In the Eye of the Beholder: THE NEON DEMON

Bevor der Vorhang gelüftet wird, meldet sich der Regisseur persönlich zu Wort: „I make experiences, not movies“. Oh Mann. Das fängt ja schon mal gut an. Experiences, was soll das schon bedeuten. Etwas, das ebenso  Michael Bay leicht über seine Filme behaupten könnte, sind die Explosionsstürme eines Transformers Filmes wohl eher ein inkohärenter Augenschmaus als eine vollständige Filmproduktion. Und wenn man es genau nimmt, sollte jeder Film eine Erfahrung sein, eine Horizonterweiterung im besten Fall, eine Fahrt in ungewisse Wasser, aus denen man eventuell verändert auftaucht, wenn auch nicht immer, wie erwartet.

NEONDEMON

Bei Nicolas Winding-Refns Filmen erging es mir zum größten Teil seines (mir bekannten) Oevre zumindest so, dass ich nach den jeweiligen Sichtungen etwas neues „erfahren“ hatte: PUSHER ließ mich fassungslos zurück, die Fortsetzung beinahe erschüttert. DRIVE ist ein Film den ich sowohl inhaltlich, wahrscheinlich aber formal noch mehr liebe. Und auch wenn ich dem Wikinger-Psychodrama VALHALA RISING nichts abgewinnen kann (im Sinne: er gefällt mir einfach nicht!) kann ich die hypnotische und verstörende Art der Inszenierung Winding-Refns und allen voran seine Wirkung nicht leugnen: VALHALA RISING ist in meinen Augen der fortschrittlichste Film des Dänen.

Und jetzt THE NEON DEMON, ein Film der das Wort „Avantgarde“ in namensgebenden coloriterten Lettern auf seiner Stirn trägt. Gleich vorab: TND ist ein ein beinahe satirisch-selbstverliebter, grell-leuchtender, overdressed/underfuckedter  und laut dröhnender Schwachsinn. Ein überlanges Musikvideo für eine Electroband mit dem Esprit einer Chanel N°5 Werbung eines David LaChapelle und der fehlenden Subtilität eines späten Bret Easton Ellis. All glitter, however no gold.

Das Suddern über Filme wie THE NEON DEMON ist selbstredend Suddern auf hohem Niveau. Aber wie der Regisseur selbst sprach, Filme sind Erfahrungen und Emotion. Nur eine billige Ausrede um sich von den inhaltlichen Ohnmächten zu distanzieren? Persönliche Emotion sind der Antrieb für – vor allem für die dialogärmeren Filme Winding-Refns. Man wird durch eine Szene nicht mehr geführt sondern hineingeworfen und gezwungen sich einen Reim auf das ganze zu machen. Wie gut das funktioniert, liegt im ausgespucktem Auge des Betrachters.

Und um endlich auf den Punkt zu kommen: in THE NEON DEMON funktioniert es nicht. Beinahe alles ist berechnend, vorhersehbar und zudem nicht einmal wirklich tiefsinnig. Müsste es auch nicht sein nur die angeberische Plattheit, mit der Winding-Refn seine Gewaltspitzen und Traumexzesse inszeniert, fühlt sich viel zu konstruiert an, eine Mischung aus ONLY GOD FORGIVES und DRIVE, nur eben viel, viel lauter, plastischer und melodramatischer. Das passt zwar alles recht gut zu der Thematik des Filmes – die ach so brutale Fashion-Welt – ist aber bei weitem nicht neu, weder in Inszenierung noch im Inhalt. Und am aller wenigsten in Emotion.

Aber das ist vielleicht auch das, vorauf TND hinaus will: glänzende Oberfläche und nichts dahinter. Wow, ein stichhaltiges Argument gegen die Auswüchse der Modewelt, in der Inszenierung alles ist, wichtiger als das eigentliche Produkt. Augen-öffnend ist das bei weitem nicht, lediglich die Frage, wie sehr der Film selbst damit spielt wäre interessant. TND ist schön, aber nicht so schön, wie andere Filme Winding-Refns (sogar ONLY GOD FORGIVES übertrumpft mit seinen Stumpfsinn die Ästhetik des Dämons). Subtil ist der Aufstieg und Untergang der jungen Schönheit eben sowenig wie zimperlich: der Wandel der Hauptfigur ist ruckartig und verläuft ohne Nuancen und wird am Schluss ohnehin zur Nullsumme erklärt, da die Figur anscheinend immer schon wusste, was in ihr steckt (ha!). Die Thematik der niederträchtigen Glamourwelt wurde auch schon öfters – erfolgreicher – unter die Lupe genommen (wird Zeit MULLHOLAND DR. mal wieder zu schauen).

