Ein dunkles Gefühl, das man nicht loswird: Review-Essay zu „THE BABADOOK“

Die Geschichte beginnt so:

If it’s in a word or in a look
You can’t get rid of the Babadook

A rumbling sound 
then 3 sharp knocks
ba-BA-ba 
dook
dook
DOOK.

mister

2014 ist ein gutes Jahr für Horrorfilme. Das Genre, das gerne für tot erklärt wird erfährt in meinen Augen zumindest eine kleine Renaissance. Alleine am diesjährigen /slash waren gesammelt mehr Filme dabei, bei denen ich mich gegruselt – und ich meine so richtig gegruselt! – habe, als in den letzten fünf Jahren zusammen. Aber vielleicht werde ich auch einfach nur alt und sensibel, habe Frieden mit mir geschlossen und kann mich endlich wieder ganz in solche Filme einlassen. Aber das letzte Mal das mir so wohlig und mulmig die Gänsehaut über die Arme gewandert ist war vor vielen Jahren, als ich das Verbinskis RING Remake im Kino (und dann immer wieder auf DVD, zum Glück waren VHS damals schon out) erblickt hatte. Und dieses Jahr fror mir mein selbstgefälliges Kritikergrinsen gleich ein paar mal ein: da gabs einerseits den unheimlichen IT FOLLOWS (offensichtlich habe ich Angst vor Flüchen – oder vor Sex), andererseits den überraschend guten OCCULUS (wirklich! Das hätte ich von allen Filmen am wenigsten erwartet). Und dann dieser Film.

Es ist spät und sich den Trailer auf YouTube anzuschauen vielleicht nicht unbedingt das Klügste, aber ich hatte die Woche ohnehin nicht vor zu schlafen, außerdem muss man da als Rezensent durch. Also noch einmal. Ba-dook. Dook. DOOK.

Als die alleinerziehende Mutter Amelia eines Tages das etwas obskure Kinderbuch findet, denkt sie sich nicht viel dabei. Prompt wird es ihrem Sohn Samuel vorgelesen, der aber sehr schnell Angst vor dem Mister Babadook bekommt; kein Wunder, ist die titelgebende Hauptfigur des Pop-Up Buches keineswegs ein angenehmer Geselle. Er schleicht sich an und bevor du es weist, hat er dich! Natürlich wirft Amelia das Buch weg, doch der Babadook ist schon längst hier und geht auch nicht mehr fort. Ihr Sohn sieht ihn zuerst, doch glaubt Amelia ihm vorerst nicht. Bis sie aber keine Wahl mehr hat und der Wahrheit ins Auge blicken muss…

Als ich mit einem ehrfürchtigen aber zufriedenen Lächeln aus dem Kinosaal schritt, bemerkte ich sofort den allgemeinen Konsens: lange Gesichter, kein Applaus und kurze Wortfetzen: „Also so super war der jetzt nicht.“ Gut, dachte ich mir, umso besser. Kann ich mal wieder dagegen sein. Aus Prinzip. Und wie jeder vernünftige Mensch, hievte ich mich hinter die Tastatur und suchte im Internet nach Stimmen, die mir recht gaben. Während sich meine Meinung über den satanistischen Geheimbund, der Hollywood fest im Griff hat nur verstärkte, stieß ich nebenbei auch auf ein paar wohlwollende Stimmen zu dem wundervollen BABADOOK. Und gar nicht wenige: 100% faulige Tomaten (Stand: als ich das letzte Mal nachgeschaut hab‘) zum Beispiel gibt es für den Film, der als Kickstarter-Projekt ins Leben gerufen wurde. Und ja, normalerweise soll man dem Hype nicht believen, aber dieses Mal ist dieser durchaus gerechtfertigt.

Vielleicht war das Publikum an meiner Seite etwas enttäuscht über die angesammelte Spannung, die sich nicht in Schockeffekten löst, sondern sich wie ein Tuch über den Film legt. Vielleicht war es auch die zu symbolträchtige Auflösung oder das Finale, dass sich nicht in einem James Wan’schen Geisterwrestling sondern in einer tiefen Erkenntnis äußert. Vielleicht auch, weil der Film erzählt und seine Zuseher nicht von Schreck zu Schreck jagt. Ich unterlag jedoch einer Elektrizität und Spannung, die mich fest umschlossen hatte und ich war von Charakteren gebannt, deren Ehrlichkeit und Schicksal fast zu Tränen gerührt haben. Das mag vielleicht persönliche Gründe haben, ich kann es ehrlich nicht sagen, aber es sind nicht die selben, die mich bei THE INNKEEPERS par exemple angesprochen haben. Nein, in THE BABADOOK fließen keine eigenen Erfahrungen ein, keine Clerks-Generation-Selbsterkennungs-Geistergeschichte und auch keine unbewussten Ängste vor Kinderbüchern oder Urängste vor dem Mann im Schrank, es ist schlicht und einfach die Geschichte dieser einsamen Frau die trotz allen Mutes und Kraft an ihrer Mutterschaft zerbricht. (Da kann man jetzt sicherlich ganz viel hineininterpretieren…)

Ich geb’s ja zu, ich bin ziemlich sexistisch. Ich mag Frauen in Horrorfilmen einfach mehr (da kann man jetzt sicher auch viel hineininterpretieren…) und damit meine ich nicht das übliche Final Girl (nein, das muss wenn schon Sharni Vinson sein), sondern die zerbrochene Figur aus THE OTHERS oder die ehrgeizige Journalistin aus THE RING. Okay, ich mag nicht Frauen in Horrorfilmen, ich mag Mütter in Horrorfilmen (oder Blondinen), aber Amelia, Grace und Rachel haben eines gemeinsam: eine unerbittliche Bestimmheit gegen die Bedrohung zu schreiten, koste es ihr Leben. Ihr Charakter treibt die jeweiligen Filme an, sie sind der Schlüssel warum abseits von Schockeffekten und düsterer Atmosphäre die Geschichten auch funktionieren; nicht weil man sich so gut in sie hinein versetzen kann (oder, das vielleicht auch), sondern weil man ihren Kampf regelrecht spürt. Essie Davies fabelhaftes Schauspiel sieht man nicht nur, man fühlt es. Amelias Verzweiflung und Angst spürt man jede Sekunde in THE BABADOOK, umso stärker und gewaltiger wirken die Momente, in denen sie sich gegen das Monster stellt.

