke runter und schlucke mein Glück hinunter und die Fragen und die Kotze, doch die Frage speit sich wieder hoch.
„Wer sucht mich?“
Pii bleibt stehen und dreht sein Gesicht, so dass ich sein Profil hinter mir in Konturen erscheint: „Come on, Mia. Du weist wer.“

 

 

 

insp: https://www.youtube.com/watch?v=hi8I7LtUnw8

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