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In the Eye of the Beholder: THE NEON DEMON

Bevor der Vorhang gelüftet wird, meldet sich der Regisseur persönlich zu Wort: „I make experiences, not movies“. Oh Mann. Das fängt ja schon mal gut an. Experiences, was soll das schon bedeuten. Etwas, das ebenso  Michael Bay leicht über seine Filme behaupten könnte, sind die Explosionsstürme eines Transformers Filmes wohl eher ein inkohärenter Augenschmaus als eine vollständige Filmproduktion. Und wenn man es genau nimmt, sollte jeder Film eine Erfahrung sein, eine Horizonterweiterung im besten Fall, eine Fahrt in ungewisse Wasser, aus denen man eventuell verändert auftaucht, wenn auch nicht immer, wie erwartet.

NEONDEMON

Bei Nicolas Winding-Refns Filmen erging es mir zum größten Teil seines (mir bekannten) Oevre zumindest so, dass ich nach den jeweiligen Sichtungen etwas neues „erfahren“ hatte: PUSHER ließ mich fassungslos zurück, die Fortsetzung beinahe erschüttert. DRIVE ist ein Film den ich sowohl inhaltlich, wahrscheinlich aber formal noch mehr liebe. Und auch wenn ich dem Wikinger-Psychodrama VALHALA RISING nichts abgewinnen kann (im Sinne: er gefällt mir einfach nicht!) kann ich die hypnotische und verstörende Art der Inszenierung Winding-Refns und allen voran seine Wirkung nicht leugnen: VALHALA RISING ist in meinen Augen der fortschrittlichste Film des Dänen.

Und jetzt THE NEON DEMON, ein Film der das Wort „Avantgarde“ in namensgebenden coloriterten Lettern auf seiner Stirn trägt. Gleich vorab: TND ist ein ein beinahe satirisch-selbstverliebter, grell-leuchtender, overdressed/underfuckedter  und laut dröhnender Schwachsinn. Ein überlanges Musikvideo für eine Electroband mit dem Esprit einer Chanel N°5 Werbung eines David LaChapelle und der fehlenden Subtilität eines späten Bret Easton Ellis. All glitter, however no gold.

Das Suddern über Filme wie THE NEON DEMON ist selbstredend Suddern auf hohem Niveau. Aber wie der Regisseur selbst sprach, Filme sind Erfahrungen und Emotion. Nur eine billige Ausrede um sich von den inhaltlichen Ohnmächten zu distanzieren? Persönliche Emotion sind der Antrieb für – vor allem für die dialogärmeren Filme Winding-Refns. Man wird durch eine Szene nicht mehr geführt sondern hineingeworfen und gezwungen sich einen Reim auf das ganze zu machen. Wie gut das funktioniert, liegt im ausgespucktem Auge des Betrachters.

Und um endlich auf den Punkt zu kommen: in THE NEON DEMON funktioniert es nicht. Beinahe alles ist berechnend, vorhersehbar und zudem nicht einmal wirklich tiefsinnig. Müsste es auch nicht sein nur die angeberische Plattheit, mit der Winding-Refn seine Gewaltspitzen und Traumexzesse inszeniert, fühlt sich viel zu konstruiert an, eine Mischung aus ONLY GOD FORGIVES und DRIVE, nur eben viel, viel lauter, plastischer und melodramatischer. Das passt zwar alles recht gut zu der Thematik des Filmes – die ach so brutale Fashion-Welt – ist aber bei weitem nicht neu, weder in Inszenierung noch im Inhalt. Und am aller wenigsten in Emotion.

Aber das ist vielleicht auch das, vorauf TND hinaus will: glänzende Oberfläche und nichts dahinter. Wow, ein stichhaltiges Argument gegen die Auswüchse der Modewelt, in der Inszenierung alles ist, wichtiger als das eigentliche Produkt. Augen-öffnend ist das bei weitem nicht, lediglich die Frage, wie sehr der Film selbst damit spielt wäre interessant. TND ist schön, aber nicht so schön, wie andere Filme Winding-Refns (sogar ONLY GOD FORGIVES übertrumpft mit seinen Stumpfsinn die Ästhetik des Dämons). Subtil ist der Aufstieg und Untergang der jungen Schönheit eben sowenig wie zimperlich: der Wandel der Hauptfigur ist ruckartig und verläuft ohne Nuancen und wird am Schluss ohnehin zur Nullsumme erklärt, da die Figur anscheinend immer schon wusste, was in ihr steckt (ha!). Die Thematik der niederträchtigen Glamourwelt wurde auch schon öfters – erfolgreicher – unter die Lupe genommen (wird Zeit MULLHOLAND DR. mal wieder zu schauen).

Der Soundtrack – und bei dem Satz des Regisseurs musste ich die Augen diesmal nicht verdrehen – ist laut und sollte auch laut gehört werden. Oh ja, solche Filme funktionieren wirklich am besten im dunklen, lauten Kinosaal; der mal stampfende, mal leise glitzernde Technosound vibriert schön durch die Sessel und die Brust, das Unbehagen liegt in spürbarer Nähe. Aber so gut Cliff Martinez auch sein mag, die Klangwelten aus TND wurden mir in den letzten paar Jahren schon besser dargelegt (u.a. der fantastische Soundtrack von Disasterpeace zu IT FOLLOWS). Zudem – und das bereue ich sicher, wenn sie Hans Zimmer wieder an alles ran lassen – wird’s nach der Zeit auch etwas langweilig mit dem ewigen Carpent’schen Soundtrack. Es hat zwar alles seine Wirkung, aber irgendwann verfliegt auch diese.

Die Ästhetik ist allerdings alles andere als mies. Winding-Refn versteht es immerhin seinen Schwachsinn gut aussehen zu lassen. Blitzlichtgewitter, leere Räume, leuchtende Bilderfluten. Nicht nur hier gab es viel, dass mir am Film an sich sehr gut gefallen hat. Einzelne Szenen werden ohnehin jedem im Gedächtnis bleiben, aber für mich waren es nicht die Hau-Drauf-Gewalteskapaden (die ohnehin viel zu vorhersehbar und mit einer viel zu großen Mühe des Schock-Value inszeniert wurden), sondern die sich wie jagende Tiere fortbewegenden Massen, die um unsere Hauptfigur kreisen: eh klar, der Mann ist das Böse in dieser degradierenden Welt, jede männliche Figur im Film steht für Etwas und selbst die 180° Wende lässt an der Message nicht zweifeln. Doch wie sich Keanu Reeves im Besonderen und seine Kollegen stets um Elle Fanning scharen, sie ihrer Macht berauben und klassifizieren hat die stärkste Emotion bei mir ausgelöst. Irgendwie fühlt man sich nirgends sicher in der Welt des neonfarbenen Dämonen und die auf der Lauer liegenden Männern, die mit Messern in deine Löcher fahren bringen diese Bedrohung mehr als überzeugend zur Geltung. Leider überwiegt der Drang zur Vorschlaghammermethode, so dass auch der müdeste Zuschauer erkennt worum es geht, ein Muster dass sich durch den Film wie ein blutroter Faden zieht. Immer, wenn es genug wäre, wirft Winding-Refn die Style-Over-Substance Maschine an und bombardiert die Zuschauer mit seinen bedeutungsschwangeren Bildern, die nach der x-ten Wiederholung nicht leerer, steriler, uninspirierter und unerotischer wirken könnten.

Und so streifen Berglöwen durch die Großstadt, junge Frauen vergehen sich aneinander, liegen in seichten, von Rosen umrankten Gräbern, während im Nebenzimmer Mädchen massakriert werden und im Vollmond Blutfontänen geboren werden. Vielleicht geht es hier auch viel zu sehr um die Intention des Filmes. Ist er – oder Winding-Refn – sich über seine Plakativität, seine rohe Aneinanderreihung nichtssagender (oder SO VIEL!! aussagender) albtraumhaften Szenen bewusst? Wie sehr inszeniert und feiert sich TND selbst, wievielt davon bleibt eine müde, ausgelutschte Metapher und wie viel davon ist bewusst ohne direkte Lösung gefilmt? Gegen Ende verdichtet sich der Albtraum und die Ebenen verschieben sich erneut: entweder noch blöder und plakativer oder noch abgründiger, böser und hinterlistiger. Wie gesagt, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In THE NEON DEMON ist es wie die Tagline wiedergibt: it’s the only thing.

 

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„Eat a cock, kid!“ Review zu „COOTIES“ von Jonathan Milott & Cary Murnion

Eine Schule im amerikanischen Irgendwo. Clint (Elijah Wood) hat heute seinen ersten Arbeitstag als Aushilfslehrer und natürlich geht so gut wie alles schief, was nur schief gehen kann: Die Schüler sind respektlos und verschandeln sein Auto, er wird von einem Umweltvernichter-Auto eingeparkt, seine Kollegen respektieren ihn nicht, sein High-School-Schwarm geht mit dem unsensiblen Supertrottel (siehe Umweltvernichter), die Kinder werden von einer merkwürdigen Seuche befallen und beginnen in Windeseile das Lehrpersonal zu zerfleischen und obendrein findet Clints Mutter seinen Roman alles andere als ansprechend… just another fucking day for a teacher.
cooties!
KRITIK:

