Dark Doom Honey: Review zu „IT FOLLOWS“

Es gräbt sich tief unter die Haut, ein Gefühl das dich nicht mehr loslässt. Es klopft an der Wand, es schmettert seine Fäuste gegen die Tür, es schlägt durch die Fenster: es verfolgt dich. Du kennst es vielleicht, manchmal kommt es in der Form eines Menschen den du liebst, nur um dich umso stärker zu zerstören oder um dir klar zu machen, dass es kein Entkommen gibt. Du kannst laufen, aber du kannst dich nicht verstecken. Es kommt langsam auf dich zu, sehr langsam, aber es kommt. Wo auch immer du bist, du vergisst nicht: es kommt.

big

„Ein ausgesprochen ästhetischer Mindfuck. Streckenweise ernsthaft unheimlich.“, schreibt der filmtipper Harald auf seiner Facebook-Seite und Kollege Gregor legt gleich nach und lobt den Score. Und Recht haben sie: IT FOLLOWS brilliert gleich von Anfang an mit seinen haunting pictures, seinem bizarren und hypnotisierenden Rhythmus und – ja – allen voran mit seiner hervorragenden Musik von Disasterpeace, wodurch die Intensität der Szene immens potenziert wird. Leider werden meine Reviews immer 1000 Wörter lang, an sich könnte man es bei diesem Statement belassen. Der Film ist ein obskurer Mindfuck, yes, und er zieht seine Bahnen tief in das Knochenmark, yes, aber eines musste ich dann doch loswerden: IT FOLLOWS ist streckenweise leider auch ernsthaft langweilig

Die bekannteste Horrorfilm-Trope der Welt (nein, nicht die, dass der Killer immer ein zweites Mal kommt), dient hier als Aufhänger: nur die Jungfrauen überleben Death by Sex, sozusagen. Ist der Fluch, den man sich in IT FOLLOWS einfängt durch Sex übertragbar (ob geschützt oder nicht spielt hier keine Rolle, obwohl es nach dem Film diesbezüglich ein wenig Diskussionsstoff gab).Die notgeilen Jugendlichen sind ja allesamt promiskuitiv, da vermehrt sich der Geistervirus quasi wie von selbst. Eines Tages erwischt es die hübsche Jay (natürlich, in Horrorfilmen sind sie immer hübsch), die nach einem kurzen Liebesabenteuer von ihrem Sexpartner plötzlich entführt wird. Dieser fesselt sie an einen Stuhl um ihr – sonst würde sie es nicht glauben – vorzuführen, gegen welche Kraft sie es nun zu tun hat. Und holy fuck, was nun auf Jay (und uns) zukommt – im wahrsten Sinne des Wortes – ist unbestreitbar grausam, unbarmherzig und unaufhaltsam. Jeder Schritt Entfernung zählt.

Regisseur David Robert Mitchel hat DAS Filmmonster der letzten Jahre auf die Leinwand gezaubert. Und dabei stimmt der Terminus Filmmonster nicht einmal, den Monster haben meist wenigstens ein Gesicht. Das Wesen in IT FOLLOWS lässt sich schwer beschreiben, es drängen sich Vergleiche wie albtraumhaft oder irreal auf, zwar hat das „Monster“ einen Körper, doch keinen festen, erscheint nie in selber Form und es ist vor allem eines: allgegenwärtig. Der eine Schatten zuviel. Das Wissen, das hinter der Tür jemand lauert. Der Grund für das Knirschen des Bodens zur Stunde des Wolfes. IT FOLLOWS ist viel zu gruselig, dass man genauer darüber nachdenken möchte und wer sich diesen Film spätnachts, alleine zu Hause antut hat sie nicht mehr alle. Selten hat mich ein Film NACH der Vorstellung so sehr gegruselt.

Dass liegt auch daran, dass hinter der Idee viel mehr liegt, als hinter der Präsentation. Das /slash-Programm bringt es gut auf den Punkt „IT FOLLOWS ist ein abgründiger Urangstfilm“ und gerade diese Angst macht ihn so stimmungsvoll und bemerkenswert. Leider hält sich die Stimmung nicht durchgehend und das liegt hauptsächlich an den Figuren und dem mageren Drehbuch.

Warum müssen Horrorfilme auch immer im Milieu von irgendwelchen Teenies spielen? Nicht einmal SCREAM 4 schafft es Abseits der hormongetriebenen Zielgruppe zu fischen und der hätte allen Grund dazu zur Abwechslung mal Erwachsene an das Messer zu liefern, ist Sidney mittlerweile keine Studentin mehr. Bei IT FOLLOWS liegen die Gründe auf der Hand, ist das „Monster“ eindeutig eine metaphorische Missbildung des generischen Teenage-Angst Begriffs: IT FOLLOWS sprüht aus jeder Pore die jugendliche Angst vor der körperlichen Zweisamkeit und lässt vor allem nicht mehr los. Leider reicht das nicht um bei den „Opfern“ das selbe Interesse zu wecken, die das „Monster“ bereits geweckt hat.

