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Familienterror: Filmkritik zu „The Visit“ (2015, R: M. Night Shyamalan)

Herbst 2015: Ein neuer Shyamalan Film kommt in die Kinos und niemanden interessiert es. Früher hat sich das Feuilleton einen Haxen ausgefreut, als der neuste M. Night Shyamalan großspurig in alle Multiplexe angelaufen ist, aber dieses „Früher“ liegt in fernen Sphären, als der junge Drehbuchautor und Regisseur noch als nächster Spielberg gefeiert wurde (nein… wirklich). Das hat sich irgendwie aufgehört, aber ich sag einfach: wir sind alle älter geworden. So ist es (wohl auch nach Filmen wie AFTER EARTH, den niemand gesehen hat oder diesen anderen Film, den alle hassen) kein Wunder, dass der Kinostart von THE VISIT klanglos an mir vorbeigegangen ist. Dann halt auf DVD. Immerhin wird Shyamalan nachgesagt, dass er mit THE VISIT zurück zur alten Form gefunden hat. Oder nicht? Was sollen wir noch glauben? Gibt es am Ende wieder einen Twist? Und: wen interessiert es? *suspensful music playing in background*

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THE VISIT sieht zunächst mal sehr nach einem Back-to-Basics Film aus: simple Story (zwei Geschwister besuchen ihre bis dato unbekannten Großeltern und die sind super komisch drauf), Handkamera, Doku-Aufhänger und Kinder (echte Kinder, keine Tweens die Teens spielen) als tragende Protagonisten. Der dokumentarische Stil bringt wenig Überraschungen mit sich: ein paar eingestreute Interviews mit den Figuren, wacklige Aufnahmen, geringer Willen zur Bildkomposition, unlogische Handlungen (wieso lässt in diesen „Dokus“ nie jemand die Kamera liegen, sondern hält trotz allerlei Gefahren stets auf die Action?) und der übliche Mist, den dieses faule Genre so mit sich bringt.

Diesmal haben wir wenigstens eine kleine Ausrede: die 15jährige Becca ist zugleich aufstrebende Filmemacherin und tata! schon fallen die gezwungenen Szenen und altklugen Dialoge in ein etwas adäquates Muster. Komplett stimmig wirkt der Film jedoch nie. Hier tritt das größte Problem des Filmes auf: THE VISIT wirkt in jedem Augenblick unglaublich gekünstelt, überdramatisiert, unglaubwürdig. Die beiden Hauptfiguren verwickeln sich in prätentiöse Dialoge, der Background ihrer Charaktere wirkt wie ein theatralischer Aufhänger, den es mit allen erdenklichen Mittel im letzten Akt zu lösen gilt und die „persönlichen“ Szenen, in denen die Figuren über sich selbst herauswachsen, entspringen keiner glaubhaften Basis, da alles durchkonstruiert wirkt und wahrscheinlich auch mit der gewissen „Liebe zum Detail“ behandelt wurde. Nur leider macht das im Kontext wenig Sinn. Oder anders gesagt: Ich habe selten einen „Dokumentarfilm“ gesehen, der sounauthentisch wirkt wie THE VISIT.

Derweil muss der Film gar nicht authentisch wirken um, ja zu wirken. Die besten Szenen entspringen dem sich kontinuierlich aufbauendem Grusel, der konstruierten Spannung, der Erwartung, dass einem gleich das Grauen (oder eine nackte alte Frau) entgegen springt. Und das tut es in Formen, die ich dem Film teilweise gar nicht zu getraut habe. THE VISIT ist oft wirklich, nein,wirklich creepy. Mehrmals blieben meine Augen aus Schreck weit aufgerissen und an einigen Stellen, wanderten die Hände fassungslos an meinen Kopf… also, der Schock ist in Shymalans Film durchwegs gut gemacht und bleibt trotz einer gewissen Erwartungshaltung überraschend. Vielleicht hat Shyamalan aus seinen letzten (deutlichen) Misserfolgen gelernt, oder zumindest Konsequenz gezogen. Was an THE SIXTH SENSE, UNBREAKABLE und ja, sogar SIGNS (den hatte ich mal auf DVD, Filmfan-Beichte Nr. 265) am besten funktioniert hat, war die Stille vor dem Sturm, das dramatische Moment, in dem sich die aufgestaute Spannung entweder in Entlastung oder in Schreckensmomenten auflöst.

Und ja, der Film hat seine großen – unübersehbaren! – Schwächen, aber er hat auch seine guten, beinahe exzellenten Momente. Bilder, die mir den sogenannten Schauer über den Rücken jagen, wenn ich nur daran zurück denke. Sanfte Gemüter können sich hier die eine oder andere Albtraumvariation abholen. Ich weiß auch gar nicht, ob der Film dabei eine tiefsitzende Angst streift (ganz persönlich), ob die beiden Antagonisten ein Stück zu unberechenbar sind (fantastisch gespielt) oder ob THE VISIT schlicht ein handwerklich solide gemachter Horrorfilm ist (ganz objektiv).

Oft bewirkt der arge Kontrast der Stimmung (und Form!) nicht selten eine falsche Sicherheit, die mit durchaus bewusst eingesetztem Humor unterlegt wird. Nur, damit wir uns ein bisschen zu sicher fühlen. Aber: THE VISIT driftet sehr oft in Langwierigkeit und Lächerlichkeit ab, was hauptsächlich an den merkwürdig distanzierten und blasierten Figuren liegt.

Aufgesetzte und gekünstelte Charaktere sind mir zwar immer noch lieber, als vorgefertigte Schablonen, die gar keine Persönlichkeit (außer der 08/15-Hero, Damsel-in-Distress, etc. Marvel, ich blicke in deine Richtung) besitzen, aber in THE VISIT ist es schon etwas… befremdlich. Was ich damit sagen will: ich mag’s schon, wenn die Hauptfiguren Eigenheiten besitzen, die über filmische Relevanz hinausreichen, aber dann fängt dieses Vorstadt-Bubi mit angeblichen Sauberkeits-Tick (ein Charakterzug, der für die Geschichte dann relevant ist, wenn es das Drehbuch so will) schon wieder an zu rappen und … nein. (Und dann gibt’s da nebensächliche Figuren wie einen Schaffner, der aus heiterem Himmel zum Beatboxen anfängt. Zum Beispiel. Noch mal: Nein, bitte nicht.)

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This fucking guy.

Schließlich bleibt man etwas ratlos zurück. Nein, nein, der Twist (natürlich gibt es einen, aber er spielt ehrlich nicht so eine große Rolle, so just relax, sit back and figure it out) war schon gut aber irgendwie… so stimmungsvoll manche Stellen auch sein mögen, so ungereimter kommt einem schlussendlich der Film vor. Unfertig. Zusammengewürfelt. Inkonsequent. Mag es an der Form liegen, an den Figuren oder an der bedeutungsschwangeren Familiengeschichte, die nun wirklich niemanden interessiert. Eine etwas weniger melodramatische Charakterentwicklung hätte dem Film durchaus gut getan, nicht immer muss eine alles-verändernde-Einsicht geschehen, manchmal reicht auch eine kleine Einsicht.

Irgendwas wirkt an THE VISIT nicht komplett, nicht relevant. Er sticht hervor, weil er durchwegs Einfallsreichtum beweist, gutes Timing und bewusst gesetzte Angstmomente. Außerdem ist er wirklich gut darin, seine eigentliche Intention zu verstecken: alles kommt für den dritten Akt in Frage und ich wäre (und bin) mit jedem noch so haarsträubenden Ausgang zufrieden, sofern er so spannend erzählt wird, wie die anderen guten Teile des Filmes. Und dann kommt er gekünstelt und oft sogar richtig peinlich daher, zeigt Situationen, die konträr zu dem „authentischen Grusel“ stehen, den der Film propagiert, da helfen auch keine selbstreflexiven Bemerkungen seiner ah-so-cleveren Figuren. Darüber kann ich aber durchaus hinwegsehen, irgendwie gehört das zu dem Film auch dazu, aber die Schwachpunkte dieses Werkes werden dadurch nicht unsichtbar.

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Yaaatzeeeeeeeh!

THE VISIT ist eine etwas bizarre schwarze Horrorkomödie, die hauptsächlich durch das Schauspiel seiner zwei vermeintlichen Antagonisten lebt (nein, wirklich, die beiden Großeltern sind großartig, ähem). Aber dann ist er auch wieder langwierig, übertrieben, unrhythmisch und unverarbeitet. Als hätte sich Shyamalan zuviel Gedanken darüber gemacht, damit es so aussieht, als ob er sich keine Gedanken gemacht hätte. Originell und Kopie zugleich. Langweilig und gruselig. Geschliffen/ungeschliffen. Vieles ist an dem Film irgendwie liebenswert, als auch richtig nervig. Ich musste ehrlich lachen, den Kopf schütteln, gebannt abwarten, was als nächstes passiert nur um dann wieder die Augen verdrehen. THE VISIT funktionier wohl am Besten, wenn man sich nichts vom Film erwartet (und sich bitte nicht den Trailer ansieht!).

Oder mit den Worten von Kettcar zu sagen: dieser Wahn ist lächerlich, dumm und zerissen. Das macht weiter nichts, man muss es nur wissen. Und mit meinen eigenen Worten zu schließen: ja, ich glaube, mir hat er gefallen?

Ein dunkles Gefühl, das man nicht loswird: Review-Essay zu „THE BABADOOK“

Die Geschichte beginnt so:

If it’s in a word or in a look
You can’t get rid of the Babadook

A rumbling sound 
then 3 sharp knocks
ba-BA-ba 
dook
dook
DOOK.

mister

2014 ist ein gutes Jahr für Horrorfilme. Das Genre, das gerne für tot erklärt wird erfährt in meinen Augen zumindest eine kleine Renaissance. Alleine am diesjährigen /slash waren gesammelt mehr Filme dabei, bei denen ich mich gegruselt – und ich meine so richtig gegruselt! – habe, als in den letzten fünf Jahren zusammen. Aber vielleicht werde ich auch einfach nur alt und sensibel, habe Frieden mit mir geschlossen und kann mich endlich wieder ganz in solche Filme einlassen. Aber das letzte Mal das mir so wohlig und mulmig die Gänsehaut über die Arme gewandert ist war vor vielen Jahren, als ich das Verbinskis RING Remake im Kino (und dann immer wieder auf DVD, zum Glück waren VHS damals schon out) erblickt hatte. Und dieses Jahr fror mir mein selbstgefälliges Kritikergrinsen gleich ein paar mal ein: da gabs einerseits den unheimlichen IT FOLLOWS (offensichtlich habe ich Angst vor Flüchen – oder vor Sex), andererseits den überraschend guten OCCULUS (wirklich! Das hätte ich von allen Filmen am wenigsten erwartet). Und dann dieser Film.

