V: crack

Als ich das grelle Fenster einschlage, fühle ich mich für einen kurzen Moment frei.

Ich durchforste meine Chronik nach Lebenszeichen. Eines Tages war ich verschwunden und mit mir meine Arbeit, mein Atem, meine Augenblicke absoluter Ausgeglichenheit, doch die Angst blieb. Meine Finger kleben an der Tastatur, die Kuppen schmelzen in das Plastik und ich werde neues Fleisch. Plasticflesh. Meine Augen brennen als ich immer tiefer in meine digitale Psyche gleite. Das Ziel lässt sich nicht fixieren, ich habe es mehrmals versucht, doch das Wort, dieses verdammte Wort, ist jedes Mal ein anderes. A wie Allegorie. A wie Agonie. Antiallergikum. Mein leben brennt und ich finde die Stelle nicht, an der ich kratzen kann. Pii, rufe ich durch mein Handy, Pii, wie komme ich hin, wenn. Doch Pii ist bereits wieder abgelenkt; eine Droge, bei der sich die Netzhaut abschält, aber nur so kannst du wirklich sehen. Ein Krankenwagen musste kommen und das arme Schwein abholen. Nicht Pii, nein, der ist dumm, aber nicht so dumm. Pii wäscht seine Hände im Blut der Unschuldigen. Ich bin eine der Unschuldigen. Ich bin –

Es holt mich ein. Ich sollte nicht mehr auf ihn hören, doch der Gedanke, dass die fehlenden Teile meines zweiten Lebens, der Lag, wie Pii es nennt, mich in meinen Träumen einholen ist zu beängstigend. Was wenn er am Ende Recht behält? Am Ende, blute ich aus allen Löchern und Pii sitzt daneben und legt mit den Worten  „Sie sind bereits unterwegs.“ das Handy aus der Hand.
„Wer sind sie?“
„Come on, Mia.“
Das weißt du doch.

Sie sind die Geister der anderen Welt, die Wandelnden, deren Leben ausgesaugt wird. Mein Zenit war erreicht, ich hatte Angst, zu große Angst und ging offline. Und nun sitze ich da, und klicke mich durch meine History, doch die Links ergeben schon lange keinen Sinn mehr.Ich habe Stunden vor dem Laptop verbracht um mir Minuten beim Schlafen zuzusehen. Ich habe Dickichte durchforstet um das Wort zu finden, elbisch für Freund, ha ha ha, um endlich wieder einzutreten. Manchmal war es ganz einfach, in großen roten, grünen, gelben neonbunten Lettern stand es da, flackernd: NOTREDAME. SIRIUS. KATAKLYSM. YELLOWDEVIL. Ein stupides Signal, dass sich in mein Hirn brennt, ich tippe das Wort ein, behaupte ich, mittlerweile, weiß ich es nicht mehr genau, habe ich, oder habe ich es ausgesprochen, sprich und tritt ein, das Wort, flackert auf, wie Flammen, blaustichig, und ich sakce immre tifer hienab, ein K1ick µnd n0ch – ein – |ink – un-d ga_Anz la-ng-…sam, trop.ft mein KoPF as  d m Bild.schnmrrrr

Und –
Und dann, gar nichts mehr.

Das Flackern hat aufgehört. Mein Kopf beruhigt sich wieder. 31 Stunden offline. Ich schlucke mein Glück. Ich warte auf Piis Anruf. Ich blicke zum Laptop. Ich schlucke mein Unglück. Ich warte vergeblich. Sie suchen mich. Vergeblich. Ich schlafe. Eine Stimme weckt mich. Ich wanke. Klappe auf. Bleib offline, sagt Pii. Fuck you. Log in. Use me. See mee. Licht berührt mich. Ich werde ganz. Watch me. Suche das Video. Warte bis es vorbei ist – feel me – es ist nicht vorbei. Weißes Rauschen, schwarzes Rauschen. Musik in meinen Adern, es kann sich nur noch um Sekunden handeln. Doch.

Nichts mehr. Das Wort erscheint nicht. Ich rufe Pii an. Doch Pii schläft. Ich verbringe Tage vor dem Bildschirm. Wage nicht zu zwinkern. Mein Atem wird schwächer, meine Glieder matt. Mein Hunger erschlägt mich, doch ich kann nicht weg. Ich bleibe kleben, eine Fliege. Doch das Wort erscheint nicht. Irgendwann kippe ich um, aus Schwäche. Ich erwache in einem dunklen Raum, weit hinten ein Rechteck aus Licht. Als ich einen Schritt darauf zu gehe, beginnt das Rechteck zu knacksen. Ich schlucke, schmecke Blut, keine Angst, es ist nicht unser Blut, und huste. Aus den Rissen in dem Stück aus Licht strömt ein bekanntes Gefühl. Ich strecke meine Arme aus um ihm nahe zu sein, doch mit jeder Bewegung, werden die Risse breiter. Aus den Rissen in dem Stück Licht strömt ein bekannter Geruch. Ich falle auf meine Knie, das Rechtecke wird größer, bildet ein Fenster, dass sich um mich herum ausbreitet. Aus den Rissen in dem Stück Licht strömt ein bekanntes Geräusch. Ich habe schon lange nicht mehr meinen Namen gehört. Bist du es?

Ich klopfe gegen die Fensterscheibe, doch die Berührung bringt es endgültig zum bersten. 

Splitter schießen mir entgegen, schneiden mir mein Gesicht auf, zerfressen meine ausgestreckte Hand, zerfetzen meine offene Mundhöhle, ich atme Glas und spüre wie meine Augen die Wangen hinab laufen. Ich wache auf. Ich liege am Boden, in meinem dunklen Zimmer, wage erhellt vom Licht des Laptopbildschirms. An der Stelle, an dem sich das Rechteck befand lese ich in negativen Farben das Wort ANTIDODE. Ich drehe mich langsam um, schleppe mich zum Computer, tippe es ein (behaupte ich) und als ich endlich das sanfte Rauschen dieses weit entfernten Meeres auf meiner Netzhaut spüre, senken sich mein Lider. Wach auf, sage ich. Mia, sage ich, Mia. Es ist so lange her, dass ich meinen Namen gehört habe. Und mit den Klang meiner Stimme, sinke ich hinab.

Ich träume sanft. Ein Klopfen, meine Augen die mich suchen.

Als ich erwache, haben sich am Bildschirm Risse gebildet. Aus ihnen strömt eine bekannte Stimme.

 

 

 

 

 

 


Teil I bis IV: https://professorfedi.wordpress.com/1465-2/

 

 

mood: https://www.youtube.com/watch?v=tKi9Z-f6qX4

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