Ach ja, das Monster. Es ist so viel mehr als nur ein Monster, es ist ein Angst, keine die dich verfolgt, sondern die tief in dir drinnen sitzt. You can’t get rid of the Babadook. Der finale Kampf fügt sich wunderbar in den bisherigen, den Amelia hinter sich hat und wirkt beinahe vergebens, als sich die wahre Gestalt des Wesens offenbart. You. Can’t. Ist der Babadook einmal drinnen, geht er nie wieder weg. Die traurige Erkenntnis wird zu einem der schönsten Szenen, die ich je in einem Gruselfilm gesehen habe und hat zwar nicht die selbe Twist-Essenz eines SIXTH SENSE, aber versprüht die selbe törichte Erleichterung. Akzeptanz und Heilung. Und keine Angst, ich verrate nicht zu viel – wenn überhaupt dient das hier nur diesen Film auf einer weiteren Ebene zu erkunden, primär ist und bleibt THE BABADOOK nämlich ein hervorragender Gruselfilm.

Und wie: es knarzt und ächzt in dem Haus, dass sich merkwürdig einsam anfühlt. Die Figuren atmen unter ihren Bettdecken und wir halten ihn an, als der Babadook kommt, die Starre setzt ein und die Finger graben sich in den Kinsessel – ba dook. Dook. DOOK. Dieses Kinderbuch ist wahrscheinlich das unheimlichste Medium seit dem berüchtigtem Ring-Video; White-Noise-Aufnahmen hin, alte Schalplatten her, böse Puppen am Arsch, die Präsentation von „Mister Babadook“ ist verdammt, verdammt, verdaaaaaammt unheimlich und das Buch gibt es leider nirgends zum erwerben, aber mit viel Glück lässt man sich für die Heimkino-Publikation etwas nettes einfallen. Ich würde viel zu viel Geld für dieses Buch ausgeben, dass ich mir dann doch nicht ansehe, weil ich ja auch irgendwann noch schlafen muss.

baba

THE BABADOOK ist des Übrigen – falls ich es noch nicht genug erwähnt habe – ein wunderschöner Film, in bezaubernden Farben, fabelhafter Bildkomposition (und hier stimmt das Wort Komposition) und grandiosen Design. Jennifer Kent schafft es trotz glasklarer und filmischen Glanzbildern, dem Film einen zerstörten Look und eine tiefe Traurigkeit zur verpassen ohne dabei prätentiös, übermäßig glatt oder unnötig hochstilisiert zu wirken. Dem Drehbuch wird durch das Schauspiel der beiden bezaubernden Akteure Essie Davies und Noah Wiseman (als best fucking kid ever!! Nein, wirklich Wiseman spielt – vor allem für sein Alter – so dermaßen unglaublich gut) das nötige Leben eingehaucht: jede Szene stimmt, jede Stimmung wird perfekt eingefangen und noch die leiseste Mimik der Schauspieler reist einen mit. Man möchte aufstehen und das Mutter-Kind-Gespann umarmen, so lange umarmen bis ihr Schmerz sich in Luft aufgelöst hat, die Tränen getrocknet und die dunkle Nacht vorbei ist.

Vermisst habe ich lediglich eindringlichen Score (wenn ich Hans Zimmers Ring-Thema höre, brauche ich nur die Augen zu schließen um den in rot-leuchtenden Ahornbaum vor meinen Augen zu sehen), der den Film die letzte einmaligen Wiedererkennungswert verpasst. Ebenso wenig definiert Kents Film das Genre neu oder setzte neue Maßstäbe, dafür ist der Film etwas zu sehr in seinen Grenzen verankert. Und trotz seines sich fügenden Endes bleibt eine vage Note des Verdrusses, als ob jemand die Kirsche einer ansonsten formidablen Schwarzwälderkirschtorte vergessen hätte. THE BABADOOK hört leise auf, auf eine stürmische Nacht folgt ein ruhiger, mit tau benetzter Morgen. Und dann endet der Film mit einer aufkeimenden Blüte und einem dunklen Bild. Schlicht und leise glücklich in seiner Einfachheit. Ein schwaches Gefühl regt sich, dass da noch etwas fehlt – und ja, das tut es auch. Denn Amelias Geschichte ist noch nicht vorbei, sie arbeitet im Kopf des Zusehers weiter, dem leider nichts anderes bleibt als zu hoffen. Hoffen, dass das Monster eines Tages verschwindet. Hoffen, dass es nicht auch Samuel heimsuchen wird. Hoffen, dass sich eine liebende Hand anbietet, die mit einem sanften Druck in eine Richtung weist, die da besagt: „Ich helfe dir, es zu besiegen.“

Doch leise, ganz leise fürchten und wissen wir alle: You can’t get rid of the Babadook.

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Und so hört diese Geschichte dann auf.

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