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Character Sheet #01: Tokimimotaku

Das einzig Wahre, dass wir jemals über N erfahren werden, ist ihr zweiter Name; nicht ihr Nachname, oder der Name, den ihr bei ihrer Geburt zugeteil wurde, sondern der Name, den sich N erwählt hatte, als man sie danach fragte. Er lautet Tokimimotaku und niemand, dem sich Tokimimotaku vorstellte, konnte ihren Namen auf Anhieb aussprechen. In Anbetracht der Zeit verzögernden Umstände die es bedarf, ihren Namen und die dazugehörige Betonung richtig zu verwerten, durfte man sie auch Toki nennen; es beleidigte sie zwar jedes Mal ein wenig, doch sie ließ sich es nicht anmerken. Außerdem war es immer noch besser, als den Stich, den sie verspürte, wenn man sie mit ihren alten Namen* ansprach. Tokimimotaku war der Name, den sie Leuten mitteilte, die sie gern hatte; Tokimimotaku – malte sich N aus – war ein lautes Ausatmen, ein Stöhnen, welches man verlor, wenn man sie sah, ein feuchtes Wischen über die Lippen, wenn sie sich über ihre Schriften bückte und man in ihr tiefes Dekolleté blicken konnte. Ein Stocken, nach geübter Aussprache, ein bewusstes Stocken und eine Bewegung mit der Zunge, eine Name, der so zauberhaft war, wie ihr Träger selbst. Man stellte sich automatisch vor, wie es sein müsste ihren Namen beim Sex zu rufen und zugleich schämte man sich für den Gedanken. Tokimimotaku bemerkte schnell, dass ihr Name den Leuten gefiel und sie behandelte ihn stets mit einer gewissen Würde und einem unüblichen Stolz, der daraus resultierte, dass sie ihren Namen selbst gewählt hatte und sich nicht von den schrecklichen Institutionen zu einer lebenslangen Last ungefragt verdonnern ließ. Die sechs kurzen Silben waren das Höchstmaß an Vertrauen, dass Tokimimotaku ihren Mitmenschen zutraute: während alle ihren Namen aussprechen durften, alle zugleich Träger und Vermittler dieser Wortkreation waren, war es das Einzige, was man jemals von Tokimimotaku über Tokimimotaku erfahren würde. Zumindest, dass einzige, was der Wahrheit entsprach.**

Tokimimotaku sprach gern über ihren Namen, auch wenn sie gerne den Eindruck vermittelte, dass es ihr auf die Nerven ginge. Doch das Luftholen, der aufgesetzt freundliche Grinser, die kurze Drehung ihrer Augen waren alles einstudierte Reaktionen, die ihren Charakter – oder den Charakter den sich Tokimimotaku erbaut hatte*** – unterstreichen sollte: nach einer kunstvollen Pause (in der Tokimimotaku gerne annahm, dass man annahm, dass sie sich zierte, aber dann aufgrund der Unwiderstehlichkeit ihres Gegenübers sich doch erbarmte, die Geschichte ihres Namens zu erläutern) stieß sie einen leichten Seufzer aus, bei dem sie ihren Blick starr auf den Fußboden oder was auch immer zwischen ihr und dem Fußboden lag richtete, um mit einer leicht schwungvollen Bewegung den Kopf in Richtung ihres Gesprächspartners richtete und ihn dann anlächelte. Ich glaube, dass Tokimimotaku damit gerne flirtet, oder durch ihr mädchenhaftes für-dich-tu-ichs-Gehabe verführerisch wirken will, doch meist war es nur merkwürdig mit anzusehen und die gewollten Pausen wirkten eher so, als hätte Tokimimotaku ihren Text vergessen. All jene, denen die Prozedur bereits bekannt war, fanden sie dadurch nur noch seltsamer. Doch viele störte vor allem, dass sie selbst Opfer von Tokimimotakus kommunikativer Übung geworden sind und es berfremdlich fanden, dass sie mit jedem so redete, der sie nach ihrem Namen fragte (vielleicht wurde das gewünschte Resultat eben doch erzielt: tief im Unbewussten hattest du also doch gehofft, dass Tokimimotaku sich nur für dich sich auf die langweilige Suche nach dem Ursprung ihres Namens machte und die Erkenntnis, dass sie dich an der Nase rumgeführt hat, bricht dir zwar nicht das Herz, aber- ). Niemand zweifelte die Authentizität von Tokimimotakus Namen an, doch die japanische Konnotation die dem Namen innewohnte veranlasste viele Gesprächspartner dazu, nach Tokimimotakus Abstammung zu fragen (was hauptsächlich daran lag, dass die meisten Gesprächspartner nicht sonderlich gut im Gespräche-führen waren und bevor ihnen die Luft ausging, sie lieber die Offensichtlichkeiten ansprachen, als sich anzustrengen und etwas Unaussprechliches zu verlautbaren). Der Diskurs übers Tokimimotakus Abstammung nervte sie unglaublich und sie trat ihm im Gegensatz zu den vielen anderen Dingen die sie nervten, offen mit Abneigung gegenüber (hier hätte sie sich ihre eingeübte Reaktion abschauen können, doch Tokimimotaku reagierte auf die Frage nach ihren nicht-existenten japanischen Vorfahren so feindselig, dass es vielleicht doch nicht ratsam war, diese Reaktion in ihre Rolle zu übernehmen. Sie fiel ohnehin fiel zu oft aus dem Charakter). Kein Thema konnte Tokimimotaku schneller dazu bringen, das Maul zu halten. Mit Ausnahme ihrer Vergangenheit.****

Tokimimotaku war eine langweilige junge Frau. Dies war nichts besonders, der Großteil der menschlichen Bevölkerung ist langweilig. Die Anzeichen für einen langweiligen Menschen (anhand des Beispiels Tokimimotaku) sind wie folgt: geregelte Arbeitszeiten mit geregelten Einkommen, monatliche Kinobesuche und monatliche Enttäuschungen, eine häufige Verwendung von derben Schimpfwörtern und eine häufige Entschuldigungsrate, chronische Blasenentzündung und chronische Apothekenbesuche, zahlreiche gelesene Bücher am Nachttisch und zahlreiche ungelesen Bücher im Schrank (der vielleicht im Wohnzimmer oder im Schlafzimmer steht), ein umfangreiches Wissen über britische Musiker und eine umfangreiche Sammlung an Konzertkarten, mühselige Stunden im letzten Level eines Videospiels und mühselige Stunden, die ihr an Schlaf fehlten. Sollte jemand sich von Tokimimotaku verstanden und angesprochen gefühlt haben, war diese Person meist auch langweilig. Meist langweiliger. Tokimimotaku konnte nicht Klavierspielen oder fließend Latein sprechen, sie hatte keine hellseherische Begabung und in Mathe war sie gerade so gut, dass es nicht auffiel, wie beschissen sie darin war. Tokimimotaku schrieb gerne doch ihre Lyrik sprach niemanden der menschlichen Rasse an und jene die das Gegenteil behaupteten, wollten lediglich ihren Schwanz in Tokimimotakus Möse rammen*****. Ebenso wenig war Tokimimotaku für das Ende der Welt verantwortlich oder die Rettung selbiger, sie verliebte sich nicht in Vampire oder Werwölfe, konnte die Zeit nicht anhalten und ob sie fliegen konnte, war ebenso unbekannt (es wurde zwar nie das Gegenteil bewiesen, aber das alleine macht noch keine Tatsache aus). Tokimimotaku war seit Jahren nicht mehr aus der Stadt gekommen und erinnert sich nur zaghaft an ihre Kindheit, die von Wiesen und einzelnen Häusern am äußersten Stadtrand geprägt war.

Als die Menschen noch versuchten mit Tokimimotaku zu sprechen (und die Gespräch erfolgreich um die japanischen Außenbeziehungen umschifft hatten), hatte sie Tokimimotaku stets mit Lügen gestraft. Das, was man über Tokimimotaku rausfinden konnte, war dass, was man sah (beginnend mit dem Kopfende): braunes Haar, schulterlang, Fransen, wahrscheinlich selbst geschnitten, hübsches Gesicht, große Augen, schmale Lippen, Unreinheiten an der Wange, darüber Rouge, ansonten kein Make-Up, wahrscheinlich Mitte zwanzig. Schultern umschlossen von einem sehr düsteren T-Shirt oder Hoodie, kommt auf das Wetter drauf an, Goth-Gürtel und Schlabber-Jeans und keine Schuhe. Normale Figur und etwas kurze Beine, was passt, den Tokimimotaku lügte******. Das tut sie natürlich nicht immer, aber so oft es geht. Sollten Sie also jemals einen Fuß in McCherry verstaubtes Antiquariat setzen, fragen sie die hübsche junge Dame am Tresen nach der Uhrzeit. Sollte sie Ihnen die richtige Antwort geben, haben sie wahrscheinlich das falsche Geschäft betreten.

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* N wie Nadine, Natascha, Nicole, Nelle, Nina, Nathalie, Nadja, Nena, Niemand, Nobody, Nothing usw. Vielleicht verstehen Sie ja, worauf sie hinaus will

** Wenn Sie die Wahrheit wollen, sollten Sie N fragen. Toki wird sie Ihnen nicht verraten.

*** Eine Charakterfrage: Für Tokimimotaku, die fest an das Nachleben aber nicht an Wiedergeburt glaubte, war es sehr wichtig, wie die Leute sie in Erinnerung behalten würden. Das hatte den Grund, dass Tokimimotaku davon ausging, dass das Jenseits sich aus den Erinnerungen der Hinterbliebenen zusammensetzte und seien es noch so unbedeutende Randfiguren, die sie mit sich trugen. So wollte Tokimimotaku ein mystisches, nicht all zu sinistres, geheimnisvolles und lustvolles Nachleben in Betracht ziehen und gewahr sich die Freiheit, ihre Person um einen solchen Charakter zu erweitern. Tokimimotaku war ein guter Mensch, freundlich, manchmal etwas lästig und langweilig, doch ihre natürliche Art zeugte von keinerlei Böswilligkeit, also hätte sich Tokimimotakus Theorie um das Jenseits bewahrheitet, hätten sie sich nicht all zu viele sorgen machen müssen. Leider hat das lebenslange Verhalten kaum Auswirkungen auf den Standard den man im Nachleben erwarten konnte und keiner von uns wird für seine Sünden bestraft.

**** Ich weiß, was sie denken und ja, der Satz klingt wie ein billiger Cliffhanger, mit dem Hauch einer Vorahnung, dass da noch was Überraschendes/Schockierendes/Erklärendes/etc kommt, aber was soll ich machen. Sie redet nun mal nicht darüber – niemals – und ja, alles was sie heute ist, hat zum Teil seinen Ursprung in den Ereignissen, die sich zugetragen haben, als wir Toki noch nicht kannten. Aber da sie nichts dazu bringt darüber zu berichten, belassen wir es dabei und Sie sollten das auch. Dead End. Dem hier wird nichts mehr hinzugefügt.

***** Wobei eine gewissen Notgeilheit durchaus vorhanden sein musste, denn Tokis dadaistischen Gedichte, waren eine Tour de Force und anders konnte sich niemand erklären, wer sich durch ihren Blog quälte. Toki war auch überaus gespannt auf Feedback – interessanterweise bekam sie von ihrem Umfeld nicht besonders viel –  so dass man sich auf ein umfassendes Gespräch vorbereiten musste, wenn man sich mal positiv über ihre Haikus äußerte.

***** Wir alle lügen, dass ist keine Überraschung, doch es ist eines der Merkmale, die einem sofort auffallen, wenn man Toki kennenlernt. Sie kann kaum drei Sätze über sich sprechen, die nicht totaler Bullshit sind. Man nennt das glaub ich pathologisch.

Wolf Pussy

Im Vorzimmer von Wolf – der darauf besteht, dass man seinen Namen wie den englischen Wolf, also woolf [ˈwʊlf], ausspricht, hängt ein Bild, dass seit Monaten seine Freunde in Verwirrung bringt; es ist die Vagina seiner Ex-Freundin Vicky, die das allerdings nicht weiß. Das weiß niemand, nicht einmal Wolfs neue Freundin Clara, die ihre Möse schon viermal von Wolf hat fotografieren lassen. Für Verwirrung sorgt eigentlich auch nicht das Bild, sondern eher Wolf: er fordert jeden seiner Gäste auf, zu erraten, was das Bild zeigt. Niemand hat es bisher geschafft, wenige erkennen überhaupt, dass es eine Fotografie ist und Wolfs Beharrlichkeit jeden wiederholt zu fragen, was er sehe, ist äußerst aufdringlich, finden die meisten. Wolf hat das Bild so sehr vergrößert und an das Objekt herangezoomt, dass es zu einem unkenntlichen, fleischfarbenen Brei wurde. Wolf beschreibt es als ein abstraktes Kunstwerk, er nennt es – originell wie Wolf nun mal ist – LUST. Seine Freunde finden das Bild weniger lustvoll; es gab bereits Berichte von Unbehagen und obwohl man nicht mit dem Finger drauf deuten kann (was Wolf immer sehr erheiternd findet, wenn es jemand wirklich tut), gibt es etwas an Wolfs Vorzimmerbild, was einen nicht direkt abstößt, aber leicht zusammenzucken lässt. Das Bild hängt unübersehbar gegenüber der Einganstür und jeder der die Wohnung betritt, wird augenblicklich damit konfrontiert. Für Wolf ist das Bild mittlerweile zur Alltagsbeiläufigkeit verschwunden, selten erkennt er es bewusst, doch freut sich stets, wenn er jemanden bittet, sich sein Kunstwerk näher anzusehen. Manchmal, nachdem er einen verstörten Gast in das Wohnzimmer gebracht hat, geht Wolf noch einmal zu dem Bild zurück und schnuppert daran, als würde er Vickys Geruch darin erkennen. Doch es riecht nur nach Plastik und Wolf zuckt mit den Schultern. Man kann nicht genau sagen, warum Wolf das macht – das aufdringliche Zeigen, das Schnuppern, überhaupt das Aufhängen einer solch intimen Fotografie, auch wenn sie niemand als solche erkennt – aber ich denke er macht es nur, weil er uns ficken will. Wolf ist ein ziemlich verficktes Arschloch und er liebt es seine Freunde ins Hirn oder in den Arsch zu ficken; sollte man mit Wolf Taxi fahren, muss man unbedingt darauf achten, als erstes aus dem Auto zu steigen, da Wolf – wenn er sich irgendwo absetzen lässt, ohne zu zahlen versteht sich – einem das Portemonaie entwendet, nur um später die Geschichte zu hören, wie man den Taxifahrer die Fahrtkosten bezahlt hat. Insgeheim will Wolf einfach nur raus finden, wie niedrig der Preis für eine BJ seiner Freunde ist um sich die Peinlichkeit zu ersparen, selbst danach zu fragen. Das ist meine Theorie. Oder Wolf klaut einfach gerne, das ist die Theorie seiner Freunde, die alle sehr gut auf ihr Portemonnai aufpassen, wenn Wolf um sie herum schleicht. Manche behaupten auch, Wolf wolle uns befreien, uns vor unsere Grenzen stellen und dabei beobachten, wie wir sie überschreiten. Den Freunden, die eine Beziehung führen hat er – nicht selten ohne ihr Wissen – eine Prostituierte bezahlt (mit welchem Geld auch immer), die sich dann beim gemeinsamen Saufgelage in Wolfs Wohnung an den jeweiligen Schwerenöter rangemacht hat (jedoch nicht ohne vorher eine – mindestens – dreiminütige Abhandlung über Wolfs Fotokunst von sich zu geben). Wenn Wolf dann genug gesehen hatte, wirft er seinen Freund raus und lässt diesen dann mit der Hure alleine stehen, während er alleine oder mit seinen  übrigen Kumpanen, die es vielleicht wissen, oder vielleicht auch nicht, weiter trinkt. Die wenigsten haben sich über die einsamen Stunden mit Wolfs Freundin beschwert, was nur beweist, dass Wolf mit seinen Freunden nicht selten zurecht fickt. Das man Wolf nicht trauen kann hat sich mittlerweile herumgesprochen, doch er schafft es dennoch immer wieder Leute um sich herum zu scharen. Das mag allerdings daran liegen, dass jeder schon mal von fast oder so richtig schlimm von Wolf erwischt wurde und die Abenden mit ihm zu einem freundschaftlichen russischen Roulette ausarten, bei dem jeder an seinem Getränk schnüffelt. Nicht dass man K.O. Tropfen riechen könnte – niemand hier weiß, ob Wolf so etwas wirklich machen würde, aber wenn, dann sind wir uns sicher, dass wir nicht mehr in der selben Stadt aufwachen würden – Urin jedoch schon. Viele Abende vergingen jedoch auch recht ereignislos, was uns erleichtert aber auch enttäuscht hat. Die Mutigen unter uns – und ich gehöre nicht dazu – sprechen Wolf dann mit seinem bürgerlichen Namen „Wolfgang“ an und kassieren eine, dass es sich gewaschen hat.. Wenn Wolf gut drauf ist, schreit er noch ein wenig I am a wolf, und parodiert seinen Nickname mit einem Heulen. Das finden wir dann immer zu Brüllen komisch (was auch daran liegt, dass niemand von uns mehr nüchtern ist, wenn beschlossen wird, Wolf Wolfgang zu nennen). Seit Wolf Gras anbaut, ist es zu weniger aktiven Zwischenfällen geschehen; gut einem seiner Gäste hat er Senf in das Haar massiert, als dieser Schlief, aber das weckte bei mir nur noch ein mildes Lachen hervor. Gras macht Wolf träge, doch ich bezweifle, dass es ihn unkreativ macht. Das Bild in seinem Vorzimmer ist der beste Beweis dafür. Wolfs dunkle Seele erachtet es nicht mehr als notwendig uns an unserem Leid teilzuhaben, sondern erfreut sich schlicht an der Tatsache, dass wir nicht mehr wissen, wann wir gefickt werden. Wolf ist kein guter Freund. Man kann sich auf ihn nicht verlassen und niemand weiß, wie er es andauernd schafft, kein Single zu bleiben, obwohl jede Frau die ich kenne, ihn abstoßend findet. Übrigens auch jeder Mann. Wolf befreundet sich aber auf Grund seiner übereifrig kommunikativen Art schnell mit fremden Menschen und der Kern seiner Gefolgschaft beobachtet Wochenende ein und aus die verschiedenen Gestalten jeden Alters und Geschlechts in Wolfs Apartment ziehen und die Fotze seiner Ex begutachtend. An einem der frühen Sommermonate schaffte es Wolf eine ganze Maturantenklasse zu sich nach Hause zu bringen, da die frischgereiften und angetrunkenen Schüler offensichtlich ignorierten, dass es in der Welt der Erwachsenen nicht Gang und Gebe ist, mit 30-jährigen langhaarigen Borderlinern umher zu ziehen. Wolf bekam am diesen Abend sehr ausführliche Interpretationen seines Bildes, vor allem von zwei zukünftigen Kunststudenten und Coffee-Shop-Baristas die ihr angesammeltes Wissen in  eine extravagante Erläuterung fließen ließen, die immerhin satte 20 Minuten anhielt. Wolf war begeistert. Am selben Abend verkuppelte er einen unserer Gefährten mit einem 15jährigen Mädchen, die sich als Schwester einer der Maturantinnen entpuppte (aber, wie Wolf schwörte, viel älter als diese aussah). Irgendwann wurde ich jedoch müde von Wolf. Er hatte einen meiner Freunde beschimpft und anschließend in die Wohnung gesperrt, weil dieser sich weigerte all seine Kontaktdaten in seinem iPhone unter „Nigger“ zu speichern. Als mein Freund Wolf nach einer längeren Diskussion als bescheuerten Rassist beschuldigte, fuhr Wolf hoch und rannte aus der Wohnung. Als ich ihm nach lief, schlug er die Tür zu und sperrte blitzschnell ab. Mein Freund hämmerte gegen die Eingangstür und schrie, wir sollen ihn verfickt noch einmal aus der Wohnung lassen, doch Wolf grinste nur. „Sag es!“ schrie er zurück und ich schüttelte nur den Kopf und flüsterte, „Mann, du bist nicht einmal schwarz, was soll der Scheiß, Mann“. Wolf, der kein Rassist war, sondern alle Menschen gleich schlecht behandelte, grinste nur weiter und zeigte mir den Mittelfinger. Ich bin nicht besonders stark, doch meine ständigen Augenringe verleihen meinem Ausdruck einen gewissen Grad an Bedrohlichkeit und obwohl ich nicht weiß, ob Wolf darauf anspricht, zeigte es Wirkung als ich nah an ihn herantrat und finster zu Wolf hinauf sah. Durch die Zähne zischte ich einen leisen Befehl und Wolf machte abweisende aber verständnisvolle Gesten. An sich hätte ich es ja kommen sehen können, doch manchmal blenden auch mich Wolfs Manöver; in dem Moment, in dem der letzte Zahn in das Schloss eindrang, stemmte sich Wolf dagegen. Die Schläge aus der Wohnung wurden lauter und die Flüche obszöner und sehr persönlich. Wolf machte die „tja“-Gestik ohne dabei das Gesicht ins Komische zu verziehen. Wir mussten den Schlüsseldienst rufen, die Kosten trug natürlich ich, da niemand der beiden Beteiligten bereit war auch nur einen Teil der Summe zu leisten. Da es dauern konnte, bis der Schlüsseldienst da war, gingen Wolf und ich auf die Straße und tranken beim Wirten ums Eck zwei Halbe auf Kosten meines Freundes, der mit der Portemonnaie-Regel noch nicht vertraut war. Als ich auf der Toilette war, änderte Wolf gelassen alle meine Kontakte und speicherte ihre Namen auf „Goebbels“ um (außer seinen, der behielt den glorreichen Titel „Fuckbuddy“). Schließlich traf der Schlüsseldienst ein und nachdem dieser sich von Wolf auf ein Bier einladen ließ – die Gelegenheit sei nicht dringend und wir (sprich ich) würden ihn auch für die Zeit entlohnen; Wolf wollte unbedingt mit ihm auf ein Bier gehen – entschloss er sich dann, die Tür aufzubrechen. Als wir an Wolfs Wohnungstür gerieten, war es erschreckend still. Und dann fiel uns der Rauch auf, der unter Wolfs Tür heraus floss. Ich schrie und der Schlosser der auf den Namen Moe von Mohammed hörte, tat sein Bestes um die Tür so schnell wie möglich zu öffnen. Wolf stand still da und in seinen Augen leuchtete es; die Tür sprang auf und Wolf drängte sich zwischen mich und Mo, fegte den Rauch beiseite, der zum Glück nicht all zu erstickend war, wie wir befürchtet hatten und breitete die Arme aus um seinen neuen Märtyrer zu umarmen. Doch in dieser Bewegung stockte er. Was bisher geschah: als mein Freund – nennen wir ihn Jo, wie Johannes oder Joseph oder Joachim, wer weiß – bemerkt hatte, dass wir nicht mehr vor der Tür standen und der Irre tatsächlich seinen Schlüssel abgebrochen hatte, beschloss Jo ebenso den Schlüsseldienst anzurufen. Und dann die Polizei. Doch als er kehrt machte, blieb sein Blick erneut an Wolfs Fotografie hängen. Er neigte den Kopf etwas und dann noch etwas und dann noch etwas und plötzlich erkannte er, worum es sich dabei handelte. Was Jo erkannte, hat er uns nie gesagt, doch er war die zwei Stunden, die er in der Wohnung verbrachte erfüllt von Glück und einem innigen Gefühl von Heimkehr, dass er sich nicht von dem Bild lösen konnte. Jo betrachtete es genau, fuhr mit seinen Fingern die verschwommenen Konturen entlang und schnupperte an seinen Fingerkuppen (manche berührte er mit seinen Lippen). Er legte die flache Hand auf die Bildoberfläche und auf diese lies er sein Ohr nieder um durch seinen Puls die Energie des Bildes zu spüren. Jo hatte sich noch nie in seinem Leben so erfüllt und so sinnlich gefühlt. Und da fiel er die Entscheidung dem Wichser eins reinzuwürgen. Jo zerbrach den Rahmen und legte die lose Fotografie vor sich hin, die unter der fehlenden Spannung in sich zusammenfiel (und ironischer weise dadurch um einiges mehr nach dem eigentlich Modell aussah) suchte nach einem Feuer und fand einen halben Joint in Wolfs Wohnschlafküche, den er zur Feier des Tages in sich aufnahm. Die Rauchschwaden des Mary-Janes schwebten über dem Bild und die Konturen wurden immer feiner und Jo musste vom ganzen Herzen grinsen als er einen letzten Blick auf das Foto warf, bevor es unter der Hitze des Zippo, das Wolf mir gestohlen hatte, nachgab und in sich zusammenfiel. Das Foto brannte noch eine ganze Weile und Jo ließ es am Fußboden liegen, wo es einen dunklen, länglichen Fleck hinterließ, welcher der Form von Schamlippen nicht unähnlich war. Wolf würde die Ironie nicht gut heißen. Die Flammen verspeisten zudem noch einen linken Stoffschuh und Teile des Müllsacks, den Wolf seit Wochen neben der Wohnungstür deponiert hatte. Dies erklärte zumindest die Rauchentwicklung, doch der Schaden hielt sich in Grenzen. Nur Wolf war nicht mehr der selbe. Als Jo bekifft aus der Wohnung trat und mir den Mittelfinger entgegenstreckte, wich Wolf demütig seinem neuen Meister aus. Jo sah ihn lange an. Dann schlug er ihn mit voller Kraft auf die Nase. Mo und ich wichen erschrocken zurück. Hinter dem blutverschmierten Gesichts Wolfs erkannte ich das bekannte Leuchten in seinen Augen, dass er bekam, wenn er merkte, dass er mal wieder einen tief in die Scheiße geritten hatte. Jo nahm sein iPhone heraus und ich nahm an, dass er ein Bild seines verletzten Gegners machen wollte, doch schweigend drehte er den Bildschirm zu Wolf und ließ ihn ein paar Sekunden darauf Blicken. Dann wischte er kurz auf und ab und sah die Sache als „gelöscht“ wie er kund gab. Und vergessen, wie er uns alle drohend fragte. Niemand nickte. Kurz war es ruhig und dann forderte Mo auf, dass man ihn bezahlte und ich kramte nach einen sehr kurzen Diskussion mein Portemonnaie aus der Gesäßtasche meiner Jeans.

Hier ein paar Interpretationsvorschläge, die Wolf im Laufe der Jahre gesammelt hatte: Sonnenaufgang, Mondoberfläche, das Innere einer Kuh, Gulasch, die Augen einer Ameise, Himbeer-Joghurt, eine Vielzahl an Fleischgerichten, die Wandfarbe Apricot auf einer Leinwand, ein vergrößerter Ausschnitt aus Munchs Schrei, der Schrei des Schreienden in Munchs Schrei (Maturanten; Pseudo-Wissen), Bart Simpsons Zunge (nicht schlecht, wenn man mich fragt), Rost, ein Teil einer Collage, keine-Ahnung-was-weiß-ich-die-Muschi-deiner-Mutter (knapp, aber das gilt nicht), eine besoffenen Fotografie per se, Kakerlakenlarven unter dem Mikroskop, ein Baumstumpf, das Parkett eines Boden, die Sohle einer meiner Schuhe, Socken in der selben Farbe und mein Liebling: „wie ich Wolf kenne, könnte es auch sein Arschloch sein“.

passen sie jetzt gut auf: judith

Es roch nach Regen, als Judith zum ersten Mal bewusst wurde, dass sie niemals glücklich sein werde. Es handelte sich dabei um einen nicht all zu kalten Aprilmorgen, der ihr durch das Fenster begegnete. Sie stand früh auf und entschied sich noch während des Zähne putzen, heute nicht in die Schule zu gehen. Judith zog sich flüchtig an (ein Longsleeve mit dem verblassten Aufdruck des Logos der Band Muse, die Jogginghose in der sie geschlafen hatte beließ sie gleich an und Sandalen über den grauen Socken, die später noch nass werden sollten) und trat in die weckende Frühlingsluft. Der Himmel war verhangen und der Boden trocken, ihr Atem fühlte sich warm an, als sie zur Busstation trottete. Der Regenduft lag stark zwischen den Gassen der bereits erwachten Stadt – Judith konnte ihn auf ihrer Zunge schmecken und sie zog stark durch die Nase ein – doch auch die Fassade zeigte keine Anzeichen von Nässe. Im Bus laß sie die letzten Seiten des Buches, dass er ihr geschenkt hatte – Vincent von Joey Goebel – da sie gestern Abend beim letzten Kapitel eingeschlafen war. Sie weinte dabei kurz, doch es fiel den Leuten nicht auf; sie blickte entweder starr auf die bleichen Buchseiten oder auf die beschmutzte Fensterscheibe, wischte sich mit dem Ärmeln unauffälig die Tränen von der Wange und legte dann ruhig beide Hände auf das Buch. Es war kein sonderlich trauriges Ende, zumindest keines, welches Judith jetzt besonders erschrocken oder bewegt hätte – passend, war ihr Gedanke dazu und sie spielte ein Lied von Emily Haines in ihrem Kopf dazu ab – doch die Erinnerung an ihn keimte jedes Mal auf, wenn sie sich das Cover ansah. Sie schlug es am Beginn wieder auf und nur das Schmutzblatt trennte sie von der Widmung, die er ihr hinterlassen hatte, doch sie wagte es dann doch nicht, sie ein weiteres Mal zu lesen, zu groß war die Gefahr, doch in warmen Tränen auszurutschen und zu fallen und so wollte sie dem Bäckergesellen doch nicht gegenüber treten. Dieser kannte sie flüchitg – wenn man „vom Sehen“ mit flüchtig überhaupt umschreiben kann – da Judith sich oft ihr Frühstück vor der Schule bei seiner Backfilliale besorgte (meißt eine Topfentasche und einen, nicht sonderlich empfehlenswerten Kaffee, doch sie nahm, was sie in dem kurzen Zeitrahmen zwischen Bus und Straßenbahn-Wartezeiten nehmen konnte) und auch wenn es egal sein konnte, wäre es ihr doch unangenehm gewesen, hätte sie dem Jungen mit verweinten Augen gegenübertreten müssen. Contenance. Das schlimmste, was passieren konnte, war, dass er sie auf ihr Wohlbefinden hätte ansprechen könnte und ein Gespräch hätte sie an diesen Morgen nicht mehr auf die Reihe bekommen. Letztendlich ging alles seine rechten Wege und der junge Bäcker (oder eher Verkäufer, Judith wusste nicht, ob die Menschen die in den Ketten der Backstuben auch selbst backen konnten)  bemerkte ihren etwas aufgelösten Zustand nicht uns schenkte ihr wie immer ein besonders herzliches Lächeln. Sie wusste dabei nie, ob er nur sie oder jedes Mädchen oder sowieso jeden so anlächelte und ob sie sich deswegen Gedanken machen konnte, oder brauchte, oder durfte, oder sollte und so ließ sie es dann meistens bleiben und eilte schnell in die Richtung der nicht selten bereits heranfahrenden Straßenbahn (Judiths Zeitplan war genau getimed; auch wenn sie vieles – und es war so vieles – nicht auf die Reihe bekam, schaffte sie es wenigstens alles planbare in ihrem Leben auf die kleinste Variable herabzubrechen und genau zu bestimmen  – darunter vielen leider nicht Gefühle und depressive Gedanken). Heute kehrte sie auf dem Weg um, denn sie gekommen war und in ihrem Hals regte sich die Erinnerung, dass es mit den Tränen noch nicht vorbei war. Manche Tage. Sie stoppte ihre Schritte, atmete tief durch und dann ging es etwas besser voran.

Die Wolken waren dunkler geworden und es war kühler, als sie aus dem Bus stieg, der – bequem, wie Judith fand, direkt vor ihrer Haustüre hielt. Sie eilte in das Stiegenhaus, eine ältere Dame, die sie „flüchtig “ kannte, hielt ihr die Türe auf und Judith presste ein Danke heraus, dessen Verständniss eher in der Fantasie der Nachbarin lag, als in Judiths Aussprache. Sie konnte Leute nicht ausstehen, Höflichkeiten und Geduld ebensowenig und Verständnis war ihr auch zuwieder. Sie hatte in ihren Leben soviel von eben genannten erlebt, dass sie darüber bestens Bescheid wusste und sie hasste es; die Heuchelei, das falsche Mitgefühl, des gestellte Zuhören – das Warten der Menschen, sich endlich einbringen zu können, endlich ihrer Person, ihrem Ego den Auftritt zu gönnen und mit Worten um sich schmeißend, nur um sich letztendlich auf den Trümmern und Ruinen ihres Schicksals als Heiler zu profilieren. Alles, was die Menschen in Judiths Universum taten, waren Taten des Egoismus und jeder wusste es und auch sie war sich ihrer Schuld bewusst, doch hielt sie sich mit dem Begriff der Selbstlosigkeit zurück und reagierte empfindlich, wenn in andere verwendeten und für sich beanspruchten. Judith kannte Selbstlosigkeit, sie hatte diese einmal gesehen, in der Handschrift ihrer Mutter. Niemand anderer hatte sie erkannt, doch Judith sah die Aufopferung in den Zeilen des – sogenannten – Abschiedsbriefes, ein kräftiges Blau, geschwungene Initialen; sie sah dass sich ihre Mutter bemüht hatte und dass es nicht nur eine Entschuldigung war, keine Rechtfertigung. Ihr Vater hatte den Brief weggeschmissen, irgendeines Abends, als er es nicht mehr ertrug, als er die Akribik in ihrer Handschrift nicht mehr ansehen konnte und die Planung hinter der Tat und so hatte er ihn verschwinden lassen und als Judith verzweifelt im Altpapiercontainer geweint hatte, war ihr die höfliche alte Frau das erste Mal aufgefallen, wie diese starr im Eingang zum Müllraum stand und dann langsam die Tür angelehnt ließ und geduldig – höflich – draußen wartete, bis Judith fertig war und gebrochen an ihr vorbei trottete. Die Alte hatte auch diesmal einen kleinen Sack mit Hausmüll mit und Judith schloss die Augen, als sie die bekannten Schritte zum Aufzug tätigte. Sie hielt in ihren Händen umständlich den Schlüssel – bereit zum Einklinken – und zwei Papiertüten mit Gebäck. In der Wohnung angelangt, öffnete sie zunächst alle Fenster und lies den Wind hinein, der in den oberen Stockwerk stärker wehte, als vorhin auf der Straße. Im Wohnzimmer stellte sie, die Tüten ab, räumte den Couchtisch ab und putzte sporadisch seine Oberfläche in dem sie die Brösel und die Zigarettenasche, die sich bereits angesammelt hatten, unter das Sofa verschwinden ließ. Auf den Tisch stellte sie schließlich das Frühstück ab; Topfentasche, Krapfen mit Marmeladefüllung, Oriental Chai Latte (aus einer neu eröffneten Coffee-Shop Kette nebenan, die sie aber in Zukunft meiden würde, da es in ihrem Universum bald en vogue galt, das hippe und nach Kommerz schmeckende Franchise zu meiden. Es fiel Judith nicht sonderlich schwer, sie suchte in ihrem Chai enttäuscht den Zimtgeschmack, fand aber nur viel zu viel Milch), dunkles Brot mit Sonnenblumenkernen, kleine in Plastikschalen abgepackte Portionen Kirschmarmelade und Butter und zum Abschluss noch ein Croissant (zum Eintunken in das Heißgetränk – das hatte sie sich von ihm abgeschaut). Jeweils zwei Stück.

Als sie alles sortiert und auch der richtigen Reihenfolge nach plaziert hatte – es war ein 4-Gänge-Frühstücks-Menü, meinte sie und beinahe hätte sie dabei gelächelt – atmete sie tief durch und schritt zu seinem Zimmer. Sie klopfte, leise. Dann fester – immer erst dann fester, sie selbst wusste, wie unangenehm es war, aus dem Schlaf gerissen zu werden – und schließlich laut. Die alte Frau von nebenan musste sich sicher wundern. Als Judith keine Antwort bekam, betrat sie das Zimmer. Sie rümpfte die Nase und ging gleich zum Fenster, riss es auf und ließ die Morgenluft in das Schlafzimmer ihres Vaters. Der Geruch der Nacht und des Schweises entwich und das graue Licht machte sich breit. Ihr Vater lag in Jeans und einem Shirt, dass sie vorgestern schon an ihm gesehen hatte, da und drehte sich auf die Seite. Seinen Ärger über die plötzliche Konfrontation mit dem neuen Tag, machte er mit einem Brummen kund. Judith kniete sich neben das Bett und als sie ihn auf die Stirn küsste, öffnete er die Augen. Traurig sah er sie an murmelte eine ebenso gepresstes Dankeschön, wie es seine Tochter zuvor bei der alten Dame gemacht hatte. Aber – Judith kannte diese „aber“ bereits und sie stand auf und beschrieb sorgfältig die Zutaten des 4-Gänge Menüse. Außerdem werde der Kaffee kalt, sorry, der Oriental Chai Latte (und sie betonte die drei Worter als wären es ein ausgefallenes Gedicht in französischer Sprache) und sie sei sich sowieso nicht sicher ob der Oriental! Chai! Latte! überhaupt kalt schmecke, denn eigentlich ist es im Orient immer warm und die Getränke würden dort auch nicht so schnell auskühlen. Ihr Vater zwang sich zu einem kleinem Lächeln, etwas, dass Judith Schmerzen in der Brust verursachte und sie beugte sich wieder zu ihm hinab und flüsterte, dass er kommen möge, wann er wolle, sie würde auch später mit ihm frühstücken. Dann schritt sie hinaus und schloss sorgfältig die Tür.

Sie saß den ganzen Tag auf der Couch und sah aus dem Fenster hinaus. Es regnete bis zum Abend nicht. Sie laß und schlief und hörte „Reading in Bed“ in Endlosschleife, dass sie seit Beenden des Buches im Ohr hatte und weinte ein bisschen, doch es war schon einmal schlimmer. Erst als sie begann seine SMS zu lesen wurde es wieder wie immer – immer wie immer, wie sie es hasste  – und am Nachmittag heulte sie eine Stunde lang vor sich hin, während sie das Wohnzimmer auf und ab schritt. Das Frühstück hatte sich in ein Mittagessen gewandelt und als Judith zu hungrig wurde, nahm sie es ohne die Anwesenheit ihres Vaters zu sich. Sie dachte viel an ihn und es kam ihr unerträglich in ihrer Wohnung vor und sie wollte irgendwo hin fahren, ein Zugticket besorgen, vielleicht und dann zu ihm und einfach fragen. Doch sie traute sich nicht aus der Tür, sie hatte das Gefühl, dass die alte Frau nur darauf wartete, dass Judith aus ihrem Versteck kroch nur um ihre Traurigkeit auszukosten und zu verspeißen. Eine Hexe, dachte Judith, doch da niemand da war, mit dem sie ihre wilden Theorien teilen konnte, stand die Vermutung nur als fade Beleidigung im Raum. Sie überlegte sich, ob sie zur Bäckerei fahren sollte und mit dem Jungen, der sie stets anlächelte ein Gespräch beginnen sollte, eines über den widerlichen Kaffee und den weichen Topfentaschen und ob er selber backen könne, doch sie verwarf den Gedanken, da sie sich erbärmlich vorkam und dann weinte sie erneut und endlich, als ihre Tränen sich bereits irreal anfühlten – wie ein Teil ihres Körpers, ohne den sie nicht sein kann, der aber dennoch nicht zu ihr gehört – laß sie die Widmung, die er ihr hinterlassen hat; eine Andeutung seiner Liebe und ein Versprechen und von all den Dingen die sie wusste, von allem, was sie schon gehört, gelesen und beobachtet hatte – und das war viel, meinte Judith – wusste sie nicht, wieso.  Sie verglich die Widmung mit seinen SMS und rechnete sich die Tage aus, welche zwischen den Worthülsen lagen und sie wusste, dass ihre Rechnung darauf zurück führte, dass der Höhepunkt seiner Gefühle nun vier Monate her war. Das Buch, welches er ihr geschickt hatte – per Postbrief, sie sahen sich zu selten und er wollte es ihr offensichtlich bald schenken, als ob er es geahnt hätte – markierte den Abstieg und die SMS kontastierten ihre emotionale Gleichung. Die Fragen häuften sich und mit den Fragen kamen die Zweifel.

Judith war 17 und als sie ein letztes Mal seine SMS in chronologischer Reihenfolge durchblätterte (sie hatte gesammelt und stilvoll mit einer Schreibmaschine abgetippt – kitschig und prahlerisch, wie sie es später beschrieb, doch ich fand die Idee dahinter immer schön) sah sie, wie sich ihre erste Liebe, ihr erster Sex und ihre erste richtige Beziehung vor ihren Augen auflöste. Die Tinte wurde schwächer und bei den Nachrichten der letzten Monate, hatte sie bereits mehrmals die Tasten anschlagen müssen um noch brauchbare Zeichen hervorzubringen: dennoch, die kurzen Zeilen wurden immer blasser und seine Sprache wurde es ebenso. Sie blieb bei der Nachricht hängen, in der er von seinem Fehler berichtete, doch er verspürte etwas, dass ihn zwang, ihr es zu berichten, obwohl es ein leichtes gewesen wäre sie nicht damit zu belangen. Es für mich zu behalten. Natürlich war Judith gekränkt, doch die Ehrlichkeit, die sie meinte zu spüren, war ihr ungeheuer, die Verantwortung und das Vertrauen, welches ihr noch nie jemand entgegengebracht hatte ließen ihren Kopf surren und ihr Herz schlug traurig schneller. Sie war erwachsen geworden, an diesem Tag, dachte sie, sie konnte mit solchen Dingen umgehen, dass war nun klar. Sie hatte nun etwas, etwas das keine Geheimnisse zu ließ und der Tag ihrers Erwachsenwerdens war der Tag ihres ersten Liebesgeständnisses. Und dann ließen die Nachrichten ab und aus jedem Abend wurde jeder zweite und aus einem Fehler wurde eine Idee und später waren ihre Anrufe und SMS gespickt mit dem Diskurs ob sich Menschen eingrenzen lassen sollten und ob die Medien nicht das Beziehungsbild kaputt machen würden und was die Gesellschaft vor allem ihr als Frau nicht alles verbiete. Judith wusste, wie ihre jugendliche Offenheit ihm rechtgeben sollte, doch sie wollte es nicht. Kritik an dem System zog immer und Judtith musste stumm zusehen, wie sich der Plan einer offenen Beziehung – natürlich nur, wenn sie sich nicht sahen, doch das machten zwei verschiedene Städte nicht unbedingt schwieriger – formte und wie die unheilvolle Gestalt dieser bald die Zügel ihrer Gedanken hielt.

At least you have loved, klang ein Liedertext aus der Ferne, oder war es aus einem Gedicht? Judith war eingeschlafen und nur durch das Zuschlagen der Tür erwacht. Sie hatte von einem Menschen geträumt, dessen Gesicht sie nicht erkennen konnte doch sie spürte, wie er sie glücklich machte und dieses Gefühl war so erdrückend, dass sie erleichtert war, als ihrer Erinnerung bestätigte, dass Glück nur im Traum existierte. Es war dunkel und der Regen hatte sich endlich über die Stadt ausgebreitet. Ihr Vater war gegangen, Judith vermutete, um sich die Trauer weg zu trinken und raus vögeln zu lassen. Sie öffnete ein Fenster, atmete tief durch und dann ging es wieder ein wenig besser voran. Sie warf die Schreibmaschine entgültig weg, nachdem sie den Brief, den sie schreiben wollte, nicht einen Satz lang fertigstellen konnte und legte sich schließlich auf die Couch. Sie schloss die Augen und dachte über die Zeile nach, die ihr in den Traum gefolgt war und dann konzentrierte sie sich auf die Formulierung ihrer Mutter – aber nicht mir erspare ich es – und versuchte rund um dieses Fragment, den Brief noch einmal auferstehen zu lassen. Es war noch nicht zu spät und auf den Straßen noch reger Verkehr, dessen Geräusche durch das offene Fenster beruhigend in das Wohnzimmer klangen. Als Judith ihre Hände ausstreckte, wurden diese zart benetzt und die romantische Vorstellung dieses letzten Gefühls umschiffte ihr Herz. Ohne sich weiter anzuziehen, griff sie nach den Schlüsselbund trat aus der Wohnung. Wenige Augenblicke später stand sie  im sanften Regen, der trotz der Jahreszeit und des Abends ihr nicht all zu kalt vorkam. Oder vielleicht war ihr Körper vor Erregung heiß, sie hatte sich immer gefragt, was ihre Mutter wohl empfunden hatte, bevor sie sich erhängte.

Judith erzählte mir, dass sie das Gefühl von Regen auf der Haut mochte. Das stimmt so nicht ganz: sie liebte es. Sie liebte es so sehr, dass es mir unheimlich war, als ich sie bei dieser Liebe beobachtete. Ich habe nie eine solche Freude in menschlicher Bewegung gesehen. Judith tanzte, wenn sie sich durch die herabfallenden Tropfen bewegte: sanft, unmerklich, nur manchmal wild doch wenn man genau hinsah – und das tat ich bei Judith immer – erkannte man, dass sie selbst im scheinbaren Stand mit dem Regen harmonierte.

Die nassen Kleider lagen neben der Couch doch für die Socken hatten ihre Kräfte nicht mehr gerreicht. Sie kroch noch unter die Decke und aus den Augenwinkeln sah sie – na endlich, dachte sie noch – die Blitze über ihrem Haupt. Sie lag mit dem Kopf am Fenster und schnupperte noch einmal am Regen der sich langsam zu einem ungemütlicheren Wetter wandelte. Sie blinzelte noch als die dicken Tropfen auf ihr Gesicht fielen, mit jedem Windstoß schwappte mehr Wasser durch die kleine Öffnung in dem großen Felsen in dem sich schon ihre Mutter das Leben nahm und mit jedem Windstoß wurde ihr Antlitz nasser und ihr Atem schwerer, ihre Lider undurchdringlicher und der Sturm wurde zu einem Greifarm, der sie mit jedem seiner Atemzüge immer weiter in ein dunkles Meer hinaustrug, an desen Brandung sie eine gesichtslose Gestalt erwartete. Judith spürte noch, wie das Meer ihre Tränen aufsog und ihren Körper endlich von dieser Symbiose löste – na endlich – und als sie endlich befreit war, stand die Gestalt neben ihr und das erdrückende Gefühl herannäherndem Glück war wieder präsent. Sie bemerkte, wie die Gestalt nach ihr griff und Judith stoppte ihre Schritte, nur kurz; die Gestalt griff ins Lehre und Judith atmete tief durch und dann ging es endlich etwas besser voran.

[Es läuft: Emily Haines – Reading in Bed]

Getaggt mit , ,

Als wir paranoid wurden

Das Problem ist nämlich, dass ich mittlerweile aufpassen muss, was ich mit wem und vor allem warum bespreche. Vor ein paar Tagen, war es noch nicht so und vor ein paar Monaten, ja, vor ein paar, lass mich überlegen, ja, vor drei Monaten hat es angefangen, dass ich bemerkte habe, dass alles irgendwie, ja, zurück kommt.

Ich nicke, Zustimmung, großer Gott, Zustimmung, ansonsten. Aber es stimmt schon, was er sagt, ich muss auch aufpassen, denke ich mir und plötzlich kommt es mir. Aber natürlich und mein Körper nimmt automatisch eine alarmierende Stellung ein, doch mein Geist beschwichtigt mich und sagt, nein, um Himmels willen, nein! Lass es dir nicht anmerken. Dopppeltes Spiel, damit wurde nicht gerechnet und ich lächle verschmitzt. Nicht zu verschmitzt. Verständnissvoll verschmitzt. Verständnissvoll und vertrauensvoll verschmitzt! Nur die Ruhe bewahren, du bist sehr gut darin.

Und weißt du,

nein weiß ich nicht, sagen meine Augenbrauen,

ich dachte ich bin gut darin,

da verschlägt es mir glatt die Sprache, in Gedanken natürlich und diese werfen schnell ein, das war sicher nur Zufall, wie verdammt auch, natürlich nur Zufall.

also, ich meine, gut darin, im Leute erkennen. Äh, zu, zu, wieso strauchelt er, nach welchen Wort bitte sucht er denn jetzt, ein zu schätzen, da ist es, zu wissen, wem man vertrauen kann! Wie dir!

Ja, wie mir, natürlich wie mir und ich öffne den Mund halb um zu antworten. Da ich noch nicht weiß was, stocke ich und im selben Moment fällt mir ein, wie ich mich verbrüdern könnte, noch mehr verbrüdern, die Sicherheit wiegen, wie sagt man doch so schön. Und ich schließe meine Lippen, beuge mich etwas nach vorne und sehe mich dann verschwörerisch um.

Ja, ein leißes ja, jetzt hab ich ihn, mir schon. Aber. Und Hoch den Kopf, elegant blicke ich nun auf ihn herab, er weiß, dass ich mehr weiß, soweit ich weiß.

Soweit ich weiß, gibt es hier einige, die lieben es sich über einen auszulassen. Und sie machen das noch nicht einmal geschickt. Entrüstet, grandios, wie ich am Ende aus mir hinaus ging. Ich seh’s an seinen Augen. Die kommen gar nicht mehr raus, aus ihrer Zustimmung. Diese Wiener, denke ich unvermittelt, ich weiß ehrlich nicht gesagt wieso, naja, doch, denn wienerischer geht es im Moment nicht, so sehr Wien sieht aus seinen Augen raus, gemeinsame Feinde mögen wohl viele zusammenschweißen, doch noch nie hab‘ ich es mit so viel Inbrunst gesehen. Und Genuss.

Oh, ich weiß genau wen du meinst. Weiß er nicht. Er will, dass ich glaube, dass ich weiß, wen er meint, doch auf diesen billigen Trick falle ich nicht rein. Was mich jedoch in eine etwas missliche Lage bringt: sollte ich nicht binnen weniger Sekunden mit wenigstens einen Namen ins Haus fallen, wittert er, dass ich hierzu nichts zu sagen habe und er bemerkt, dass ich sein Spiel schon länger durchschaut habe. Natürlich, vielleicht deutet er meine Zögerlichkeit als eventuelle Vorsicht, oder er glaubt zu wissen, dass ich nicht einer von der Sorte bin, die gerne über andere reden, was mich zugleich auf die Seite der ihm wohlgesonnen stellen würde, doch das Eis ist dünn. Gefährliches Terrain, denn eher bemerkt er mein Spiel und dann steh ich auf der Liste. Ein Namen ist bei näherer Betrachtung definitiv die bessere Lösung. Ein Name verbindet mich und er bleibt in meiner Wiege. Andererseits kann ich nicht mit irgendeinen Namen daher kommen, die Gefahr einen seines Gefolge als Klassenfeind zu demaskieren wäre ein schwerwiegender Fehler, der mich zwar nicht auffliegen lassen würde, aber meinem Gesicht, meiner Fassade massiven Schaden zufügen würde. Dabei stünde nicht mein Spiel auf den, tja, Spiel sondern wirklich mein Ruf, mein wahres Ich.

 

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selbstwortversuche 001

ha, dieses gefällt mir. auch nur „wortversuch“; finde ich gut. nun los:

Seit heute Morgen bin ich das Gegenteil von einem Waisen. [wären das die ersten worte eines buches, würde ich weiterlesen] Sprich, jemand, der sein Kind verloren hat. Dafür gitb es keinen Namen und ich gehe davon aus, dass sich ein paar kluger Köpfe sicherlich schon mal Gedanken darüber gemacht haben. [eigentlich nur eine rechtfertigung, da ich das mit den waisen von six feet under hab] Was mir in meiner derzeitigen Situation jedoch ziemlich egal sein kann. Mein Kind ist tot und ich bin seit heute morgen kein Vater mehr. Er starb in einem Bett, was gut ist, weil ich es nicht ertragen hätte – nicht noch mehr – ihn mitten auf der Straße liegen zu sehen und seine letzten Atemzüge dort verschwenden zu lassen. Wie man sich bereits denken kann, wurde er angefahren, wie Sie sich vielleicht schon gedacht haben: ich habe ihn ungebracht. [kein sonderlich großer schwung, und das wars auch, for now, bevor ich auf die psychologische komponente des ganzen eingehe, ein pet sematary schreibe, oder weiß gott was, höre ich hier mal auf; aus faulheit. mir hat der gedanke des ersten satzes gefallen, auch wenn er nicht ganz meiner ist, aber fuck that].

03.11.2012