Es ist spät und sich den Trailer auf YouTube anzuschauen vielleicht nicht unbedingt das Klügste, aber ich hatte die Woche ohnehin nicht vor zu schlafen, außerdem muss man da als Rezensent durch. Also noch einmal. Ba-dook. Dook. DOOK.

Als die alleinerziehende Mutter Amelia eines Tages das etwas obskure Kinderbuch findet, denkt sie sich nicht viel dabei. Prompt wird es ihrem Sohn Samuel vorgelesen, der aber sehr schnell Angst vor dem Mister Babadook bekommt; kein Wunder, ist die titelgebende Hauptfigur des Pop-Up Buches keineswegs ein angenehmer Geselle. Er schleicht sich an und bevor du es weist, hat er dich! Natürlich wirft Amelia das Buch weg, doch der Babadook ist schon längst hier und geht auch nicht mehr fort. Ihr Sohn sieht ihn zuerst, doch glaubt Amelia ihm vorerst nicht. Bis sie aber keine Wahl mehr hat und der Wahrheit ins Auge blicken muss…

Als ich mit einem ehrfürchtigen aber zufriedenen Lächeln aus dem Kinosaal schritt, bemerkte ich sofort den allgemeinen Konsens: lange Gesichter, kein Applaus und kurze Wortfetzen: „Also so super war der jetzt nicht.“ Gut, dachte ich mir, umso besser. Kann ich mal wieder dagegen sein. Aus Prinzip. Und wie jeder vernünftige Mensch, hievte ich mich hinter die Tastatur und suchte im Internet nach Stimmen, die mir recht gaben. Während sich meine Meinung über den satanistischen Geheimbund, der Hollywood fest im Griff hat nur verstärkte, stieß ich nebenbei auch auf ein paar wohlwollende Stimmen zu dem wundervollen BABADOOK. Und gar nicht wenige: 100% faulige Tomaten (Stand: als ich das letzte Mal nachgeschaut hab‘) zum Beispiel gibt es für den Film, der als Kickstarter-Projekt ins Leben gerufen wurde. Und ja, normalerweise soll man dem Hype nicht believen, aber dieses Mal ist dieser durchaus gerechtfertigt.

Vielleicht war das Publikum an meiner Seite etwas enttäuscht über die angesammelte Spannung, die sich nicht in Schockeffekten löst, sondern sich wie ein Tuch über den Film legt. Vielleicht war es auch die zu symbolträchtige Auflösung oder das Finale, dass sich nicht in einem James Wan’schen Geisterwrestling sondern in einer tiefen Erkenntnis äußert. Vielleicht auch, weil der Film erzählt und seine Zuseher nicht von Schreck zu Schreck jagt. Ich unterlag jedoch einer Elektrizität und Spannung, die mich fest umschlossen hatte und ich war von Charakteren gebannt, deren Ehrlichkeit und Schicksal fast zu Tränen gerührt haben. Das mag vielleicht persönliche Gründe haben, ich kann es ehrlich nicht sagen, aber es sind nicht die selben, die mich bei THE INNKEEPERS par exemple angesprochen haben. Nein, in THE BABADOOK fließen keine eigenen Erfahrungen ein, keine Clerks-Generation-Selbsterkennungs-Geistergeschichte und auch keine unbewussten Ängste vor Kinderbüchern oder Urängste vor dem Mann im Schrank, es ist schlicht und einfach die Geschichte dieser einsamen Frau die trotz allen Mutes und Kraft an ihrer Mutterschaft zerbricht. (Da kann man jetzt sicherlich ganz viel hineininterpretieren…)

Ich geb’s ja zu, ich bin ziemlich sexistisch. Ich mag Frauen in Horrorfilmen einfach mehr (da kann man jetzt sicher auch viel hineininterpretieren…) und damit meine ich nicht das übliche Final Girl (nein, das muss wenn schon Sharni Vinson sein), sondern die zerbrochene Figur aus THE OTHERS oder die ehrgeizige Journalistin aus THE RING. Okay, ich mag nicht Frauen in Horrorfilmen, ich mag Mütter in Horrorfilmen (oder Blondinen), aber Amelia, Grace und Rachel haben eines gemeinsam: eine unerbittliche Bestimmheit gegen die Bedrohung zu schreiten, koste es ihr Leben. Ihr Charakter treibt die jeweiligen Filme an, sie sind der Schlüssel warum abseits von Schockeffekten und düsterer Atmosphäre die Geschichten auch funktionieren; nicht weil man sich so gut in sie hinein versetzen kann (oder, das vielleicht auch), sondern weil man ihren Kampf regelrecht spürt. Essie Davies fabelhaftes Schauspiel sieht man nicht nur, man fühlt es. Amelias Verzweiflung und Angst spürt man jede Sekunde in THE BABADOOK, umso stärker und gewaltiger wirken die Momente, in denen sie sich gegen das Monster stellt.

Ach ja, das Monster. Es ist so viel mehr als nur ein Monster, es ist ein Angst, keine die dich verfolgt, sondern die tief in dir drinnen sitzt. You can’t get rid of the Babadook. Der finale Kampf fügt sich wunderbar in den bisherigen, den Amelia hinter sich hat und wirkt beinahe vergebens, als sich die wahre Gestalt des Wesens offenbart. You. Can’t. Ist der Babadook einmal drinnen, geht er nie wieder weg. Die traurige Erkenntnis wird zu einem der schönsten Szenen, die ich je in einem Gruselfilm gesehen habe und hat zwar nicht die selbe Twist-Essenz eines SIXTH SENSE, aber versprüht die selbe törichte Erleichterung. Akzeptanz und Heilung. Und keine Angst, ich verrate nicht zu viel – wenn überhaupt dient das hier nur diesen Film auf einer weiteren Ebene zu erkunden, primär ist und bleibt THE BABADOOK nämlich ein hervorragender Gruselfilm.

Und wie: es knarzt und ächzt in dem Haus, dass sich merkwürdig einsam anfühlt. Die Figuren atmen unter ihren Bettdecken und wir halten ihn an, als der Babadook kommt, die Starre setzt ein und die Finger graben sich in den Kinsessel – ba dook. Dook. DOOK. Dieses Kinderbuch ist wahrscheinlich das unheimlichste Medium seit dem berüchtigtem Ring-Video; White-Noise-Aufnahmen hin, alte Schalplatten her, böse Puppen am Arsch, die Präsentation von „Mister Babadook“ ist verdammt, verdammt, verdaaaaaammt unheimlich und das Buch gibt es leider nirgends zum erwerben, aber mit viel Glück lässt man sich für die Heimkino-Publikation etwas nettes einfallen. Ich würde viel zu viel Geld für dieses Buch ausgeben, dass ich mir dann doch nicht ansehe, weil ich ja auch irgendwann noch schlafen muss.

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THE BABADOOK ist des Übrigen – falls ich es noch nicht genug erwähnt habe – ein wunderschöner Film, in bezaubernden Farben, fabelhafter Bildkomposition (und hier stimmt das Wort Komposition) und grandiosen Design. Jennifer Kent schafft es trotz glasklarer und filmischen Glanzbildern, dem Film einen zerstörten Look und eine tiefe Traurigkeit zur verpassen ohne dabei prätentiös, übermäßig glatt oder unnötig hochstilisiert zu wirken. Dem Drehbuch wird durch das Schauspiel der beiden bezaubernden Akteure Essie Davies und Noah Wiseman (als best fucking kid ever!! Nein, wirklich Wiseman spielt – vor allem für sein Alter – so dermaßen unglaublich gut) das nötige Leben eingehaucht: jede Szene stimmt, jede Stimmung wird perfekt eingefangen und noch die leiseste Mimik der Schauspieler reist einen mit. Man möchte aufstehen und das Mutter-Kind-Gespann umarmen, so lange umarmen bis ihr Schmerz sich in Luft aufgelöst hat, die Tränen getrocknet und die dunkle Nacht vorbei ist.

Vermisst habe ich lediglich eindringlichen Score (wenn ich Hans Zimmers Ring-Thema höre, brauche ich nur die Augen zu schließen um den in rot-leuchtenden Ahornbaum vor meinen Augen zu sehen), der den Film die letzte einmaligen Wiedererkennungswert verpasst. Ebenso wenig definiert Kents Film das Genre neu oder setzte neue Maßstäbe, dafür ist der Film etwas zu sehr in seinen Grenzen verankert. Und trotz seines sich fügenden Endes bleibt eine vage Note des Verdrusses, als ob jemand die Kirsche einer ansonsten formidablen Schwarzwälderkirschtorte vergessen hätte. THE BABADOOK hört leise auf, auf eine stürmische Nacht folgt ein ruhiger, mit tau benetzter Morgen. Und dann endet der Film mit einer aufkeimenden Blüte und einem dunklen Bild. Schlicht und leise glücklich in seiner Einfachheit. Ein schwaches Gefühl regt sich, dass da noch etwas fehlt – und ja, das tut es auch. Denn Amelias Geschichte ist noch nicht vorbei, sie arbeitet im Kopf des Zusehers weiter, dem leider nichts anderes bleibt als zu hoffen. Hoffen, dass das Monster eines Tages verschwindet. Hoffen, dass es nicht auch Samuel heimsuchen wird. Hoffen, dass sich eine liebende Hand anbietet, die mit einem sanften Druck in eine Richtung weist, die da besagt: „Ich helfe dir, es zu besiegen.“

Doch leise, ganz leise fürchten und wissen wir alle: You can’t get rid of the Babadook.

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Und so hört diese Geschichte dann auf.

Dark Doom Honey: Review zu „IT FOLLOWS“

Es gräbt sich tief unter die Haut, ein Gefühl das dich nicht mehr loslässt. Es klopft an der Wand, es schmettert seine Fäuste gegen die Tür, es schlägt durch die Fenster: es verfolgt dich. Du kennst es vielleicht, manchmal kommt es in der Form eines Menschen den du liebst, nur um dich umso stärker zu zerstören oder um dir klar zu machen, dass es kein Entkommen gibt. Du kannst laufen, aber du kannst dich nicht verstecken. Es kommt langsam auf dich zu, sehr langsam, aber es kommt. Wo auch immer du bist, du vergisst nicht: es kommt.

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„Ein ausgesprochen ästhetischer Mindfuck. Streckenweise ernsthaft unheimlich.“, schreibt der filmtipper Harald auf seiner Facebook-Seite und Kollege Gregor legt gleich nach und lobt den Score. Und Recht haben sie: IT FOLLOWS brilliert gleich von Anfang an mit seinen haunting pictures, seinem bizarren und hypnotisierenden Rhythmus und – ja – allen voran mit seiner hervorragenden Musik von Disasterpeace, wodurch die Intensität der Szene immens potenziert wird. Leider werden meine Reviews immer 1000 Wörter lang, an sich könnte man es bei diesem Statement belassen. Der Film ist ein obskurer Mindfuck, yes, und er zieht seine Bahnen tief in das Knochenmark, yes, aber eines musste ich dann doch loswerden: IT FOLLOWS ist streckenweise leider auch ernsthaft langweilig

Die bekannteste Horrorfilm-Trope der Welt (nein, nicht die, dass der Killer immer ein zweites Mal kommt), dient hier als Aufhänger: nur die Jungfrauen überleben Death by Sex, sozusagen. Ist der Fluch, den man sich in IT FOLLOWS einfängt durch Sex übertragbar (ob geschützt oder nicht spielt hier keine Rolle, obwohl es nach dem Film diesbezüglich ein wenig Diskussionsstoff gab).Die notgeilen Jugendlichen sind ja allesamt promiskuitiv, da vermehrt sich der Geistervirus quasi wie von selbst. Eines Tages erwischt es die hübsche Jay (natürlich, in Horrorfilmen sind sie immer hübsch), die nach einem kurzen Liebesabenteuer von ihrem Sexpartner plötzlich entführt wird. Dieser fesselt sie an einen Stuhl um ihr – sonst würde sie es nicht glauben – vorzuführen, gegen welche Kraft sie es nun zu tun hat. Und holy fuck, was nun auf Jay (und uns) zukommt – im wahrsten Sinne des Wortes – ist unbestreitbar grausam, unbarmherzig und unaufhaltsam. Jeder Schritt Entfernung zählt.

Regisseur David Robert Mitchel hat DAS Filmmonster der letzten Jahre auf die Leinwand gezaubert. Und dabei stimmt der Terminus Filmmonster nicht einmal, den Monster haben meist wenigstens ein Gesicht. Das Wesen in IT FOLLOWS lässt sich schwer beschreiben, es drängen sich Vergleiche wie albtraumhaft oder irreal auf, zwar hat das „Monster“ einen Körper, doch keinen festen, erscheint nie in selber Form und es ist vor allem eines: allgegenwärtig. Der eine Schatten zuviel. Das Wissen, das hinter der Tür jemand lauert. Der Grund für das Knirschen des Bodens zur Stunde des Wolfes. IT FOLLOWS ist viel zu gruselig, dass man genauer darüber nachdenken möchte und wer sich diesen Film spätnachts, alleine zu Hause antut hat sie nicht mehr alle. Selten hat mich ein Film NACH der Vorstellung so sehr gegruselt.

Dass liegt auch daran, dass hinter der Idee viel mehr liegt, als hinter der Präsentation. Das /slash-Programm bringt es gut auf den Punkt „IT FOLLOWS ist ein abgründiger Urangstfilm“ und gerade diese Angst macht ihn so stimmungsvoll und bemerkenswert. Leider hält sich die Stimmung nicht durchgehend und das liegt hauptsächlich an den Figuren und dem mageren Drehbuch.

Warum müssen Horrorfilme auch immer im Milieu von irgendwelchen Teenies spielen? Nicht einmal SCREAM 4 schafft es Abseits der hormongetriebenen Zielgruppe zu fischen und der hätte allen Grund dazu zur Abwechslung mal Erwachsene an das Messer zu liefern, ist Sidney mittlerweile keine Studentin mehr. Bei IT FOLLOWS liegen die Gründe auf der Hand, ist das „Monster“ eindeutig eine metaphorische Missbildung des generischen Teenage-Angst Begriffs: IT FOLLOWS sprüht aus jeder Pore die jugendliche Angst vor der körperlichen Zweisamkeit und lässt vor allem nicht mehr los. Leider reicht das nicht um bei den „Opfern“ das selbe Interesse zu wecken, die das „Monster“ bereits geweckt hat.

Die erste Assoziation meiner besseren (und klügeren) Hälfte war augenblicklich die Graphic Novel BLACK HOLE, in welcher den Jugendlichen nach dem Geschlechtsverkehr abnorme Deformationen wachsen und sie sich deswegen gezwungen fühlen, verstoßen und abseits der Zivilisation von nun an ihr Dasein zu fristen. Eine weitere Assoziation bildete sich beim Revue passieren des Filmes: der Film erinnere sehr an Sofia Coppolas THE VIRGIN SUICIDES und auch das stimmt in meinen Augen auf mehreren Ebenen: Coppolas Film ist ebenso ein langatmiger Film mit selbstverliebten Figuren und einer angeblich authentischen Darstellung der jugendlichen Lebensweise. Er ist einer dieser Filme, der lieber Fragen aufwirft, als Antworten zu geben (und das ist okay, ich muss auch zugeben, ich bin weder Fan von Sofia Coppolas Filme – mit der einen Ausnahme – oder der Romanvorlage von Eugenides). IT FOLLOWS verhält sich mit seinen Figuren ebenso: es wird wenig geredet, Blicke werden gewechselt und der Dialog besteht vorwiegend aus dem, was nicht gesagt wird. Und wie gesagt – das ist vollkommen okay, wenn die Figuren so gezeichnet sind, dass es klar ist, was zwischen ihren Nicht-Wörtern schwebt, oder dass es mich zumindest interessiert. Und das tut es nicht.

Die Jugendlichen in David Robert Mitchells (zwei Vornamen-Namen werden ab jetzt immer ausgeschrieben!) Film sind idealisierte Heranwachsende, deren Persönlichkeiten genau so viel Originalität tragen, wie die leicht bekleideten Fleisch-Pakete in Slasherfilmen. Statt den Chearleadern und den Jocks haben wir hier stattdessen die Dostojewski-lesenden einfühlsamen, die-Welt-versteht-uns-nicht-aber-wir-verstehen-die-Welt Dreamboysandgirls, die sich (wie in Gedichten 15jähriger) in ihre Vorstellung eines erwachsenen und reifen Lebens flüchten. Und nein, mich stören Dostojewski-lesende Jugendliche keineswegs und ich finde sie auch keineswegs unglaubwürdig – mich stören nur diese, die das auf ihrem Ariel-BH-iPad tun und ihr Leben in der heilen-Vorstadt-Welt-mit-Kanten durch scheinbar tiefsinnige Zitaten im richtigen Augenblick kommentieren. Who the fucks does that? „Hey, ich hab hier ein Kafka-Zitat, das passt sehr gut zu unserer ausweglosen Situation“ ist das neue, „Wir sollten uns trennen“, zumindest in Indie-Horrorfilmen. IT FOLLOWS trieft von diesen Zweck-Figuren, die nicht zur Stimmung beitragen, sondern mich träge aus dem Film gerissen haben.

Es ist durchaus klar, welches Lebensgefühl David Robert Mitchel einfangen wollte: die Liebe in den Zeiten des Hedonismus, bestehend aus Bier, Sex und lauen Sommernächten und einer Schulpflicht wie in Brezinas Knickerbockerbanden-Büchern. Hier ist das Auto das ultimative Symbol der Freiheit, Freundschaft ist der stille Blicke zwischen zwei wunderhübsch-ängstlichen Menschen und alle Gefühle werden durch zwei Adjektiven mit einem Bindestrich in der Mitte umschrieben (ja, der Autor, weiß, wovon er redet – ihr solltet mal seine Gedichte lesen, die er mit 15 verfasst hat). Das unterstreicht der Film auch sehr schön mit seinen Bildern, seinen beängstigenden Score (da hat jemand von den letzten Fincher Filmen abgeschrieben) und seiner feinen Ästhetik. Die Kamera dreht sich in 360° und alles um dich herum ist eine Bedrohung, alles um dich könnte dich verfolgen, doch das Gefühl erlischt, wenn du in die kalten und nichtssagenden Gesichter des Casts blickst.

Und das Gefühl von Paranoia, schleichender Angst, ständiger Bedrohung und schierer Ausweglosigkeit wird einem plötzlich genommen (klingt wie eine Allegorie fürs Erwachsen werden, Coming-of-Age and stuff, ihr wisst schon, whatever). Und das ist schade, denn das ist genau das Gegenteil, was mir der Film vermitteln will.

Trotzdem. IT FOLLOWS ist schon ziemlich, ziemlich gut und er funktioniert auf einer Eben, die ich bei Horrorfilmen so schmerzhaft vermisse. Mich hat letztendlich der Film an auch ein bisschen an den Poltergeistthriller ENTITY und/oder das fantastische Musikvideo „Fantasy“ von DYE erinnert (nur, halt, ohne das ganze Call of Cthulhu Ende). Irgendwie ist der Reiz der Angst an der aufkeimenden Liebe/Sexualität auch da, ja wirklich. Ich mag Coming-of-Age Geschichte eigentlich sehr gerne und die Angst sitzt bei dem Film auch tief in den Knochen, wäre nicht dieses große ABER: diese faden und typisch idealisierten Figuren, die mich so genervt haben, so sehr, dass der Film seine soghafte Wirkung verloren hat. Zum Glück hat er sie in den Szenen in denen er funktioniert, auch sofort wieder gefunden. IT FOLLOWS ist zwar nicht immer, aber wenn, dann so richtig: ein wahrhaftiges haunting picture.