Die erste Assoziation meiner besseren (und klügeren) Hälfte war augenblicklich die Graphic Novel BLACK HOLE, in welcher den Jugendlichen nach dem Geschlechtsverkehr abnorme Deformationen wachsen und sie sich deswegen gezwungen fühlen, verstoßen und abseits der Zivilisation von nun an ihr Dasein zu fristen. Eine weitere Assoziation bildete sich beim Revue passieren des Filmes: der Film erinnere sehr an Sofia Coppolas THE VIRGIN SUICIDES und auch das stimmt in meinen Augen auf mehreren Ebenen: Coppolas Film ist ebenso ein langatmiger Film mit selbstverliebten Figuren und einer angeblich authentischen Darstellung der jugendlichen Lebensweise. Er ist einer dieser Filme, der lieber Fragen aufwirft, als Antworten zu geben (und das ist okay, ich muss auch zugeben, ich bin weder Fan von Sofia Coppolas Filme – mit der einen Ausnahme – oder der Romanvorlage von Eugenides). IT FOLLOWS verhält sich mit seinen Figuren ebenso: es wird wenig geredet, Blicke werden gewechselt und der Dialog besteht vorwiegend aus dem, was nicht gesagt wird. Und wie gesagt – das ist vollkommen okay, wenn die Figuren so gezeichnet sind, dass es klar ist, was zwischen ihren Nicht-Wörtern schwebt, oder dass es mich zumindest interessiert. Und das tut es nicht.

Die Jugendlichen in David Robert Mitchells (zwei Vornamen-Namen werden ab jetzt immer ausgeschrieben!) Film sind idealisierte Heranwachsende, deren Persönlichkeiten genau so viel Originalität tragen, wie die leicht bekleideten Fleisch-Pakete in Slasherfilmen. Statt den Chearleadern und den Jocks haben wir hier stattdessen die Dostojewski-lesenden einfühlsamen, die-Welt-versteht-uns-nicht-aber-wir-verstehen-die-Welt Dreamboysandgirls, die sich (wie in Gedichten 15jähriger) in ihre Vorstellung eines erwachsenen und reifen Lebens flüchten. Und nein, mich stören Dostojewski-lesende Jugendliche keineswegs und ich finde sie auch keineswegs unglaubwürdig – mich stören nur diese, die das auf ihrem Ariel-BH-iPad tun und ihr Leben in der heilen-Vorstadt-Welt-mit-Kanten durch scheinbar tiefsinnige Zitaten im richtigen Augenblick kommentieren. Who the fucks does that? „Hey, ich hab hier ein Kafka-Zitat, das passt sehr gut zu unserer ausweglosen Situation“ ist das neue, „Wir sollten uns trennen“, zumindest in Indie-Horrorfilmen. IT FOLLOWS trieft von diesen Zweck-Figuren, die nicht zur Stimmung beitragen, sondern mich träge aus dem Film gerissen haben.

Es ist durchaus klar, welches Lebensgefühl David Robert Mitchel einfangen wollte: die Liebe in den Zeiten des Hedonismus, bestehend aus Bier, Sex und lauen Sommernächten und einer Schulpflicht wie in Brezinas Knickerbockerbanden-Büchern. Hier ist das Auto das ultimative Symbol der Freiheit, Freundschaft ist der stille Blicke zwischen zwei wunderhübsch-ängstlichen Menschen und alle Gefühle werden durch zwei Adjektiven mit einem Bindestrich in der Mitte umschrieben (ja, der Autor, weiß, wovon er redet – ihr solltet mal seine Gedichte lesen, die er mit 15 verfasst hat). Das unterstreicht der Film auch sehr schön mit seinen Bildern, seinen beängstigenden Score (da hat jemand von den letzten Fincher Filmen abgeschrieben) und seiner feinen Ästhetik. Die Kamera dreht sich in 360° und alles um dich herum ist eine Bedrohung, alles um dich könnte dich verfolgen, doch das Gefühl erlischt, wenn du in die kalten und nichtssagenden Gesichter des Casts blickst.

Und das Gefühl von Paranoia, schleichender Angst, ständiger Bedrohung und schierer Ausweglosigkeit wird einem plötzlich genommen (klingt wie eine Allegorie fürs Erwachsen werden, Coming-of-Age and stuff, ihr wisst schon, whatever). Und das ist schade, denn das ist genau das Gegenteil, was mir der Film vermitteln will.

Trotzdem. IT FOLLOWS ist schon ziemlich, ziemlich gut und er funktioniert auf einer Eben, die ich bei Horrorfilmen so schmerzhaft vermisse. Mich hat letztendlich der Film an auch ein bisschen an den Poltergeistthriller ENTITY und/oder das fantastische Musikvideo „Fantasy“ von DYE erinnert (nur, halt, ohne das ganze Call of Cthulhu Ende). Irgendwie ist der Reiz der Angst an der aufkeimenden Liebe/Sexualität auch da, ja wirklich. Ich mag Coming-of-Age Geschichte eigentlich sehr gerne und die Angst sitzt bei dem Film auch tief in den Knochen, wäre nicht dieses große ABER: diese faden und typisch idealisierten Figuren, die mich so genervt haben, so sehr, dass der Film seine soghafte Wirkung verloren hat. Zum Glück hat er sie in den Szenen in denen er funktioniert, auch sofort wieder gefunden. IT FOLLOWS ist zwar nicht immer, aber wenn, dann so richtig: ein wahrhaftiges haunting picture.

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