Yeah, Kinderzombies! Wer wollte nicht schon mal einen Film sehen, wo Volkschulbiestern der Schädel eingeschlagen wird, weil sie mal wieder dem Schuldirektor die Zähne in den Leib geschlagen haben? Wenn dem so ist, dass ist genau der richtige Film für euch! Stark von Erfolgsfilmen à la ZOMBIELAND motiviert, versucht sich SAW &INSIDIOUS Schreiberling Leigh Whannell (in Zusammenarbeit mit Ian Brennan) an einem Funsplatter, der sich eine höllische Freude daraus macht, Zehnjährigen (auf gut wienerisch) „die Goschn“ einzuhauen. Wer damit kein Problem hat (hey, es sind ohnehin nur Zombies), wird hier bestens bedient.
Obwohl COOTIES mächtig Spaß macht kann nicht geleugnet werden, dass der Film wenig Neues zu bieten hat: Die Story ist die übliche Variation der Zombiekomödie, ohne dabei dem übergroßen großen Vorbild Edgar Wrights das Wasser zu reichen, die Effekte sind zwar blutig aber doch zu CGI-lastig (für meinen Geschmack, praktische Effekte, egal wie „billig“ sie ausehen mögen, werden immer gewinnen!) und die Story das 08/15-Untotenapokalypse-Szenario ohne große Überraschungen. Dass die Bestien diesmal Kleinkinder sind ist an sich ja schon witzig, aber auch sie dienen mehr zur Etablierung des Schauplatzes, als eventuelles Konfliktpotential („Kinder töten?! Geht das?“).
Mag der Plot nicht das Gelbe vom verfaultem Hühnerei sein, das Script ist es. Die Dialoge sind flott und voller Selbstironie, schnell fällt einem auf, dass der Film sich bei weitem nicht so ernst nimmt, wie einige Kritiker (aber vielleicht haben amerikanische Rezensenten einfach ein größeres Problem mit Gewalt an Schulen). Der Schlagabtausch zwischen den Figuren (die sich fast allesamt nicht leiden können) ist witzig und rasant, die One-Liner gut getimed und das Blutbad lässt auch nicht lange auf sich warten. Und ja, auch wenn COOTIES viele Lacher durch seine Hau-Drauf-Szenen kassiert, der wahre Spaß liegt in und zwischen den Zeilen und vor allem an der Darbietung seiner spielfreudigen und überaus gut gelaunten Schauspieler.
COOTIES lebt wahrlich von seinem Ensemble und ohne dieses würde auch der feinste Schenkelklopfer untergehen. Letzen Endes sind es die Darsteller, die dem Szenario das nötige Leben einhauchen und überhaupt: mit Elijah Wood, Rainn Wilson, Alison Pill und last but not least Leigh Whannell ist selbst die ausgelutschteste Trope noch einen Blick Wert. So funktioniert auch das etwas selbstverliebte Drehbuch mit seinem Simpson’esken Humor und Filmreferenzen. Ich persönlich steh‘ ja auf sowas, aber es soll ja diese Leute geben, die so-called metajokes nicht lustig finden (tsk tsk tsk). Aber auch ohne Insiderwitze – die Schauspieler sind hervorragend besetzt und ungemein sympatisch, dass wird auch der größte Hobbit-Hasser zugeben müssen.
Allen voran Elijah Wood. Wer liebt ihn eigentlich nicht, den großäugigen Weirdo mit dem unsicheren Gang und den irren Blick. Je mehr ich von Elijah Wood sehe, umso sympathischer wird er mir. Ehrlich, wagt einen Blick in das fantastische Remake von MANIAC. So creepy und fucked up und dennoch empathisch habe ich schon lange keinen Serienkiller mehr gesehen. Oder seine smarte und bemitleidenswerte Darstellung des suizidalen Ryan Newman in der Serie WILFRED, einem abstrußen Monster aus Kifferkomödie und Psychodrama. Auch hier spielt sich Wood quasi selbst: den verunsicherten, sehr sympathischen Looser, der trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch Probleme hat, mit Frauen zu reden, ohne dabei ins stottern zu kommen. Natürlich verlangt die typische Charakterentwicklung solcher Filme die übliche Verwandlung des Spielballs in den Hero-of-the-Week, aber selbst dieses Charakterklischee wirkt glaubhaft und ist in genug Hintergrund eingebettet, dass man es Elijah Wood jeder Sekunde abkauft.
Unterstützt wird Wood von der charismatischen Alison Pill, die eine sanfte Dekonstruktion des zu nervigen manic pixie dream girl mimt, in dem sie mit skurillen Lacher und ungläubigen Kulleraugen durch den blutigen Albtraum stolpert. Rainn Wilson channelt sich quasi selbst und spielt das was er am Besten kann; einenunsympathischen Ignoranten, der mit brachialen Ton jeden einschüchtert und in bester schruteness die stärkste Leinwandpräsenz zeigt. Und das der versteckte Star (und Co-Writer) des Films: Leigh Whannell, der bereist in SAW und INSIDIOUS seine komödiantisches Talent zeigen konnte. Nur ist es diesmal nicht fehl am Platz, sondern überaus willkommen und saukomisch. Whannell ist (in meinen Augen zumindest) überaus charismatisch, besitzt ein feines Gefühl für Timing und hat die besten One-Liner parat. Als sozial verkrüppelter Sexualkundelehrer findet Whannell immer die falschen Worte zur falschen Zeit und ist der Inbegriff des Comic-Relief in einem Film, der ohnehin schon sehr witzig ist.
Alles in allem ist COOTIES durchaus gelungen und funktioniert gut als einenhalbstündiger Partyfilm und/oder Einstige für einen soliden Funsplatter-Filmabend. Wie gesagt, das Gemetzel bewegt sich in einem wenig beeindruckenden Spektrum und ist in keinem Moment mit neuseeländischen Splatter-Meisterwerken vergleichbar. Der Plot kann von der vorhersehbaren Drama-Kurve dann doch nicht ab und die Figuren, so liebevoll und witzig sie auch gezeichnet sein mögen, müssen alle die Stadien der Mainstream-Dramaturgie durchlaufen: unerwiderte Liebe, heldenhaftes Opfer, allseitsbekannte Missverständnisse, bla bla bla… aber wenigstens hält sich der Film nicht all zu lange damit auf. Der Zombie-Survival-Plot lässt am Ende niemanden überrascht zurück, das Finale wirkt beinahe wie eine Verpflichtung die das Genre als Opfer verlangt und nennenswerte Tiefe zeigt der Film auch selten. Und trotzdem – COOTIES ist vor allem wegen seines Ensembles sehenswert, der Film selbst mit einer wundervoll schwarzhumorigen und tongue-in-cheek Stimmung durchwegs unterhaltsam und auch wenn er nie wirklich spannend wird, bleibt er jederzeit witzig. Das reicht allemal.

coooooooootieees!
FAZIT:Fans von ZOMBIELAND und SHAUN OF THE DEAD können hier getrost reinschauen und auch wenn der Film auf der Plot- & Splatterseite keine neuen Einfälle bieten kann (außer, natürlich: Kinderzombies!), ist es die wundervolle und spielfreudige Truppe (angeführt von unserem Lieblingshobbit Elijah Wood) die mit viel Witz und Charisma dem Film sein CGI-blutiges Leben einhaucht. Mit gutem Timing, lässigen One-Linern, schrägen Figuren (Lehrer haben alle einen an der Waffel) und morbidem Humor kann man sich auf einen unterhaltsamen Filmabend freuen und COOTIES für das nehmen, was er ist: bloody fun. In diesem Sinne: „Oh look! Carnage!“

PS: Bei Gelegenheit, werft ein Ohr auf den Soundtrack von KRENG, der ist nämlich auch ziemlich fein.

Open Wide: Review zu KNOCK KNOCK von Eli Roth

STORY:

Keanu Reeves hat das Wochenende für sich allein, während Frau und Kinder sich einen Strandkurzurlaub gönnen. Spätnachts klopfen zwei klatschnasse Stewardessen an seiner Haustür (hence the title) und bitten um Obhut. Da Keanu nun mal nicht so ist, lässt er sie natürlich rein, bemerkt jedoch bald, dass die jungen Frauen weit mehr im Sinn haben, als sich nur abzutrocknen.

Puh, es war echt schwer im letzten Absatz keine blöden Witze einzubauen.

super
KRITIK:

Ein Raunen geht durch den Saal, als nach einer schier endlosen Fülle an Logos und Production Companie-Titles endlich ein Anhaltspunkt die Leinwand füllt: Keanu Reeves. Wer sich am laufenden hält, weiß bereits, was ihn oder sie erwartet, ein großer Teil wird beim Namen des Regisseurs die Sorgenfalten auspacken und ins Gesicht kleben und der Rest des Publikums (sofern er nicht schon zuvor den Saal verlassen hat), weiß es spätestens nach dem Film. Der diesjährige Überraschungsfilm des /slash Filmfestival ist, für all jene, die vergessen haben, welches Review sie gerade lesen, Eli Roths neustes Werk KNOCK KNOCK und – in Anbetracht der bisherigen Qualität der Surprise-Movies – eine herbe Enttäuschung.

Ich würde ja gerne mit einer kreativen Beleidigung für Eli Roth Film eröffnen, aber zu sagen, es handle sich um einen „Eli Roth Film“ sollte reichen. Dennoch, es gibt durchaus Leute, die mit seinen Filmen was anfangen können und auch wenn ich seine Filme alles andere als ansprechend finde, kann ich die morbide Faszination hinter seiner HOSTEL Reihe eh auch nachvollziehen. Jeder hat so seine guilty pleasures, aber …aber! KNOCK KNOCK wird wohl auch seinen Fans nicht goutieren, denn – neben seiner typisch Roth’schen Dummheit – ist er abseits davon untypisch lahm und überraschend zahm. Sorry, Torture-Porn-Fans, anscheinend müsst ihr doch auf den regulären Kinostarts des highly anticipated GREEN INFERNO warten. Da sollen wenigstens die Eingeweide fliegen.

Nach fleischfressenden Bakterien, fleischfressenden Folterern und fleischfressenden, äh, Kannibalen reihen sich nun fleischfressende Nymphen in Eli Roths Œuvre. Sprichwörtlich diesmal, nichts desto trotz kommen die üblichen Schablonen zum Einsatz: Fassadenmenschen, deren sogenannte „Heile Welt“ nur eine Haaresbreite von Chaos und Entmenschlichung entfernt sind, hormongetriebene Protagonisten, die sich all zu schnell von ihren Gelüsten treiben lassen und dabei sowohl zivile als auch logische Konventionen so mir nichts dir nichts links liegen lassen. Diesmal am Pranger: ach-so-gute-und-treue-Ehemänner. Ohne jetztübermäßig viel zu Spoilern: natürlich ergibt sich Keanu seinem geheimen Verlangen, doch, wer hätte es geahnt, hier fängt der Albtraum erst an…

Die meisten Eli Roth Filme verliefen bis jetzt ziemlich gleich. Dumme und unsympathische Inbegriffe des „dummen und unsympathischen Amerikaners“ winden sich durch eine Dreiviertelstunde leerer Dialoghüllen bis die Hölle um sie losbricht, so auch hier: Keanu Reeves präsentiert im Sekundentakt Klischees seines überdurchschnittlich wundervollem Familienleben mit ein paar, ähem, „subtilen“ Seitenhieben auf ein nicht ganz erfülltes Sexleben. Als die zwei sexy Señoritas an seine Haustür klopfen, begibt sich der Film in das Territorium des erotischen Thrillers und unweigerlich drängen sich feuchtfröhliche Vergleiche mit seinem unübersehbaren Vorbild WILD THINGS auf. Doch während WILD THINGS wirklich etwas zu bieten hat – und nein, ich meine nicht Matt Dillons knackigen Hintern, wobei, doch … nicht nur – besteht die „Erotik“ in KNOCK KNOCK hauptsächlich aus einem endlos langatmigen Reise-nach-Jerusalem-Spiel, dass Hauptfigur Avan mit den zwei Sukkuben (ja, wirklich, ich hab nachgeschaut) spielt.

Der Dialog ist grotesk und aufgesetzt, konstruiert und komisch (in jederlei Hinsicht) und dient völlig zum Hinauszögern des ohnehin schon Erwarteten; dass die sexhungrigen Frauen den bis zu diesen Abend doch treuen Gatten letzten Endes doch noch verführen und ihn konsequent bestrafen, kann kaum als Wendung bezeichnet werden. Selbst das Plakat mit seiner käsigen Tagline schreit bereits in diese Richtung: One night, can cost you everything. Mehr kann hier auch nicht verraten werden, weil es nicht wirklich mehr zu verraten gibt.

Hier verliert sich der Film dann vollkommen, da er nicht wirklich weiß, was er eigentlich will. Einerseits speit er pop-psychologische in alle Richtungen, die das Vorgehen seiner Figuren unterzeichnen soll, spielt mit der Heuchelei seiner Figuren und sinniert über die Sexualisierung seiner Figuren – gleichzeitig entzeiht er sich jeder Art von Selbstreflexion, indem er sich in einer ätzenden Lacke zynischem Humor suhlt und konstant sich an dem labt, was er so vorbidlich anprangert. Außerdem: jede Gelegenheit, die der Film hätte eine verstörende Konsequenz oder die zu erwartende Härte an den Tag zu legen, streicht vorbei und mündet meist in einem bissigen Kommentar, der hintergründig wirken will, aber –

Ja, aber was? KNOCK KNOCK fühlt sich an, wie ein Witz der überlang aufgebaut wird und dessen Pointe komplett flach fällt (hey! so wie meine Rezensionen! Something something meta-jokes). Der Film ist weder spannend, noch ausufernd (ein Element, dass ich Roth, so sehr ich ihn auch missbillige, nicht absprechen kann), noch hat er interessante Figuren oder eine wirklich originelle Message (und gegen die filmt er grandios dagegen, aber das ist die typische Demagogie seiner Filme, also, meh). Er beinhaltet lediglich typische Elemente aus anderen erotischen und nicht-erotischen Thrillern, die ihre Thematik stets selbstbewusster und gewissenhafter behandeln als Roth es in seinem Film tut. Dabei borgt er schamlos von WILD THINGS (s.o.) oder HARD CANDY, klatscht hier und da ein paar Brüste ins Bild, dann ein bisschen Blut hier und ein halbgares Ende und fertig. Das war’s. Es ist echt nix besonderes, eher das generische Gegenteil.

