I killed my mother: Review zu „ICH SEH ICH SEH“

Die Mutter kommt nach einer schweren Operation zurück. Das Gesicht der Mutter wurde bis zur Unkenntlichkeit in Bandagen gewickelt. Der Mutter geht es noch nicht gut, sie braucht viel Schlaf und wenig Licht. Die zwei Söhne wirken verstört, ist doch ihre Mutter immer ein tierliebender und fröhlicher Mensch gewesen. Langsam aber sicher stellt sich der Verdacht ein, dass sich unter den Bandagen nicht ihre Mutter verbirgt. Doch wer ist die fremde Frau, die sich durch die kalten Zimmer ihres trauten Heimes bewegt?

icic

Österreichischer Horror = Ulrich Seidl Figuren mit Michael Haneke Gewalt und der sozialkritischen Moral beider Filmemacher. Punkt. Kritik beendet. Geht und seht euch den Film an, wenn er dann ins Kino (und/oder DVD raus-) kommt. Denn auch wenn man mit den beiden Ausstellungsstücken des Österreichischen Kinos nicht kann (wie, äh, moi), hat ICH SEH ICH SEH mehr zu bieten: der Film kombiniert den üblichen Kammerspielzirkus mit klassischen Horrorelementen und das funktioniert ganz gut.

[austrian cinema is kind of sick]

Großen Erfolg feierte der Film bereits in Toronto und Venedig bei den jeweiligen Festivals – und soweit ich das mitbekommen habe, ist er dort auch sehr gut angekommen. Nun hatte der Film seine Horrorfilmfeuerprobe – war die österreichische Vorpremiere quasi eines der Schmankerl beim /slash Filmfestival 2014 (Überraschungsfilme sind schon was feines).

Das sympathische Filmemacherduo meldete sich nach der Vorstellung, die mit großen Applaus beendet wurde selbstredend zu Wort und machte vor allem eines richtig: keine Überinterpretation ihres Stoffes. Auf die Frage, warum sie sich bei der Besetzung (bzw. beim Schreiben des Drehbuchs) für Zwillingsbrüder entschieden haben, fiel die Antwort wunderbar plump aus: es sieht einfach leinwand aus (Paraphrase, natürlich drückt man sich nicht ganz so gschert aus wie ich).

Nun, zum Film selbst. Dieser hat die Probe durchaus bestanden und wartete auch mit einigen kollektiven Schreckensseufzern auf, die er in durchaus graphischen Darstellungen und stimmungsvollen Bildern heraufbeschwört. Wenn man jedoch mit den üblichen Erwartungen an den Film rangeht, die nun mal bestehen sobald ein sogenannter „Horrorfilm“ die Leinwand betritt, sollte man gewappnet genug sein.

ICH SEH ICH SEH zieht seine primäre Stärke vor allem aus dem psychologischen Metier: das Misstrauen gegenüber seiner eigenen Mutter/seinen eigenen Kindern, die kalte Fassade eines verlassenen Großfamilienheim, unheilvolle Fotografien, Zwillinge (der Klassiker!) und – mein persönlicher Albtraum – das Land. Nichts ist gruseliger als Bauern, die einen skeptisch beobachten oder die heiße Erde, deren Porosität sich mit symbolische Mutmaßungen aufdrängt. Und dann noch die Leere: meilenweite Leere, rurale Sterilität die sich durch neblige Wälder und weiter Wiesen zieht. Nein, das Land ist nicht mein Freund und die Kälte die es –  trotz der gelungen in Szene gesetzten Sommertage (inklusive Grillenzirpen und diesen fetten Strohballen!) – versprüht, gräbt sich langsam unter die Haut.

Langsam und effektiv sind wohl die Adjektive die diesen Film am besten beschreiben. ICH SEH ICH SEH lebt voll und ganz von seinen Bildern, die mit gewohnter Distanz einen unheimlichen Einblick in das gestörte Verhältnis einer zerütteten Familie geben will. Häusliche Gewalt und innere Unruhe, Unsicherheit über eines der sichersten Dinge der Welt (Mutterliebe und ihre Erwiderung) untermauern die stille Fotografie des Kameramann Martin Gschlacht. Ein subtiler Grusel, aber ein haftender. Wenn er dann zu tritt, spürt man ihn in einer schwach erforschten Magengegend.

Zugegeben – „neu“ ist der Film von Fiala & Franz keineswegs. Die Ideen kamen den beiden laut Interview vom nächtelange Filme-Schauen, eine Art Filme zu konsumieren, die ich nur unterstützen und empfehlen kann. Die alten Bekannten des Horrorkinos des letzten Jahrhunderts sind gut vertreten; gruselige Masken und gruselige Kinder (habe ich bereits erwähnt, dass Kinder und insbesondere Zwillinge auf dem Grusel-O-Meter Platz 1 und 2 belegen? Was? Allgemeinwissen? Ach so.), verlassene Häuser, tote Tiere, Kakerlaken(!), wenig Score und wenn dann nur in tiefen Bässen, etc. etc. Den zu Tode geschriebenen Twist riecht man auch schon meilenweit gegen den niederösterreichischen Wind, aber wenigstens wird er einem nicht mit einem überspitzen und selbstverliebten (um nicht zu sagen shyamalan’schen) TATA! präsentiert. Nichts ist blöder als eine Geschenk, dass man schon fünf mal überreicht bekommen hat („Wir wissen doch, wie dir das gefällt!“) stehen hat, überreicht auf einer Überraschungsparty, deren Planung man quasi bezahlen musste.

Aber vielleicht ist das auch alles nur ein Trick. Man gebe dem Zuseher das Gefühl von Sicherheit und Altbekanntem, nur um ihn dann nochmal eine rein zu hauen: Haneke-Style. ICH SEH ICH SEH ist gegen Ende hin ein richtig, richtig schiaches (um es auf good-ol‘-österreichisch zu formulieren) Kammerspiel, dass einem ziemlich sicher in Erinnerung bleibt. So gesehen sind die paar Schönheitsfehler gar nicht mal so schlimm; das aufgesetzte Endbild und die typischen sozialkritischen Elemente (Beten vor dem Jesuskreuz, traditionsbewusste Kinderlieder, „Familie ist doch eigentlich was Schönes!“ – es ist ja beinahe so, als ob der Seidl den Film produziert hätte!!) sind ohnehin nicht der Grund dafür, dass sich der Film bewährt und tief in den Erinnerungen seiner Zuschauer vergräbt.

Letztlich sollte noch die Darbietung der drei Schauspieler genannt werden, deren Spiel trotz beschränkter Ausdrucksmöglichkeiten für den finalen Feinschliff sorgen. Susanne Wuest (die Mutter) spielt fabelhaft bösartig, während die Gebrüder Schwarz (die Zwillinge) ihre Ausstrahlung für sich sprechen lassen. Die Nebenfiguren sind zum Glück rar gesät – Minus gibt es allerdings für eine der blödesten Hope-Spots, Police are Useless, etc. – Trope (zu viele Variationen!) der letzten paar Jahre: immer wieder tauchen unbeteiligte Figuren auf und bemerken beinahe die lauernde Gefahr, nur um dann wieder von dannen zu ziehen: ein vorhersehbares und langweiliges Element. Die Sanitäter in ICH SEH ICH SEH sind nicht nur unnötig, sondern billig und ziehen ihren ähem, „Witz“ aus der alleinigen Typisch-Land-Attitüde. Und ich bin ungefähr soviel Regionalpatriot wie ich Vegetarier bin, dass ich das lustig finden kann.

ICH SEH ICH SEH; Regie: Severin Fiala & Veronika Franz, Österreich 2014

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