Being Human: Review zu dem wahnsinnig guten „WHAT WE DO IN THE SHADOWS“

Bloody dishes! Eine Mockumentary schon wieder, ist ja nicht so als würden im Jahr 670.000 (ich hab sie gezählt) verschiedene amerikanische Fake-Dokus zu uns ins Kino gelangen. Okay, gut einige davon mögen wohl eher dem Genre des „Found Footage“ angehören, aber die Grenzen sind da ohnehin fließend. Und das Rezept stets das selbe: [sexy people] besuchen [creepy location] in [random european country] oder Familie trifft auf paranormale Aktivitäten. Derweil hat das Format der Fake-Doku so viel mehr zu bieten – versteht mich nicht falsch, ich mag Found Footage, ja, [rec] numero uno gehört zu einer meiner Lieblings-Adrenalin-Trips, aber das Horrorgenre wirkt insofern oft etwas ausgelaugt. Dass sich Mockumentaries auch viel besser dazu eignen komische Geschichten lakonisch einzufangen, hat die lustigste Serie Amerikas schon vor einigen Jahren bewiesen (ja, es handelt sich um ARRESTED DEVELOPMENT und nein, ihr müsst nicht auf jeden Link klicken, aber tut es trotzdem den AD ist super).

Aber wir sind hier ja nicht im Büro oder Pawnee, nein, sondern in der Dead People Society, Wellington, Neuseeland. Der Witz dieses Filmes besteht nämlich vorwiegend aus der Tatsache (es gibt sie doch!) das Vampire auch nur Menschen sind, sorry, waren. Und die Untoten unterscheiden sich im Verhalten von den Pre-Toten gar nicht mal so sehr.Gut, nun sind Vampirfilme nicht gerade eine Rarität an der Kinoleinwand und Vampirfilmparodien sind zwar nicht übermäßig erfolgreich, aber umso zahlreicher. Hey, wusstet ihr, dass Vampire kein Spiegelbild haben? Daraus lässt sich sicher ein Witz fabrizieren! dachte sich Leslie Nielsen vor ungefähr siebentausend Jahren.

petyr

Worauf ich hinaus will: man weiß, was einen erwartet, es ist vollkommen klar, welcher Blödsinn jetzt abgespielt wird und die Pointe riecht aufdringlicher als abgestandenes Tru Blood. Aber. Dennoch. Trotzdem: WHAT WE DO IN THE SHADOWS ist ein grandios witziger Film, ein Rambo unter den Komödien bei dem wirklich jeder Schuss sitzt und einem das Gesicht vor lachen wegfetzt (mir gehen die Vergleiche aus, nach tagelangen Horrorfilmkinoschauen habe ich nur noch bluttriefende Gewaltfantasien).

Von der ersten Sekunde an ist WHAT WE DO IN THE SHADOWS (ich verliere hier nur einen kurzen, abfälligen Kommentar über den furchtbaren deutschen Titel; was war los? Warum mit der Tradition brechen? War „Tödliche Wohngemeinschaft“ schon vergeben?) ein fabelhaftes und fideles Vergnügen, dass seines gleichen sucht. Das Neuseeland das neue Britannien ist, wenn es um schwarze Horrorkomödien geht, sollte eigentlich nach Peter Jacksons Puppen, Blut, Beuschel & Michael J. Fox Ablegern klar sein. Die Ungläubigen konnten dann vor ein paar Jahren das Schaf-Massaker begutachten und wer noch immer Zweifel hat, der hat wohl HOUSEBOUND und – erraten  – WHAT WE DO IN THE SHADOWS auf dem /slash 2014 verpasst. Wie es der Film schafft gleichzeitig so geschickt, amüsant und locker zu sein bleibt mir ein Rätsel, hauptsächlich, weil ich, immer wenn ich jetzt an Viago und seine Mitbewohner denke, laut zu lachen anfangen und mich von meiner Freundin in ein Krankenhaus bringen lassen muss, da ich ansonsten in ein Lachkoma falle. Alleine das Poster ist schon zuviel.

Poster

Hauptverantwortlich für mein frühzeitiges Dahinscheiden durch Erstickung sind selbstverständlich die wundervollen Schauspielern, denen nichts zu blöd ist, keine Tanz zu grotesk, keine überspitzelte Selbstdarstellung zu peinlich und kein beschämter Blick in die Kamera zu gestellt. Taika Waititi, Jemaine Clement (beide auch als Schreiber und Regisseure hinter der Kamera tätig) & Jonathan Brugh stellen das grandiose Trio infernale dar um die sich eine Schar an bunten und skurilen Figuren sammelt, die jeweils liebevoll und frech gezeichnet werden (angefangen vom 8000 Jahren alten Petyr, der selten einen Schritt vor den Sarg tut, bis hin zu der Werwolfgang, die sich auf ein faires und freundliches Miteinander geeinigt haben: „Werewolves not Swearwolves!“).

Was noch? Ist es das Drehbuch, dass mit seiner Materie nicht nur vertraut sondern diese auch liebevoll darbietet? Alle Tricks des Komödienfaches werden ausgepackt, vom Slapstick bis hin zu banalen Wortwitzen oder dem betretenen Schweigen und den peinlichen Blick zum Kameramann, nachdem ein Charakter was saublödes gesagt hat? Auch. Allen voran ist es wahrscheinlich die Tatsache, dass WHAT WE DO IN THE SHADOWS in einer tiefen Kiste an Möglichkeiten herumwühlt und im Sekundentakt in alle Richtungen feuert. Der Film lässt dabei nichts aus und zieht aus einem schier endlosen Repertoire ohne sich dabei all zu oft wiederholen (und wenn er es tut, dann in einer geschickten Anspielung auf vorige Szenen). Sollte es so etwas wie einen Laugh-per-minute-Zähler geben, dann ist dieser Film hier ganz oben mit dabei.

Obendrein schafft er es dann auch noch echtes Mitgefühl bei dem Zuschauer zu wechseln, natürlich auf eine groteske Art und Weise, aber ich zumindest kann mich nicht daran erinnern, irgendwann einmal Mitleid in einer Folterszene empfunden zu haben. Okay, jetzt höre ich mich an wie Patrick Bateman, ich meine natürlich: Mitleid mit dem Folterer! Ich hatte noch nie Mitleid mit dem Folterer, außer, nun ja, hier – mit Vladislav, der trauriger Mine sein Opfer aufschneidet. Armer Vladislav. 😦

Clements & Waitits (EAGLE VS SHARK) Film braucht sich nicht hinter britischen Komödien à la Wright und schon gar nicht hinter großkotzigen Rogen-Komödien zu verstecken, die lassen die beiden Herrschaften locker hinter sich. Wie gesagt, wie sie das machen, ist mir immer noch nicht ganz klar, aber ich werde es so schnell und so bald und so oft wie möglich versuchen raus zu finden. Mehr soll auch nicht mehr über diesen Film gesagt werden, außer, dass jedes Gesetz gebrochen werden sollte um diesen Film zu sehen. Diese Kritik sollte eigentlich auch nicht mehr als folgende Worte enthalten: Der Film ist unglaublich lustig und wer hier nicht lacht der hat nie wirklich gelebt.

party in the shadows

(Der Autor möchte noch einmal erwähnen, dass jeder sein Recht auf seine (falschen) Vorlieben für (dummen) Humor hat und dass hier bitte, bitte niemand anfängt Gesetze zu brechen, wie Filme runter zu laden oder Leute wegen Kinokarten zu ermorden. Wenn das auf ihn zurück zuführen ist, muss er dass seiner Freundin erklären und die verbietet ihm darauf hin sicher die Zombie-Videospiele).


WHAT WE DO IN THE SHADOWS, 2014, R: Clement & Waititi

I killed my mother: Review zu „ICH SEH ICH SEH“

Die Mutter kommt nach einer schweren Operation zurück. Das Gesicht der Mutter wurde bis zur Unkenntlichkeit in Bandagen gewickelt. Der Mutter geht es noch nicht gut, sie braucht viel Schlaf und wenig Licht. Die zwei Söhne wirken verstört, ist doch ihre Mutter immer ein tierliebender und fröhlicher Mensch gewesen. Langsam aber sicher stellt sich der Verdacht ein, dass sich unter den Bandagen nicht ihre Mutter verbirgt. Doch wer ist die fremde Frau, die sich durch die kalten Zimmer ihres trauten Heimes bewegt?

icic

Österreichischer Horror = Ulrich Seidl Figuren mit Michael Haneke Gewalt und der sozialkritischen Moral beider Filmemacher. Punkt. Kritik beendet. Geht und seht euch den Film an, wenn er dann ins Kino (und/oder DVD raus-) kommt. Denn auch wenn man mit den beiden Ausstellungsstücken des Österreichischen Kinos nicht kann (wie, äh, moi), hat ICH SEH ICH SEH mehr zu bieten: der Film kombiniert den üblichen Kammerspielzirkus mit klassischen Horrorelementen und das funktioniert ganz gut.

[austrian cinema is kind of sick]

Großen Erfolg feierte der Film bereits in Toronto und Venedig bei den jeweiligen Festivals – und soweit ich das mitbekommen habe, ist er dort auch sehr gut angekommen. Nun hatte der Film seine Horrorfilmfeuerprobe – war die österreichische Vorpremiere quasi eines der Schmankerl beim /slash Filmfestival 2014 (Überraschungsfilme sind schon was feines).

Das sympathische Filmemacherduo meldete sich nach der Vorstellung, die mit großen Applaus beendet wurde selbstredend zu Wort und machte vor allem eines richtig: keine Überinterpretation ihres Stoffes. Auf die Frage, warum sie sich bei der Besetzung (bzw. beim Schreiben des Drehbuchs) für Zwillingsbrüder entschieden haben, fiel die Antwort wunderbar plump aus: es sieht einfach leinwand aus (Paraphrase, natürlich drückt man sich nicht ganz so gschert aus wie ich).

Nun, zum Film selbst. Dieser hat die Probe durchaus bestanden und wartete auch mit einigen kollektiven Schreckensseufzern auf, die er in durchaus graphischen Darstellungen und stimmungsvollen Bildern heraufbeschwört. Wenn man jedoch mit den üblichen Erwartungen an den Film rangeht, die nun mal bestehen sobald ein sogenannter „Horrorfilm“ die Leinwand betritt, sollte man gewappnet genug sein.

ICH SEH ICH SEH zieht seine primäre Stärke vor allem aus dem psychologischen Metier: das Misstrauen gegenüber seiner eigenen Mutter/seinen eigenen Kindern, die kalte Fassade eines verlassenen Großfamilienheim, unheilvolle Fotografien, Zwillinge (der Klassiker!) und – mein persönlicher Albtraum – das Land. Nichts ist gruseliger als Bauern, die einen skeptisch beobachten oder die heiße Erde, deren Porosität sich mit symbolische Mutmaßungen aufdrängt. Und dann noch die Leere: meilenweite Leere, rurale Sterilität die sich durch neblige Wälder und weiter Wiesen zieht. Nein, das Land ist nicht mein Freund und die Kälte die es –  trotz der gelungen in Szene gesetzten Sommertage (inklusive Grillenzirpen und diesen fetten Strohballen!) – versprüht, gräbt sich langsam unter die Haut.

Langsam und effektiv sind wohl die Adjektive die diesen Film am besten beschreiben. ICH SEH ICH SEH lebt voll und ganz von seinen Bildern, die mit gewohnter Distanz einen unheimlichen Einblick in das gestörte Verhältnis einer zerütteten Familie geben will. Häusliche Gewalt und innere Unruhe, Unsicherheit über eines der sichersten Dinge der Welt (Mutterliebe und ihre Erwiderung) untermauern die stille Fotografie des Kameramann Martin Gschlacht. Ein subtiler Grusel, aber ein haftender. Wenn er dann zu tritt, spürt man ihn in einer schwach erforschten Magengegend.

Zugegeben – „neu“ ist der Film von Fiala & Franz keineswegs. Die Ideen kamen den beiden laut Interview vom nächtelange Filme-Schauen, eine Art Filme zu konsumieren, die ich nur unterstützen und empfehlen kann. Die alten Bekannten des Horrorkinos des letzten Jahrhunderts sind gut vertreten; gruselige Masken und gruselige Kinder (habe ich bereits erwähnt, dass Kinder und insbesondere Zwillinge auf dem Grusel-O-Meter Platz 1 und 2 belegen? Was? Allgemeinwissen? Ach so.), verlassene Häuser, tote Tiere, Kakerlaken(!), wenig Score und wenn dann nur in tiefen Bässen, etc. etc. Den zu Tode geschriebenen Twist riecht man auch schon meilenweit gegen den niederösterreichischen Wind, aber wenigstens wird er einem nicht mit einem überspitzen und selbstverliebten (um nicht zu sagen shyamalan’schen) TATA! präsentiert. Nichts ist blöder als eine Geschenk, dass man schon fünf mal überreicht bekommen hat („Wir wissen doch, wie dir das gefällt!“) stehen hat, überreicht auf einer Überraschungsparty, deren Planung man quasi bezahlen musste.

Aber vielleicht ist das auch alles nur ein Trick. Man gebe dem Zuseher das Gefühl von Sicherheit und Altbekanntem, nur um ihn dann nochmal eine rein zu hauen: Haneke-Style. ICH SEH ICH SEH ist gegen Ende hin ein richtig, richtig schiaches (um es auf good-ol‘-österreichisch zu formulieren) Kammerspiel, dass einem ziemlich sicher in Erinnerung bleibt. So gesehen sind die paar Schönheitsfehler gar nicht mal so schlimm; das aufgesetzte Endbild und die typischen sozialkritischen Elemente (Beten vor dem Jesuskreuz, traditionsbewusste Kinderlieder, „Familie ist doch eigentlich was Schönes!“ – es ist ja beinahe so, als ob der Seidl den Film produziert hätte!!) sind ohnehin nicht der Grund dafür, dass sich der Film bewährt und tief in den Erinnerungen seiner Zuschauer vergräbt.

Letztlich sollte noch die Darbietung der drei Schauspieler genannt werden, deren Spiel trotz beschränkter Ausdrucksmöglichkeiten für den finalen Feinschliff sorgen. Susanne Wuest (die Mutter) spielt fabelhaft bösartig, während die Gebrüder Schwarz (die Zwillinge) ihre Ausstrahlung für sich sprechen lassen. Die Nebenfiguren sind zum Glück rar gesät – Minus gibt es allerdings für eine der blödesten Hope-Spots, Police are Useless, etc. – Trope (zu viele Variationen!) der letzten paar Jahre: immer wieder tauchen unbeteiligte Figuren auf und bemerken beinahe die lauernde Gefahr, nur um dann wieder von dannen zu ziehen: ein vorhersehbares und langweiliges Element. Die Sanitäter in ICH SEH ICH SEH sind nicht nur unnötig, sondern billig und ziehen ihren ähem, „Witz“ aus der alleinigen Typisch-Land-Attitüde. Und ich bin ungefähr soviel Regionalpatriot wie ich Vegetarier bin, dass ich das lustig finden kann.

ICH SEH ICH SEH; Regie: Severin Fiala & Veronika Franz, Österreich 2014

Twelve thousand monkeys: Review zu „Dawn of the Planet of the Apes“ (Now with 100% more chim-pun-zees!)

In naher Zukunft: Ein Virus hat uns alle getötet und nur noch ein Bruchteil unserer Spezies lebt vereinzelt in den noch bewohnbaren Stellen des ehemals menschlichen Habitat. Nicht weit entfernt von Former-San-Francisco, in den tiefen Wäldern hingegen entwickelt sich der nächste King (Kong) of Nature. Affen sind klug geworden (siehe Vorgänger – bzw Prequel der Klassiker-Reihe – „Rise“) und haben eine Gesellschaft mit menschlichen Zügen entwickelt. Alles ist dabei: Familie, Klassenkampf, Geschlechterrollen und allen voran, das gefährlichste Werkzeug von allen. Die Sprache. Das lassen die Menschen natürlich nicht auf sich sitzen, waren sie einst die sogenannte Krönung der Schöpfung. Und da Geschichte offensichtlich nicht umschrieben werden kann, führen Handlung und Script bald zum unausweichlichen Kampf zwischen Mensch und Tier.

koba is badass. BADASS!

Einleitende Worte zu diesem Review: ja ja signifikanter popkultureller Einfluss (früher bedeutete es noch etwas, wenn man in den Simpsons vorkam), Tim Burton ist wäh und das Reboot aus 2011 ist echt nicht schlecht (wenn man von der obligatorischen Ethik-Diskussion absieht, die wie eine immenser Zeigefinger über dem ganzen schwebt: „Natur guuuut, Mensch böööse“). Auf den neuen Affen-Film hab‘ ich mich dennoch gefreut. Erstens: Affen! Zweitens: Affen auf Pferden! Drittens: Affen mit Maschinengewehren!

dawn_of_apes_teaser_poster

(Ich lass‘ mich viel zu oft von gut gemachter PR zu Filmen überreden.
However, look at this shiiiiiiit!, sage ich in meiner besten James Franco Impression)

Ja, gut. Eigentlich kann der Film gar nichts mehr falsch machen, bei dieser Prämisse. Dachte ich und – okay, um fair zu bleiben, viel macht der Film ja auch nicht wirklich falsch. Leider macht er auch nicht besonders viel richtig. Die meiste Zeit tut er nämlich gar nichts, sitzt in der Ecke und rezitiert fehlerfrei und humorlos sein Skript. Wenn man ihn dann, anstupst, dass er uns endlich unterhalten soll, wie diese maskierten Äffchen im Zoo, setzt DOTPOTA (oder nennen wir ihn doch einfach lieber „Dawn“) resigniert eine Tanzeinlage aus Explosionen und Gary-Oldman-Perfomances hin, nur um sich nach einer viertel Stunde wieder hinter einem Vorhang generischen Handlungsablauf zu verkriechen. Dafür habe ich jetzt 11 Euro bezahlt? Denk‘ ich mir im Zoo auch immer wieder, wenn die Tiger nix zerfleischen und die Bären nicht für mich tanzen.

Das Plus zuerst: Wenn die Affen anfangen sich ihrer Spezies entsprechend zu benehmen und die Kacke am Werfen ist, geht der Film auch ganz gut ab. Affen im Panzer (hell yeah, dafür hab‘ ich die 11 Euro bezahlt!), Affen auf Pferden, Affen und Wafffen! Affen attackieren Menschen, stets in freundlicher PG-13 Gewalt-Ästhetik, nix besonderes, aber! Gut genug für Unterhaltung. Was die allgemeine Kritikerschaft – von der New York Times bis hin zum „Alles-Oasch“ profil – dem Film abgewinnen konnte, bleibt mir jedoch ein Rätsel. Vielleicht ist es die allgemeine Überraschung, dass der Film letztendlich doch nicht so suckt, wie man es von einem Sommer-Blockbuster erwarten würde. (Die Graustufen bestehend anscheinend „überraschend gut“ und „Transformers“). Aber nur weil ein Film nicht so schlecht ist, wie man meinen würde…

Nun, es ist schon „mutig“ (unter ganz großen Anführungszeichen, Hollywood-Filme sind selten so provokativ und gegen Strich, dass ich sie als ehrlich mutig bezeichnen würde), einen Großteil des Filmes in Zeichensprache ablaufen zu lassen. Wissen die denn nicht, dass wir Kinobesucher es hassen, wenn man uns zum Lesen zwingt?! Pffff. Die menschlichen Charaktere sind dabei absichtlich (?) leer gehalten, dass man sich über die Dialoge zwischen den Affen auch so richtig freut – die Alternative dazu wäre faden Schablonen dabei zuzuhören, wie sie früher-war-alles-nicht-so dies und wir-sind-nicht-alle-so-böse das bequatschen; zwischendurch erscheint die Affenbande und die Schauspieler können ihr what-the-fuck-the-monkeys-are-coming!-Gesicht machen.

Da steckt in den CGI-geglätteten Fressen unserer animalen Counterparts schon mehr Gefühl dahinter. Ja, genau, menschliche Fleischklöpse! Andy „Gollum“ Serkis und seine motion capture Maske aus Spezialeffekten bringt mehr Tiefe und Schauspiel zur Geltung, als ihr alle zusammen! Und wer auch immer die anderen Affen spielt, die machen das auch besser! Menschen, ihr seit überflüssig (ah, ich hab‘ den Film gerade verstanden)! Natürlich spielt da auch das Drehbuch einen wesentlichen Teil, aber die Konflikte zwischen Affen-Leader und Affen-Gefolgschaft sind schon interessanter, erheben sich jedoch nie über die Ebene hinweg, die den Film das Prädikat „bemerkenswert“ oder wenigstens „zitierwürdig“ verleihen würde (okay, das einzige Zitat aus dem ersten Film ist das imposante „NO!“ von Cesar, aber das ist auch une négation extraordinaire!).

Konflikt und Drama in der Affenstube ist nämlich so originell, wie schlechte Vergleiche meinerseits. Der Verräteraffe hätte gleich den Namen „Brutus“ tragen können (apropos Namen, wieso nennen sich diese Wesen immer noch bei ihrem alten Namen, die ihnen ihre ehemaligen Unterdrücker gegeben haben?), die Ansprachen Cesars nicht herzens-besser sein und die schleichende Erkenntnis, dass wir am Ende alle die gleichen Monster sind, nicht aufdringlicher.

It was language killed the beast. Ein paar Fragen hat der Film dann doch aufgeworfen; wann spricht man äffisch, wann in Zeichensprache und wann Mensch? Was sind die Abstufungen? Und sind die Affen nicht bereits auf die Idee gekommen, dass seit dem sie sich beleidigen können, das Leben irgendwie hinterlistiger geworden ist? Da würde sich doch etwas anbieten, doch der Film beschließt lieber, den üblichen Diskurs „Human VS Nature“ einzuschlagen. Der ist sicherer, überfordert niemanden und verstehen tut das auch der letzte Aff‘. Am Ende sind wir alle ein bisschen gewachsen, weist eh, moralisch: ab heute kauf‘ ich keine Produkte mehr, die nicht speziell an Schimpansen getestet wurden. „Dawn“ hat mir gezeigt, wozu diese Biester in der Lage sind!

„Dawn“ macht es mir jedoch auch etwas schwer, mit den eigentlichen Helden mitzufiebern. Selten waren mir die menschlichen Protagonisten wurschter und noch seltener waren mir die eindeutigen Antagonisten sympathischer (und damit meine ich die absichtlich depperten Arschgeigen und nicht die bösen-aber-coolen-Batman-Supervillians): Sowohl Koba (der böse Affe) als auch Gary Oldman (der böse Mensch) haben aus ihrem Standpunkt und aus der Distanz betrachtet recht. Eindeutig. Man verhandelt nicht mit terroristischen Affen und vice versa, aber auch nur aus dem Grund, weil es sich weder mit Mensch noch Tier gut verhandeln lässt. Da haben die metaphorischen schießwütigen Texaner dieses Filmes schon einen Punkt. Und am Ende bricht die Revolution (oder Prevolution, ha ha) aus und Schuld sind die Pazifisten.

Gut, soooo simpel ist es dann auch nicht. Rache war eindeutig ein starker Motivator beider Seiten, aber trotzdem: die Rache gönn‘ ich beiden (dem Affen ein bisschen mehr). Ist auch wesentlich interessanter als Affen-Hebammen und Hippie-Menschen. Das ganze endete damit, dass ich nur noch darauf gewartet habe, dass die Hölle endlich losbricht und mir es ehrlich egal war, wen es zuerst erwischt. Aber bis die Ape-okalypse (hi hi) mal passiert, gibt es einen langen faden Weg zwischen-spezies’scher Diplomatie. Der nächste Teil wird dann aber bitte ein R-Rating tragen, Gorillas zermanschen Menschenköpfe und der ökologische Diskurs ist dann ein für alle Mal hoffentlich beendet! Das gefährlichste Tier sind wir selbst und so weiter. Wir haben’s verstanden.

Irgendwie ist es auch schade. In „Dawn“ steckt eindeutig viel Arbeit und viel Liebe zum Detail. Wie gesagt, der Film ist nicht wirklich schlecht, er ist nur an den wichtigen Stellen ideenlos. Post-Apokalyptisches San-Francisco sieht toll aus, die Cinematographie rund um die Affensiedlung ist mit starken, nassen Farben einprägsam und die CGI ist eine Überdosis an good ol‘ Kinomagie (nur Rafiki war für ich damals realistischer)! Aber rund um die schön geschliffenen Steine, plätschert ein Bach aus Konventionen und leeren Worthülsen. Bis auf die wirklich gelungene Abrundung des zweiten Akts („Affen attackieren die Stadt! Rette sich wer kann!“), verläuft alles bis zum Finale genau so, wie man es sich von Anfang an gedacht hat: was für eine riesige Verschwendung an Potential.

 

EDIT: Ein Freund (Shout out to RifRaf!) meinte, die Musik habe ihn immens genervt. Aber die fand‘ ich okay. Wenn Michael Giacchino komponiert, klingt alles so, als würden die Eisbären aus LOST angreifen. 

Come on, you sons of bitches, do you want to live forever? – Review zu EDGE OF TOMORROW von Doug Liman

EDGE OF TOMORROW

Tom Cruise aka Sergeant Cage stirbt und stirbt und stirbt. Mal erwischt in ein herabstürzender Helikopter, mal bekommt er ein Loch in seinen Anzug geballert. Nicht selten erwischt ihn ein Alien und frisst ihm (zumindest einmal) mit seinem säurehaltigen Blut das Gesicht weg. So oft wie möglich erschießt ihn Rita (Emily Blunt); hämmert eine Kugel durch seinen Hinterkopf, denn nur so funktioniert es. Cage darf nicht überleben. Nicht, solange der Krieg zu Ende ist.

Um Wortspiele auf keinen Fall zu vermeiden, beginnen wir mal mit diesem. Generic Action-Thriller with an edge. Of Tomorrow! Das war auch schon das beste, den ich aus dem Ärmel schütteln kann; alles andere geht in die Richtung „Täglich grüßt“ und dann irgendetwas mit Außerirdischen. Tja, Wortspiele sind nun mal nicht meine Stärke, aber bleiben wir (?) beim Thema: es ist an sich schon fahrlässig, den Murmeltiertag nicht zu erwähnen, jedoch verbirgt sich hinter THE EDGE OF TOMORROW keine Variation der beliebten Murmeltier-Mär, sondern ein intensiver Action-Albtraum, der eher an gegenwärtige Filme à la SOURCE CODE erinnert. Nicht dass Duncan Jones Werk jetzt ein arg nachahmenswerter Film wäre, aber das Konzept von EoT liegt Duncan Jones‘ Sci-Fi-Thriller sehr nahe (und ist mir allemal lieber, als der x-te Actionaufguss mit Mikrowellen-Inhalt).

Und jetzt komm‘ ich auch schon zum Punkt: EDGE fetzt. Zwar nicht von Anfang bis zum (vergleichsweise schwachen) Ende, aber durchwegs meistens fast bist voll. Überhaupt war Doug Limans (BOURNE N°1) Film von Anfang an sympathisch: Tom Cruise spielt das, was er am besten kann, eine arrogantes, schmieriges Smugface, ein Wiesel, dass „Leute in dazu bringt in diesem Krieg zu sterben“, aber sicherlich nicht selbst daran teilnimmt. Irgendwann musste es ja rauskommen, aber das beliebte Hassobjekt Cruise ist mir irgendwie ans Herz gewachsen, vor allem wenn seine Darstellung der aus MAGNOLIA so ähnelt. Wie Sgt. Cage versucht sich aus der Misere zu reden und letzten Endes nur noch die direkte Flucht als Ausweg erkennt, ist ein kleiner Genuss, abseits des lauten Getöse, das dann folgt.

Und wie laut es das tut. Nun gut, vielleicht lag es an der siebten Reihe IMAX oder generell, das Kinos gerne laut und groß sind, aber bei der ersten Angriffswelle der natürlich feindlich gesinnten und überstarken Super-Aliens, verschlug es mir, so wahr diese Floskel noch sein kann, den Atem. Actionkino kann mich sehr schnell langweilen, egal wie amüsant dargestellt, gut choreographiert, stilvoll ausbalanciert oder schön geschossen ist. Umso berauschender war das Gefühl, im Auge dieses brachialen Sturmes zu sitzen – nur verwende ich diesen Ausdruck falsch, den das Gewitter war alles andere als ruhig. Kein Scheiß, und vielleicht rede ich mir das auch alles ein, aber noch Tage später beschäftigt mich die schlichtweg großartige Anfangssequenz. Mittlerweile bin ich auf mehrere Gründe gekommen, die ich natürlich mit euch teile:

Zunächst schlägt EDGE OF TOMORROW überraschend und überraschend hart zu. Die Action ist materialistisch und gibt, trotz des eindeutigen Einsatz von CGI, ein Gefühl von realer Gewalt wieder. Cruise gibt dabei den Anker für die Kamera und versetzt uns damit auch direkt in das Geschehen, welches sich nur in wenigen Momenten eine Ruhepause gönnt. Ebenso geht eine siedende Bedrohung von den Außerirdischen aus, jedoch nicht aus den Gründen, die man von dem Giger’schen Kultalien kennt. Auf einer themenverwandten Seite wurde fehlende Greifbarkeit für die fremde Bedrohung bemängelt, welche aber bei mir genau der Grund für das unwohle Bauchgefühl gesorgt hat: bis zur ersten, schmerzhaften Begegnung mit den Angreifern, weiß Zuschauer (und wahrscheinlich auch Sgt. Cage) nicht, was ihn erwartet, als das Grauen dann zum Vorschein tritt, ist es schnell, brutal und deutlich überlegen. Erster Gedanke war schlicht: Fuck. Wie soll man die Dinger besiegen? Doch letzten Endes gewinnt Cruise die Szene (und den Film) für sich: die Bedrohung steht, die Assoziationen sind geweckt – die Verweise auf die Landung der Alliierten in die Normandie im zweiten oder die Schlacht um Verdun im ersten Weltkrieg sind eindeutig und wenig subtil; alleine die Bilder des zerbombten Strand wecken Eindrücke, die man sonst nur aus Berichten über den sogenannten D-Day kennt – doch Cruise gibt der Panik ein Gesicht in dem man sich wiederfindet. Wenn ich an die Anfangssequenz von EoT zurückdenke, sehe ich Sgt. Cage mit zerbrochenen Visier vor mir, wie er ängstlich und verzweifelt durch das Bild taumelt, während rund um ihn die Welt zu Grunde geht.

Letzten Absatz kann dann auch fast auf den restlichen Film umgelegt werden. Das ist mehr, als ich von einem Actionfilm erwarte. Seriously, das ist mehr, als ich in den meisten Kriegsfilmen erlebt habe (Spielberg, Coppola und Kubrick mal ausgeschlossen, aber das versteht sich von selbst, ich meine eher diese Kaliber, da, hier und – oh gott –dort)! Natürlich kann EoT seinen hohen Adrenalinspiegel nicht bis zum Schluss halten, jedoch wird man mit einer durchaus vernünftigen Story belohnt. Wie gesagt, Sgt. Cages Tag X hört scheußlich auf, doch mit dem Tod ist es noch nicht zu Ende. Cage versucht natürlich so schnell wie möglich, den Zirkel zu durchbrechen und seine Kameraden zu retten, doch würdet ihr auf Tom Cruise hören? Und so stirbt unsere Hauptprotagonist quasi tausend Tode, wobei er jedes Mal besser wird. Hier erfreut sich der Film an einer „Montage, die auch sogar Sinn macht“. Und ja – Superman-Effekt (wer dem Link folgt, wird’s wissen), Aufhebung des Todes, Verminderung der Bedrohung usw usf. Das macht hat in diesem Sinne aber keine wirklichen negativen Ausmaße, da der ständige Tod des Hauptcharakters für clevere und selbstverständlich auch sarkastische Momente sorgt.

Der sinistre Humor wird des übrigens von einer überaus humorlosen Emily Blunt geliefert, die schon mal Cage aus – ich mutmaße hier mal – reinem Spaß, eine Kugel verpasst. Emily Blunt als Full Metal Bitch Rita Vrataski ist (samt Mecha-Anzug) nicht nur verdammt sexy sondern auch mindestens so hart. Sharni „Fuck-Yeah!“ Vinson-Kaliber hart und nicht diese weichgespülten „starken“ Frauenfiguren, die uns das Fernsehen da immer vorsetzen will. Cage & Rita besitzen zwar eine solide Dynamik ab, sind jedoch nicht dieses Leinwandpaar, bei dem the ampersand dazugehört. Dafür hat Rita ein verdammtes Schwert. Glaubt mir, you don’t wanna fuck with her.

ALL YOU NEED IS KILL

Figuratively. Sorry.

Der Film setzt sich montagenartig fort, bis er sich die obligatorische Verschnaufpause vor dem letzten Akt gönnt, nur um dann in den obligatorischen letzten Akt zu rutschen. EDGE OF TOMORROW ist dann und wann doch nur ein Actionfilm, halt ein guter. Meine Partnerin in crime bewertet Klischees und Sünden in Filmen an der Seufz-Skala und auch hier schneidet Doug Limans Werk sehr gut ab (0x Aufseufzen also bitte). Auch das Setting differenziert sich angenehm von den generischen Bildern des üblichen Schmarrn, so ähnlich erging es mir damals bei DISTRICT 9 im Kino, der alleine Aufgrund seiner Location für das „gewisse Andere“ sorgte.

Apropos DISTRICT 9. Politischer unsubtiler Subtext und so. Beim Rekapitulieren von EoT fiel mir fiel der Gedanke, dass es eigentlich schade ist, dass sich der Film hierbei nicht mehr getraut hat, vielleicht etwas aussagen will, das Geschehen mit unangenehmen Wahrheiten unterfüttern, wie die Intellektuellen und Satiriker so machen. Dann wiederum; warum? Vielleicht ensteht beim Lesen der Romanvorlage „All You Need Is Kill“ von Hiroshi Sakurazaka ja ein Bild einer Gesellschaft, die aus Krieg Geschäft zieht, quasi brecht’sche Anwandlungen oder vielleicht tut die Erzählung das auch nicht, im Film dient es lediglich als Aufhänger, Cages Charakter zu zeichnen. So gesehen bleiben EDGE gesellschaftspolitische Andeutungen und subversive Nachrichten fern und das ist wirklich, wirklich gut so.

Letztendlich – ein Wort, dass ich gerne verwende um mir selbst zu sagen, dass mittlerweile genug geschrieben wurde – ist EDGE OF TOMORROW auch nur ein Unterhaltungsfilm und zwar auf die beste Art und Weise. Vielleicht ist es auch die unangestrengte Art, die keinen Twist und keine Verschwörung bereit hält, die ihre Helden nur durch den notwendigsten Kitsch zieht (in Maßen, aber dennoch) oder die bis zum hintersten Soldat interessanten und doch unwichtigen und karikierten Nebenfiguren. EoT ist clever, aber nicht angeberisch, ausgeglichen mit eindeutigen Höhepunkten und kaum Schwachstellen. Langweilig wird einem hier nicht. Das Ende sieht man bereits kommen, doch insofern ist der Film dann auch eine Metapher an sich. Das alles war irgendwann schon einmal da, immer und immer wieder, also machen wir es diesmal besser. Bleibt nur zu hoffen, dass es der Film auch beim zweiten Male schafft.
Und beim dritten Mal.
Und beim Vierten.
Und Fünften.
Und.

Final Destination: Review zu „TIMECRIMES“ (2007) von Nacho Vigalondo

Es kann nur so enden.

Timecrimes (1)

Vielleicht habe ich in den letzte Jahren einfach zuviel DOCTOR WHO geschaut. Oder vielleicht ist mein Hirn noch zu sehr mit dem famosen PRIMER beschäftigt. So oder so, als ich Nacho Vigalondos Zeitreise-Thriller aus 2007 betrachtete, machte sich leichtes Bedauern breit. Bitte nicht umdichten: TIMECRIMES ist unterhaltsam und spannend, soweit es der Film nun mal zulässt und bietet zudem noch ein, zwei feine Ideen, trägt jedoch stets eine unerfüllte (oder unerfüllbare) Erwartung mit, dass noch so viel mehr drin gewesen wäre.

Ein Mann geht in den Wald und wird dort attackiert. Er flüchtet sich auf das nächstgelegene Grundstück, macht dort ein bisschen Krawall, bis ihm der dortige Hausherr ein geeignetes Versteck anbietet. Nur leider handelt es sich bei diesem Versteck um eine Zeitmaschine und prompt findet sich der Mann – nennen wir ihn Héctor – eine Handvoll Minuten in der Zeit zurück versetzt. Und damit fangen die Paradoxa (davon habe ich heute mir die Mehrzahl bestätigen lassen, also werde ich das Wort auch benutzen!) erst an…

Ach ja, Zeitreisen. Die sind bekanntlich kompliziert. Oftmals weil sie absichtlich so erzählt werden (PRIMER), sie Universen erschaffen und kollabieren lassen (DONNIE DARKO), unsere klägliche Existenz durch bitteren Determinismus klein reden (12 MONKEYS), mit unseren Erwartungen spielen (TRIANGLE), unsere moralischen Grenzen hinterfragen (ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT II, ha), irgendwie und irgendwas (WHO, LOST) oder einfach nur blöd und unlogisch sind (BUTTERFLY EFFECT, DÉJA VU, PLUS ONE und ein ganzer Haufen mehr). Und wow, kann man mit Zeitreisen viel erzählen! Abendfüllende Geschichten können sich nur um das Thema kreisen, ob man etwas verhindern darf, das passieren muss (quasi jede gute WHO-Episode), oder man jagt eigenen Schatten hinterher und wenn man plottechnisch in einer Zwickmühle oder Sackgasse steckt, nutzt man einfach das nächstliegende Paradoxon und wendet es als logik- & situationslösendes Allzweckmittel an. Der Schlüssel, mit dem du dich befreist? Den hast du schon, den habe ich dir erst in zwei Stunden gegeben!

TIMECRIMES kennt seine Mittel und seine Wege um ans Ziel zu kommen und auch wenn es so wirkt, als ob er anfänglich ein Geheimnis darum macht, stellt sich bald heraus, dass Nacho Vigalondo sich des Genres durchaus bewusst ist; nur leider sind es seine Figuren nicht immer (siehe: Genre Blindness) und eventuell wirkt es auch so, als ob er es seinem Publikum zutrauen würde. Hauptfigur Héctor stellt sich selten blöd an und das Prinzip seiner Situation wird ihm und somit auch uns auf beinahe infantile Weise dargelegt:

Der Film selbst ist allgemein komisch, in jeder Bedeutung des Wortes „komisch“. Er beginnt so merkwürdig, wie er auch weitergeführt wird und die Charaktere (insbesondere der von Nacho Vigalondo selbst gespielte Zeitreise-Betreiber) verhalten sich dem Stil entsprechend. TIMECRIMES (oder um den viel cooleren, spanischen Titel zu verwenden LOS CRONOCRIMENES) fühlt sich in vielen Momenten wie ein absurdes Theater an: Figuren, die auf etwas bestimmtes warten, etwas bestimmtes beobachten und etwas bestimmtes tun, ohne dass es für einen Außenstehenden ersichtliche (oder kaum ersichtliche) Gründe für ihr Verhalten gibt. Alleine Héctors Herangehensweise an seine akkumulierende Probleme sorgen öfters für verständnisloses Raunen: steht der außer sich geratene Mann vor einem verlassenen Haus, schlägt er prompt ein Fenster ein und macht es sich dort gemütlich. Das ist zugleich seltsam, irgendwie irreal aber gerade deswegen auch – ja – komisch.

Komik ist ein Element, welches beim Betrachten von TIMECRIMES unbedingt im Hinterkopf behalten werden sollte (sofern man sich von Héctor nicht ohnehin davon anstecken lässt), denn ohne diese wird einem der Film kaum munden. Nacho Vigalondo als lakonischer Time-Travel-Assistant (schlicht als „El Joven“ – „der Jugendliche“ bzw „der junge Mann“ – im Abspann betitelt) ist eine amüsante Erscheinung im Film und gewinnt jede Szene, in der er auftaucht, für sich. Ebenso Karra Elejalde als Héctor ist eine gelungene Besetzung: der zwischen Verwirrung und Bestimmtheit tendierende, etwas unbeholfene Mann, stolpert von Szene zu Szene und nur durch die Ratlosigkeit, die ihm in Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben steht, funktioniert der Plot des Filmes – zumindest so, wie das Drehbuch es will.