Die sogenannte „Erotik“ ist alles andere als ansprechend und wechselt vom „unschuldigen Schulmädchenkostüm“ in das der „verruchten Femme Fatale“ öfters als Keanu Reeves seinen Sessel. Leider – „leider“ – ist der Unterton plump, wenig ansprechend und die verbalen Anbiederungen könnten aus einem Porno stammen. Zudem ist er noch sexistisch, Micahel-Bay-sexistisch und zwar inalle Richtungen, aber das muss in Anbetracht der Umstände wohl nicht mehr erläutert werden. Ach ja, und dann ist da noch die sogenannte „Moral“ des Filmes, die man sogar ignorieren will, wäre sie nicht großen Lettern auf die Leinwand geschrieben: Eli Roth holt dir einen runter, während er dich angrinst und sagt, wie verlogen du nicht bist. Als sogenannter „Filmkritiker“, der sich hier über den Film auslässt, mache ich mich insofern genauso schuldig und benutze quasi die selben Ausreden, wie der gequälte Keanu Reeves:„YOU came out to me! What was I supposed to do? Ok, Eli Roth, you got me there.

Während andere Werke aus dem Stoff ein ansprechendes Katz-&-Maus Spiel machen könnte, gibt sich KNOCK KNOCK nicht einmal die Mühe, mit den Erwartungen und der Empathie der Zuschauer zu spielen oder Sympathien zu verschieben, sondern bleibt in dem strengen Rahmen eines generischen Home-Invasion Thrillers, der sich nicht sonderlich mühe gibt, seinen Opfern und/oder Tätern Tiefe zu verleihen. Letzten Endes war es mir herzlich egal, wer warum eine auf den Deckel bekommt. Und selbst da wurde ich enttäuscht; gut gemacht Eli Roth, endlich will ich, dass dein widerliches Schlachten beginnt, endlich bin ich mal auf deiner Seite und was passiert? Eine fürchterlich editierte Soft-Sexszene und eine Gabel in der Schulter und dazwischen ein bisschen Fernsehfilmgewalt. Ich weiß nicht, aber abgründig sieht für mich anders aus. KNOCK KNOCK ist erstaunlich zahm für – ja, eigentlich für alles. Für die Thematik, für die „Offenheit“ seiner angeblichen Sexualität, für die angedrohte Gewaltphantasie und letztendlich für Eli Roth selbst. Das sich selbst als Anti-Mainstream-feiernde so-called enfant terrible ist hier konventioneller und fader denn je und ja, das macht diesen Film beinahe noch schlechter als seine anderen, mit bewusster Provokation gewürzten Gewaltorgien. Beinahe.

Denn bei aller Blödheit und all den Klischees – und davon gibt es mehr als genug und sie alle aufzuzählen würde den ohnehin schon großen Rahmen sprengen: nehmt einfach alle Klischees, die euch an amerikanischen Slashern stören und streut sie in den Plot von KNOCK KNOCK – Eli Roths Film ist irgendwie auch…komisch. Gutkomisch. Es wäre gemein, dem Film die bekannte „unfreiwillige Komik“ zu unterstellen, denn all der Blödsinn ist durchaus witzig gemeint. Eindeutig witzig. Und ab und zu hat KNOCK KNOCK ehrliche Lacher von mir geerntet. Es hilft natürlich, dass alles rund herum in einem strunzdummen Setting eingebettet ist, aber selbst die bewusste Komik funktioniert – meistens. Einerseits hat man Keanu Reeves selten – um nicht zu sagen, nie? – so gut gelaunt gesehen und sein Over-the-Top-Acting ist schon sehr sympathisch. Ob er nun das spielerische „Familienmonster“ oder den geschlagenen Hysteriker mimt, Reeves hatte eindeutig Spaß an seinem Spiel (immerhin hat er den Film auch produziert, warum auch immer). Nur als hin-und-her-gerissener Spielball seiner sexhungrigen Gäste funktioniert er nicht wirklich, was aber auch an der schwach inszenierten Szenerie liegt. Der Film mündet in einem bescheuertem, vie Facebook geteiltem sozialem Kommentar, der die Kirsche des Klamauks darstellt. In dieser letzten bösen Pointe schimmert Eli Roths allseitsbekannter Menschenhass und Zynismus durch. Hier trifft der Nagel auf den Kopf oder/und so weiter, und ich musste laut auflachen. Aber (ein sehr großes aber )- ein schöner Rahmen macht die „Kunst“ trotz allem nicht kunstvoller. Und die paar Witze diesen Film sicher nicht sehenswert.

FAZIT:

Ein typischer Roth, zumindest im Tonfall: tief sitzende Misanthropie und Einwegmoral, die der Film in seiner zynischen Art ständig und unbewusst dekonstruiert. Was fehlt: überschäumende Gewaltausbrüche. Was bleibt? Ein fader und ziemlich dummer Home-Invasion Thriller mit plumper Sportsender-Erotik und keinen nenneswerten Überraschungen. Und auch wenn Keanu Reeves und eine heftige Prise schwarzer Humor über die Langeweile helfen, zahlt sich dieser konventionelle und klischeebeladener Genrefilm wirklich nicht aus. Zu guter Letzt noch die beste Zeile aus dem Film: „Knock Knock. Who’s there? Cheating Evan. Cheating Evan Who? Cheating Evantually gets you killed!“ Bitte. Jetzt braucht ihr den auch nicht mehr sehen.

Learning by Playing: savingfile#01 – Art Style: PiCOPiCT

I am bored, therefore i play. Videogames. Aber über Videospiele schreiben ist verzwickt, weil wer will schon ein Review zu einem 5 Jahre alten Spiel lesen, dass ich gerade zocke, weil mir fad ist. Außerdem gibt es zu dem Thema schon genug; meine akutellen Favoriten sind JonTron und ZeroPunctuation. Da ich aber einsam bin und mit mir niemand über 8Bit Musik reden will, probiere ich hier mal was Neues und zähle mal so auf, welche semi-philosophischen Erkenntnisse ich beim Spielen bestimmter Titel erfahren habe. „Semi“ deshalb, weil ich keine Ahnung von der wissenschaftlichen Disziplin der Philosophie besitze und ich mit „sinnieren“ meistens, „Bier trinken und einrauchen“ meine. Ach ja, und mit „lernen“ meine ich „bis zum nächsten Post schon wieder vergessen“. Here we go!


 

savingfile#01: Art Style: PiCOPiCT (Nintendo DSi Ware)

picopict

1. Doppelmoral: Da verdrehe ich die Augen über Leute, die CandyCrush oder sonstige generic-fuckthejewelsawaybeforetheykillyou-game spielen, aber selbst bleibe ich bis um 3 in der Früh auf um quadratische Teile nach Farben zu sortieren.

2. Krisenmanagement: Die Danger-Anzeige brachte mich zunächst zur Verzweiflung und einem frühejakulativen Verwenden des POW-Schalters, doch der erwies sich als lediglich als Teillösung eines ganz anderen Problems: ich bin anscheinend farbenblind.

3. Hunde: Können dieses Spiel nicht spielen, wie gesagt, Farben sind sehr wichtig. Außerdem fehlen ihnen die notwendigen Daumen um den DS zu bedienen.

4. Retrogaming: Das Spiel ist aus 2009, fühlt sich aber an, wie aus [Jahr-an-dem-Tetris-erschienen-ist-sofern-ich-da-überhaupt-schon-auf-der-Welt-war]. Musikalisch, wie auch farblich.

5. Farben: Habe ich schon erwähnt, dass Farben vorkommen?

6.YMCK: Ist eine japanische Band (?) die, ähnlich wie Anamanaguchi, 8Bit-Musik machen, meine liebste Musikrichtung neben Babymetal und Polka-Covers von Katy Perry Songs.

7. Jukebox: Jedes Spiel, das was von sich hält, hat eine. Wenn die Musik so gut ist, dass ich anstatt zu spielen, lieber die Lieder laufen lasse, machen die Entwickler was richtig. Oder komplett falsch.

8. Existenzialismus: Wie jedes gute Spiel, beantwortet auch PiCOPiCT, essentielle Fragen unseres – ah, fuck it: der Bowser-Castle-Remix von YMCK ist das fetzigste, dass ich in einem Spiel je gehört habe!

9. Albträume: Shigeru Myamotos werden von dieser lynchigen Musik untermalt.

10. Erniedrigung. Letztes Level, not that easy. Mehrere Anläufe. Und der Mothefucker-Castle-Bewacher der mir den Mittelfinger zeigt. Fuck you too Toad.

toad motherfuckerNoch schlimmer ist die Erkenntnis, dass er das seit Jahren tut. Your fucking princess, is in another fucking castle.

11. Existenzialismus, diesmal wirklich. Wenn MARIO PARTY 2 die bittere Allegorie über das Leben ist, dann ist Toad die wenig subtile Metapher an der Spitze. (Seriously, fuck you, Toad.)

12. Durchhaltevermögen & Nihilismus: Trotz Schmach und Hohn habe ich das letzte Level dann geschafft, meine Seele blutet und meine Träume waren durchzogen von hypnotischer Musik. Wer spielt, gewinnt, aber erkennt, dass nichts einen Sinn hat. 

13. Todestrieb: Es gibt Remix-Levels, die machen das ganze noch schwieriger, aber ich hab‘ Zeit und keine Freunde.

14. After-Credit-Scene: Gibt es keine, aber dafür jemanden im Entwicklerteam, der Federico heißt. Es hat sich richtig ausgezahlt, diesen Beitrag zu lesen, gell?

15. Zen: Irgendwann lässt man sich nicht mehr von der Danger-Anzeige stressen, oder davon, dass man nur noch 2 POWs zu Verfügung hat. Der Flow hat einen mitgerissen und smooth landet Pixel für Pixel genau an der Stelle, die man wollte, Linien verschwinden und das letzte Puzzleteil wird zusammengesetzt zu einem wunderschönen – AHHH! TOAD! I HATE YOU!

16. Seriously, fuck you Toad. Ich hasse dich bereits seit Mario Kart 64.

 

  • Fazit gelernter Dinge: Hass treibt mich an und eines Tages werde ich im Blut dieser verpixelten Kröte (?) baden.
  • Alliterations-Bonus: Pixelige Puzzlespiele personifizieren positive Pausen im perfiden Play-Alltag und Penis. (Verdammt.)

 


In Action:

 

V: crack

Als ich das grelle Fenster einschlage, fühle ich mich für einen kurzen Moment frei.

Ich durchforste meine Chronik nach Lebenszeichen. Eines Tages war ich verschwunden und mit mir meine Arbeit, mein Atem, meine Augenblicke absoluter Ausgeglichenheit, doch die Angst blieb. Meine Finger kleben an der Tastatur, die Kuppen schmelzen in das Plastik und ich werde neues Fleisch. Plasticflesh. Meine Augen brennen als ich immer tiefer in meine digitale Psyche gleite. Das Ziel lässt sich nicht fixieren, ich habe es mehrmals versucht, doch das Wort, dieses verdammte Wort, ist jedes Mal ein anderes. A wie Allegorie. A wie Agonie. Antiallergikum. Mein leben brennt und ich finde die Stelle nicht, an der ich kratzen kann. Pii, rufe ich durch mein Handy, Pii, wie komme ich hin, wenn. Doch Pii ist bereits wieder abgelenkt; eine Droge, bei der sich die Netzhaut abschält, aber nur so kannst du wirklich sehen. Ein Krankenwagen musste kommen und das arme Schwein abholen. Nicht Pii, nein, der ist dumm, aber nicht so dumm. Pii wäscht seine Hände im Blut der Unschuldigen. Ich bin eine der Unschuldigen. Ich bin –

Es holt mich ein. Ich sollte nicht mehr auf ihn hören, doch der Gedanke, dass die fehlenden Teile meines zweiten Lebens, der Lag, wie Pii es nennt, mich in meinen Träumen einholen ist zu beängstigend. Was wenn er am Ende Recht behält? Am Ende, blute ich aus allen Löchern und Pii sitzt daneben und legt mit den Worten  „Sie sind bereits unterwegs.“ das Handy aus der Hand.
„Wer sind sie?“
„Come on, Mia.“
Das weißt du doch.