Der Soundtrack – und bei dem Satz des Regisseurs musste ich die Augen diesmal nicht verdrehen – ist laut und sollte auch laut gehört werden. Oh ja, solche Filme funktionieren wirklich am besten im dunklen, lauten Kinosaal; der mal stampfende, mal leise glitzernde Technosound vibriert schön durch die Sessel und die Brust, das Unbehagen liegt in spürbarer Nähe. Aber so gut Cliff Martinez auch sein mag, die Klangwelten aus TND wurden mir in den letzten paar Jahren schon besser dargelegt (u.a. der fantastische Soundtrack von Disasterpeace zu IT FOLLOWS). Zudem – und das bereue ich sicher, wenn sie Hans Zimmer wieder an alles ran lassen – wird’s nach der Zeit auch etwas langweilig mit dem ewigen Carpent’schen Soundtrack. Es hat zwar alles seine Wirkung, aber irgendwann verfliegt auch diese.

Die Ästhetik ist allerdings alles andere als mies. Winding-Refn versteht es immerhin seinen Schwachsinn gut aussehen zu lassen. Blitzlichtgewitter, leere Räume, leuchtende Bilderfluten. Nicht nur hier gab es viel, dass mir am Film an sich sehr gut gefallen hat. Einzelne Szenen werden ohnehin jedem im Gedächtnis bleiben, aber für mich waren es nicht die Hau-Drauf-Gewalteskapaden (die ohnehin viel zu vorhersehbar und mit einer viel zu großen Mühe des Schock-Value inszeniert wurden), sondern die sich wie jagende Tiere fortbewegenden Massen, die um unsere Hauptfigur kreisen: eh klar, der Mann ist das Böse in dieser degradierenden Welt, jede männliche Figur im Film steht für Etwas und selbst die 180° Wende lässt an der Message nicht zweifeln. Doch wie sich Keanu Reeves im Besonderen und seine Kollegen stets um Elle Fanning scharen, sie ihrer Macht berauben und klassifizieren hat die stärkste Emotion bei mir ausgelöst. Irgendwie fühlt man sich nirgends sicher in der Welt des neonfarbenen Dämonen und die auf der Lauer liegenden Männern, die mit Messern in deine Löcher fahren bringen diese Bedrohung mehr als überzeugend zur Geltung. Leider überwiegt der Drang zur Vorschlaghammermethode, so dass auch der müdeste Zuschauer erkennt worum es geht, ein Muster dass sich durch den Film wie ein blutroter Faden zieht. Immer, wenn es genug wäre, wirft Winding-Refn die Style-Over-Substance Maschine an und bombardiert die Zuschauer mit seinen bedeutungsschwangeren Bildern, die nach der x-ten Wiederholung nicht leerer, steriler, uninspirierter und unerotischer wirken könnten.

Und so streifen Berglöwen durch die Großstadt, junge Frauen vergehen sich aneinander, liegen in seichten, von Rosen umrankten Gräbern, während im Nebenzimmer Mädchen massakriert werden und im Vollmond Blutfontänen geboren werden. Vielleicht geht es hier auch viel zu sehr um die Intention des Filmes. Ist er – oder Winding-Refn – sich über seine Plakativität, seine rohe Aneinanderreihung nichtssagender (oder SO VIEL!! aussagender) albtraumhaften Szenen bewusst? Wie sehr inszeniert und feiert sich TND selbst, wievielt davon bleibt eine müde, ausgelutschte Metapher und wie viel davon ist bewusst ohne direkte Lösung gefilmt? Gegen Ende verdichtet sich der Albtraum und die Ebenen verschieben sich erneut: entweder noch blöder und plakativer oder noch abgründiger, böser und hinterlistiger. Wie gesagt, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In THE NEON DEMON ist es wie die Tagline wiedergibt: it’s the only thing.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: