Archiv der Kategorie: letzte gedanken

In the Eye of the Beholder: THE NEON DEMON

Bevor der Vorhang gelüftet wird, meldet sich der Regisseur persönlich zu Wort: „I make experiences, not movies“. Oh Mann. Das fängt ja schon mal gut an. Experiences, was soll das schon bedeuten. Etwas, das ebenso  Michael Bay leicht über seine Filme behaupten könnte, sind die Explosionsstürme eines Transformers Filmes wohl eher ein inkohärenter Augenschmaus als eine vollständige Filmproduktion. Und wenn man es genau nimmt, sollte jeder Film eine Erfahrung sein, eine Horizonterweiterung im besten Fall, eine Fahrt in ungewisse Wasser, aus denen man eventuell verändert auftaucht, wenn auch nicht immer, wie erwartet.

NEONDEMON

Bei Nicolas Winding-Refns Filmen erging es mir zum größten Teil seines (mir bekannten) Oevre zumindest so, dass ich nach den jeweiligen Sichtungen etwas neues „erfahren“ hatte: PUSHER ließ mich fassungslos zurück, die Fortsetzung beinahe erschüttert. DRIVE ist ein Film den ich sowohl inhaltlich, wahrscheinlich aber formal noch mehr liebe. Und auch wenn ich dem Wikinger-Psychodrama VALHALA RISING nichts abgewinnen kann (im Sinne: er gefällt mir einfach nicht!) kann ich die hypnotische und verstörende Art der Inszenierung Winding-Refns und allen voran seine Wirkung nicht leugnen: VALHALA RISING ist in meinen Augen der fortschrittlichste Film des Dänen.

Und jetzt THE NEON DEMON, ein Film der das Wort „Avantgarde“ in namensgebenden coloriterten Lettern auf seiner Stirn trägt. Gleich vorab: TND ist ein ein beinahe satirisch-selbstverliebter, grell-leuchtender, overdressed/underfuckedter  und laut dröhnender Schwachsinn. Ein überlanges Musikvideo für eine Electroband mit dem Esprit einer Chanel N°5 Werbung eines David LaChapelle und der fehlenden Subtilität eines späten Bret Easton Ellis. All glitter, however no gold.

Das Suddern über Filme wie THE NEON DEMON ist selbstredend Suddern auf hohem Niveau. Aber wie der Regisseur selbst sprach, Filme sind Erfahrungen und Emotion. Nur eine billige Ausrede um sich von den inhaltlichen Ohnmächten zu distanzieren? Persönliche Emotion sind der Antrieb für – vor allem für die dialogärmeren Filme Winding-Refns. Man wird durch eine Szene nicht mehr geführt sondern hineingeworfen und gezwungen sich einen Reim auf das ganze zu machen. Wie gut das funktioniert, liegt im ausgespucktem Auge des Betrachters.

Und um endlich auf den Punkt zu kommen: in THE NEON DEMON funktioniert es nicht. Beinahe alles ist berechnend, vorhersehbar und zudem nicht einmal wirklich tiefsinnig. Müsste es auch nicht sein nur die angeberische Plattheit, mit der Winding-Refn seine Gewaltspitzen und Traumexzesse inszeniert, fühlt sich viel zu konstruiert an, eine Mischung aus ONLY GOD FORGIVES und DRIVE, nur eben viel, viel lauter, plastischer und melodramatischer. Das passt zwar alles recht gut zu der Thematik des Filmes – die ach so brutale Fashion-Welt – ist aber bei weitem nicht neu, weder in Inszenierung noch im Inhalt. Und am aller wenigsten in Emotion.

Aber das ist vielleicht auch das, vorauf TND hinaus will: glänzende Oberfläche und nichts dahinter. Wow, ein stichhaltiges Argument gegen die Auswüchse der Modewelt, in der Inszenierung alles ist, wichtiger als das eigentliche Produkt. Augen-öffnend ist das bei weitem nicht, lediglich die Frage, wie sehr der Film selbst damit spielt wäre interessant. TND ist schön, aber nicht so schön, wie andere Filme Winding-Refns (sogar ONLY GOD FORGIVES übertrumpft mit seinen Stumpfsinn die Ästhetik des Dämons). Subtil ist der Aufstieg und Untergang der jungen Schönheit eben sowenig wie zimperlich: der Wandel der Hauptfigur ist ruckartig und verläuft ohne Nuancen und wird am Schluss ohnehin zur Nullsumme erklärt, da die Figur anscheinend immer schon wusste, was in ihr steckt (ha!). Die Thematik der niederträchtigen Glamourwelt wurde auch schon öfters – erfolgreicher – unter die Lupe genommen (wird Zeit MULLHOLAND DR. mal wieder zu schauen).

Der Soundtrack – und bei dem Satz des Regisseurs musste ich die Augen diesmal nicht verdrehen – ist laut und sollte auch laut gehört werden. Oh ja, solche Filme funktionieren wirklich am besten im dunklen, lauten Kinosaal; der mal stampfende, mal leise glitzernde Technosound vibriert schön durch die Sessel und die Brust, das Unbehagen liegt in spürbarer Nähe. Aber so gut Cliff Martinez auch sein mag, die Klangwelten aus TND wurden mir in den letzten paar Jahren schon besser dargelegt (u.a. der fantastische Soundtrack von Disasterpeace zu IT FOLLOWS). Zudem – und das bereue ich sicher, wenn sie Hans Zimmer wieder an alles ran lassen – wird’s nach der Zeit auch etwas langweilig mit dem ewigen Carpent’schen Soundtrack. Es hat zwar alles seine Wirkung, aber irgendwann verfliegt auch diese.

Die Ästhetik ist allerdings alles andere als mies. Winding-Refn versteht es immerhin seinen Schwachsinn gut aussehen zu lassen. Blitzlichtgewitter, leere Räume, leuchtende Bilderfluten. Nicht nur hier gab es viel, dass mir am Film an sich sehr gut gefallen hat. Einzelne Szenen werden ohnehin jedem im Gedächtnis bleiben, aber für mich waren es nicht die Hau-Drauf-Gewalteskapaden (die ohnehin viel zu vorhersehbar und mit einer viel zu großen Mühe des Schock-Value inszeniert wurden), sondern die sich wie jagende Tiere fortbewegenden Massen, die um unsere Hauptfigur kreisen: eh klar, der Mann ist das Böse in dieser degradierenden Welt, jede männliche Figur im Film steht für Etwas und selbst die 180° Wende lässt an der Message nicht zweifeln. Doch wie sich Keanu Reeves im Besonderen und seine Kollegen stets um Elle Fanning scharen, sie ihrer Macht berauben und klassifizieren hat die stärkste Emotion bei mir ausgelöst. Irgendwie fühlt man sich nirgends sicher in der Welt des neonfarbenen Dämonen und die auf der Lauer liegenden Männern, die mit Messern in deine Löcher fahren bringen diese Bedrohung mehr als überzeugend zur Geltung. Leider überwiegt der Drang zur Vorschlaghammermethode, so dass auch der müdeste Zuschauer erkennt worum es geht, ein Muster dass sich durch den Film wie ein blutroter Faden zieht. Immer, wenn es genug wäre, wirft Winding-Refn die Style-Over-Substance Maschine an und bombardiert die Zuschauer mit seinen bedeutungsschwangeren Bildern, die nach der x-ten Wiederholung nicht leerer, steriler, uninspirierter und unerotischer wirken könnten.

Und so streifen Berglöwen durch die Großstadt, junge Frauen vergehen sich aneinander, liegen in seichten, von Rosen umrankten Gräbern, während im Nebenzimmer Mädchen massakriert werden und im Vollmond Blutfontänen geboren werden. Vielleicht geht es hier auch viel zu sehr um die Intention des Filmes. Ist er – oder Winding-Refn – sich über seine Plakativität, seine rohe Aneinanderreihung nichtssagender (oder SO VIEL!! aussagender) albtraumhaften Szenen bewusst? Wie sehr inszeniert und feiert sich TND selbst, wievielt davon bleibt eine müde, ausgelutschte Metapher und wie viel davon ist bewusst ohne direkte Lösung gefilmt? Gegen Ende verdichtet sich der Albtraum und die Ebenen verschieben sich erneut: entweder noch blöder und plakativer oder noch abgründiger, böser und hinterlistiger. Wie gesagt, Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In THE NEON DEMON ist es wie die Tagline wiedergibt: it’s the only thing.

 

„Eat a cock, kid!“ Review zu „COOTIES“ von Jonathan Milott & Cary Murnion

Eine Schule im amerikanischen Irgendwo. Clint (Elijah Wood) hat heute seinen ersten Arbeitstag als Aushilfslehrer und natürlich geht so gut wie alles schief, was nur schief gehen kann: Die Schüler sind respektlos und verschandeln sein Auto, er wird von einem Umweltvernichter-Auto eingeparkt, seine Kollegen respektieren ihn nicht, sein High-School-Schwarm geht mit dem unsensiblen Supertrottel (siehe Umweltvernichter), die Kinder werden von einer merkwürdigen Seuche befallen und beginnen in Windeseile das Lehrpersonal zu zerfleischen und obendrein findet Clints Mutter seinen Roman alles andere als ansprechend… just another fucking day for a teacher.
cooties!
KRITIK:

Yeah, Kinderzombies! Wer wollte nicht schon mal einen Film sehen, wo Volkschulbiestern der Schädel eingeschlagen wird, weil sie mal wieder dem Schuldirektor die Zähne in den Leib geschlagen haben? Wenn dem so ist, dass ist genau der richtige Film für euch! Stark von Erfolgsfilmen à la ZOMBIELAND motiviert, versucht sich SAW &INSIDIOUS Schreiberling Leigh Whannell (in Zusammenarbeit mit Ian Brennan) an einem Funsplatter, der sich eine höllische Freude daraus macht, Zehnjährigen (auf gut wienerisch) „die Goschn“ einzuhauen. Wer damit kein Problem hat (hey, es sind ohnehin nur Zombies), wird hier bestens bedient.
Obwohl COOTIES mächtig Spaß macht kann nicht geleugnet werden, dass der Film wenig Neues zu bieten hat: Die Story ist die übliche Variation der Zombiekomödie, ohne dabei dem übergroßen großen Vorbild Edgar Wrights das Wasser zu reichen, die Effekte sind zwar blutig aber doch zu CGI-lastig (für meinen Geschmack, praktische Effekte, egal wie „billig“ sie ausehen mögen, werden immer gewinnen!) und die Story das 08/15-Untotenapokalypse-Szenario ohne große Überraschungen. Dass die Bestien diesmal Kleinkinder sind ist an sich ja schon witzig, aber auch sie dienen mehr zur Etablierung des Schauplatzes, als eventuelles Konfliktpotential („Kinder töten?! Geht das?“).
Mag der Plot nicht das Gelbe vom verfaultem Hühnerei sein, das Script ist es. Die Dialoge sind flott und voller Selbstironie, schnell fällt einem auf, dass der Film sich bei weitem nicht so ernst nimmt, wie einige Kritiker (aber vielleicht haben amerikanische Rezensenten einfach ein größeres Problem mit Gewalt an Schulen). Der Schlagabtausch zwischen den Figuren (die sich fast allesamt nicht leiden können) ist witzig und rasant, die One-Liner gut getimed und das Blutbad lässt auch nicht lange auf sich warten. Und ja, auch wenn COOTIES viele Lacher durch seine Hau-Drauf-Szenen kassiert, der wahre Spaß liegt in und zwischen den Zeilen und vor allem an der Darbietung seiner spielfreudigen und überaus gut gelaunten Schauspieler.
COOTIES lebt wahrlich von seinem Ensemble und ohne dieses würde auch der feinste Schenkelklopfer untergehen. Letzen Endes sind es die Darsteller, die dem Szenario das nötige Leben einhauchen und überhaupt: mit Elijah Wood, Rainn Wilson, Alison Pill und last but not least Leigh Whannell ist selbst die ausgelutschteste Trope noch einen Blick Wert. So funktioniert auch das etwas selbstverliebte Drehbuch mit seinem Simpson’esken Humor und Filmreferenzen. Ich persönlich steh‘ ja auf sowas, aber es soll ja diese Leute geben, die so-called metajokes nicht lustig finden (tsk tsk tsk). Aber auch ohne Insiderwitze – die Schauspieler sind hervorragend besetzt und ungemein sympatisch, dass wird auch der größte Hobbit-Hasser zugeben müssen.
Allen voran Elijah Wood. Wer liebt ihn eigentlich nicht, den großäugigen Weirdo mit dem unsicheren Gang und den irren Blick. Je mehr ich von Elijah Wood sehe, umso sympathischer wird er mir. Ehrlich, wagt einen Blick in das fantastische Remake von MANIAC. So creepy und fucked up und dennoch empathisch habe ich schon lange keinen Serienkiller mehr gesehen. Oder seine smarte und bemitleidenswerte Darstellung des suizidalen Ryan Newman in der Serie WILFRED, einem abstrußen Monster aus Kifferkomödie und Psychodrama. Auch hier spielt sich Wood quasi selbst: den verunsicherten, sehr sympathischen Looser, der trotz seines fortgeschrittenen Alters immer noch Probleme hat, mit Frauen zu reden, ohne dabei ins stottern zu kommen. Natürlich verlangt die typische Charakterentwicklung solcher Filme die übliche Verwandlung des Spielballs in den Hero-of-the-Week, aber selbst dieses Charakterklischee wirkt glaubhaft und ist in genug Hintergrund eingebettet, dass man es Elijah Wood jeder Sekunde abkauft.
Unterstützt wird Wood von der charismatischen Alison Pill, die eine sanfte Dekonstruktion des zu nervigen manic pixie dream girl mimt, in dem sie mit skurillen Lacher und ungläubigen Kulleraugen durch den blutigen Albtraum stolpert. Rainn Wilson channelt sich quasi selbst und spielt das was er am Besten kann; einenunsympathischen Ignoranten, der mit brachialen Ton jeden einschüchtert und in bester schruteness die stärkste Leinwandpräsenz zeigt. Und das der versteckte Star (und Co-Writer) des Films: Leigh Whannell, der bereist in SAW und INSIDIOUS seine komödiantisches Talent zeigen konnte. Nur ist es diesmal nicht fehl am Platz, sondern überaus willkommen und saukomisch. Whannell ist (in meinen Augen zumindest) überaus charismatisch, besitzt ein feines Gefühl für Timing und hat die besten One-Liner parat. Als sozial verkrüppelter Sexualkundelehrer findet Whannell immer die falschen Worte zur falschen Zeit und ist der Inbegriff des Comic-Relief in einem Film, der ohnehin schon sehr witzig ist.
Alles in allem ist COOTIES durchaus gelungen und funktioniert gut als einenhalbstündiger Partyfilm und/oder Einstige für einen soliden Funsplatter-Filmabend. Wie gesagt, das Gemetzel bewegt sich in einem wenig beeindruckenden Spektrum und ist in keinem Moment mit neuseeländischen Splatter-Meisterwerken vergleichbar. Der Plot kann von der vorhersehbaren Drama-Kurve dann doch nicht ab und die Figuren, so liebevoll und witzig sie auch gezeichnet sein mögen, müssen alle die Stadien der Mainstream-Dramaturgie durchlaufen: unerwiderte Liebe, heldenhaftes Opfer, allseitsbekannte Missverständnisse, bla bla bla… aber wenigstens hält sich der Film nicht all zu lange damit auf. Der Zombie-Survival-Plot lässt am Ende niemanden überrascht zurück, das Finale wirkt beinahe wie eine Verpflichtung die das Genre als Opfer verlangt und nennenswerte Tiefe zeigt der Film auch selten. Und trotzdem – COOTIES ist vor allem wegen seines Ensembles sehenswert, der Film selbst mit einer wundervoll schwarzhumorigen und tongue-in-cheek Stimmung durchwegs unterhaltsam und auch wenn er nie wirklich spannend wird, bleibt er jederzeit witzig. Das reicht allemal.

coooooooootieees!
FAZIT:Fans von ZOMBIELAND und SHAUN OF THE DEAD können hier getrost reinschauen und auch wenn der Film auf der Plot- & Splatterseite keine neuen Einfälle bieten kann (außer, natürlich: Kinderzombies!), ist es die wundervolle und spielfreudige Truppe (angeführt von unserem Lieblingshobbit Elijah Wood) die mit viel Witz und Charisma dem Film sein CGI-blutiges Leben einhaucht. Mit gutem Timing, lässigen One-Linern, schrägen Figuren (Lehrer haben alle einen an der Waffel) und morbidem Humor kann man sich auf einen unterhaltsamen Filmabend freuen und COOTIES für das nehmen, was er ist: bloody fun. In diesem Sinne: „Oh look! Carnage!“

PS: Bei Gelegenheit, werft ein Ohr auf den Soundtrack von KRENG, der ist nämlich auch ziemlich fein.

Open Wide: Review zu KNOCK KNOCK von Eli Roth

STORY:

Keanu Reeves hat das Wochenende für sich allein, während Frau und Kinder sich einen Strandkurzurlaub gönnen. Spätnachts klopfen zwei klatschnasse Stewardessen an seiner Haustür (hence the title) und bitten um Obhut. Da Keanu nun mal nicht so ist, lässt er sie natürlich rein, bemerkt jedoch bald, dass die jungen Frauen weit mehr im Sinn haben, als sich nur abzutrocknen.

Puh, es war echt schwer im letzten Absatz keine blöden Witze einzubauen.

super
KRITIK:

Ein Raunen geht durch den Saal, als nach einer schier endlosen Fülle an Logos und Production Companie-Titles endlich ein Anhaltspunkt die Leinwand füllt: Keanu Reeves. Wer sich am laufenden hält, weiß bereits, was ihn oder sie erwartet, ein großer Teil wird beim Namen des Regisseurs die Sorgenfalten auspacken und ins Gesicht kleben und der Rest des Publikums (sofern er nicht schon zuvor den Saal verlassen hat), weiß es spätestens nach dem Film. Der diesjährige Überraschungsfilm des /slash Filmfestival ist, für all jene, die vergessen haben, welches Review sie gerade lesen, Eli Roths neustes Werk KNOCK KNOCK und – in Anbetracht der bisherigen Qualität der Surprise-Movies – eine herbe Enttäuschung.

Ich würde ja gerne mit einer kreativen Beleidigung für Eli Roth Film eröffnen, aber zu sagen, es handle sich um einen „Eli Roth Film“ sollte reichen. Dennoch, es gibt durchaus Leute, die mit seinen Filmen was anfangen können und auch wenn ich seine Filme alles andere als ansprechend finde, kann ich die morbide Faszination hinter seiner HOSTEL Reihe eh auch nachvollziehen. Jeder hat so seine guilty pleasures, aber …aber! KNOCK KNOCK wird wohl auch seinen Fans nicht goutieren, denn – neben seiner typisch Roth’schen Dummheit – ist er abseits davon untypisch lahm und überraschend zahm. Sorry, Torture-Porn-Fans, anscheinend müsst ihr doch auf den regulären Kinostarts des highly anticipated GREEN INFERNO warten. Da sollen wenigstens die Eingeweide fliegen.

Nach fleischfressenden Bakterien, fleischfressenden Folterern und fleischfressenden, äh, Kannibalen reihen sich nun fleischfressende Nymphen in Eli Roths Œuvre. Sprichwörtlich diesmal, nichts desto trotz kommen die üblichen Schablonen zum Einsatz: Fassadenmenschen, deren sogenannte „Heile Welt“ nur eine Haaresbreite von Chaos und Entmenschlichung entfernt sind, hormongetriebene Protagonisten, die sich all zu schnell von ihren Gelüsten treiben lassen und dabei sowohl zivile als auch logische Konventionen so mir nichts dir nichts links liegen lassen. Diesmal am Pranger: ach-so-gute-und-treue-Ehemänner. Ohne jetztübermäßig viel zu Spoilern: natürlich ergibt sich Keanu seinem geheimen Verlangen, doch, wer hätte es geahnt, hier fängt der Albtraum erst an…

Die meisten Eli Roth Filme verliefen bis jetzt ziemlich gleich. Dumme und unsympathische Inbegriffe des „dummen und unsympathischen Amerikaners“ winden sich durch eine Dreiviertelstunde leerer Dialoghüllen bis die Hölle um sie losbricht, so auch hier: Keanu Reeves präsentiert im Sekundentakt Klischees seines überdurchschnittlich wundervollem Familienleben mit ein paar, ähem, „subtilen“ Seitenhieben auf ein nicht ganz erfülltes Sexleben. Als die zwei sexy Señoritas an seine Haustür klopfen, begibt sich der Film in das Territorium des erotischen Thrillers und unweigerlich drängen sich feuchtfröhliche Vergleiche mit seinem unübersehbaren Vorbild WILD THINGS auf. Doch während WILD THINGS wirklich etwas zu bieten hat – und nein, ich meine nicht Matt Dillons knackigen Hintern, wobei, doch … nicht nur – besteht die „Erotik“ in KNOCK KNOCK hauptsächlich aus einem endlos langatmigen Reise-nach-Jerusalem-Spiel, dass Hauptfigur Avan mit den zwei Sukkuben (ja, wirklich, ich hab nachgeschaut) spielt.

Der Dialog ist grotesk und aufgesetzt, konstruiert und komisch (in jederlei Hinsicht) und dient völlig zum Hinauszögern des ohnehin schon Erwarteten; dass die sexhungrigen Frauen den bis zu diesen Abend doch treuen Gatten letzten Endes doch noch verführen und ihn konsequent bestrafen, kann kaum als Wendung bezeichnet werden. Selbst das Plakat mit seiner käsigen Tagline schreit bereits in diese Richtung: One night, can cost you everything. Mehr kann hier auch nicht verraten werden, weil es nicht wirklich mehr zu verraten gibt.

Hier verliert sich der Film dann vollkommen, da er nicht wirklich weiß, was er eigentlich will. Einerseits speit er pop-psychologische in alle Richtungen, die das Vorgehen seiner Figuren unterzeichnen soll, spielt mit der Heuchelei seiner Figuren und sinniert über die Sexualisierung seiner Figuren – gleichzeitig entzeiht er sich jeder Art von Selbstreflexion, indem er sich in einer ätzenden Lacke zynischem Humor suhlt und konstant sich an dem labt, was er so vorbidlich anprangert. Außerdem: jede Gelegenheit, die der Film hätte eine verstörende Konsequenz oder die zu erwartende Härte an den Tag zu legen, streicht vorbei und mündet meist in einem bissigen Kommentar, der hintergründig wirken will, aber –

Ja, aber was? KNOCK KNOCK fühlt sich an, wie ein Witz der überlang aufgebaut wird und dessen Pointe komplett flach fällt (hey! so wie meine Rezensionen! Something something meta-jokes). Der Film ist weder spannend, noch ausufernd (ein Element, dass ich Roth, so sehr ich ihn auch missbillige, nicht absprechen kann), noch hat er interessante Figuren oder eine wirklich originelle Message (und gegen die filmt er grandios dagegen, aber das ist die typische Demagogie seiner Filme, also, meh). Er beinhaltet lediglich typische Elemente aus anderen erotischen und nicht-erotischen Thrillern, die ihre Thematik stets selbstbewusster und gewissenhafter behandeln als Roth es in seinem Film tut. Dabei borgt er schamlos von WILD THINGS (s.o.) oder HARD CANDY, klatscht hier und da ein paar Brüste ins Bild, dann ein bisschen Blut hier und ein halbgares Ende und fertig. Das war’s. Es ist echt nix besonderes, eher das generische Gegenteil.

Die sogenannte „Erotik“ ist alles andere als ansprechend und wechselt vom „unschuldigen Schulmädchenkostüm“ in das der „verruchten Femme Fatale“ öfters als Keanu Reeves seinen Sessel. Leider – „leider“ – ist der Unterton plump, wenig ansprechend und die verbalen Anbiederungen könnten aus einem Porno stammen. Zudem ist er noch sexistisch, Micahel-Bay-sexistisch und zwar inalle Richtungen, aber das muss in Anbetracht der Umstände wohl nicht mehr erläutert werden. Ach ja, und dann ist da noch die sogenannte „Moral“ des Filmes, die man sogar ignorieren will, wäre sie nicht großen Lettern auf die Leinwand geschrieben: Eli Roth holt dir einen runter, während er dich angrinst und sagt, wie verlogen du nicht bist. Als sogenannter „Filmkritiker“, der sich hier über den Film auslässt, mache ich mich insofern genauso schuldig und benutze quasi die selben Ausreden, wie der gequälte Keanu Reeves:„YOU came out to me! What was I supposed to do? Ok, Eli Roth, you got me there.

Während andere Werke aus dem Stoff ein ansprechendes Katz-&-Maus Spiel machen könnte, gibt sich KNOCK KNOCK nicht einmal die Mühe, mit den Erwartungen und der Empathie der Zuschauer zu spielen oder Sympathien zu verschieben, sondern bleibt in dem strengen Rahmen eines generischen Home-Invasion Thrillers, der sich nicht sonderlich mühe gibt, seinen Opfern und/oder Tätern Tiefe zu verleihen. Letzten Endes war es mir herzlich egal, wer warum eine auf den Deckel bekommt. Und selbst da wurde ich enttäuscht; gut gemacht Eli Roth, endlich will ich, dass dein widerliches Schlachten beginnt, endlich bin ich mal auf deiner Seite und was passiert? Eine fürchterlich editierte Soft-Sexszene und eine Gabel in der Schulter und dazwischen ein bisschen Fernsehfilmgewalt. Ich weiß nicht, aber abgründig sieht für mich anders aus. KNOCK KNOCK ist erstaunlich zahm für – ja, eigentlich für alles. Für die Thematik, für die „Offenheit“ seiner angeblichen Sexualität, für die angedrohte Gewaltphantasie und letztendlich für Eli Roth selbst. Das sich selbst als Anti-Mainstream-feiernde so-called enfant terrible ist hier konventioneller und fader denn je und ja, das macht diesen Film beinahe noch schlechter als seine anderen, mit bewusster Provokation gewürzten Gewaltorgien. Beinahe.

Denn bei aller Blödheit und all den Klischees – und davon gibt es mehr als genug und sie alle aufzuzählen würde den ohnehin schon großen Rahmen sprengen: nehmt einfach alle Klischees, die euch an amerikanischen Slashern stören und streut sie in den Plot von KNOCK KNOCK – Eli Roths Film ist irgendwie auch…komisch. Gutkomisch. Es wäre gemein, dem Film die bekannte „unfreiwillige Komik“ zu unterstellen, denn all der Blödsinn ist durchaus witzig gemeint. Eindeutig witzig. Und ab und zu hat KNOCK KNOCK ehrliche Lacher von mir geerntet. Es hilft natürlich, dass alles rund herum in einem strunzdummen Setting eingebettet ist, aber selbst die bewusste Komik funktioniert – meistens. Einerseits hat man Keanu Reeves selten – um nicht zu sagen, nie? – so gut gelaunt gesehen und sein Over-the-Top-Acting ist schon sehr sympathisch. Ob er nun das spielerische „Familienmonster“ oder den geschlagenen Hysteriker mimt, Reeves hatte eindeutig Spaß an seinem Spiel (immerhin hat er den Film auch produziert, warum auch immer). Nur als hin-und-her-gerissener Spielball seiner sexhungrigen Gäste funktioniert er nicht wirklich, was aber auch an der schwach inszenierten Szenerie liegt. Der Film mündet in einem bescheuertem, vie Facebook geteiltem sozialem Kommentar, der die Kirsche des Klamauks darstellt. In dieser letzten bösen Pointe schimmert Eli Roths allseitsbekannter Menschenhass und Zynismus durch. Hier trifft der Nagel auf den Kopf oder/und so weiter, und ich musste laut auflachen. Aber (ein sehr großes aber )- ein schöner Rahmen macht die „Kunst“ trotz allem nicht kunstvoller. Und die paar Witze diesen Film sicher nicht sehenswert.

FAZIT:

Ein typischer Roth, zumindest im Tonfall: tief sitzende Misanthropie und Einwegmoral, die der Film in seiner zynischen Art ständig und unbewusst dekonstruiert. Was fehlt: überschäumende Gewaltausbrüche. Was bleibt? Ein fader und ziemlich dummer Home-Invasion Thriller mit plumper Sportsender-Erotik und keinen nenneswerten Überraschungen. Und auch wenn Keanu Reeves und eine heftige Prise schwarzer Humor über die Langeweile helfen, zahlt sich dieser konventionelle und klischeebeladener Genrefilm wirklich nicht aus. Zu guter Letzt noch die beste Zeile aus dem Film: „Knock Knock. Who’s there? Cheating Evan. Cheating Evan Who? Cheating Evantually gets you killed!“ Bitte. Jetzt braucht ihr den auch nicht mehr sehen.

Learning by Playing: savingfile#01 – Art Style: PiCOPiCT

I am bored, therefore i play. Videogames. Aber über Videospiele schreiben ist verzwickt, weil wer will schon ein Review zu einem 5 Jahre alten Spiel lesen, dass ich gerade zocke, weil mir fad ist. Außerdem gibt es zu dem Thema schon genug; meine akutellen Favoriten sind JonTron und ZeroPunctuation. Da ich aber einsam bin und mit mir niemand über 8Bit Musik reden will, probiere ich hier mal was Neues und zähle mal so auf, welche semi-philosophischen Erkenntnisse ich beim Spielen bestimmter Titel erfahren habe. „Semi“ deshalb, weil ich keine Ahnung von der wissenschaftlichen Disziplin der Philosophie besitze und ich mit „sinnieren“ meistens, „Bier trinken und einrauchen“ meine. Ach ja, und mit „lernen“ meine ich „bis zum nächsten Post schon wieder vergessen“. Here we go!


 

savingfile#01: Art Style: PiCOPiCT (Nintendo DSi Ware)

picopict

1. Doppelmoral: Da verdrehe ich die Augen über Leute, die CandyCrush oder sonstige generic-fuckthejewelsawaybeforetheykillyou-game spielen, aber selbst bleibe ich bis um 3 in der Früh auf um quadratische Teile nach Farben zu sortieren.

2. Krisenmanagement: Die Danger-Anzeige brachte mich zunächst zur Verzweiflung und einem frühejakulativen Verwenden des POW-Schalters, doch der erwies sich als lediglich als Teillösung eines ganz anderen Problems: ich bin anscheinend farbenblind.

3. Hunde: Können dieses Spiel nicht spielen, wie gesagt, Farben sind sehr wichtig. Außerdem fehlen ihnen die notwendigen Daumen um den DS zu bedienen.

4. Retrogaming: Das Spiel ist aus 2009, fühlt sich aber an, wie aus [Jahr-an-dem-Tetris-erschienen-ist-sofern-ich-da-überhaupt-schon-auf-der-Welt-war]. Musikalisch, wie auch farblich.

5. Farben: Habe ich schon erwähnt, dass Farben vorkommen?

6.YMCK: Ist eine japanische Band (?) die, ähnlich wie Anamanaguchi, 8Bit-Musik machen, meine liebste Musikrichtung neben Babymetal und Polka-Covers von Katy Perry Songs.

7. Jukebox: Jedes Spiel, das was von sich hält, hat eine. Wenn die Musik so gut ist, dass ich anstatt zu spielen, lieber die Lieder laufen lasse, machen die Entwickler was richtig. Oder komplett falsch.

8. Existenzialismus: Wie jedes gute Spiel, beantwortet auch PiCOPiCT, essentielle Fragen unseres – ah, fuck it: der Bowser-Castle-Remix von YMCK ist das fetzigste, dass ich in einem Spiel je gehört habe!

9. Albträume: Shigeru Myamotos werden von dieser lynchigen Musik untermalt.

10. Erniedrigung. Letztes Level, not that easy. Mehrere Anläufe. Und der Mothefucker-Castle-Bewacher der mir den Mittelfinger zeigt. Fuck you too Toad.

toad motherfuckerNoch schlimmer ist die Erkenntnis, dass er das seit Jahren tut. Your fucking princess, is in another fucking castle.

11. Existenzialismus, diesmal wirklich. Wenn MARIO PARTY 2 die bittere Allegorie über das Leben ist, dann ist Toad die wenig subtile Metapher an der Spitze. (Seriously, fuck you, Toad.)

12. Durchhaltevermögen & Nihilismus: Trotz Schmach und Hohn habe ich das letzte Level dann geschafft, meine Seele blutet und meine Träume waren durchzogen von hypnotischer Musik. Wer spielt, gewinnt, aber erkennt, dass nichts einen Sinn hat. 

13. Todestrieb: Es gibt Remix-Levels, die machen das ganze noch schwieriger, aber ich hab‘ Zeit und keine Freunde.

14. After-Credit-Scene: Gibt es keine, aber dafür jemanden im Entwicklerteam, der Federico heißt. Es hat sich richtig ausgezahlt, diesen Beitrag zu lesen, gell?

15. Zen: Irgendwann lässt man sich nicht mehr von der Danger-Anzeige stressen, oder davon, dass man nur noch 2 POWs zu Verfügung hat. Der Flow hat einen mitgerissen und smooth landet Pixel für Pixel genau an der Stelle, die man wollte, Linien verschwinden und das letzte Puzzleteil wird zusammengesetzt zu einem wunderschönen – AHHH! TOAD! I HATE YOU!

16. Seriously, fuck you Toad. Ich hasse dich bereits seit Mario Kart 64.

 

  • Fazit gelernter Dinge: Hass treibt mich an und eines Tages werde ich im Blut dieser verpixelten Kröte (?) baden.
  • Alliterations-Bonus: Pixelige Puzzlespiele personifizieren positive Pausen im perfiden Play-Alltag und Penis. (Verdammt.)

 


In Action:

 

subsidiary: „Normale Tassen“

„Du bist unheimlich“, sagt er nach einer kurzen Pause. „Das ist mein Job“, sage ich nach einer kurzen Weile, in der ich die verschiedensten Varianten dieser Konversation erprobt hatte: a) Falsches Lachen und ein Schlag auf den Rücken (etwas zu fest, absichtlich). b) Nichts sagen und sein Statement somit bestätigen. c) Weggehen (und sein Statement erst recht bestätigen). Er zieht an der Zigarette und zuckt mit den Schultern, was soviel wie „wahrscheinlich“, „von mir aus“ oder „whatever“ bedeuten muss. Ich führe meine Finger zu den Lippen und als ich bemerke, dass ich gar keine Zigarette in den Händen halte, wische ich mir angebliches Irgendetwas von der Lippe. „Na gut, ich muss dann mal wieder“, sagt er und ich sage: „Ja, ich auch.“ Pause. „Unheimlich aussehen.“ Er dreht sich noch einmal um, macht eine etwas aussagende Geste, zögert und geht dann weg. „Bis dann“, denke oder sage ich. Er ist bereits in der Drehtür verschwunden.

„Findest du mich unheimlich?“, frage ich Christian. Christian sagt ja und hält mir seine Hand auffordernd hin. Ich nicke und zerre aus meiner Hosentasche eine Packung Luckies-die-man-knicken-kann raus. „Die sind offen“, sagt er.
„Ja, ich hab‘ mir eine geschnorrt und mit dem vom Kino geraucht.“
„Dem Hübschen?“
„Ja.“
„Wie heißt der nochmal? Irgendetwas mit Jo.“
„Keine Ahnung.“
„Joseph, Johann, Jodolf. Irgendwas mit Jo.“
„Er meint, ich sei unheimlich.“
„Was hast du gesagt?“ Christian öffnet den Geschirrspüler aus dem Dampf  herausströmt.
„Nichts.“
„Das wird’s wohl gewesen sein.“
„Nein. Doch, natürlich habe ich was gesagt.“
„Was.“
„Nichts.“
„Okay.“ Christian dreht sich um und lehnt sich in die Maschine. Als er wieder auftaucht sind seine Brillengläser vom Dampf beschlagen: „Hier.“
Ich nehme die Teller entgegen und lege sie auf die Ablage. Christian seufzt.
„Also, ich bin nicht unheimlich. Oder sehe ich vielleicht komisch aus?“ Ich drehe mich einmal im Kreis.
„Nein, alles okay.“ Nächste Fuhr Teller. Ich setze sie auf die anderen ab
„Du hast nicht einmal geschaut.“
„Ich bin nicht dein Vater, ich muss dir nicht sagen, wie hübsch du bist nur um es dir später leichter zu machen, wenn ich dir mit einer Socke voller Münzen eine verpasse.“
„Ich weiß, dass ich hübsch bin.“
„Und eingebildet.“
„Ach hör auf.“
Irgendetwas steckt fest und Christian zerrt keuchend am Inhalt des Ungetüm: „Fuck.“
„Was?“ Ich lehne mich etwas nach vor, kann aber außer Christians Arsch und Dampf ohnehin nichts erkennen, also lehne ich mich wieder zurück.
„Ich brauch‘ hier ein paar frische Tassen!“, höre ich jemanden rufen.
„Bin dabei.“ Christian ächzt. Dann kommen die Tassen. „Ich bin zu alt für sowas.“
„Ach was, du bist höchstens“, ich mustere ihn, spielerisch, „32?“
„Ah“, seine Augen leuchten auf aber verblassen sofort, als er bemerkt, dass ich das offensichtlich ernst gemeint habe.
„32 ist nicht alt. Und ich bin 34. Aber danke.“
„32 ist voll alt. In deinem Alter hatte mein Vater bereits drei Kinder.“
„Tja, er hätte mal das erste richtig erziehen sollen“, sagt Christian und reckt sich dabei, so dass er größer aussieht. Pause.
„Wa – wie?“ Ich sehe ihm in die Augen.
„Tassen!“, ertönt es aus dem vorderem Bereich.
„Bist du nicht der – du, du bist der älteste, oder?“
“ Nein, mein Bruder ist älter. Und ich habe noch eine Schwester, aber die ist vier, nein, fünf – “
„Ja, okay. So funktioniert das nicht“. Christian dreht sich wieder zu der Geschirrspülmaschine.
„Hä?“
Ich höre eine Flügeltür aufschwingen: „Ta-„, doch Christian unterbricht geschickt: „Tassen, ich weiß, Tassen, wir – ich bin dabei. Gott. Groß, klein, mittel? Henkel, kein Henkel, Tee, Kaffee, Latte, Milch, hier bitte. Großer Gott, wie viele verschiedene Tassen brauchen wir eigentlich?“
Verena, eine der Vollzeitkräfte, die ich zwar jeden Tag sehe, aber mit der ich kaum ein Wort gewechselt habe, sieht in grimmig an. Sie ist in meinem Alter, vielleicht sogar jünger und ist bereits für unsere Filiale verantwortlich. Am Wochenende zumindest. Sie greift sich eine der Tassen, die Christian aus dem Schlund des Geschirrspülers befreit hat und inspiziert sie.
„Es gibt nur zwei verschiedene Tassen. Die hier und – „, sie vergisst offensichtlich die Dringlichkeit der fehlenden Tassen im vorderen Bereich und schlängelt sich an Christian vorbei, der sie etwas zu genau dabei betrachtet. Als sie sich bückt um ebenso einen Blick in das Monster zu wagen, bewegt Christian ruckartig seinen Kopf und sieht mich an. Ich grinse ihn an und er erwidert mein Grinsen mit einem Kopfschütteln.
„Und die hier. Espresso-Tassen und Normale-Tassen. Siehst du? Zwei.“ Ihre Stimme klingt amüsiert, ironisch belehrend. Christian starrt auf sie hinab.
„Fühlt sich an, als wären es mehr.“
„Finde ich auch“, räuspere ich mich in das Gespräch ein. Verena dreht sich zu mir um.
„Hat man dir schon mal gesagt, dass du unheimlich bist?“
„Was?“
Sie dreht sich zu Christian um: „Findest du nicht auch? Wie er immer Gespräche anderer mitkommentieren muss.“
„Dass mache ich nie!“
„Siehst du? Schon wieder.“
„The fuck – hey, musst du nicht nach vor? Tassen anschäumen?“
Verena wirft Christian noch einen Blick zu, den ich nicht erkennen kann und dreht dann auf dem Absatz um.
„Tasse?“, frage ich.
Sie hebt zur Antwort ihre Hand, in der sich eine Espresso-Tasse mit dem Logo einer bitteren Kaffeemarke befindet: „Ich hasse Espressos.“
„Espressi“, sagt Christian.
Verena zuckt mit den Schultern, wie der junge Mann aus dem Kino mit Jo oder so zuvor und verschwindet dann hinter der Flügeltür.
Christian macht sich wieder ans Werk die Maschine zu leeren. Ich beobachte ihn dabei.
„Du könntest mir helfen.“
„Ich könnte vieles.“
„Du bist nicht unheimlich, du bist einfach nur faul.“
„Wow. Du bist nicht gut in Beleidigungen.“
„Ja, Faulheit ist eine Tugend, weist du denn das nicht?“, ruft Verena aus dem vorderen Bereich.
„Und ich bin – hey!“ Ich lasse Christian mit dem Geschirrspüler alleine und hechte zur Flügeltür. Ich öffne sie einen Spalt breit und lasse einen giftigen Blick auf Verenas Schultern ruhen. Sie grinst, das kann ich spüren. Dämonen grinsen immer.
„Belauscht du uns?“
„So interessant – “
„Ja ja, so interessant sind wir nicht.“
Sie dreht sich um und ihr Gesicht ist gut gelaunt: „Du bist ganz schön gesprächig heute.“
„Sorry.“ Und dann: „Ich habe nicht geschlafen.“
„Und deswegen bist du gesprächig.“
„Ablenkung. Sonst schlafe ich ein oder – noch schlimmer, ich verwechsle Espresso-Tassen mit Normalen-Tassen.“
Verenas Augen werden groß und sie schüttelt den Kopf: „Ich muss das melden, wenn das passiert.“
„Ich weiß. Doch sobald es dazu kommt, sehe ich mich verpflichtet, mich selbst zu stellen.“
„Tapfer.“
„Ich weiß, ich äh – “ und plötzlich geht mir mein Gesprächsstoff aus und ich wanke wieder zwischen den Varianten. In einer davon, treibe ich es mit Kino-Boy auf der Geschirrspülmaschine. Gesten, sage ich mir und ehe ich mich versehe, fuchtle ich vor Verenas Gesicht mit meinen Fingern.
„Du bist wirklich -“
„Unheimlich?“
„Un- ha, ausgeschlafen. Und unheimlich sowieso, wieso glaubst du, bist du da“, sie zeigt auf die Flügeltür, ich höre Christian stöhnen, „und ich hier.“
„Weil du ein Faschist bist.“
„Okay“, Verenas Augen verengen sich und sie dreht sich langsam um.
„Nein, sorry, das habe ich anders gemeint.“
„Du hast Faschist anders gemeint.“
„Ja, weist du, oh Gott. Also, Menschen in Führungspositionen, Chefs, also, nicht nur die großen, sondern auch so Mittel-Chefs, die zeigen ein erhöhtes Verlangen, nein, Verlangen ist zu groß, äh, Tendenz zu autoritärem Verhalten. Man kann schwer Chef werden, wenn man sich nicht an die Regeln hält, und du als Vertretende Filialleiterin musst du zumindest Tendenzen zu, äh. Okay. Streich das.“
„Was? Den Faschismus im mittleren Management, dem ich ja offensichtlich innewohne“, sie zeigt dabei auf ihre Schürze, die mit dem Logo der regionalen Kette versehen ist. „Kathi’s Kaffe“ [sic!].
Kathi’s Kaffee ist der Inbegriff des Faschismus. Mitsamt dem italienischen Kaffee. Eindeutig.“
„Hast du das auch dem Typen vom Kino erzählt?“
„Du belauscht uns also doch.“
„Siehst du hier irgendjemanden?“ Verena verweist auf die Plätze unserer Lokalität. Sie sind leer, bis auf einen Tisch, an dem ein alter Mann mit Espresso sitzt.
„Rush Hour.“
„Ja, aber nicht hier.“
„Und um deine Frage zu beantworten -“
„Keine meiner Fragen sind ernst gemeint. Ich brauche wirklich keine – “
„Den Kino-Boy habe ich gefragt, was er um diese Uhrzeit hier macht“
„Irgendwer muss ja aufsperren.“
„Vielleicht muss er die Kinosäle auf Eindringlinge oder heimliche Übernächtiger durchkämmen. Ich habe mir als Kind immer geschworen, dass ich mal im Kino übernachten werde.“
„Und hast du?“
„Einmal, ich war besoffen, aber sie haben mich raus geworfen, nachdem ich bei den Zwei Türmen in eine der Reihen gepisst habe. Helmsklamm. Es war ganz leise im Kinosaal. Bis -“
„Ja, okay. Gut. Mann, das hast du ihm erzählt?“
Ich überlege, öffne meine Augen und starre Verena an.
„Oh Gott, dass hätte ich nicht tun sollen.“
„Nein, das, oh je – „, sie beginnt zu kichern, „das ist eine Geschichte, die du niemandem niemals erzählen solltest.“
„Doppelte Verneinung.“
„Niemals jemanden.“
„Jemandem.“
„Wie. Auch. Immer. Adam?“ Ich nicke.
„Adam. Nie wieder. Okay? Und ab jetzt probst du alle Gespräche zuerst mit mir.“
„Das war ein grauenhaftes erstes Gespräch, nicht?“
„Kino-Boy wird es verkraften. Aber ja, das war ein grauenhaftes erstes Gespräch. Und ich spreche aus soeben erlebter Erfahrung.“
„Fuck.“
„Ich bin quasi deine Vorgesetzte.“
„Am Wochenende. Und das bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht fluchen kann.“
„Es bedeutet, dass du eigentlich nicht fluchen kannst. Nicht wenn Kunden in der Nähe sind.“
Wir blicken zu dem alten Mann, der seine Espresso ausgetrunken hat. Er sieht uns an und sagt: „Flüche sind das harmloseste, was ich von Ihnen gehört habe.“
„Halten Sie den Mund, Ferdinand, sonst müssen Sie für den Kaffee ab jetzt bezahlen.“
Ich halte den Atem an und beobachte den Austausch aus Blicken zwischen dem alten Mann und Verena. Er grinst, sie sieht mich an, legt den Finger auf ihre Lippen und sagt: „Aber kein Wort zu Kathi.“
„Kathi’s!“, verbessere ich sie.
„Egal. Faschisten. Ruf mich, wenn was passiert.“
Und mit einem Satz ist sie hinter der Flügeltür verschwunden: „Hey, Chris! Du, der Neue hat mir gerade erzählt, dass er in ein Kino gepinkelt hat!“
Ich bleibe am Tresen stehen und der Mann erhebt sich.
„Und sie zahlen wirklich nicht?“
Ferdinand sieht mich stumm an.
„Okay. Mir egal. Ferdinand?“, ich ziehe meinen imaginären Hut vor ihm. Er tut es mir gleich: „Kinopisser?“
„Adam reicht vollkommen.“
„Kinopisser.“
„Gehen Sie sterben Ferdinand“ und damit verabschiede ich mich wieder in den kleinen Raum, der sich Küche schimpft.

 

 

 

Getaggt mit ,

kaltes koffein

[irgendwann geschrieben und nie abgeschickt]

Der erste Satz meines Lebens, sofern es Sie interessiert (noch, noch, das was ich hier mache, nennt sich wohl hinauszögern, aber noch, noch sind Sie dabei, so wie es aussieht, also möchte ich diesen Moment nicht unnötig in die Länge ziehen, indem ich zum Beispiel statt dem Wort „strapazieren“ nun etwas anderes geschrieben habe) lautet: „Morgen, bitte auch, danke nein, ah.“ Nun, das bezieht sich auf den von mir ersten gesprochenen Satz, die ersten Wörter die ich dachte, wiederum, die waren ganz anders: „Fuck, fuck, fuck, fuck.“ Ungefähr.

Ich wachte auf, und da standen sie, quasi mir vor und in das Gesicht geschrieben, Millimeter von meiner malträtierten Haut entfernt in ziemlich lauten Lettern, repetitiv: „Fuck“. Ich gebe ja zu, irgendwie hätte ich mir schon etwas imposanteres erhofft, ein Vonnegut-Zitat vielleicht, obwohl ich von Vonnegut nur ein Buch besitze und dieses auch nur bis zur Hälfte gelesen habe. Sina meint, Vonnegut hätte einen Schnauzer und einen PR-Agenten, beide mit der Aufgabe beschäftigt, sein Image schon zu Lebzeiten zu polieren. Und damit meint Sina, einen leicht psychopathischen Eindruck zu hinterlassen. Leider könne sie sich keinen Schnauzer wachsen lassen, zumindest keinen so imposanten wie Vonnegut oder, good god, Nietzsche zum Beispiel. Tiere trifft man auch immer seltener an und wenn, dann stets in einem bekannten Umfeld, Katze und Hund und den ganzen Mist, den Kinder und einsame Menschen geschenkt bekommen, Haustiere, kurz gefasst, bei denen sich keiner wundert, wenn man beginnt mit ihnen zu reden oder wie im Falle Nietzsches sich ihnen vor lauter Mitleid an den Hals wirft. Vollkommen normales übermenschliches Verhalten, sozusagen. So bleiben Sina, behauptet sie zumindest, wenig Möglichkeiten eine leicht psychopathische Wirkung auszustrahlen, obwohl es mir zumindest reicht, ihr dabei zu zusehen, wie sie die morgendlichen Kellogs-Smacks verspeist: hasserfüllt.

Es war zur Stunde des Wolfes, als ich erwachte und, wie gesagt, vor und in mir dröhnten derbe Flüche. Ein schwindendes Gefühl. Merkwürdige Sätze. Existenzielles Zeug, aber nur in der zweiten Spur meiner Gedanken, Ebene 1 war hauptsächlich mir „Fucks“ und einem immensen Kater beschäftigt (lassen wir es als Kater gelten, es war dass einzige Gefühl, das ich kannte, welches diesem hier am nächsten kam). Ich schlug die Decke zur Seite und fummelte an meinem Ständer herum, bis sowohl mein Penis, meine Hand und der Schmerz hinter meiner Schädeldecke sich gegen den Gedanken an befreiender Autoerotik aussprachen. Das Aufsetzen war immer der schlimmste Part an der Prozedur gewesen, doch auch im Halbsitz, lehnend an der kühlen Wand, fiel es mir schwer, mich weiter zu erheben. Ich tastete nach Kleidungsstücken, denen das übergroße Bett – erkennen Sie die Anzeichen von Einsamkeit? Ausgefuchst, nicht? – mittlerweile als natürlicher Habitat galt. Ich presste meine Gesicht gegen ein T-Shirt, dass sich in meinen Fängen befand; die anderen Shirts und Hosen und die Hoodies wahrscheinlich auch, nur die Unterwäsche nicht, die armen Schweine haben kein Mitleid mit dem Rest der Welt, schrien und flehten, ich sollte es doch in Ruhe lassen und stattdessen das Hard-Rock-Café Shirt aus Amsterdam nehmen, keine Sau mag die HRC-Shirts, Mann! Kein Erbarmen, ich grunzte erschöpfte Laute in das Shirt, dass ich in der Letzten Nacht getragen hatte. Es roch noch immer nach Rauch. Ich hätte es mit einem weiten Wurf aus dem Zimmer befördern können, es gab ein offenes Fenster und die Tür stand auch einen Spalt weit offen. Ich überlegte wie lange ich das Shirt schon hatte und knüllte es in meinen Händen zusammen, bis es wurferprobte Größe erreicht hatte.

Schlaf kroch in meinen Kopf, als ich meine ersten Gedanken an Flüche, Halbständer, Shirts und Schmerzen vergeudete. Ich schüttelte erschrocken meinen Körper und zwang mich mit einem Satz aus dem Bett (beim Aufkommen wäre ich beinahe vorne über gekippt, falls es Sie interessiert, noch). Ich zog das Shirt an – ein Popculture-Mash-Up aus einem Fight Club-Zitat und Calvin & Hobbes-Zeichnungen, dass ich beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte – und griff zu einer genug-bedeckenden Boxershorts, mit der man ohne Gefahr vor dem Kühlschrank stehen kann, ohne dass die Mitbewohnerin denkt man penetriere schon wieder die Croissants. (Habe ich schon wieder gesagt? Ich glaube, dass kann man im Nachhinein streichen. Ich werde ein Wort mit dem Lektor halten!)

Ich rieche Zigarettenrauch, als ich die Küche erreiche. Es ist dunkel und als ich nach dem Lichtschalter taste, sagt ein aufglühender Punkt in der Finsternis: „Nicht.“

Ich erstarre einige Momente (also, äh, zirka, vier Sekunden? Fünf? So ungefähr.) in der ausführenden Bewegung und als ich schließlich beschlossene habe, dass es zu früh und zu ich zu kaputt für solche – wie sagt man „shenanigans“ auf Deutsch? Unfug? Faxen? – bin, schlage ich auf den Schalter und das matte Licht der nackten Küchenglühbirne, von der ich schwöre, dass ich sie bereits ausgewechselt habe um dieses Scheißlicht nicht mehr zu ertragen, flackert kurz grell auf und beruhigt sich dann in einer, tja, beschissenen Helligkeit. Sina steht in der Mitte des Raumes, macht einen „Oh Mann“ Geste ohne dabei „Oh Mann“ zu sagen und ich glaube, dass sie auf den Boden äschert.

Ich „Oh Mann“-Geste sie zurück und trete an sie heran. Sie dämpft die Zigarette auf dem Tresen aus; das dunkelbraune Holzimitat beginnt merkwürdig zu riechen und in der Dunkelheit des falschen Holzbrauns entsteht ein noch dunklerer Kreis und ich bin mir sicher, dass irgendwer von Ihnen darin eine gute Metapher findet, sobald er mal weiß, worum es geht, aber ich bin auf jeden Fall zu faul dafür und als ich Sina durch einen entgeisterten Blick klar machen will, dass das nun aber wirklich nicht sein muss, kontert sie nur mit einem scharfen und beleidigend klingendem „Was?“.

Die Zigarette funkelt noch etwas weiter und Sina beobachtet, wie der aufsteigende Rauch erlischt, ich trete noch näher an sie heran, sie trägt ein x-beliebiges Shirt, an das ich mich nicht erinnern werde und eine graue und weite Jogginghose, leider, ich fasse sie mit meiner Hand an ihrem Nacken und ziehe sie etwas zu mir, ihr Blick derweil auf der sterbenden Zigarette verweilend. Ich rieche den Rauch aus ihrem Mund und ich rieche, wie der Geruch sich langsam zurückzieht, „wie ein Sonnenuntergang“, fällt mir ein und irgendwie reizt mich der Gedanke daran, dass dies doch meine ersten Worte sein könnten: „Du bist wie Rauch, der wiederum sich wie ein Sonnenuntergang verhält, alles verblasst, nein, alles ist vergänglich, man blickt kurz weg und wenn man sich umdreht, ist er plötzlich verschwunden“ und dann komme ich drauf, dass ich keinen Kontext, keine ordentliche Syntax und vor allem – und das ist am Wichtigsten – nicht das richtige Publikum für derlei Phrasendrescherei habe. Mein Griff löst sich, ihr Blick auch, alles ist verraucht. Für einen wunderschönen Augenblick – und ja, ich verwende das Wort „wunderschön“ inflationär, ist mir doch egal – liegt alles in Rauch und ich glaube

Sina dreht sich weg und öffnet den Kühlschrank, hebt eine halbe Kanne kalten Kaffee heraus. Eine Tasse, an der der Henkel fehlt, dunkle Flüssigkeit fliest in sie hinein und ich frage mich, ob man daraus ein Haiku schreiben könnte.

Die dunkle Tasse, Koffein fließt in sie rein, alles ist Unsinn.

In der Zeit, in der ich für den Vers gebraucht habe, hat sich Sina auf den Boden gesetzt, bereits ihre zweite Zigarette angezündet und ist verdächtig nahe dran, ans Ende des kalten Koffein zu gelangen und sich eine zweite Portion zu genehmigen, so dass für mich nichts übrig bleibt. Ich stehe kurz unschlüssig in der Küche herum, bis ich mich dann auf den Boden fallen lasse. Dann fällt mir auf, dass es Sina nicht auffällt, dass ich sie ansehe. Natürlich fällt es ihr auf, sie ist kein Idiot [Anm. von Sina, der Mitbewohnerin, die, wenn sie das hier nochmal erwähnen darf, ziemlich unzufrieden über die Namensgebung der eindeutigen Hauptfigur, eben ihr selber, ist. Wenn man schon in einer Geschichte vorkommt, wieso muss man dann so heißen, wie man heißt, so viele tolle Namen schwirren in der Luft herum!]. Ich räuspere mich. Sie sieht mich an.

„Morgen.“ Sie sieht mich an und nimmt einen Schluck aus der Tasse.

„Bitte auch.“ Mein Atem ist auffordernd, Sina sieht mich immer noch an, stellt die Tasse ab, gießt Kaffee hinein und schiebt die Tasse ungeschickt – absichtlich – zu mir herüber, so dass in mehreren Zügen sich Kaffeeflecken ausbreiten. Sina wendet ihren Blick ab, hält mir aber dafür generös eine Packung gelbe Parisienne entgegen.

„Danke, nein“, und dann nehme ich einen Schluck – „ah“ – und ja, es ist mir bewusst, dass mein erster Satz eigentlich aus drei kleinen Satzfragmenten besteht, beziehungsweise auch zusammengefügt kein wirklicher Satz zustande kommt, so what, ich habe Sie angelogen, aber damit bin ich sicher nicht der erste und außerdem: willkommen. Stellen Sie sich schon mal darauf ein.

„Bitte auch, danke nein“, äfft mich Sina nach, „Das war’s? Deswegen bin ich aufgestanden?“

Ich zucke mit den Schultern und schlürfe den Kaffee, der mit jedem Schluck widerlicher schmeckt.

Bezauberndes Lächeln

Der Mann erschrak, als ich mich gegenüber von ihm hinsetzte. Ich bat um Entschuldigung und verweilte kurzen Blickes in seinem Gesicht, welches sie anfühlte, als ob ich es bereits kennen müsste. Doch die vielen Augen des Tages verschwammen in einer Masse aus kaum greifbaren Erinnerungen und natürlich mischte sich ihr Augenpaar dazwischen, so dass ich die Aufregung die ich verursacht habe, nicht weiter beachtete. Sie hatte mir heute wieder ein Lächeln geschenkt und es war das einzige worauf ich mich den ganze Tag gefreut hatte und ich nahm mir vor auch am Abend an der bezaubernden Mundwinkelbewegung ihrerseits zu zerren. Ich formte das Wort „bezaubernd“ an meinen Lippen und sprach es in vorsichtigen Bewegungen aus, überlegte mir eine schönere Umschreibung, doch meine Gedanken verflogen rasch und in Stillen fiel mein Blick von ihren Lippen hinab, schlängelte sich ihren Nacken hinab und erstarrte an ihrem Dekolleté, dass ich nur aus dem Grund so nannte, weil ich mir dabei wenige schäbig vorkam. Ich schloss die Augen und lehnte mich gegen das Straßenbahnfenster, ließ die Vibration der Fahrt durch meinen Kopf ziehen und spürte, wie der Tag von mir abfiel und sich angenehme Erschöpfung und sanfte Erregung in mir ausbreitete. Bezauberndes Lächeln.

Als ich die Augen wenige Momente später wieder öffnete, hatte der Mann zwei Bücher unbestimmten Einbandes in der Hand. Auf ersten Blick schienen sie sich in Farbe und Haptik wesentlich zu unterscheiden, doch ich kann Ihnen bereits versichern, dass es sich um die selben Bücher handelten. Das eine hatte nur viele Jahre hinter sich, das andere selbiges noch vor.

Ich beobachtete nun mit geweckter Neugierde den Mann, wie er zwischen den Blättern beider Bücher hin und her wechselte, sein Blick glasig und seine Hände zitternd. Er zog einen Stift aus seiner Jackentasche hervor und schrieb damit etwas in das schöne, jüngere Buch. Anschließend öffnete er das verbrauchte Buch und begutachtete einen Weile die aufgeschlagene Seite; seine Augen fixierten die Stelle am Kopfsteg, so schien es mir zumindest und ich spürte die Anspannung in seiner Haltung. Letztendlich stieß er einen erschöpften Laut aus und legte die Hände in sein Gesicht und in mir breitete sich eine Stille aus, die sich gegen meine Brust presste. Der Mann atmete tief ein und als er die Augen wieder öffnete, blickten wir uns direkt an. Ich wollte etwas sagen, wusste jedoch nicht, welche Phrasen ich formulieren sollte um mich nicht all zu sehr investieren zu müssen. Der  Mann klappte das alte Buch zu und stand auf. Er trat an mich heran und sagte:

„Willst du wissen, was hier drinnen steht?“

„Nein.“, antwortete ich.

„Gut“, und dann drehte er sich um und ging davon. Ich überlegte kurz und dann stand ich auf.

„Hey“, rief ich im nach und zog die Blicke anderer Fahrgäste auf mich. „Warten Sie.“ Der Mann stand am Ausgang und drückte den Knopf zum Aussteigen als er sich umdrehte. „Was steht drinnen?“ Die Straßenbahn hielt und er stieg aus. Mich trennten weniger Meter von der frischen Luft, doch ich weigerte mich dem Mann zu folgen. Er hatte sich umgedreht und wartete, dass ich ebenso ausstieg. Seine Augen blitzten erwartungsvoll.

„Nein“, sagte ich und da schlossen sich auch schon die Türen. Der Mann öffnete verdutzt den Mund und trat gegen den geschlossenen Ausgang.

Er schrie. Ich wich zurück und die Stille entwich aus meinem Körper und Panik öffnete sich. Die vorderste Tür beim Schaffner stand noch offen und der Mann startete darauf hin. Meine Hände verkrampften sich und mein Bauch zog sich zusammen. Der Mann schob seine Hand zwischen die sich schließende Tür und stemmte sie auf. Ein warnendes Geräusch durchzog den Zug. Ich trat einige Schritte zurück, unschlüssig, in welche Richtung ich mich bewegen sollte. Und dann fiel ein Gedanke, der einzige an den ich mich festhalten konnte. Ihre Lippen, sie standen halb geöffnet, ihr Gesicht, dass heute noch gelächelt hatte formte sich zu einer erschrockenen Zügen und mit einem Hauch rief sie mir zu:

„Lauf!“

Ich drückte im schnellen Takt den Ausstiegknopf der Straßenbahntür, doch diese entzog sich jeglicher Reaktion. Der Mann stand im Mittelgang und trat an mich heran.

„Willst du wissen was hier drinnen steht“, fragte er mich. Ich atmete schnell und versuchte meine Finger zu fokussieren, die sich um eine Stange gewickelt hatten. Die Luft in meinen Lungen schien dünn und unbrauchbar. Mein Sichtfeld flimmerte. Der Mann kam näher. Meine Beine versagten. Mit einem Satz, der mir beinahe das Bewusstsein kostete, griff der nach mir und packte mich am Kragen.

„Vorsicht.“ Er führte mich behutsam auf die  nächste Sitzgelegenheit heran.

„Hier.“ Der Mann griff in seine Tasche und zog einen Asthma-Spray hervor. Ich schüttelte den Kopf und versuchte in Richtung meines Rucksackes zu deuten.

„Das ist der Selbe.“ Ich versichere Ihnen, es war der selbe.

Da ich keine Möglichkeit sah mich zu wehren, lies ich den Mann das Medikament an meine Lippen heranführen und den abgestandenen Geschmack in mich hinein sprühen.

„Gleich.“, sagte er.

Mein Puls beruhigte sich. „Ich weiß.“ Mein Atem wurde tief. „Ist ohnehin nur psychosomatisch“, fügte ich hinzu.

„Ich weiß“, sagte der Mann. Und nach einer kurzen Pause: „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Wir saßen einen unbehaglichen Moment still nebeneinander, der vertraute Fremde und ich, immer weniger auf meine Atmung achtend. Der Schwindel zog vorbei und ich presste meine Lider aufeinander, drückte die Ansammlung an Tränen heraus, die sich in solchen Zeiten stets in mir ansammelten. Ich wollte laut aufschreien.

Der Zug blieb an der nächsten Station stehen und die Türen öffneten sich.

„Wollen wir?“, sagte der Mann und verwies auf den Ausgang. Ich nickte, und trat vorsichtig aus dem Waggon. Wir warteten bis die Straßenbahn abgefahren war und dann atmeten wir beide tief ein. Die ganze Zeit über hielt er beide Bücher in den Händen von denen er mir nun eines gab.

„Bitte öffne es“, sagte der Mann.

„Wer sind Sie? Wir kennen uns, nicht wahr? Sie sind wahrscheinlich öfters im Geschäft, es tut mir leid, ich bin nicht sonderlich gut mit Gesichtern, manchmal brauche ich vier bis fünf Anläufe um…“

„Öffne das Buch.“

Ich verstummte und nahm das Buch entgegen, dass er mir geduldig hinhielt.

„Danke.“ Er lächelte. Und: „Du bist nicht schlecht in Gesichter merken, zumindest nicht schlechter als ich. Du denkst zur Zeit nur an eines.“ Wir sahen uns an, und ich merkte, wie mein Atem wieder flacher wurde.

„Keine Angst“, fuhr der Mann fort, „öffne das Buch und schreib etwas hinein.“

„Was soll ich schreiben?“

„Ihren Namen.“

„Wie bitte?“

„Du weist, was ich meine“, seine Stimme  blieb freundlich, doch meine Finger begannen sich wieder zu verkrampfen. Ich schielte zur Seite um nach Fluchtwegen ausschau zu halten.

„Nur ihren Vornamen. Bitte. Sonst nichts.“

Ich nickte, nahm so ruhig wie mir möglich den Stift aus seiner Hand und öffnete das Buch.

„Egal wohin.“

Bezauberndes Lächeln. In meinem Kopf hallte ihre Stimme. Woher kannte ich sie? Ich schrieb ihren Namen und als ich fertig war, fiel mir auf, dass er mir völlig fremd war.

Ich nahm das Buch entgegen und in weiter Ferne entstand eine Erinnerung an einen Menschen, den ich einmal geliebt hatte und ein anderes Mal nie kennen gelernt hatte. Ein letztes Mal, dachte ich. Ich sah meine Schrift und ich sah mich selbst gegenüberstehend, vergessend, dass sie jemals existiert hatte, nur weil ich es nicht lassen konnte, mich auch hier auszubreiten. Ich war eine Krankheit, sagte ich mir immer wieder, ich gehöre ausgemerzt, doch zugleich wusste ich, dass dem nicht so sein wird. Ich lies mich stehen, dieses Ich, dass nicht wusste, wer er war, mich, den ich gerade um seine Liebe beraubt hatte und schritt von dannen. Heute würde ich mich wieder in mein Bett legen und morgen würde ich wieder Jahre zuvor erwachen, stets in einer neuen Welt, wartend auf den einen Tag, der es mir ermöglichen wird, sie noch einmal zu spüren. Sie wird am selbigen Tag sterben, denn dieses bezauberndes Lächeln erlischt, sobald ich es zum letzten Mal erblicke.

Ich erwachte jung und machte mich auf den Weg. Alle Tage waren gleich, und unterschieden sich nur marginal. Ich suchte sie auf und sprach sie an. Es wurde immer einfacher. Es ist nicht schwer, jemanden zu lieben, der dich bereits hundert Jahre kennt.

In jeder Welt gibt es ein Opfer. Wenn ihr Name in beiden Büchern auftaucht, gibt es zwei.

In jeder Welt gibt es die Maschine. Nicht in jeder Welt, finde ich sie.

Manchmal sehe ich mich mit einem Buch in der Straßenbahn herumfahren. Dieses Buch hat sie mir einmal geschenkt. Ich habe Angst, dass eines Nachts mir jemand ein Buch überreicht und ich ihren Namen vergessen werde. Eines Tages wird eine Seite in dem Buch fehlen. Wenn alles so geschieht, wie es geschieht, bleibt das Buch ganz, an dem Ort, an dem ich es das letzte Mal gesehen habe. Eines Tages wird eine Seite fehlen. Und eines Tages, das ganze Buch.

(Mein Atem wird flacher, meine Finger verkrampfen sich.)

Und eines Tages wird sie fehlen und ich werde die letzte Welt gefunden haben, in der sie existiert.

Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das dieser Tag endlich eintritt.

Handbuch der Einsamkeit und des Vergessen: Braaaains go awry und „Killing Swan“

[prevously on]

Die Sonne stieg auf und das Schreien an, immer lauter, bis es zu einem schwarzen Rauschen wurde, welches sein Umfeld bedeckte. Er schien der einzige der Anwesenden zu sein, der sich darüber ärgerte; rund um ihn wurde gelacht und in verschiedenen Sprachen durcheinander gerufen (oder vielleicht war es alles die selbe Sprache, doch für McCherry war das all nur der übliche Brei, der sich aus den Mäulern seiner Mitmensche ergoss). Toki schnarchte leise unter der Last der Seiten. Eine Schnulze, da war sich McCherry sicher. Oder ein Zombie-Roman, verbesserte er sich, dieser Mist lag zur Zeit im Trend. Er hatte kein einziges Buch über Zombies in seinem Laden und er war stolz drauf. Zumindest würde er das den Menschen antworten, die ihn darauf ansprechen (ergo, niemand). Toki vielleicht. Aber sie würde ihn eventuell dazu überreden Zombe-Bücher in sein Sortiment aufzunehmen und dass sollte tunlichts vermieden werden. Außerdem waren Tokis Ideen Müll; juveniler und von angeblichen Subkulturen auferlegter Müll. Flip-Flops. In einem Theaterstück würde er jetzt stutzen.

McCherry sah sich um. Die Einöde bereitete ihm Kopfschmerzen, der Boden nährte sich von der Hitze und gab sie an die Badenden ab, die sich ohne weiteres neben Plastikmüll und Ameisenhaufen niederließen. Einige Meter vor ihm patrouillierte drei Schwäne, wahrscheinlich auf der Suche nach etwas Essbaren. Die Gang wurde vom Großteil der menschlichen Besucher verscheucht, doch ein Kind machte den Fehler, ihr ein Stück seiner Jause vor die Schwanfüße – McCherry fiel beim besten Willen das richtige Wort dafür nicht ein – zu werfen. Sofort hatten die Schwäne das Kind umzingelt und warteten ungeduldig auf Nachschub.

Schwan 1: Yo, mann! Da gibt’s Krümmel!
Schwan 2, aufgeregt: Wo, wo, wo, wo? Was? WO?
Schwan 1: Yo, hier! Der Kleine hat mir gerade was zugeworfen!
Schwan 2, seine Flügel flattern: Aaaalter, ich will auch ’n Stück! Sag dem Scheißer, er soll mir auch ’n Stück abgeben!
Schwan 1: Yo, du hast den Mann gehört. Also rück raus.
Schwan 3 positioniert sich bedrohlich hinter das Kind.
Schwan 2, hebt gleich ab: Was is‘ jetzt?! Fuck, ich brauch ’n Stück, jetzt. Echt, weiches, geiles Brot, echt!
Schwan 1: Yo, bist du taub? He, kleiner?
Schwan 2, seine Schwanfüße treten nervös von einem aufs andere: Weich, oder den Rand, scheißegal! Ich brauch das Zeug, jetzt. Fuck, Brot oder eines seiner Augen, is‘ mir gleich!!
Schwan 1: Yo, du hast ihn gehört, oder etwa nicht? Ich mein‘, der is‘ echt drauf, dass willst du nicht riskieren, echt nicht.
Schwan 2, er kichert: Echt nicht, echt nicht!
Schwan 3 bleibt ruhig als das Kind zurückweicht, schneidet ihm den Rückweg ab.
Schwan 1: Yo, du bist echt in der Klemme. Rück raus, sonst…
Schwan 2: Sonst spieß ich dich auf, wie einen Wurm, du kleiner Hoßenscheißer!! Gib. Jetzt. Her!
Schwan 3 lässt ein Butterfly-Messer aufklappen und nickt bestimmt zu seinen Kollegen rüber.
Schwan 1: Yo, jetzt bist du dran, zu lange gewartet. Wenn der mal Blut gerochen hat, Alter, da kann nicht einmal ich dir helfen, du bist so in der Scheiße, echt jetzt…
Schwan 2, er schreit mittlerweile: Fuck! Wo ist das Brot, Mann! Ich dreh durch, ich sag’s dir, ich dreh durch, ich… schneid‘ den Kleinen auf, ich hol mir das Brot direkt von der Quelle!
Schwan 3 stößt das Messer in den Hals des kleinen Jungen. Blut spritzt auf sein weißes Gefieder. Seine Kollegen lachen hämisch, doch er verzieht keine Miene.

McCherry drehte sich verstört um. Er griff sich eine von Tokis Zigaretten (blaue Pall Mall, echt jetzt?) und atmete tief durch. Als er sich wieder dem Kind zuwendete, sah er, wie irgendjemand die Schwäne mit einer Tragetasche davon jagte. Das Kind weinte und ließ Brotreste auf den Boden fallen, auf die sich die Schwäne gierig stürzten, als es von einem Erwachsenen weggetragen wird. Scheiß Schwäne, dachte sich McCherry und zündete sich sein Zigarette an. Er nahm einen festen Zug. Bergluft, schoss ihm durch den Kopf und er und verzog das Gesicht. Distanziert beobachtete er weiter die Szene. Die drei Schwäne hatten sich mittlerweile gegeneinander verschworen und pickten hasserfüllt aufeinander ein. Als sich herausstellte, dass der Schwan mit dem Messer sich als stärkster der Gang erwies, watschelten die beiden in Richtung des Erwachsenen, der gerade den Jungen gerettet hatte. Dieser fuchtelte mit seiner Tragetasche ein weiteres Mal in Richtung der Angreifer, bis er bemerkte, dass sich seine Waffe gegen furiose Schwäne als ineffizient erwies. Schwan 2 hatte ihn mittlerweile eingeholt und schnappte nach seinem Bein, der Mensch ließ Tasche und Kind fallen und begann nach dem Schwan mit Füßen und Händen zu treten. Das letzte, das McCherry sah bevor er sich wieder umdrehte und die Zigarette ausdämpfte (es war noch die Hälfte da, aber sie schmeckte beschissen) war, wie Schwan 1 den Mann niederhielt, während der andere seine Augen auspickte.

„Hey!“ McCherry rüttelte an Tokis Bein.
„Hmäh…“ Ihr Buch – eine Schnulze oder eines über Zombies – fiel ihr vom Gesicht und Toki wendete sich angewidert von der Sonne ab, die ihr somit ins Gesicht strahlte.
„Toki, es ist langweilig!“
„Alter, dass ist nicht mein Problem.“ Man hörte ihr an, dass sie gerade aufgewacht ist.
„Doch! Es war deine Idee hierher zu kommen und jetzt bin ich hier gefangen, in dieser Einöde und außerdem…“
„Fuck!“ Toki richtete sich auf, ihr Gesicht war von Zorn verzerrt: „Benimm dich wie ein Erwachsener und finde etwas, womit du dich beschäftigen kannst!“
„Und außerdem, glaub‘ ich, wollen die Schwäne mich killen…“
„Die wollen ficken, sonst nichts.“
„Nicht besser.“
„Hier“, Toki nahm ihr Buch und reichte es McCherry. „Ließ das und halt endlich die Klappe. Seit dem wir hier sind…“
„So etwas lese ich nicht.“
Toki atmete einen tiefen Zug Strandluft ein, den sie schließlich in einen majestätischen Seufzer münden ließ. Wenigstens waren ihre Augen nicht mehr mit Wut durchtränkt. Sie blickte von unten zuerst auf McCherry und dann auf das Buch hinauf und mit einem Ganzkörperachselzucken ließ sie es in die trockene Erde fallen.
„Natürlich nicht. Wie konnte ich das vergessen. Du ließt ja nur…“ Sie machte eine Handbewegung die niemand auf diesem Strand hätte deuten können.
„Zeug. Existenzialistisches Zeug.“
„Existenzialistisch.“
„Fick dich. Existentiell.“ Ihr Blick hatte sich erneut verdunkelt. „Wieso musst du immer alles besser wissen? Weißt du. Dass ist der Grund, warum niemals irgendwer -“
„Niemand.“
„Niemand.“ Toki schrie. „Niemals niemand irgendwer in dein verficktes Geschäft kommt! Weil du ein überheblicher Wichsarsch bist und jeder, der nur einen Fuß in den Laden setzt, bemerkt dass. Au-gen-blick-lich.“
„Der Grund, warum sie nicht in meinen Laden kommen, ist, dass ich mich weigere Literatur ins Sortiment zu nehmen, die sich nur an das kommerzielle Bewusstsein unserer Gesellschaft orientiert und die nur noch produziert wird um die gierige Kundschaft mit den neusten Trends zu ver-“
„Siehst du?“ Sie hatte sich etwas beruhigt, zitterte noch unter dem vorherigen Wutausbruch. „Mann, du siehst es nicht einmal. Die ganze Zeit, du bist ein so unglaublich überheblicher Arsch, dass es weh tut in deinem Schatten zu stehen.“
McCherry runzelte die Stirn.
„Ja…“ Toki griff sich eine Zigarette und fuhr fort, nachdem ihr McCherry – etwas schuldbewusst, doch er wusste nicht wieso – Feuer gab: „Sprichwörtlich.“
Schweigen legte sich über unsere beiden Helden des Tages, es übertönte den Lärm der Besucher, das Geschrei der Kinder und den Blutdurst der Schwäne.
McCherry bemerkte, dass ihn das Schweigen schmerzte und er setzte an: „Ich weiß zwar nicht, wie du das meinst, aber ich kann dir versichern, dass ich dir sicher nicht im Schatten, ich meine, im Weg stehen werde, wenn du…“ Eine ausladende Handbewegung.
Toki verdrehte die Augen. Das einzige Mittel der Kommunikation, welches beide gleichermaßen verstanden. Dieses und obszöne Gesten.
„Das war nicht so gemeint.“ Sie atmete heißen Rauch aus. Ihre Kehle kratzte, doch sie wollte keinesfalls husten. „Das war so dahin gesagt, ich weiß, es passt nicht… aber es un-ter-streicht“, die letzte Silbe zog sie genussvoll lang und McCherry musste sich winden, „genau meine Punkt. Du bist so ein Besserwisser.“
„Besserwisser.“
„Ein lustiges Wort, ich weiß.“ Beide mussten grinsen, doch sie wussten, dass sie das nicht wirklich wegen des Wortes taten.
„Manchmal glaube ich, du magst es, wenn ich dich beschimpfe.“
McCherry antworte nicht. Er merkte, wie sich um sein Herz eine Sanftheit gelegt hatte, die wirklich zu dem Zeitpunkt eingesetzt hatte, als Toki ihre Stimme erhoben hatte. Als sie ihn jetzt darauf ansprach, sank es wie ein Anker in ein teeriges Meer aus Erkenntnis.
„Was du meinst“, begann er vorsichtig, „ist ein masochistisches Gelüst, welches ich bei mir noch nie beobachtet habe. Auch jetzt liegst du falsch.“
„Ja, whatever. Ich meine ja nicht, dass du auf dieses S/M Zeug abfährst.“ Einen Moment nach ihrer Aussage, bemerkte Toki die Frivolität, die ihrer nicht gemachten Unterstellung zu Grunde lag.
„Nicht das zum richtigen Zeitpunkt gegen etwas“, sie machte eine feline Geste und untermalte diese mit einem Knurren, „einzuwenden ist.“ McCherry blickte sie an, als hätte er soeben einen Schwan gesehen.
„Sorry“, murmelte Toki. Sie schüttelte den Gedanken an Peitschen und Chromdildos ab und wiederholte noch einmal kopfschüttelnd die vorherige Geste.

Eine Zeit lang saßen Toki und McCherry auf der Decke und blickten auf das Wasser und dachten darüber nach, wie sie sterben würden. Toki war von den Wellen des Wassers an einen Pool erinnert worden, in dem sie sich als Kind den Kopf gestoßen hatte und zwei Minuten unter Wasser getrieben war, bis sie endlich jemand bemerkt hatte. Damals dachte sie nicht daran, dass sie jetzt sterben würde, doch ihr restliches Leben würde sie diesen Moment so in Erinnerung halten: ihre erste Begegnung mit dem Tod. McCherry dachte ständig an den Tod und seine fatalen Fantasien nahmen andauernd grausame Züge an. Doch in der Stille, die das Schweigen zwischen ihm und seinem einzigen Freund gebildet hatte und den Lärm der Außenwelt abschirmte, fiel es ihm schwer, sich seiner makabren Vorstellung hinzugeben, die er nur all zu gerne in einen Horrorfilm (Working Title: Killing Swan) verwandelt hätte. Er dachte an einen leeren Raum, keine Fenster und nur Licht. Ein Bett und ein Laken. Die Tür öffnet sich und das Laken bewegt sich sehnsüchtig. Es rutscht hinab und McCherry weiß, wer sich unter der Decke verbirgt. Und er weiß, wer hinter der sich öffnenden Tür wartet.

„Ich werd‘ mal schwimmen gehen.“ Toki unterbrach die Stille und der Lärm setzte wieder ein.
„Worum geht’s in dem Buch. Um Zombies?“
Toki wackelte mit ihrer Hüfte um sich von der Jeans zu befreien.
„Gehiiiirne.“
„Echt jetzt.“
„Nein, nicht echt jetzt.“ Toki entledigte sich ihres Tops. Ihre Figur war nur noch in den türkisen Bikini gehüllt, der McCherry bereits vorhin aufgefallen war, als er unter der Jeans herausgelugt hatte. Auch wenn er dies nie zugeben würde. Er sah schnell in eine andere Richtung.
„Zu allem muss man dich überreden und von allem muss man dich überzeugen. Wann warst du das letzte Mal im Kino, ohne vorher die Kritik zu lesen?“
„Ich lese nicht immer die Kritik, manchmal check ich einfach den Meta-Score und auf dieser Basis, entscheide ich dann-“
„Bla. Wenn du wissen willst, worum es in dem Buch geht, nimm’s dir einfach. Es ist ohnehin aus dem Laden.“
„Hast du dafür gezahlt?“ McCherry hatte sich umgedreht und konnte gerade noch erkennen, wie Toki die Finger aus ihre Unterteil herauszog, welches sie sich gerade gerichtet hatte, so dass es nicht zwickte. Der Gedanke an einen Geruch fiel ihm ins Gedächtnis und brachte ihn kurz aus dem Konzept. Toki sah ihn verständnislos an. Beide warteten auf einen Comic-Relief.
„Äh. Nein?“
McCherry bekam eine Gänsehaut.
„Das ist ohnehin nicht dein ernst, aber wieso sollte ich?“ Sie drehte sich um und schritt zum Wasser. McCherry ging ihr nach, ohne zu wissen wieso. Geistesabwesend stand er mit seinen Füßen im Wasser und beobachtete Toki, wie sie vorsichtig in die warme Brühe stieg.
„Du willst doch nicht so“ (schon wieder langgezogen, das brachte ihn etwas zurück), „ins Wasser gehen!“, sagte Toki mit einer Ironie, die auf irgendeinen Film anspielen musste.
„Äh. Nein?“ McCherry stieg wieder aus dem Wasser.
„Ich schwimm‘ mal zu den reichen Wichsern rüber“, sagte Toki und zeigte auf das andere Ufer. McCherry konnte einen Steg erkennen, breit mit einer Rehling daran und in langen Reihen standen Liegestühle unter Sonnenschirmen.
„Die haben sogar einen Rettungsring! Schau!“ McCherry malte sich einen rot-weiß-roten Ring aus, den er aus verschiedenen Medien kannte, aber noch nie in real gesehen hatte.
„Ich klau‘ mir diesen Rettungsring.“ Tokis Augen blitzten auf. Sie spielte ihm einem wahnsinnigen Blick zu: „Zu erst der Rettungsring und dann die Welt…“ Sie tauchte ab. McCherry sah den Luftblasen verständnislos nach. Über dem Steg erhob sich ein Kran und das bewohnte Gebiet hinter der anderen Uferseite breitete sich vor seinen Augen aus.
„Bist du dabei?“ Toki war wider aufgetaucht. Die Menge an Smalltalk hatte auch für sie bereits ein Maximum erreicht und sie knetete nervös mit ihren Händen. Sein Unwillen mit ihr Konversation – und sei es auch nur ein Fake – zu führen, lösten in ihr ein unverständliches Unwohlsein aus. Seine ausstehenden Antworten machten sie nervös. McCherry löste den Blick von der inspirationslosen Kulisse und endlich: „Äh, ja. Nein. Nein, das würde nur schief gehen. Du und Weltbeherrschung. So was von schief.“ Den letzten Teil murmelte er vor sich hin.
Toki kniff ihre Augen zusammen: „Einen scheiß geht das schief.“ Das Wasser reichte ihr bis zu den Brüsten, unter dem Bikinistoff konnte McCherry ihre Brustwarzen erkennen. Er atmete tief aus und sah wieder ans andere Ufer; es blitzte auf.
„Wenn ich erstmal den Ring habe… sie zu knechten!“ Doch McCherry stieg nicht darauf ein. Er starrte wieder unvermittelt auf die gegenüberliegende Seite des Sees.
„Mann, leg dich in den Schatten. Du scheinst zu viel ab bekommen zu haben,.. hast du etwa?“ Toki spitzte ihre Lippen und führte drei Finger zum Mund, simulierte einen Zigarettenzug.
„Was? Nein. Hast du was mit?“
Toki zuckte lediglich mit den Schultern.
„Aber du hast Recht. Schatten.“ Er drehte sich um und beide blickten zu dem erbärmlichen Gestrüpp hinüber.
„Na na na.“ Toki beschwörte ihn mit einer belehrenden Geste. „Du weißt…“
„Ja, fickende Schwäne.“
„Bis gleich.“ Und weg war sie.

McCherry durchsuchte Tokis Badetasche nach Gras. Ein Schwan beobachtete ihn misstrauisch, doch ebenso hoffnungsvoll. Vielleicht sprang ja etwas Brot bei der Suchaktion heraus. Unter den Handtüchern war ein silbernes Etui versteckt, welches dem, dass er besaß überaus ähnlich sah. McCherry blickte verdutzt auf das Etui und drehte sich nach seinem um. Die Ähnlichkeit war verblüffend, wie man so sagt. Tokis Etui klemmte etwas, doch nach einer kurzen Fingerübung schnappte es auf und McCherry fand eine Reihe säuberlich gewuzelter Joints vor. Er griff sich einen und zündete ihn – nach einem kurzen Rundblick – genüsslich an. Die Sonne hatte mittlerweile den Zenit erreicht, die Schwäne hatte alle Leichen im Gestrüpp verstaut, Toki war mit den anderen Schwimmern zu einem Teil der glänzenden Oberfläche verschwommen. McCherry hatte sein Hemd aufgeknöpft und die Badehose angezogen; es war schlicht zu heiß um in voller Montur herum zu rennen. Sein Kopf wurde schwerer, als er den Joint zur Hälfte reduziert hatte. Er musste husten und dämpfte vorsichtig aus. Er schritt etwas benommen Richtung Wasser und suchte mit zusammengepressten Augen den See ab. Als er Toki nicht finden konnte, schritt er weiter voran, vorsichtig seine Schritte bemessend. Er drehte sich kurz um und sah, wie der Schwan, der ihn vorhin beobachtete hatte, auffällig nach ging. McCherry ballte seine rechte Hand zu einer Faust und schritt weiter. Im Rücken spürte er den drohenden Blick seines Verfolgers. Je näher McCherry dem Ufer kam, umso lauter wurde die Stille, die unvermittelt eingesetzt hatte. Sie erinnerte ihn an das Schweigen zwischen ihm und Toki, an den Rettungsring der die Macht bedeutete, an das Laken und an die Tür. Ein Spalt breit. McCherry stand nun im Wasser, ein Flip-Flop versuchte sich von seinem bleichen Fuß zu lösen. Er konnte Toki noch immer nicht finden, mittlerweile war es komplett still geworden. Und dunkel. Eine Wolke musste sich vor die Sonne geschoben haben, die hinter ihm runter gebrannt hatte. Er wagte es nicht sich umzudrehen. In den Augenwinkeln beobachtete er eine Familie, die ebenso stumm auf das Wasser starrte. Eine bekiffte Mattheit ergriff ihn und Panik stieg in ihm hoch, sein Blick flog über die Wasseroberfläche zum anderen Ufer und suchte es ab. Vielleicht hatte Toki es bereits erreicht und winkte ihm nun herüber. In Gedanken sah er sie im ihrem türkisen Bikini, wie sie ihm öbszöne Gesten vom gegenseitigen Seeufer deutete. Angestrengt suchte McCherry weiter. Der Steg. McCherry stand bis zu den Knöcheln im Wasser. Der eine Flip-Flop hatte die Freiheit erlangt. Der Steg war nicht mehr da. McCherry rieb sich die Augen und seine Hände zogen sein Gesicht nach unten.
„Fuck.“
Die Hütten und Gärten und Zäune reihten sich aneinander, doch vom Steg war nichts zu sehen. McCherry zitterte. Panisch suchte er das andere Ufer ab, zeichnete in seinen Erinnerungen markante Punkte um sie auf die Realität umzulegen. Es war doch noch… sein Hemd schwamm auf der Seite davon. Er stand bis zur Brust im Wasser, konnte sich nicht erinnern, sich ausgezogen zu haben. Sein nackter Fuß zwickte. Der Kran. McCherry suchte die Silhouette des anderen Ufers ab, versuchte verzweifelt etwas zu finden, dass ihm bekannt vorkam. Er spürte eine Präsenz hinter seinem Rücken und atmete tief ein. Der Kran ragte hoch über dem bewohnten Gebiet der „reichen Wichser“ und zeichnete eine Linie zu dem Ort, wo McCherry den Steg erinnerte. Doch unter dem Kran lagen nur weitere Häuser. Er öffnete den Mund um etwas zu rufen. Wind fuhr ihm durch die Haare, doch das Wasser bewegte sich nicht im selben Rhythmus. Er konzentrierte sich, schritt jeden Meter genau ab, zeichnete noch einmal die Linie der Spitze des Kranes hinab, dennoch. Hatte sich der Kran bewegt, hatte er gewendet? McCherry hatte Tränen in den Augen. Er konzentrierte sich auf die Stelle, an der er den Steg vermutete. Je genauer er sah, umso klarer erkannte er: ein beiges Haus, Fenster, ein schlichter Zaun und die Auffahrt, in der ein Geländewagen parkte. Der Wagen blitzte auf. McCherry wich zurück. Er glaubte sich an den Geländewage erinnern zu können. Glauben zu können. Sein Hemd trieb ab und ihm folgten zerfledderte Zettel. McCherry glaubte seine Handschrift erkennen zu können. Tränen liefen seine Wangen hinab. Sein Herzschlag war hörbar, ein Takt zu dem seine Fäuste unter Wasser zuckten. Er schloss die Augen und erkannte in der Finsternis seiner Lider ein Laken, ein Blitzen, eine Tür, einen Geländewagen, einen Spalt und eine Hand, die sich kalt um seinen Nacken legte. McCherry zuckte zusammen und spürte, wie die Hand fester zu drückte und sein Gesicht langsam an die Wasseroberfläche führte. Er dachte daran wie er sterben würde und stellte sich vor, wie er sich den Kopf stieß  und bewusstlos unter Wasser trieb. Erinnerte sich. Er spürte das warme Wasser seinen Nacken hinabtropfen und eine weitere Hand legte sich auf seine Schulter, die Präsenz beugte sich an sein Ohr und flüsterte in einem tiefen, unheilvollen Ton: „Gehiiiirne.“

Character Sheet #01: Tokimimotaku

Das einzig Wahre, dass wir jemals über N erfahren werden, ist ihr zweiter Name; nicht ihr Nachname, oder der Name, den ihr bei ihrer Geburt zugeteil wurde, sondern der Name, den sich N erwählt hatte, als man sie danach fragte. Er lautet Tokimimotaku und niemand, dem sich Tokimimotaku vorstellte, konnte ihren Namen auf Anhieb aussprechen. In Anbetracht der Zeit verzögernden Umstände die es bedarf, ihren Namen und die dazugehörige Betonung richtig zu verwerten, durfte man sie auch Toki nennen; es beleidigte sie zwar jedes Mal ein wenig, doch sie ließ sich es nicht anmerken. Außerdem war es immer noch besser, als den Stich, den sie verspürte, wenn man sie mit ihren alten Namen* ansprach. Tokimimotaku war der Name, den sie Leuten mitteilte, die sie gern hatte; Tokimimotaku – malte sich N aus – war ein lautes Ausatmen, ein Stöhnen, welches man verlor, wenn man sie sah, ein feuchtes Wischen über die Lippen, wenn sie sich über ihre Schriften bückte und man in ihr tiefes Dekolleté blicken konnte. Ein Stocken, nach geübter Aussprache, ein bewusstes Stocken und eine Bewegung mit der Zunge, eine Name, der so zauberhaft war, wie ihr Träger selbst. Man stellte sich automatisch vor, wie es sein müsste ihren Namen beim Sex zu rufen und zugleich schämte man sich für den Gedanken. Tokimimotaku bemerkte schnell, dass ihr Name den Leuten gefiel und sie behandelte ihn stets mit einer gewissen Würde und einem unüblichen Stolz, der daraus resultierte, dass sie ihren Namen selbst gewählt hatte und sich nicht von den schrecklichen Institutionen zu einer lebenslangen Last ungefragt verdonnern ließ. Die sechs kurzen Silben waren das Höchstmaß an Vertrauen, dass Tokimimotaku ihren Mitmenschen zutraute: während alle ihren Namen aussprechen durften, alle zugleich Träger und Vermittler dieser Wortkreation waren, war es das Einzige, was man jemals von Tokimimotaku über Tokimimotaku erfahren würde. Zumindest, dass einzige, was der Wahrheit entsprach.**

Tokimimotaku sprach gern über ihren Namen, auch wenn sie gerne den Eindruck vermittelte, dass es ihr auf die Nerven ginge. Doch das Luftholen, der aufgesetzt freundliche Grinser, die kurze Drehung ihrer Augen waren alles einstudierte Reaktionen, die ihren Charakter – oder den Charakter den sich Tokimimotaku erbaut hatte*** – unterstreichen sollte: nach einer kunstvollen Pause (in der Tokimimotaku gerne annahm, dass man annahm, dass sie sich zierte, aber dann aufgrund der Unwiderstehlichkeit ihres Gegenübers sich doch erbarmte, die Geschichte ihres Namens zu erläutern) stieß sie einen leichten Seufzer aus, bei dem sie ihren Blick starr auf den Fußboden oder was auch immer zwischen ihr und dem Fußboden lag richtete, um mit einer leicht schwungvollen Bewegung den Kopf in Richtung ihres Gesprächspartners richtete und ihn dann anlächelte. Ich glaube, dass Tokimimotaku damit gerne flirtet, oder durch ihr mädchenhaftes für-dich-tu-ichs-Gehabe verführerisch wirken will, doch meist war es nur merkwürdig mit anzusehen und die gewollten Pausen wirkten eher so, als hätte Tokimimotaku ihren Text vergessen. All jene, denen die Prozedur bereits bekannt war, fanden sie dadurch nur noch seltsamer. Doch viele störte vor allem, dass sie selbst Opfer von Tokimimotakus kommunikativer Übung geworden sind und es berfremdlich fanden, dass sie mit jedem so redete, der sie nach ihrem Namen fragte (vielleicht wurde das gewünschte Resultat eben doch erzielt: tief im Unbewussten hattest du also doch gehofft, dass Tokimimotaku sich nur für dich sich auf die langweilige Suche nach dem Ursprung ihres Namens machte und die Erkenntnis, dass sie dich an der Nase rumgeführt hat, bricht dir zwar nicht das Herz, aber- ). Niemand zweifelte die Authentizität von Tokimimotakus Namen an, doch die japanische Konnotation die dem Namen innewohnte veranlasste viele Gesprächspartner dazu, nach Tokimimotakus Abstammung zu fragen (was hauptsächlich daran lag, dass die meisten Gesprächspartner nicht sonderlich gut im Gespräche-führen waren und bevor ihnen die Luft ausging, sie lieber die Offensichtlichkeiten ansprachen, als sich anzustrengen und etwas Unaussprechliches zu verlautbaren). Der Diskurs übers Tokimimotakus Abstammung nervte sie unglaublich und sie trat ihm im Gegensatz zu den vielen anderen Dingen die sie nervten, offen mit Abneigung gegenüber (hier hätte sie sich ihre eingeübte Reaktion abschauen können, doch Tokimimotaku reagierte auf die Frage nach ihren nicht-existenten japanischen Vorfahren so feindselig, dass es vielleicht doch nicht ratsam war, diese Reaktion in ihre Rolle zu übernehmen. Sie fiel ohnehin fiel zu oft aus dem Charakter). Kein Thema konnte Tokimimotaku schneller dazu bringen, das Maul zu halten. Mit Ausnahme ihrer Vergangenheit.****

Tokimimotaku war eine langweilige junge Frau. Dies war nichts besonders, der Großteil der menschlichen Bevölkerung ist langweilig. Die Anzeichen für einen langweiligen Menschen (anhand des Beispiels Tokimimotaku) sind wie folgt: geregelte Arbeitszeiten mit geregelten Einkommen, monatliche Kinobesuche und monatliche Enttäuschungen, eine häufige Verwendung von derben Schimpfwörtern und eine häufige Entschuldigungsrate, chronische Blasenentzündung und chronische Apothekenbesuche, zahlreiche gelesene Bücher am Nachttisch und zahlreiche ungelesen Bücher im Schrank (der vielleicht im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer steht), ein umfangreiches Wissen über britische Musiker und eine umfangreiche Sammlung an Konzertkarten, mühselige Stunden im letzten Level eines Videospiels und mühselige Stunden, die ihr an Schlaf fehlten. Sollte jemand sich von Tokimimotaku verstanden und angesprochen gefühlt haben, war diese Person meist auch langweilig. Meist langweiliger. Tokimimotaku konnte nicht Klavierspielen oder fließend Latein sprechen, sie hatte keine hellseherische Begabung und in Mathe war sie gerade so gut, dass es nicht auffiel, wie beschissen sie darin war. Tokimimotaku schrieb gerne doch ihre Lyrik sprach niemanden der menschlichen Rasse an und jene die das Gegenteil behaupteten, wollten lediglich ihren Schwanz in Tokimimotakus Möse rammen*****. Ebenso wenig war Tokimimotaku für das Ende der Welt verantwortlich oder die Rettung selbiger, sie verliebte sich nicht in Vampire oder Werwölfe, konnte die Zeit nicht anhalten und ob sie fliegen konnte, war ebenso unbekannt (es wurde zwar nie das Gegenteil bewiesen, aber das alleine macht noch keine Tatsache aus). Tokimimotaku war seit Jahren nicht mehr aus der Stadt gekommen und erinnert sich nur zaghaft an ihre Kindheit, die von Wiesen und einzelnen Häusern am äußersten Stadtrand geprägt war.

Als die Menschen noch versuchten mit Tokimimotaku zu sprechen (und die Gespräch erfolgreich um die japanischen Außenbeziehungen umschifft hatten), hatte sie Tokimimotaku stets mit Lügen gestraft. Das, was man über Tokimimotaku rausfinden konnte, war dass, was man sah (beginnend mit dem Kopfende): braunes Haar, schulterlang, Fransen, wahrscheinlich selbst geschnitten, hübsches Gesicht, große Augen, schmale Lippen, Unreinheiten an der Wange, darüber Rouge, ansonten kein Make-Up, wahrscheinlich Mitte zwanzig. Schultern umschlossen von einem sehr düsteren T-Shirt oder Hoodie, kommt auf das Wetter drauf an, Goth-Gürtel und Schlabber-Jeans und keine Schuhe. Normale Figur und etwas kurze Beine, was passt, den Tokimimotaku lügte******. Das tut sie natürlich nicht immer, aber so oft es geht. Sollten Sie also jemals einen Fuß in McCherry verstaubtes Antiquariat setzen, fragen sie die hübsche junge Dame am Tresen nach der Uhrzeit. Sollte sie Ihnen die richtige Antwort geben, haben sie wahrscheinlich das falsche Geschäft betreten.

—-

* N wie Nadine, Natascha, Nicole, Nelle, Nina, Nathalie, Nadja, Nena, Niemand, Nobody, Nothing usw. Vielleicht verstehen Sie ja, worauf sie hinaus will

** Wenn Sie die Wahrheit wollen, sollten Sie N fragen. Toki wird sie Ihnen nicht verraten.

*** Eine Charakterfrage: Für Tokimimotaku, die fest an das Nachleben aber nicht an Wiedergeburt glaubte, war es sehr wichtig, wie die Leute sie in Erinnerung behalten würden. Das hatte den Grund, dass Tokimimotaku davon ausging, dass das Jenseits sich aus den Erinnerungen der Hinterbliebenen zusammensetzte und seien es noch so unbedeutende Randfiguren, die sie mit sich trugen. So wollte Tokimimotaku ein mystisches, nicht all zu sinistres, geheimnisvolles und lustvolles Nachleben in Betracht ziehen und gewahr sich die Freiheit, ihre Person um einen solchen Charakter zu erweitern. Tokimimotaku war ein guter Mensch, freundlich, manchmal etwas lästig und langweilig, doch ihre natürliche Art zeugte von keinerlei Böswilligkeit, also hätte sich Tokimimotakus Theorie um das Jenseits bewahrheitet, hätten sie sich nicht all zu viele sorgen machen müssen. Leider hat das lebenslange Verhalten kaum Auswirkungen auf den Standard den man im Nachleben erwarten konnte und keiner von uns wird für seine Sünden bestraft.

**** Ich weiß, was sie denken und ja, der Satz klingt wie ein billiger Cliffhanger, mit dem Hauch einer Vorahnung, dass da noch was Überraschendes/Schockierendes/Erklärendes/etc kommt, aber was soll ich machen. Sie redet nun mal nicht darüber – niemals – und ja, alles was sie heute ist, hat zum Teil seinen Ursprung in den Ereignissen, die sich zugetragen haben, als wir Toki noch nicht kannten. Aber da sie nichts dazu bringt darüber zu berichten, belassen wir es dabei und Sie sollten das auch. Dead End. Dem hier wird nichts mehr hinzugefügt.

***** Wobei eine gewissen Notgeilheit durchaus vorhanden sein musste, denn Tokis dadaistischen Gedichte, waren eine Tour de Force und anders konnte sich niemand erklären, wer sich durch ihren Blog quälte. Toki war auch überaus gespannt auf Feedback – interessanterweise bekam sie von ihrem Umfeld nicht besonders viel –  so dass man sich auf ein umfassendes Gespräch vorbereiten musste, wenn man sich mal positiv über ihre Haikus äußerte.

***** Wir alle lügen, dass ist keine Überraschung, doch es ist eines der Merkmale, die einem sofort auffallen, wenn man Toki kennenlernt. Sie kann kaum drei Sätze über sich sprechen, die nicht totaler Bullshit sind. Man nennt das glaub ich pathologisch.

Wolf Pussy

Im Vorzimmer von Wolf – der darauf besteht, dass man seinen Namen wie den englischen Wolf, also woolf [ˈwʊlf], ausspricht, hängt ein Bild, dass seit Monaten seine Freunde in Verwirrung bringt; es ist die Vagina seiner Ex-Freundin Vicky, die das allerdings nicht weiß. Das weiß niemand, nicht einmal Wolfs neue Freundin Clara, die ihre Möse schon viermal von Wolf hat fotografieren lassen. Für Verwirrung sorgt eigentlich auch nicht das Bild, sondern eher Wolf: er fordert jeden seiner Gäste auf, zu erraten, was das Bild zeigt. Niemand hat es bisher geschafft, wenige erkennen überhaupt, dass es eine Fotografie ist und Wolfs Beharrlichkeit jeden wiederholt zu fragen, was er sehe, ist äußerst aufdringlich, finden die meisten. Wolf hat das Bild so sehr vergrößert und an das Objekt herangezoomt, dass es zu einem unkenntlichen, fleischfarbenen Brei wurde. Wolf beschreibt es als ein abstraktes Kunstwerk, er nennt es – originell wie Wolf nun mal ist – LUST. Seine Freunde finden das Bild weniger lustvoll; es gab bereits Berichte von Unbehagen und obwohl man nicht mit dem Finger drauf deuten kann (was Wolf immer sehr erheiternd findet, wenn es jemand wirklich tut), gibt es etwas an Wolfs Vorzimmerbild, was einen nicht direkt abstößt, aber leicht zusammenzucken lässt. Das Bild hängt unübersehbar gegenüber der Einganstür und jeder der die Wohnung betritt, wird augenblicklich damit konfrontiert. Für Wolf ist das Bild mittlerweile zur Alltagsbeiläufigkeit verschwunden, selten erkennt er es bewusst, doch freut sich stets, wenn er jemanden bittet, sich sein Kunstwerk näher anzusehen. Manchmal, nachdem er einen verstörten Gast in das Wohnzimmer gebracht hat, geht Wolf noch einmal zu dem Bild zurück und schnuppert daran, als würde er Vickys Geruch darin erkennen. Doch es riecht nur nach Plastik und Wolf zuckt mit den Schultern. Man kann nicht genau sagen, warum Wolf das macht – das aufdringliche Zeigen, das Schnuppern, überhaupt das Aufhängen einer solch intimen Fotografie, auch wenn sie niemand als solche erkennt – aber ich denke er macht es nur, weil er uns ficken will. Wolf ist ein ziemlich verficktes Arschloch und er liebt es seine Freunde ins Hirn oder in den Arsch zu ficken; sollte man mit Wolf Taxi fahren, muss man unbedingt darauf achten, als erstes aus dem Auto zu steigen, da Wolf – wenn er sich irgendwo absetzen lässt, ohne zu zahlen versteht sich – einem das Portemonaie entwendet, nur um später die Geschichte zu hören, wie man den Taxifahrer die Fahrtkosten bezahlt hat. Insgeheim will Wolf einfach nur raus finden, wie niedrig der Preis für eine BJ seiner Freunde ist um sich die Peinlichkeit zu ersparen, selbst danach zu fragen. Das ist meine Theorie. Oder Wolf klaut einfach gerne, das ist die Theorie seiner Freunde, die alle sehr gut auf ihr Portemonnai aufpassen, wenn Wolf um sie herum schleicht. Manche behaupten auch, Wolf wolle uns befreien, uns vor unsere Grenzen stellen und dabei beobachten, wie wir sie überschreiten. Den Freunden, die eine Beziehung führen hat er – nicht selten ohne ihr Wissen – eine Prostituierte bezahlt (mit welchem Geld auch immer), die sich dann beim gemeinsamen Saufgelage in Wolfs Wohnung an den jeweiligen Schwerenöter rangemacht hat (jedoch nicht ohne vorher eine – mindestens – dreiminütige Abhandlung über Wolfs Fotokunst von sich zu geben). Wenn Wolf dann genug gesehen hatte, wirft er seinen Freund raus und lässt diesen dann mit der Hure alleine stehen, während er alleine oder mit seinen  übrigen Kumpanen, die es vielleicht wissen, oder vielleicht auch nicht, weiter trinkt. Die wenigsten haben sich über die einsamen Stunden mit Wolfs Freundin beschwert, was nur beweist, dass Wolf mit seinen Freunden nicht selten zurecht fickt. Das man Wolf nicht trauen kann hat sich mittlerweile herumgesprochen, doch er schafft es dennoch immer wieder Leute um sich herum zu scharen. Das mag allerdings daran liegen, dass jeder schon mal von fast oder so richtig schlimm von Wolf erwischt wurde und die Abenden mit ihm zu einem freundschaftlichen russischen Roulette ausarten, bei dem jeder an seinem Getränk schnüffelt. Nicht dass man K.O. Tropfen riechen könnte – niemand hier weiß, ob Wolf so etwas wirklich machen würde, aber wenn, dann sind wir uns sicher, dass wir nicht mehr in der selben Stadt aufwachen würden – Urin jedoch schon. Viele Abende vergingen jedoch auch recht ereignislos, was uns erleichtert aber auch enttäuscht hat. Die Mutigen unter uns – und ich gehöre nicht dazu – sprechen Wolf dann mit seinem bürgerlichen Namen „Wolfgang“ an und kassieren eine, dass es sich gewaschen hat.. Wenn Wolf gut drauf ist, schreit er noch ein wenig I am a wolf, und parodiert seinen Nickname mit einem Heulen. Das finden wir dann immer zu Brüllen komisch (was auch daran liegt, dass niemand von uns mehr nüchtern ist, wenn beschlossen wird, Wolf Wolfgang zu nennen). Seit Wolf Gras anbaut, ist es zu weniger aktiven Zwischenfällen geschehen; gut einem seiner Gäste hat er Senf in das Haar massiert, als dieser Schlief, aber das weckte bei mir nur noch ein mildes Lachen hervor. Gras macht Wolf träge, doch ich bezweifle, dass es ihn unkreativ macht. Das Bild in seinem Vorzimmer ist der beste Beweis dafür. Wolfs dunkle Seele erachtet es nicht mehr als notwendig uns an unserem Leid teilzuhaben, sondern erfreut sich schlicht an der Tatsache, dass wir nicht mehr wissen, wann wir gefickt werden. Wolf ist kein guter Freund. Man kann sich auf ihn nicht verlassen und niemand weiß, wie er es andauernd schafft, kein Single zu bleiben, obwohl jede Frau die ich kenne, ihn abstoßend findet. Übrigens auch jeder Mann. Wolf befreundet sich aber auf Grund seiner übereifrig kommunikativen Art schnell mit fremden Menschen und der Kern seiner Gefolgschaft beobachtet Wochenende ein und aus die verschiedenen Gestalten jeden Alters und Geschlechts in Wolfs Apartment ziehen und die Fotze seiner Ex begutachtend. An einem der frühen Sommermonate schaffte es Wolf eine ganze Maturantenklasse zu sich nach Hause zu bringen, da die frischgereiften und angetrunkenen Schüler offensichtlich ignorierten, dass es in der Welt der Erwachsenen nicht Gang und Gebe ist, mit 30-jährigen langhaarigen Borderlinern umher zu ziehen. Wolf bekam am diesen Abend sehr ausführliche Interpretationen seines Bildes, vor allem von zwei zukünftigen Kunststudenten und Coffee-Shop-Baristas die ihr angesammeltes Wissen in  eine extravagante Erläuterung fließen ließen, die immerhin satte 20 Minuten anhielt. Wolf war begeistert. Am selben Abend verkuppelte er einen unserer Gefährten mit einem 15jährigen Mädchen, die sich als Schwester einer der Maturantinnen entpuppte (aber, wie Wolf schwörte, viel älter als diese aussah). Irgendwann wurde ich jedoch müde von Wolf. Er hatte einen meiner Freunde beschimpft und anschließend in die Wohnung gesperrt, weil dieser sich weigerte all seine Kontaktdaten in seinem iPhone unter „Nigger“ zu speichern. Als mein Freund Wolf nach einer längeren Diskussion als bescheuerten Rassist beschuldigte, fuhr Wolf hoch und rannte aus der Wohnung. Als ich ihm nach lief, schlug er die Tür zu und sperrte blitzschnell ab. Mein Freund hämmerte gegen die Eingangstür und schrie, wir sollen ihn verfickt noch einmal aus der Wohnung lassen, doch Wolf grinste nur. „Sag es!“ schrie er zurück und ich schüttelte nur den Kopf und flüsterte, „Mann, du bist nicht einmal schwarz, was soll der Scheiß, Mann“. Wolf, der kein Rassist war, sondern alle Menschen gleich schlecht behandelte, grinste nur weiter und zeigte mir den Mittelfinger. Ich bin nicht besonders stark, doch meine ständigen Augenringe verleihen meinem Ausdruck einen gewissen Grad an Bedrohlichkeit und obwohl ich nicht weiß, ob Wolf darauf anspricht, zeigte es Wirkung als ich nah an ihn herantrat und finster zu Wolf hinauf sah. Durch die Zähne zischte ich einen leisen Befehl und Wolf machte abweisende aber verständnisvolle Gesten. An sich hätte ich es ja kommen sehen können, doch manchmal blenden auch mich Wolfs Manöver; in dem Moment, in dem der letzte Zahn in das Schloss eindrang, stemmte sich Wolf dagegen. Die Schläge aus der Wohnung wurden lauter und die Flüche obszöner und sehr persönlich. Wolf machte die „tja“-Gestik ohne dabei das Gesicht ins Komische zu verziehen. Wir mussten den Schlüsseldienst rufen, die Kosten trug natürlich ich, da niemand der beiden Beteiligten bereit war auch nur einen Teil der Summe zu leisten. Da es dauern konnte, bis der Schlüsseldienst da war, gingen Wolf und ich auf die Straße und tranken beim Wirten ums Eck zwei Halbe auf Kosten meines Freundes, der mit der Portemonnaie-Regel noch nicht vertraut war. Als ich auf der Toilette war, änderte Wolf gelassen alle meine Kontakte und speicherte ihre Namen auf „Goebbels“ um (außer seinen, der behielt den glorreichen Titel „Fuckbuddy“). Schließlich traf der Schlüsseldienst ein und nachdem dieser sich von Wolf auf ein Bier einladen ließ – die Gelegenheit sei nicht dringend und wir (sprich ich) würden ihn auch für die Zeit entlohnen; Wolf wollte unbedingt mit ihm auf ein Bier gehen – entschloss er sich dann, die Tür aufzubrechen. Als wir an Wolfs Wohnungstür gerieten, war es erschreckend still. Und dann fiel uns der Rauch auf, der unter Wolfs Tür heraus floss. Ich schrie und der Schlosser der auf den Namen Moe von Mohammed hörte, tat sein Bestes um die Tür so schnell wie möglich zu öffnen. Wolf stand still da und in seinen Augen leuchtete es; die Tür sprang auf und Wolf drängte sich zwischen mich und Mo, fegte den Rauch beiseite, der zum Glück nicht all zu erstickend war, wie wir befürchtet hatten und breitete die Arme aus um seinen neuen Märtyrer zu umarmen. Doch in dieser Bewegung stockte er. Was bisher geschah: als mein Freund – nennen wir ihn Jo, wie Johannes oder Joseph oder Joachim, wer weiß – bemerkt hatte, dass wir nicht mehr vor der Tür standen und der Irre tatsächlich seinen Schlüssel abgebrochen hatte, beschloss Jo ebenso den Schlüsseldienst anzurufen. Und dann die Polizei. Doch als er kehrt machte, blieb sein Blick erneut an Wolfs Fotografie hängen. Er neigte den Kopf etwas und dann noch etwas und dann noch etwas und plötzlich erkannte er, worum es sich dabei handelte. Was Jo erkannte, hat er uns nie gesagt, doch er war die zwei Stunden, die er in der Wohnung verbrachte erfüllt von Glück und einem innigen Gefühl von Heimkehr, dass er sich nicht von dem Bild lösen konnte. Jo betrachtete es genau, fuhr mit seinen Fingern die verschwommenen Konturen entlang und schnupperte an seinen Fingerkuppen (manche berührte er mit seinen Lippen). Er legte die flache Hand auf die Bildoberfläche und auf diese lies er sein Ohr nieder um durch seinen Puls die Energie des Bildes zu spüren. Jo hatte sich noch nie in seinem Leben so erfüllt und so sinnlich gefühlt. Und da fiel er die Entscheidung dem Wichser eins reinzuwürgen. Jo zerbrach den Rahmen und legte die lose Fotografie vor sich hin, die unter der fehlenden Spannung in sich zusammenfiel (und ironischer weise dadurch um einiges mehr nach dem eigentlich Modell aussah) suchte nach einem Feuer und fand einen halben Joint in Wolfs Wohnschlafküche, den er zur Feier des Tages in sich aufnahm. Die Rauchschwaden des Mary-Janes schwebten über dem Bild und die Konturen wurden immer feiner und Jo musste vom ganzen Herzen grinsen als er einen letzten Blick auf das Foto warf, bevor es unter der Hitze des Zippo, das Wolf mir gestohlen hatte, nachgab und in sich zusammenfiel. Das Foto brannte noch eine ganze Weile und Jo ließ es am Fußboden liegen, wo es einen dunklen, länglichen Fleck hinterließ, welcher der Form von Schamlippen nicht unähnlich war. Wolf würde die Ironie nicht gut heißen. Die Flammen verspeisten zudem noch einen linken Stoffschuh und Teile des Müllsacks, den Wolf seit Wochen neben der Wohnungstür deponiert hatte. Dies erklärte zumindest die Rauchentwicklung, doch der Schaden hielt sich in Grenzen. Nur Wolf war nicht mehr der selbe. Als Jo bekifft aus der Wohnung trat und mir den Mittelfinger entgegenstreckte, wich Wolf demütig seinem neuen Meister aus. Jo sah ihn lange an. Dann schlug er ihn mit voller Kraft auf die Nase. Mo und ich wichen erschrocken zurück. Hinter dem blutverschmierten Gesichts Wolfs erkannte ich das bekannte Leuchten in seinen Augen, dass er bekam, wenn er merkte, dass er mal wieder einen tief in die Scheiße geritten hatte. Jo nahm sein iPhone heraus und ich nahm an, dass er ein Bild seines verletzten Gegners machen wollte, doch schweigend drehte er den Bildschirm zu Wolf und ließ ihn ein paar Sekunden darauf Blicken. Dann wischte er kurz auf und ab und sah die Sache als „gelöscht“ wie er kund gab. Und vergessen, wie er uns alle drohend fragte. Niemand nickte. Kurz war es ruhig und dann forderte Mo auf, dass man ihn bezahlte und ich kramte nach einen sehr kurzen Diskussion mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche meiner Jeans.

Hier ein paar Interpretationsvorschläge, die Wolf im Laufe der Jahre gesammelt hatte: Sonnenaufgang, Mondoberfläche, das Innere einer Kuh, Gulasch, die Augen einer Ameise, Himbeer-Joghurt, eine Vielzahl an Fleischgerichten, die Wandfarbe Apricot auf einer Leinwand, ein vergrößerter Ausschnitt aus Munchs Schrei, der Schrei des Schreienden in Munchs Schrei (Maturanten; Pseudo-Wissen), Bart Simpsons Zunge (nicht schlecht, wenn man mich fragt), Rost, ein Teil einer Collage, keine-Ahnung-was-weiß-ich-die-Muschi-deiner-Mutter (knapp, aber das gilt nicht), eine besoffenen Fotografie per se, Kakerlakenlarven unter dem Mikroskop, ein Baumstumpf, das Parkett eines Boden, die Sohle einer meiner Schuhe, Socken in der selben Farbe und mein Liebling: „wie ich Wolf kenne, könnte es auch sein Arschloch sein“.