Sie sind die Geister der anderen Welt, die Wandelnden, deren Leben ausgesaugt wird. Mein Zenit war erreicht, ich hatte Angst, zu große Angst und ging offline. Und nun sitze ich da, und klicke mich durch meine History, doch die Links ergeben schon lange keinen Sinn mehr.Ich habe Stunden vor dem Laptop verbracht um mir Minuten beim Schlafen zuzusehen. Ich habe Dickichte durchforstet um das Wort zu finden, elbisch für Freund, ha ha ha, um endlich wieder einzutreten. Manchmal war es ganz einfach, in großen roten, grünen, gelben neonbunten Lettern stand es da, flackernd: NOTREDAME. SIRIUS. KATAKLYSM. YELLOWDEVIL. Ein stupides Signal, dass sich in mein Hirn brennt, ich tippe das Wort ein, behaupte ich, mittlerweile, weiß ich es nicht mehr genau, habe ich, oder habe ich es ausgesprochen, sprich und tritt ein, das Wort, flackert auf, wie Flammen, blaustichig, und ich sakce immre tifer hienab, ein K1ick µnd n0ch – ein – |ink – un-d ga_Anz la-ng-…sam, trop.ft mein KoPF as  d m Bild.schnmrrrr

Und –
Und dann, gar nichts mehr.

Das Flackern hat aufgehört. Mein Kopf beruhigt sich wieder. 31 Stunden offline. Ich schlucke mein Glück. Ich warte auf Piis Anruf. Ich blicke zum Laptop. Ich schlucke mein Unglück. Ich warte vergeblich. Sie suchen mich. Vergeblich. Ich schlafe. Eine Stimme weckt mich. Ich wanke. Klappe auf. Bleib offline, sagt Pii. Fuck you. Log in. Use me. See mee. Licht berührt mich. Ich werde ganz. Watch me. Suche das Video. Warte bis es vorbei ist – feel me – es ist nicht vorbei. Weißes Rauschen, schwarzes Rauschen. Musik in meinen Adern, es kann sich nur noch um Sekunden handeln. Doch.

Nichts mehr. Das Wort erscheint nicht. Ich rufe Pii an. Doch Pii schläft. Ich verbringe Tage vor dem Bildschirm. Wage nicht zu zwinkern. Mein Atem wird schwächer, meine Glieder matt. Mein Hunger erschlägt mich, doch ich kann nicht weg. Ich bleibe kleben, eine Fliege. Doch das Wort erscheint nicht. Irgendwann kippe ich um, aus Schwäche. Ich erwache in einem dunklen Raum, weit hinten ein Rechteck aus Licht. Als ich einen Schritt darauf zu gehe, beginnt das Rechteck zu knacksen. Ich schlucke, schmecke Blut, keine Angst, es ist nicht unser Blut, und huste. Aus den Rissen in dem Stück aus Licht strömt ein bekanntes Gefühl. Ich strecke meine Arme aus um ihm nahe zu sein, doch mit jeder Bewegung, werden die Risse breiter. Aus den Rissen in dem Stück Licht strömt ein bekannter Geruch. Ich falle auf meine Knie, das Rechtecke wird größer, bildet ein Fenster, dass sich um mich herum ausbreitet. Aus den Rissen in dem Stück Licht strömt ein bekanntes Geräusch. Ich habe schon lange nicht mehr meinen Namen gehört. Bist du es?

Ich klopfe gegen die Fensterscheibe, doch die Berührung bringt es endgültig zum bersten. 

Splitter schießen mir entgegen, schneiden mir mein Gesicht auf, zerfressen meine ausgestreckte Hand, zerfetzen meine offene Mundhöhle, ich atme Glas und spüre wie meine Augen die Wangen hinab laufen. Ich wache auf. Ich liege am Boden, in meinem dunklen Zimmer, wage erhellt vom Licht des Laptopbildschirms. An der Stelle, an dem sich das Rechteck befand lese ich in negativen Farben das Wort ANTIDODE. Ich drehe mich langsam um, schleppe mich zum Computer, tippe es ein (behaupte ich) und als ich endlich das sanfte Rauschen dieses weit entfernten Meeres auf meiner Netzhaut spüre, senken sich mein Lider. Wach auf, sage ich. Mia, sage ich, Mia. Es ist so lange her, dass ich meinen Namen gehört habe. Und mit den Klang meiner Stimme, sinke ich hinab.

Ich träume sanft. Ein Klopfen, meine Augen die mich suchen.

Als ich erwache, haben sich am Bildschirm Risse gebildet. Aus ihnen strömt eine bekannte Stimme.

 

 

 

 

 

 


Teil I bis IV: https://professorfedi.wordpress.com/1465-2/

 

 

mood: https://www.youtube.com/watch?v=tKi9Z-f6qX4

IV: unseen

Mein Geist hat mich eingeholt. Es sind mittlerweile mehrere Monate vergangen, seit dem Pii mir mein Leben gezeigt hat. Die Erinnerungen daran sind verwunschen, das Leuchten in den Augen meines Laptops erloschen. Ich denke Schwachsinn und der Strang zieht sich ständig bis in die Morgenröte. Es ist eine Bewegung, da bin ich mir mittlerweile sicher, ich sehe, wie es überschwappt, immer mehr Menschen erwischt, es sind Zeichen, die auf den Wänden ragen, once seen. Graffitihashtags, kollektiver Selbstmord, doch wer sich einmal hinüber gewagt hat, der kommt nicht unverflucht zurück.

Pass auf Mia.

Die Tundra in der ich mich befinde, hat sich mittlerweile über jeden greifbaren Horizont erstreckt. Aufpassen soll ich. Fuck you. Pii hat keine Ahnung, Pii ist ein wichsender Idiot, der seine Augen nicht öffnet, selbst, wenn man ihm seine Lider aufschneidet.

Was hast du gesehen, Mia?

Mein Name ist etwas, dass ich seit Wochen nicht mehr gehört habe. Zumindest nicht hier.
Ich habe mal gelesen, dass man sich nicht erkennen würde, wenn man einer exakten Kopie seiner selbst gegenüber steht, doch das ist Blödsinn. Ich kenne mich, ich kenne doch mich, das bin ich, und so weiter und sofort. Ich bin doch hier war gesterm. Heute bin ich wir und wir sind nicht hier.
Wenn ich mich eines Tages doch aus unserer Welt heraustrete, stehe ich der Flut gegenüber, Informationswut nenne ich es und es war mir klar, dass es nicht lange ein Geheimnis bleiben kann, doch mehr als einen leichten elektrischen Stoß verspüre ich nicht, wenn ich auf Gleichgesinnte treffe. Es ist ein Odeur, der sich auf der Haut ablagert und sich bemerkbar macht, wenn du zulange die Augen schließt, wenn hinter dir jemand steht, an der Kassa, vor der Straßenbahn, auf der Toilette und an seinem nervösen Atem erkennst du, wie er dazu gehört, wie er weiß, dass hier nicht hier ist und dass wir nur eine kleine Schicht von unserem Glück entfernt sind. Der Geruch; eine unsichtbare Tätowierung, auf der Stirn, den nur wir Vampire erkennen. Der Geruch; der Leak eines anderen Leben.

Sie suchen dich, Mia.

Alles ist eine verdammte Allegorie, der Bildschirm, das dunkle, tiefe Netz, die blasse Haut. Ein Werbevideo, PSA, this is your brain on alternative reality and stuff. Antivideospielpropaganda, gedrungene Gesellschaftskritik, Selbstreflexion und alle Gedanken sind gebrandmarkt mit dem Furcht nichts auszusagen. Alles ist wichtig, Mia, alles bedeutet etwas, verstehst du nicht? Fuck you, Pii, denke ich und umfasse nickend mein graues Glück. Weiches Gebrabbel. Mein Leben bedeutet nichts, zumindest nicht, solange ich nicht vor dem Bildschirm sitze und mein wahres Leben betrachte. Ich lebe 48 Stunden in 24 und mein Körper hat sich bereits an meine zweite Haut gewohnt, nein, hat sie aufgesaugt, umgestülpt, aufgesetzt und trägt sie als groteske Maske leidlicher Metaphorik.

Du siehst besser aus, Mia.

Manchmal vergesse ich, was mir gesagt wird und was ihr gesagt wird. Manchmal vergesse ich, dass ich nicht sie bin, aber letzten Endes geht es ja genau darum. Pii sagt, er mag mein anderes ich nicht und ich sage, das war schon immer ich und dann sagt er irgendetwas und dann klickt er irgendetwas und dann –
– fließt alles so dahin und ich spüre wie es mir besser geht
mit
jedem Tag
im Tag
und
eigentlich
lebt es sich so, ganz gut
auf 160 Zeichen, eingesperrt.

Bis ich eines Tages erwache und mir mein Gesicht entgegen schlägt: „Wer ist da?“
Ich klopfe an eine Scheibe: „Wer ist da?“
Ich leuchte blasser, LED-Haut: „Wer ist da?“
Ich halte die Luft an. Der Geruch steigt mir in die Nase: „Du bist es, nicht wahr? Du bist da. Du bist real.“
Ich spüre wie sich Erbrochenes in meinem Mund sammelt. Und meine Stimme sagt: „Bitte. Bitte, sei real.“

Pii wundert sich nicht, aber Pii wundert sich selten. Dafür ist er zu dumm.
„Bei manchen hören die Träume wieder auf“, sagt er.
„Bei manchen“, wiederhole ich, neben mir, wieder. Ich habe mich doch bereits so an mich gewöhnt.
„Sie werden weniger, wenn man nicht, naja, du weißt schon, nicht jeden Tag.“ Pii zieht an seinem Joint. Ich bin seit 26 Stunden offline.
„Aber bei manchen“, er macht einen Zug, ich wiederhole „bei manchen“, leise, daneben, off, „bei manchen, wird es schlimmer, wenn man sich nicht einloggt.“
„Das klingt so dumm.“
„Ja, sorry. Aber mittlerweile bewegen wir uns in der Sucht-Metaphorik.“
Halt dein Maul, Pii.
„Sowie die Leute süchtig von Candy Crush werden.“
„Das ist nicht Candy Crush.“
„Das ist nicht real, Mia.“
Das hatten wir schon einmal.
„Frequenzen.“
Im Gehirn, Stromstöße, die dich sehen lassen, was du sehen willst.
„Deswegen ist es in deinem Schlaf.“
„Wer… wer hat diese Träume noch.“
Pii grinst, (Dämonen), ein Zug und dann: „Oh, du willst sie also endlich kennen lernen.“
Ich will raus aus meiner Haut und die andere wieder anziehen.
„Ja.“ Nein.
„Die sind aber ganz schön sick.“
Too fucked up.
„Wann?“
„Nicht heute.“ Pause. „Morgen ruf ich dich an.“
„Schreib mir.“
„Nein. Bleib offline, Mia.“
„Nein.“
„Deine Sache, Sweetheart.“
„Ganz genau.“
Ich drehe mich um und drehe mich um, strecke die Hand aus, grau fällt hinein und dann drehe ich mich um.
„Du weist, wie sie  es nennen“, sagt er als ich die Hand zur Klinke ausstrecke. Ich setze in der Bewegung aus, ein Stück, das fehlt, abgebrochenes Leben.
„Den Lag.“
„Mhm.“
„Wenn der Stream nicht mehr nachkommt, stockt. Lag, ja?“
Mhm, du abgefuckter Wichser.
Er macht einen Zug und in lässt seinen halb verdrehten Körper wieder zurück fahren. Zug.
„Der Lag reist ein Loch in sie hinein und dieses Loch füllt dein Gehirn im Schlaf. Bruchstücke, wie ein surrealistisches Gemälde. Wie diese alten deutschen Filme.“
Blödsinn.
„Expressionistisch.“
Das Gras lässt seinen Assoziationen freien Lauf. Ich umfasse die Klinke.
„Das meine ich zumindest. Manche – „
– manche –
„User meinen aber, dass sie dich im Traum suchen. Und wenn sie dich dann einmal gesehen haben, dann – tja. Du weist ja, once seen…“
Ich umfasse die Klinke. Mein Atem steht.
Pii hustet und tastet mit zusammengekniffenen Augen nach einem Glas Wasser, dass auf dem Couchtisch steht.
Auf dem Couchtisch stand.
Er flucht, steht auf, geht zum Kühlschrank und hohlt sich daraus eine Limonade. Ich bleibe während dessen erstarrt an der Tür. Als Pii wieder ins Zimmer kommt, ist er verwundert, dass ich hier bin. Ich bleibe stehen. Ein Monster nähert sich. Piis Atem an meiner Wange: „Abgefuckt, nicht?“
Mhm.
„Wer sucht mich?“
Pii grinst. Ein langes, dunkles, zimmerbreites Grinsen. „Schluck runter, Süßes“, sagt er und ich schmecke das Salz seines Schweißes auf den Fingerspitzen. „Grau ist glück?“, ich nicke.
Er dreht sich um und geht zurück zu Couch. Ich drücke die Klinke runter und schlucke mein Glück hinunter und die Fragen und die Kotze, doch die Frage speit sich wieder hoch.
„Wer sucht mich?“
Pii bleibt stehen und dreht sein Gesicht, so dass ich sein Profil hinter mir in Konturen erscheint: „Come on, Mia. Du weist wer.“

 

 

 

insp: https://www.youtube.com/watch?v=hi8I7LtUnw8

subsidiary: „Normale Tassen“

„Du bist unheimlich“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Das ist mein Job“, sage ich nach einer kurzen Weile, in der ich die verschiedensten Varianten dieser Konversation erprobt hatte: a) Falsches Lachen und ein Schlag auf den Rücken (etwas zu fest, absichtlich). b) Nichts sagen und sein Statement somit bestätigen. c) Weggehen (und sein Statement erst recht bestätigen). Er zieht an der Zigarette und zuckt mit den Schultern, was soviel wie „wahrscheinlich“, „von mir aus“ oder „whatever“ bedeuten muss. Ich führe meine Finger zu den Lippen und als ich bemerke, dass ich gar keine Zigarette in den Händen halte, wische ich mir angebliches Irgendetwas von der Lippe. „Na gut, ich muss dann mal wieder“, sagt er und ich sage: „Ja, ich auch.“ Pause. „Unheimlich aussehen.“ Er dreht sich noch einmal um, macht eine etwas aussagende Geste, zögert und geht dann weg. „Bis dann“, denke oder sage ich. Er ist bereits in der Drehtür verschwunden.

„Findest du mich unheimlich?“, frage ich Christian. Christian sagt ja und hält mir seine Hand auffordernd hin. Ich nicke und zerre aus meiner Hosentasche eine Packung Luckies-die-man-knicken-kann raus. „Die sind offen“, sagt er.
„Ja, ich hab‘ mir eine geschnorrt und mit dem vom Kino geraucht.“
„Dem Hübschen?“
„Ja.“
„Wie heißt der nochmal? Irgendetwas mit Jo.“
„Keine Ahnung.“
„Joseph, Johann, Jodolf. Irgendwas mit Jo.“
„Er meint, ich sei unheimlich.“
„Was hast du gesagt?“ Christian öffnet den Geschirrspüler aus dem Dampf  herausströmt.
„Nichts.“
„Das wird’s wohl gewesen sein.“
„Nein. Doch, natürlich habe ich was gesagt.“
„Was.“
„Nichts.“
„Okay.“ Christian dreht sich um und lehnt sich in die Maschine. Als er wieder auftaucht sind seine Brillengläser vom Dampf beschlagen: „Hier.“
Ich nehme die Teller entgegen und lege sie auf die Ablage. Christian seufzt.
„Also, ich bin nicht unheimlich. Oder sehe ich vielleicht komisch aus?“ Ich drehe mich einmal im Kreis.
„Nein, alles okay.“ Nächste Fuhr Teller. Ich setze sie auf die anderen ab
„Du hast nicht einmal geschaut.“
„Ich bin nicht dein Vater, ich muss dir nicht sagen, wie hübsch du bist nur um es dir später leichter zu machen, wenn ich dir mit einer Socke voller Münzen eine verpasse.“
„Ich weiß, dass ich hübsch bin.“
„Und eingebildet.“
„Ach hör auf.“
Irgendetwas steckt fest und Christian zerrt keuchend am Inhalt des Ungetüm: „Fuck.“
„Was?“ Ich lehne mich etwas nach vor, kann aber außer Christians Arsch und Dampf ohnehin nichts erkennen, also lehne ich mich wieder zurück.
„Ich brauch‘ hier ein paar frische Tassen!“, höre ich jemanden rufen.
„Bin dabei.“ Christian ächzt. Dann kommen die Tassen. „Ich bin zu alt für sowas.“
„Ach was, du bist höchstens“, ich mustere ihn, spielerisch, „32?“
„Ah“, seine Augen leuchten auf aber verblassen sofort, als er bemerkt, dass ich das offensichtlich ernst gemeint habe.
„32 ist nicht alt. Und ich bin 34. Aber danke.“
„32 ist voll alt. In deinem Alter hatte mein Vater bereits drei Kinder.“
„Tja, er hätte mal das erste richtig erziehen sollen“, sagt Christian und reckt sich dabei, so dass er größer aussieht. Pause.
„Wa – wie?“ Ich sehe ihm in die Augen.
„Tassen!“, ertönt es aus dem vorderem Bereich.
„Bist du nicht der – du, du bist der älteste, oder?“
“ Nein, mein Bruder ist älter. Und ich habe noch eine Schwester, aber die ist vier, nein, fünf – “
„Ja, okay. So funktioniert das nicht“. Christian dreht sich wieder zu der Geschirrspülmaschine.
„Hä?“
Ich höre eine Flügeltür aufschwingen: „Ta-„, doch Christian unterbricht geschickt: „Tassen, ich weiß, Tassen, wir – ich bin dabei. Gott. Groß, klein, mittel? Henkel, kein Henkel, Tee, Kaffee, Latte, Milch, hier bitte. Großer Gott, wie viele verschiedene Tassen brauchen wir eigentlich?“
Verena, eine der Vollzeitkräfte, die ich zwar jeden Tag sehe, aber mit der ich kaum ein Wort gewechselt habe, sieht in grimmig an. Sie ist in meinem Alter, vielleicht sogar jünger und ist bereits für unsere Filiale verantwortlich. Am Wochenende zumindest. Sie greift sich eine der Tassen, die Christian aus dem Schlund des Geschirrspülers befreit hat und inspiziert sie.
„Es gibt nur zwei verschiedene Tassen. Die hier und – „, sie vergisst offensichtlich die Dringlichkeit der fehlenden Tassen im vorderen Bereich und schlängelt sich an Christian vorbei, der sie etwas zu genau dabei betrachtet. Als sie sich bückt um ebenso einen Blick in das Monster zu wagen, bewegt Christian ruckartig seinen Kopf und sieht mich an. Ich grinse ihn an und er erwidert mein Grinsen mit einem Kopfschütteln.
„Und die hier. Espresso-Tassen und Normale-Tassen. Siehst du? Zwei.“ Ihre Stimme klingt amüsiert, ironisch belehrend. Christian starrt auf sie hinab.
„Fühlt sich an, als wären es mehr.“
„Finde ich auch“, räuspere ich mich in das Gespräch ein. Verena dreht sich zu mir um.
„Hat man dir schon mal gesagt, dass du unheimlich bist?“
„Was?“
Sie dreht sich zu Christian um: „Findest du nicht auch? Wie er immer Gespräche anderer mitkommentieren muss.“
„Dass mache ich nie!“
„Siehst du? Schon wieder.“
„The fuck – hey, musst du nicht nach vor? Tassen anschäumen?“
Verena wirft Christian noch einen Blick zu, den ich nicht erkennen kann und dreht dann auf dem Absatz um.
„Tasse?“, frage ich.
Sie hebt zur Antwort ihre Hand, in der sich eine Espresso-Tasse mit dem Logo einer bitteren Kaffeemarke befindet: „Ich hasse Espressos.“
„Espressi“, sagt Christian.
Verena zuckt mit den Schultern, wie der junge Mann aus dem Kino mit Jo oder so zuvor und verschwindet dann hinter der Flügeltür.
Christian macht sich wieder ans Werk die Maschine zu leeren. Ich beobachte ihn dabei.
„Du könntest mir helfen.“
„Ich könnte vieles.“
„Du bist nicht unheimlich, du bist einfach nur faul.“
„Wow. Du bist nicht gut in Beleidigungen.“
„Ja, Faulheit ist eine Tugend, weist du denn das nicht?“, ruft Verena aus dem vorderen Bereich.
„Und ich bin – hey!“ Ich lasse Christian mit dem Geschirrspüler alleine und hechte zur Flügeltür. Ich öffne sie einen Spalt breit und lasse einen giftigen Blick auf Verenas Schultern ruhen. Sie grinst, das kann ich spüren. Dämonen grinsen immer.
„Belauscht du uns?“
„So interessant – “
„Ja ja, so interessant sind wir nicht.“
Sie dreht sich um und ihr Gesicht ist gut gelaunt: „Du bist ganz schön gesprächig heute.“
„Sorry.“ Und dann: „Ich habe nicht geschlafen.“
„Und deswegen bist du gesprächig.“
„Ablenkung. Sonst schlafe ich ein oder – noch schlimmer, ich verwechsle Espresso-Tassen mit Normalen-Tassen.“
Verenas Augen werden groß und sie schüttelt den Kopf: „Ich muss das melden, wenn das passiert.“
„Ich weiß. Doch sobald es dazu kommt, sehe ich mich verpflichtet, mich selbst zu stellen.“
„Tapfer.“
„Ich weiß, ich äh – “ und plötzlich geht mir mein Gesprächsstoff aus und ich wanke wieder zwischen den Varianten. In einer davon, treibe ich es mit Kino-Boy auf der Geschirrspülmaschine. Gesten, sage ich mir und ehe ich mich versehe, fuchtle ich vor Verenas Gesicht mit meinen Fingern.
„Du bist wirklich -“
„Unheimlich?“
„Un- ha, ausgeschlafen. Und unheimlich sowieso, wieso glaubst du, bist du da“, sie zeigt auf die Flügeltür, ich höre Christian stöhnen, „und ich hier.“
„Weil du ein Faschist bist.“
„Okay“, Verenas Augen verengen sich und sie dreht sich langsam um.
„Nein, sorry, das habe ich anders gemeint.“
„Du hast Faschist anders gemeint.“
„Ja, weist du, oh Gott. Also, Menschen in Führungspositionen, Chefs, also, nicht nur die großen, sondern auch so Mittel-Chefs, die zeigen ein erhöhtes Verlangen, nein, Verlangen ist zu groß, äh, Tendenz zu autoritärem Verhalten. Man kann schwer Chef werden, wenn man sich nicht an die Regeln hält, und du als Vertretende Filialleiterin musst du zumindest Tendenzen zu, äh. Okay. Streich das.“
„Was? Den Faschismus im mittleren Management, dem ich ja offensichtlich innewohne“, sie zeigt dabei auf ihre Schürze, die mit dem Logo der regionalen Kette versehen ist. „Kathi’s Kaffe“ [sic!].
Kathi’s Kaffee ist der Inbegriff des Faschismus. Mitsamt dem italienischen Kaffee. Eindeutig.“
„Hast du das auch dem Typen vom Kino erzählt?“
„Du belauscht uns also doch.“
„Siehst du hier irgendjemanden?“ Verena verweist auf die Plätze unserer Lokalität. Sie sind leer, bis auf einen Tisch, an dem ein alter Mann mit Espresso sitzt.
„Rush Hour.“
„Ja, aber nicht hier.“
„Und um deine Frage zu beantworten -“
„Keine meiner Fragen sind ernst gemeint. Ich brauche wirklich keine – “
„Den Kino-Boy habe ich gefragt, was er um diese Uhrzeit hier macht“
„Irgendwer muss ja aufsperren.“
„Vielleicht muss er die Kinosäle auf Eindringlinge oder heimliche Übernächtiger durchkämmen. Ich habe mir als Kind immer geschworen, dass ich mal im Kino übernachten werde.“
„Und hast du?“
„Einmal, ich war besoffen, aber sie haben mich raus geworfen, nachdem ich bei den Zwei Türmen in eine der Reihen gepisst habe. Helmsklamm. Es war ganz leise im Kinosaal. Bis -“
„Ja, okay. Gut. Mann, das hast du ihm erzählt?“
Ich überlege, öffne meine Augen und starre Verena an.
„Oh Gott, dass hätte ich nicht tun sollen.“
„Nein, das, oh je – „, sie beginnt zu kichern, „das ist eine Geschichte, die du niemandem niemals erzählen solltest.“
„Doppelte Verneinung.“
„Niemals jemanden.“
„Jemandem.“
„Wie. Auch. Immer. Adam?“ Ich nicke.
„Adam. Nie wieder. Okay? Und ab jetzt probst du alle Gespräche zuerst mit mir.“
„Das war ein grauenhaftes erstes Gespräch, nicht?“
„Kino-Boy wird es verkraften. Aber ja, das war ein grauenhaftes erstes Gespräch. Und ich spreche aus soeben erlebter Erfahrung.“
„Fuck.“
„Ich bin quasi deine Vorgesetzte.“
„Am Wochenende. Und das bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht fluchen kann.“
„Es bedeutet, dass du eigentlich nicht fluchen kannst. Nicht wenn Kunden in der Nähe sind.“
Wir blicken zu dem alten Mann, der seine Espresso ausgetrunken hat. Er sieht uns an und sagt: „Flüche sind das harmloseste, was ich von Ihnen gehört habe.“
„Halten Sie den Mund, Ferdinand, sonst müssen Sie für den Kaffee ab jetzt bezahlen.“
Ich halte den Atem an und beobachte den Austausch aus Blicken zwischen dem alten Mann und Verena. Er grinst, sie sieht mich an, legt den Finger auf ihre Lippen und sagt: „Aber kein Wort zu Kathi.“
„Kathi’s!“, verbessere ich sie.
„Egal. Faschisten. Ruf mich, wenn was passiert.“
Und mit einem Satz ist sie hinter der Flügeltür verschwunden: „Hey, Chris! Du, der Neue hat mir gerade erzählt, dass er in ein Kino gepinkelt hat!“
Ich bleibe am Tresen stehen und der Mann erhebt sich.
„Und sie zahlen wirklich nicht?“
Ferdinand sieht mich stumm an.
„Okay. Mir egal. Ferdinand?“, ich ziehe meinen imaginären Hut vor ihm. Er tut es mir gleich: „Kinopisser?“
„Adam reicht vollkommen.“
„Kinopisser.“
„Gehen Sie sterben Ferdinand“ und damit verabschiede ich mich wieder in den kleinen Raum, der sich Küche schimpft.

 

 

 

Getaggt mit ,

kaltes koffein

[irgendwann geschrieben und nie abgeschickt]

Der erste Satz meines Lebens, sofern es Sie interessiert (noch, noch, das was ich hier mache, nennt sich wohl hinauszögern, aber noch, noch sind Sie dabei, so wie es aussieht, also möchte ich diesen Moment nicht unnötig in die Länge ziehen, indem ich zum Beispiel statt dem Wort „strapazieren“ nun etwas anderes geschrieben habe) lautet: „Morgen, bitte auch, danke nein, ah.“ Nun, das bezieht sich auf den von mir ersten gesprochenen Satz, die ersten Wörter die ich dachte, wiederum, die waren ganz anders: „Fuck, fuck, fuck, fuck.“ Ungefähr.

Ich wachte auf, und da standen sie, quasi mir vor und in das Gesicht geschrieben, Millimeter von meiner malträtierten Haut entfernt in ziemlich lauten Lettern, repetitiv: „Fuck“. Ich gebe ja zu, irgendwie hätte ich mir schon etwas imposanteres erhofft, ein Vonnegut-Zitat vielleicht, obwohl ich von Vonnegut nur ein Buch besitze und dieses auch nur bis zur Hälfte gelesen habe. Sina meint, Vonnegut hätte einen Schnauzer und einen PR-Agenten, beide mit der Aufgabe beschäftigt, sein Image schon zu Lebzeiten zu polieren. Und damit meint Sina, einen leicht psychopathischen Eindruck zu hinterlassen. Leider könne sie sich keinen Schnauzer wachsen lassen, zumindest keinen so imposanten wie Vonnegut oder, good god, Nietzsche zum Beispiel. Tiere trifft man auch immer seltener an und wenn, dann stets in einem bekannten Umfeld, Katze und Hund und den ganzen Mist, den Kinder und einsame Menschen geschenkt bekommen, Haustiere, kurz gefasst, bei denen sich keiner wundert, wenn man beginnt mit ihnen zu reden oder wie im Falle Nietzsches sich ihnen vor lauter Mitleid an den Hals wirft. Vollkommen normales übermenschliches Verhalten, sozusagen. So bleiben Sina, behauptet sie zumindest, wenig Möglichkeiten eine leicht psychopathische Wirkung auszustrahlen, obwohl es mir zumindest reicht, ihr dabei zu zusehen, wie sie die morgendlichen Kellogs-Smacks verspeist: hasserfüllt.

Es war zur Stunde des Wolfes, als ich erwachte und, wie gesagt, vor und in mir dröhnten derbe Flüche. Ein schwindendes Gefühl. Merkwürdige Sätze. Existenzielles Zeug, aber nur in der zweiten Spur meiner Gedanken, Ebene 1 war hauptsächlich mir „Fucks“ und einem immensen Kater beschäftigt (lassen wir es als Kater gelten, es war dass einzige Gefühl, das ich kannte, welches diesem hier am nächsten kam). Ich schlug die Decke zur Seite und fummelte an meinem Ständer herum, bis sowohl mein Penis, meine Hand und der Schmerz hinter meiner Schädeldecke sich gegen den Gedanken an befreiender Autoerotik aussprachen. Das Aufsetzen war immer der schlimmste Part an der Prozedur gewesen, doch auch im Halbsitz, lehnend an der kühlen Wand, fiel es mir schwer, mich weiter zu erheben. Ich tastete nach Kleidungsstücken, denen das übergroße Bett – erkennen Sie die Anzeichen von Einsamkeit? Ausgefuchst, nicht? – mittlerweile als natürlicher Habitat galt. Ich presste meine Gesicht gegen ein T-Shirt, dass sich in meinen Fängen befand; die anderen Shirts und Hosen und die Hoodies wahrscheinlich auch, nur die Unterwäsche nicht, die armen Schweine haben kein Mitleid mit dem Rest der Welt, schrien und flehten, ich sollte es doch in Ruhe lassen und stattdessen das Hard-Rock-Café Shirt aus Amsterdam nehmen, keine Sau mag die HRC-Shirts, Mann! Kein Erbarmen, ich grunzte erschöpfte Laute in das Shirt, dass ich in der Letzten Nacht getragen hatte. Es roch noch immer nach Rauch. Ich hätte es mit einem weiten Wurf aus dem Zimmer befördern können, es gab ein offenes Fenster und die Tür stand auch einen Spalt weit offen. Ich überlegte wie lange ich das Shirt schon hatte und knüllte es in meinen Händen zusammen, bis es wurferprobte Größe erreicht hatte.

Schlaf kroch in meinen Kopf, als ich meine ersten Gedanken an Flüche, Halbständer, Shirts und Schmerzen vergeudete. Ich schüttelte erschrocken meinen Körper und zwang mich mit einem Satz aus dem Bett (beim Aufkommen wäre ich beinahe vorne über gekippt, falls es Sie interessiert, noch). Ich zog das Shirt an – ein Popculture-Mash-Up aus einem Fight Club-Zitat und Calvin & Hobbes-Zeichnungen, dass ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte – und griff zu einer genug-bedeckenden Boxershorts, mit der man ohne Gefahr vor dem Kühlschrank stehen kann, ohne dass die Mitbewohnerin denkt man penetriere schon wieder die Croissants. (Habe ich schon wieder gesagt? Ich glaube, dass kann man im Nachhinein streichen. Ich werde ein Wort mit dem Lektor halten!)

Ich rieche Zigarettenrauch, als ich die Küche erreiche. Es ist dunkel und als ich nach dem Lichtschalter taste, sagt ein aufglühender Punkt in der Finsternis: „Nicht.“

Ich erstarre einige Momente (also, äh, zirka, vier Sekunden? Fünf? So ungefähr.) in der ausführenden Bewegung und als ich schließlich beschlossene habe, dass es zu früh und zu ich zu kaputt für solche – wie sagt man „shenanigans“ auf Deutsch? Unfug? Faxen? – bin, schlage ich auf den Schalter und das matte Licht der nackten Küchenglühbirne, von der ich schwöre, dass ich sie bereits ausgewechselt habe um dieses Scheißlicht nicht mehr zu ertragen, flackert kurz grell auf und beruhigt sich dann in einer, tja, beschissenen Helligkeit. Sina steht in der Mitte des Raumes, macht einen „Oh Mann“ Geste ohne dabei „Oh Mann“ zu sagen und ich glaube, dass sie auf den Boden äschert.

Ich „Oh Mann“-Geste sie zurück und trete an sie heran. Sie dämpft die Zigarette auf dem Tresen aus; das dunkelbraune Holzimitat beginnt merkwürdig zu riechen und in der Dunkelheit des falschen Holzbrauns entsteht ein noch dunklerer Kreis und ich bin mir sicher, dass irgendwer von Ihnen darin eine gute Metapher findet, sobald er mal weiß, worum es geht, aber ich bin auf jeden Fall zu faul dafür und als ich Sina durch einen entgeisterten Blick klar machen will, dass das nun aber wirklich nicht sein muss, kontert sie nur mit einem scharfen und beleidigend klingendem „Was?“.

Die Zigarette funkelt noch etwas weiter und Sina beobachtet, wie der aufsteigende Rauch erlischt, ich trete noch näher an sie heran, sie trägt ein x-beliebiges Shirt, an das ich mich nicht erinnern werde und eine graue und weite Jogginghose, leider, ich fasse sie mit meiner Hand an ihrem Nacken und ziehe sie etwas zu mir, ihr Blick derweil auf der sterbenden Zigarette verweilend. Ich rieche den Rauch aus ihrem Mund und ich rieche, wie der Geruch sich langsam zurückzieht, „wie ein Sonnenuntergang“, fällt mir ein und irgendwie reizt mich der Gedanke daran, dass dies doch meine ersten Worte sein könnten: „Du bist wie Rauch, der wiederum sich wie ein Sonnenuntergang verhält, alles verblasst, nein, alles ist vergänglich, man blickt kurz weg und wenn man sich umdreht, ist er plötzlich verschwunden“ und dann komme ich drauf, dass ich keinen Kontext, keine ordentliche Syntax und vor allem – und das ist am Wichtigsten – nicht das richtige Publikum für derlei Phrasendrescherei habe. Mein Griff löst sich, ihr Blick auch, alles ist verraucht. Für einen wunderschönen Augenblick – und ja, ich verwende das Wort „wunderschön“ inflationär, ist mir doch egal – liegt alles in Rauch und ich glaube

Sina dreht sich weg und öffnet den Kühlschrank, hebt eine halbe Kanne kalten Kaffee heraus. Eine Tasse, an der der Henkel fehlt, dunkle Flüssigkeit fliest in sie hinein und ich frage mich, ob man daraus ein Haiku schreiben könnte.

Die dunkle Tasse, Koffein fließt in sie rein, alles ist Unsinn.

In der Zeit, in der ich für den Vers gebraucht habe, hat sich Sina auf den Boden gesetzt, bereits ihre zweite Zigarette angezündet und ist verdächtig nahe dran, ans Ende des kalten Koffein zu gelangen und sich eine zweite Portion zu genehmigen, so dass für mich nichts übrig bleibt. Ich stehe kurz unschlüssig in der Küche herum, bis ich mich dann auf den Boden fallen lasse. Dann fällt mir auf, dass es Sina nicht auffällt, dass ich sie ansehe. Natürlich fällt es ihr auf, sie ist kein Idiot [Anm. von Sina, der Mitbewohnerin, die, wenn sie das hier nochmal erwähnen darf, ziemlich unzufrieden über die Namensgebung der eindeutigen Hauptfigur, eben ihr selber, ist. Wenn man schon in einer Geschichte vorkommt, wieso muss man dann so heißen, wie man heißt, so viele tolle Namen schwirren in der Luft herum!]. Ich räuspere mich. Sie sieht mich an.

„Morgen.“ Sie sieht mich an und nimmt einen Schluck aus der Tasse.

„Bitte auch.“ Mein Atem ist auffordernd, Sina sieht mich immer noch an, stellt die Tasse ab, gießt Kaffee hinein und schiebt die Tasse ungeschickt – absichtlich – zu mir herüber, so dass in mehreren Zügen sich Kaffeeflecken ausbreiten. Sina wendet ihren Blick ab, hält mir aber dafür generös eine Packung gelbe Parisienne entgegen.

„Danke, nein“, und dann nehme ich einen Schluck – „ah“ – und ja, es ist mir bewusst, dass mein erster Satz eigentlich aus drei kleinen Satzfragmenten besteht, beziehungsweise auch zusammengefügt kein wirklicher Satz zustande kommt, so what, ich habe Sie angelogen, aber damit bin ich sicher nicht der erste und außerdem: willkommen. Stellen Sie sich schon mal darauf ein.

„Bitte auch, danke nein“, äfft mich Sina nach, „Das war’s? Deswegen bin ich aufgestanden?“

Ich zucke mit den Schultern und schlürfe den Kaffee, der mit jedem Schluck widerlicher schmeckt.

Bezauberndes Lächeln

Der Mann erschrak, als ich mich gegenüber von ihm hinsetzte. Ich bat um Entschuldigung und verweilte kurzen Blickes in seinem Gesicht, welches sie anfühlte, als ob ich es bereits kennen müsste. Doch die vielen Augen des Tages verschwammen in einer Masse aus kaum greifbaren Erinnerungen und natürlich mischte sich ihr Augenpaar dazwischen, so dass ich die Aufregung die ich verursacht habe, nicht weiter beachtete. Sie hatte mir heute wieder ein Lächeln geschenkt und es war das einzige worauf ich mich den ganze Tag gefreut hatte und ich nahm mir vor auch am Abend an der bezaubernden Mundwinkelbewegung ihrerseits zu zerren. Ich formte das Wort „bezaubernd“ an meinen Lippen und sprach es in vorsichtigen Bewegungen aus, überlegte mir eine schönere Umschreibung, doch meine Gedanken verflogen rasch und in Stillen fiel mein Blick von ihren Lippen hinab, schlängelte sich ihren Nacken hinab und erstarrte an ihrem Dekolleté, dass ich nur aus dem Grund so nannte, weil ich mir dabei wenige schäbig vorkam. Ich schloss die Augen und lehnte mich gegen das Straßenbahnfenster, ließ die Vibration der Fahrt durch meinen Kopf ziehen und spürte, wie der Tag von mir abfiel und sich angenehme Erschöpfung und sanfte Erregung in mir ausbreitete. Bezauberndes Lächeln.

Als ich die Augen wenige Momente später wieder öffnete, hatte der Mann zwei Bücher unbestimmten Einbandes in der Hand. Auf ersten Blick schienen sie sich in Farbe und Haptik wesentlich zu unterscheiden, doch ich kann Ihnen bereits versichern, dass es sich um die selben Bücher handelten. Das eine hatte nur viele Jahre hinter sich, das andere selbiges noch vor.

Ich beobachtete nun mit geweckter Neugierde den Mann, wie er zwischen den Blättern beider Bücher hin und her wechselte, sein Blick glasig und seine Hände zitternd. Er zog einen Stift aus seiner Jackentasche hervor und schrieb damit etwas in das schöne, jüngere Buch. Anschließend öffnete er das verbrauchte Buch und begutachtete einen Weile die aufgeschlagene Seite; seine Augen fixierten die Stelle am Kopfsteg, so schien es mir zumindest und ich spürte die Anspannung in seiner Haltung. Letztendlich stieß er einen erschöpften Laut aus und legte die Hände in sein Gesicht und in mir breitete sich eine Stille aus, die sich gegen meine Brust presste. Der Mann atmete tief ein und als er die Augen wieder öffnete, blickten wir uns direkt an. Ich wollte etwas sagen, wusste jedoch nicht, welche Phrasen ich formulieren sollte um mich nicht all zu sehr investieren zu müssen. Der  Mann klappte das alte Buch zu und stand auf. Er trat an mich heran und sagte:

„Willst du wissen, was hier drinnen steht?“

„Nein.“, antwortete ich.

„Gut“, und dann drehte er sich um und ging davon. Ich überlegte kurz und dann stand ich auf.

„Hey“, rief ich im nach und zog die Blicke anderer Fahrgäste auf mich. „Warten Sie.“ Der Mann stand am Ausgang und drückte den Knopf zum Aussteigen als er sich umdrehte. „Was steht drinnen?“ Die Straßenbahn hielt und er stieg aus. Mich trennten weniger Meter von der frischen Luft, doch ich weigerte mich dem Mann zu folgen. Er hatte sich umgedreht und wartete, dass ich ebenso ausstieg. Seine Augen blitzten erwartungsvoll.

„Nein“, sagte ich und da schlossen sich auch schon die Türen. Der Mann öffnete verdutzt den Mund und trat gegen den geschlossenen Ausgang.

Er schrie. Ich wich zurück und die Stille entwich aus meinem Körper und Panik öffnete sich. Die vorderste Tür beim Schaffner stand noch offen und der Mann startete darauf hin. Meine Hände verkrampften sich und mein Bauch zog sich zusammen. Der Mann schob seine Hand zwischen die sich schließende Tür und stemmte sie auf. Ein warnendes Geräusch durchzog den Zug. Ich trat einige Schritte zurück, unschlüssig, in welche Richtung ich mich bewegen sollte. Und dann fiel ein Gedanke, der einzige an den ich mich festhalten konnte. Ihre Lippen, sie standen halb geöffnet, ihr Gesicht, dass heute noch gelächelt hatte formte sich zu einer erschrockenen Zügen und mit einem Hauch rief sie mir zu:

„Lauf!“

Ich drückte im schnellen Takt den Ausstiegknopf der Straßenbahntür, doch diese entzog sich jeglicher Reaktion. Der Mann stand im Mittelgang und trat an mich heran.

„Willst du wissen was hier drinnen steht“, fragte er mich. Ich atmete schnell und versuchte meine Finger zu fokussieren, die sich um eine Stange gewickelt hatten. Die Luft in meinen Lungen schien dünn und unbrauchbar. Mein Sichtfeld flimmerte. Der Mann kam näher. Meine Beine versagten. Mit einem Satz, der mir beinahe das Bewusstsein kostete, griff der nach mir und packte mich am Kragen.

„Vorsicht.“ Er führte mich behutsam auf die  nächste Sitzgelegenheit heran.

„Hier.“ Der Mann griff in seine Tasche und zog einen Asthma-Spray hervor. Ich schüttelte den Kopf und versuchte in Richtung meines Rucksackes zu deuten.

„Das ist der Selbe.“ Ich versichere Ihnen, es war der selbe.

Da ich keine Möglichkeit sah mich zu wehren, lies ich den Mann das Medikament an meine Lippen heranführen und den abgestandenen Geschmack in mich hinein sprühen.

„Gleich.“, sagte er.

Mein Puls beruhigte sich. „Ich weiß.“ Mein Atem wurde tief. „Ist ohnehin nur psychosomatisch“, fügte ich hinzu.

„Ich weiß“, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Wir saßen einen unbehaglichen Moment still nebeneinander, der vertraute Fremde und ich, immer weniger auf meine Atmung achtend. Der Schwindel zog vorbei und ich presste meine Lider aufeinander, drückte die Ansammlung an Tränen heraus, die sich in solchen Zeiten stets in mir ansammelten. Ich wollte laut aufschreien.

Der Zug blieb an der nächsten Station stehen und die Türen öffneten sich.

„Wollen wir?“, sagte der Mann und verwies auf den Ausgang. Ich nickte, und trat vorsichtig aus dem Waggon. Wir warteten bis die Straßenbahn abgefahren war und dann atmeten wir beide tief ein. Die ganze Zeit über hielt er beide Bücher in den Händen von denen er mir nun eines gab.

„Bitte öffne es“, sagte der Mann.

„Wer sind Sie? Wir kennen uns, nicht wahr? Sie sind wahrscheinlich öfters im Geschäft, es tut mir leid, ich bin nicht sonderlich gut mit Gesichtern, manchmal brauche ich vier bis fünf Anläufe um…“

„Öffne das Buch.“

Ich verstummte und nahm das Buch entgegen, dass er mir geduldig hinhielt.

„Danke.“ Er lächelte. Und: „Du bist nicht schlecht in Gesichter merken, zumindest nicht schlechter als ich. Du denkst zur Zeit nur an eines.“ Wir sahen uns an, und ich merkte, wie mein Atem wieder flacher wurde.

„Keine Angst“, fuhr der Mann fort, „öffne das Buch und schreib etwas hinein.“

„Was soll ich schreiben?“

„Ihren Namen.“

„Wie bitte?“

„Du weist, was ich meine“, seine Stimme  blieb freundlich, doch meine Finger begannen sich wieder zu verkrampfen. Ich schielte zur Seite um nach Fluchtwegen ausschau zu halten.

„Nur ihren Vornamen. Bitte. Sonst nichts.“

Ich nickte, nahm so ruhig wie mir möglich den Stift aus seiner Hand und öffnete das Buch.

„Egal wohin.“

Bezauberndes Lächeln. In meinem Kopf hallte ihre Stimme. Woher kannte ich sie? Ich schrieb ihren Namen und als ich fertig war, fiel mir auf, dass er mir völlig fremd war.

Ich nahm das Buch entgegen und in weiter Ferne entstand eine Erinnerung an einen Menschen, den ich einmal geliebt hatte und ein anderes Mal nie kennen gelernt hatte. Ein letztes Mal, dachte ich. Ich sah meine Schrift und ich sah mich selbst gegenüberstehend, vergessend, dass sie jemals existiert hatte, nur weil ich es nicht lassen konnte, mich auch hier auszubreiten. Ich war eine Krankheit, sagte ich mir immer wieder, ich gehöre ausgemerzt, doch zugleich wusste ich, dass dem nicht so sein wird. Ich lies mich stehen, dieses Ich, dass nicht wusste, wer er war, mich, den ich gerade um seine Liebe beraubt hatte und schritt von dannen. Heute würde ich mich wieder in mein Bett legen und morgen würde ich wieder Jahre zuvor erwachen, stets in einer neuen Welt, wartend auf den einen Tag, der es mir ermöglichen wird, sie noch einmal zu spüren. Sie wird am selbigen Tag sterben, denn dieses bezauberndes Lächeln erlischt, sobald ich es zum letzten Mal erblicke.

Ich erwachte jung und machte mich auf den Weg. Alle Tage waren gleich, und unterschieden sich nur marginal. Ich suchte sie auf und sprach sie an. Es wurde immer einfacher. Es ist nicht schwer, jemanden zu lieben, der dich bereits hundert Jahre kennt.

In jeder Welt gibt es ein Opfer. Wenn ihr Name in beiden Büchern auftaucht, gibt es zwei.

In jeder Welt gibt es die Maschine. Nicht in jeder Welt, finde ich sie.

Manchmal sehe ich mich mit einem Buch in der Straßenbahn herumfahren. Dieses Buch hat sie mir einmal geschenkt. Ich habe Angst, dass eines Nachts mir jemand ein Buch überreicht und ich ihren Namen vergessen werde. Eines Tages wird eine Seite in dem Buch fehlen. Wenn alles so geschieht, wie es geschieht, bleibt das Buch ganz, an dem Ort, an dem ich es das letzte Mal gesehen habe. Eines Tages wird eine Seite fehlen. Und eines Tages, das ganze Buch.

(Mein Atem wird flacher, meine Finger verkrampfen sich.)

Und eines Tages wird sie fehlen und ich werde die letzte Welt gefunden haben, in der sie existiert.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das dieser Tag endlich eintritt.

Part II: Etwas erreichen (Carola)

Menschen, die etwas erreichen wollen sind widerlich.

Marcus will etwas erreichen. Ich weiß nicht wieso und woher er das hat, aber er redet ständig darüber, es scheint der wesentliche Bestandteil seines Alltags zu sein: was tue ich um etwas zu sein. Etwas zu werden. Und dann sitzt er vor seinem Mac – es muss ein Mac sein, Menschen die etwas erreichen wollen, geben sich nicht mit weniger zufrieden – und raucht, bläst dem Bildschirm Schwaden ins Gesicht und wenn die Zigarette verpufft ist, denkt er weiter. Er glaubt, ich sehe ihn nicht, ihn und seinen alten Freund, der weiße, zynische Hintergrund und er glaubt auch, ich sehe das blinkende | nicht, doch gerade das, das ist am Schlimmsten, am Peinlichsten. Ich stehe oder sitze in einem Ort des Zimmers über das Marcus ein Tuch geworfen hat und dann glaubt er, dass ihn aus diesem Tuch niemand heraus beobachten kann. Oder kritisieren, oder beurteilen, aber dennoch. Und mit jedem Blinken schmerzt es etwas mehr in der Brust, doch zu gleich wächst mein Lächeln jedes mal mehr. Einerseits zwickt es, wenn ich Marcus so beobachte, wie er stumm auf seine Tastatur blickt und die wenigen Absätze, stets aus kurzen Sätzen bestehend, Marcus ist kein Mann geschachtelter Gedanken, aus dem Dokument löscht. Schließlich zündet er sich noch eine Zigarette an und das läuft dann so bis in den frühen Nachmittag, bis einer von uns den anderen so sehr nervt, dass ein Streit, eine Diskussion, ein Problem seine Pläne etwas zu erreichen erfolgreich stranguliert.

Menschen, die etwas erreichen wollen, sind Idioten. Egomanen und Idioten und noch vieles mehr. Und meistens Männer. Wenn ich Frauen sehe, die etwas erreichen, posaunen sie es nicht herum, damit es auch jeder hören kann, zumindest nicht die Frauen, die ich kenne (das sind ehrlich gesagt auch nicht mehr als meine Mutter, ihre Mutter und zwei Arbeitskolleginnen, die ich Freunde schimpfe, wenn ich jemanden brauche, den ich vorschieben kann. Und Kathrin.) Aber Männer sind da mitteilsamer. Ihnen geht es gar nicht wirklich darum, es oder etwas erreicht zu haben, der Weg ist das Ziel, Baby. Und dieser Weg ist gepflastert mit leichten Hürden, gesäumt von staunenden Blicken. Doch gebt dem Publikum nur einen Moment der Ruhe, so wendet es sich ab und niemand beachtet mehr den kleinen Jungen, der so hoch springen kann. Zumindest behauptet er das. Marcus will was erreichen, weil Marcus‘ Vater nie was erreicht hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil ihn seine Mutter nicht geliebt hat. Oder: Marcus will was erreichen, weil sein Penis zwar groß aber nutzlos ist. Ich bevorzuge die letzte Variante. Die Brüllaffen, die sich Marcus Freunde nennen, wollen auch alle was erreichen und stets muss man ihnen sagen, wie erstaunlich ihr Wollen nicht sei. Hier ein Grafiker, der sich selbstständig macht – Geschäft geht beschissen, und bald kann er sich sein Auto nicht mehr leisten (dabei wird mein Grinsen noch größer), aber es braucht, alles braucht. Bis man bekannt wird. Bis sich die Leute für einen interessieren. Aha. Dort ein Spezialist für – ich weiß es nicht mehr, aber nach dem vierten Mal, dass Paul, Peter, Paganini (?) in unserer Wohnung war, ist es wohl zu spät nach zu haken, was er eigentlich macht und Marcus kann ich unmöglich fragen – der jedes Mal von seinem baldigen Durchbruch spricht. Alle nicken. Aller heben ein Bier. Alle schreien, genau. Und dann ist der nächste dran, der sagen darf, was er nicht alles will. Manchmal wollen sie nur Urlaub in einem Land, dass ich nicht aussprechen, geschweige denn schreiben kann. Das gehört dann zu den Dingen, die man gemacht haben sollte, wenn man es dann erreicht hat. Quasi ein Baustein für die Leiter in das Etwas, quasi aber auch der einzige Baustein, denn sowieso kennt (ich habe aufgegeben mir Namen zu merken). Marcus baut auch, aber –  ja: aber.

Das | brennt sich in den Bildschirm, will ich ihm sagen. Oder: Vielleicht ist das Schreiben nichts für dich. Oder: Ist doch egal, schreib es einfach mal fertig und dann ließt du es dir durch. Oder: Schreib, was du fühlst. Bei letzerem sieht er mich funkelnd an, mit seinen hellblauen Augen und dann teilt sich die Situation in guter Tag und beschissener Tag. Guter Tag, er macht eine Bemerkung über Paulo Coelho oder Frauen im Allgemeinen. Schlechter Tag er schreit seine Bemerkungen über Paulo Coelho und die Frau, die er hasst, die im das Erreichen von Dingen und Zielen und Etwasen zu Nichte macht, steht direkt vor ihm. Und neben mir. Früher vielleicht hinter ihm. Vielleicht sage ich ihm das einmal, wenn’s mal wieder brennt.

Marcus ist ein bescheidener Mensch im negativsten Sinne, den man sich nur vorstellen kann. Menschen, die etwas erreichen wollen, sind beschränkt. Marcus schreibt nicht, weil er will oder muss – oder doch, er will und muss, aber sein Wollen kommt aus seichten Gewässern. Marcus ist ein Mensch bescheidener Sprache, bescheidenere Gedanken und bescheidener Tage, doch dies will er sich nicht eingestehen. Aus seinen Zeilen, sofern sie sich endlich mal materialisiert haben, strömt der forcierte Duft eines kopierten Geistes. Seine Worte sind alle konstruiert und sorgfältig ausgewählt, nicht, weil es die Worte sind, die ihm helfen, das auszudrücken, was er möchte, sondern weil er weiß, dass es so gehört. Marcus, wenn er mal redet, spricht geschwollen aber im falschen Kontext. Marcus macht sich wichtig, konstruktivistisch und kreativ doch seine Gedankenstriche sind gerade, so gerade, dass ich Marcus-Bingo spiele und immer, wenn die fünf Sätze gefallen sind, wird mein Grinsen größer. Ich steige zu Marcus und seinem toten Bildschirm und lege ihm eine Hand auf die Schulter, hoffe auf einen guten Tag (gute Tage enden manchmal mit Sex und je weniger Marcus geschrieben hat, umso besser wird’s dann). Doch er spürt mich noch kaum, sieht nicht wie sich das Tuch wölbt und murmelt leise etwas von Fäden, die nicht zusammenführen. Ich bin hier, denke ich und wenn ich müde bin, belasse ich es auch dabei. Und wenn ich müde und traurig bin – und das kommt schon sehr oft vor – dann sage ich es ihm: ich bin hier. Es ist nichts, etwas ist nichts, Marcus, du bist nichts.

Du siehst traurig aus, sagt mir der Grafiker. Der Grafiker macht sich an mich ran, weil Männer die etwas erreichen wollen, beweisen sich jeden Moment und das gilt vor allem in Punkto weiblicher Aufmerksamkeit. Als der Grafiker heute noch immer nichts erreicht hat, muss er wohl eines seiner Aufriss-Bücher aufgeschlagen haben, ein Freund hat’s bei ihm vergesssen, wenn’s drauf ankommt sich zu rechtfertigen. Darin steht, dass Frauen dann am besten einzufangen sind, wenn man ihnen konträre Komplimente macht. Du bist hübsch; du siehst traurig aus. Aber das hat der Grafiker wohl nicht verstanden, wozu auch, für die meisten reicht es, wenn man sie offen beleidigt. Der Grafiker hat das Kapitel über die Skala gelesen und übt sich, wenn er unschuldig mit seiner besten Freundin Nummern austauscht, weil ich dich mag, bin ich ehrlich, aber mehr als ’ne sieben, Nadine, ich weiß nicht. Aber hey, bin ja nur ich. An dem Abend habe ich Nadine und ihn am Eingang zu den Toiletten knutschen sehen. Er rückt näher, Marcus ist nicht im Blickfeld, bereitet gerade etwas Lachs vor. Ich mag Lachs und ich mag es auch die Aufmerksamkeit des Grafikers zu bekommen, aber der Mann ist ein Idiot. Sein Oberschenkel berührt meinen und er fragt, ob etwas sei. Etwas. Ich verdrehe die Augen. Ich weiß, wir kennen uns nicht so gut, aber und so weiter. Ihm kann man alles erzählen. Du siehst transzendent aus, sage ich, doch das versteht er nicht. Ich suche Marcus. Der Grafiker geht in Gedanken sein weiteres Vorgehen durch, ich denke mir, ich habe schon lange nicht mehr über Musik geredet, doch der Grafiker redet nicht über Musik, oder Filme, oder Bücher, oder von mir aus auch die aktuelle Lage im Irak oder was weiß ich, welches Land zur Zeit In ist, wenn es um öffentliche Mitleidsbekundungen geht. Der Grafiker redet über Etwas, natürlich, ich errate es an dem Wort „macht“. Was macht die Kunst, was macht das Leben, was macht dein erbärmliches Ziel mir deinen Schwanz in den Mund zu stecken? Das Leben sucht er sich aus, abschweifend in Blicken, Zigarette nicht angezunden, fragend: was glaubst du macht das Leben noch mit uns. Es macht uns betrunken, sage ich, doch die Antwort ist irrelevant. Ich habe vor, geht es dann, ich vergesse immer, dass mein Gesicht nicht gelangweilt schauen kann, meine Augen sind weit und mein Mund formt ein starres Lächeln (das ab und an größer wird, doch). Er fährt fort, irgendetwas von einer Gelegenheit, ich weiß nicht, ob sie konkret besteht oder es sich um allgemeine Gelegenheit handeln. Fickgelegenheiten, vielleicht, insofern für ihn eine konkrete. Ich bin zu faul um seine Belanglosigkeiten nach Avancen zu dechiffrieren und nehme eine Schluck, sage ach ja und er sagt ja, natürlich während er mir in die Augen schaut. Ob er sein Spiegelbild erkennt: es blutet und tropft nur so voll Scheiße, aus seinem Mund schiebt sich Kot, ach ich könnte nicht offensichtlicher sein. Aber nein, meine Augen sind weit und fröhlich, freundlich und einladend, mein Lächeln verständnisvoll, mein Gesicht hübsch und hübsche Geschichte interessiert vor allem, was du einmal erreichen willst.

Einmal habe ich daran gedacht, Travec zu töten. Nicht für Marcus, der sein großes Vorbild lediglich zum Märtyrer hoch stilisiert hätte. Auch nicht für Kathrin, selbst wenn sie es verdient hätte, aber da stehe ich drüber. Ich hätte es nur gerne aus einem Jux heraus gemacht, seine Adresse aufgesucht, bei ihm angeläutet, mich noch einmal für das Interview entschuldigt. Ein neuer Versuch? Darf ich, kann ich, soll ich, und noch weitere gedemütigte Wörter, die gebettet auf meinem Dekolleté sich ihm anbieten. Und dann, wenn er glaubt, ich sei sein, stoße ich ihm ein Messer in seinen Mund, schneide ihm die Zunge und den Gaumen aus den Rachen, lasse die Worte blutig heraus purzeln, Halblaute und gestöhnte Silben aus Hilfe! und Was ist hier los? und Du verdammte Schlampe! und letzten Endes immer wieder: Bitte, bitte nicht. Das Messer lasse ich nach einem zweiten und dritten Mal schließlich stecken und Travec am Küchenboden liegen. Vielleicht sage ich noch so etwas, wie, jetzt sind wir quitt oder ich lege mich zu ihm, für eine Weile begutachte die Decke seines Wohnzimmers bis sie mir zu langweilig wird, auf jeden Fall sehe ich mir sein Etwas an und ich werde erkennen, dass es noch in weiter Ferne liegt, dort wo Marcus verzweifelt danach sucht.