Denn, wie seine Figuren, verhält sich die Dramaturgie von TIMECRIMES manchmal etwas unbeholfen. Zeitreisegeschichten – vor allem, wenn sie so aufgebaut sind wie diese hier – funktionieren gerade deswegen so genussvoll und flüssig, weil und wenn die Details stimmen. Und ja, die Details stimmen hier oft und sind sogar manchmal geschickt versteckt, doch meistens wirkt die Entwicklung forciert und etwas platt. (Ich bemerke gerade, dass ich abschwächende Wörter wie etwas oder manchmal verwende, wohl aus dem Grund, weil ich mit TIMECRIMES nicht so hart ins Gericht gehen will. Der Film hat eine sympathische Ausstrahlung und einen eigenen Stil, der mich anspricht und weswegen ich ihm die zahlreichen Süden auch verzeihen will, aber ein klugscheißender Kritiker muss nun mal tun, was er tun muss. It’s all I have!) Wichtigstes Element des Filmes ist dass sich ineinander fügen und dass zusammen führen von losen Enden, doch diese Enden sind absichtlich wage gebunden oder unnötig verkompliziert dargestellt. Oder anders: nackte Frauen im Wald brauchen schon einen verdammt guten Grund nackte Frauen im Wald zu sein und dieser Grund ist hier einfach nicht gegeben.

Hinzu kommt noch eine Ansammlung an (Kontinuitäts-, duh) Fehlern. Da gibt es die für das Genre stets ärgerlichen, aber beinahe schon Selbstverständlichen (Zeiteinheiten stimmen nicht überein) bis hin zu wirklich Gravierenden (zerrissene T-Shirts sind in der nächsten Szene wieder ganz?). Ein faules Drehbuch („Zum Glück ist mir der Trick mit den xy eingefallen!“) um Plotlöcher zu überbrücken sind dann quasi der Beweis, das Kirschen auf der Torte nicht immer etwas Positives bedeuten zu haben. Besonders frustrierend ist es dann, wenn zunächst unwissende (s.o. genre-blinde) Figuren geläutert werden um zukünftige (oder vergangene? HA!) Fehler zu vermeiden, ihr neu erlangtes Wissen preisgeben nur um dann wenige Minuten später genau den selben Fehler wieder zu begehen! Und leider handelt es sich dabei nicht um kleine Details am Rande, sondern sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Geschichte so funktioniert, wie sie nun mal funktioniert.

Insofern erkennt man, das Vigalondo weiß, wie das Genre tickt (ja, ich muss dabei grinsen), nur leider geht er nie einen Schritt weiter. Nie erhebt sich TIMECRIMES von dem üblichen Sci-Fi-Flick in etwas Besseres. Etwas, das klüger als sein Publikum ist. Das ist meiner Meinung nach ein großes „Problem“ in Science-Fiction-Filmen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, eine gewiefte Geschichte zu erzählen: SOURCE CODE zum Beispiel ist ein solider, unterhaltsamer Film, dessen Ausgang jedoch nie im Unklaren liegt, das Ende überrascht nicht. LOOPER (der beste Sci-Fi-Filme der letzten Jahre) umgeht dies und bringt uns das klassische Beispiel von „der-Weg-ist-das-Ziel“, in dem er den Weg umfährt, und uns ganz anders, als wir es erwarten zum augenscheinlichen Ziel führt. Das Finale gerät in den Hintergrund, da die Geschichte nicht mehr vom ewigen Dilemma des verdammten Determinismus getragen wird.

Und TIMECRIMES? Wie gesagt, der Film weiß es, sicherlich, spielt auch ein bisschen damit, wird aber nie übermütig. Vigalondos Film entspricht leider zu sehr der Norm, da er sich einfach zu sehr auf seine Idee verlässt. Gerne würde ich schreiben, dass dies auch weiter nichts ausmacht, aber dem ist nicht so. Und wieder, nicht falsch verstehen: TIMECRIMES ist ein guter Film, die Komik passend unpassend, die Stimmung schwappt gekonnt ins Düstere über, die Figuren sind allesamt sympathisch und viele der Bilder auch bemerkenswert (Mister Bandagengesicht wäre die perfekte Slasher-Kultfigur und das Setting des wissenschaftlichen Anwesen, erinnert zu sehr an 60er Jahre Sci-Fi-Filme, als dass es ein Zufall sein könnte), doch dafür, dass sich der Film so sehr auf seinen Plot verlässt, der wiederum sich viel zu konstruiert anfühlt, ist es einfach zu wenig. Am Ende bleibt man unterhalten, lakonisch wissend dass da mehr gewesen sein könnte aber dennoch nicht enttäuscht: dass TIMECRIMES nicht mehr überrascht war nach ungefähr einer halben Stunde klar – und er ist dabei immer noch besser als 95% dieser Filme.

Breaking Symmetry: Review zu „PRIMER“ von Shane Carruth

Alles hat Konsequenzen. Vielleicht.

primer

PRIMER beschäftigt mich bereits seit Jahren. Zunächst: Zeitreisen. Mein Lieblingsthema in Filmen, seit dem ich als Kind „Zurück in die Zukunft“ gesehen habe. Des Weiteren: ein verheißungsvolles letztes Panel in dem ohnehin großartigen Webcomic xkcd. Überhaupt: die Reputation, einer der verwirrendsten Filme der letzten Jahre zu sein – Lynch mal ausgeschlossen. Endlich habe ich es geschafft PRIMER zu schauen und ja, er hat nicht enttäuscht und nein, so verwirrend ist er nun auch nicht, aber doch, eigentlich. Moment. Alles der Reihe nach:

Zwei junge Ingenieure bauen – eher: entdecken – eine Box. Diese Box kann Dinge, die wissenschaftlich nicht möglich sind. Einer der beiden Männer finden bald heraus, dass sie die Eigenschaften dieser Box manipulieren, ja, sogar an ihm selbst anwenden kann. Er benutzt die Box und erzählt seinem Freund einen Tag zuvor, was er mit dieser Box gemacht hat bzw. was er heute mit dieser Box machen wird. Soweit dazu.

Zuviel vom Inhalt PRIMERs zu verraten, wäre unfair als auch unsinnig. Dieser erklärt sich im Grunde eh von selbst, im wahrsten Sinne des Wortes: recht bald, besprechen unsere beiden Hauptfiguren, das Phänomen ihrer Box und bemerken, dass Gegenstände in dieser zeitlich gesehen von A zu B reisen, aber nie bei B ankommen, sondern immer wieder zu A zurückspringen. Immer und immer wieder, bis sie die Box ausspuckt und die Gegenstände eine Vielzahl an (temporären) Schleifen zurückgelegt hat. Der Film PRIMER ist quasi diese Box, A und B sind Anfang und Ende des Filmes und unsere Figuren, die Gegenstände, die B erst sehr spät erreichen. Das mag geschriebener verwirrender sein, als es dann geschaut wirklich ist.

Letzen Endes macht PRIMER nämlich genau das, was alle Zeitreise-Filme machen: Paradoxa aufzählen, bereits Erlebtes missbrauchen, Zukünfte manipulieren. Bald stellt sich die Frage, sowohl für Zuseher als auch Figur, in was für einer Zeitreise wir uns befinden (auch dazu ein nettes Internet-Bild): passiert alles, wie es passieren muss, ändert sich unsere Realität und sind Paradoxa ein Teil davon, oder teilt sie sich und alles was wir erleben, ist ein neues Universum aus neuen Möglichkeiten? Ganz nebenbei wirft PRIMER diese Fragen auf, doch dienen sie zugleich dem Spannungsaufbau dieses Filmes, in dem sonst nicht viel passiert.

Ratten am Dachboden.

Wenn man genau hinhört, weiß man endlich was geschieht. Hinhören aus diesem Grund, weil PRIMER nicht viel zeigt, sondern eher erklärt. Aber auch das nur zu einem gewissen Teil. Irgendwann beginnt der Film zu brechen und wir beobachten eine Schleife, die zu leiern beginnt, jedoch nicht wissen, wieso. PRIMERs Geschichte wird zu einem Mosaik und die Szenen zu Fragmenten, die Dialoge zu aufgefangenen Fetzen, essentielle Details zu gemurmelten Nebensächlichkeiten und eine wichtige Figur kommt auch nur dann vor, wenn wir wirklich gut aufgepasst haben.

Und ja, so macht PRIMER wirklich keinen Sinn, sondern fühlt sich eher an wie ein Telefonat, dessen Inhalt wir nur als Außenstehender aufnehmen. Das ist insofern ärgerlich, weil PRIMER verdammt spannend ist und man trotz allem das Gefühl hat, dass der Film sich nur absichtlich so verwirrend anstellt, um sein Publikum absichtlich so zu verwirren. Mittel zum Zweck und so. Andererseits geht viel der Atmosphäre und des Reizes auch davon aus, das PRIMER lückenhaft daher kommt. Versteht man zu Beginn des Filmes den Jargon der Figuren nur ansatzweise (zumindest ging es mir so, als naturwissenschaftlicher Laie), sind es am Ende die fehlende Szenen, die einem das Verständnis rauben. Oder zu rauben glauben.

Sieht man von dem ganzen Entschlüsselungs-Aufbau ab, ist PRIMER ein stets einfach aber durchwegs gut gemachter Film. Den Figuren mangelt es etwas an Anhaltspunkten, so dass ihr Handeln für den Zuseher greifbar gemacht wird und der Plot leidet eindeutig darunter, dass er durch seinen letzten Endes mosaikartigen Arrangement, in den Hintergrund gerückt wird. Die Atmosphäre selbst ist formidabel und schafft es ohne viel suggestiver Beleuchtung, wilden Kameraeinstellungen oder sonstigen filmischen Tricks eine schöne Bildkomposition zu formen, deren Wurzeln gezwungenermaßen in seiner raunchy Grobkorn-Ästhetik liegen. Die Musik von Regisseur und Writer Shane Carruth drängt sich nur selten auf und erinnert stark an Clint Mansell, was nur positiv verstanden werden kann.

Was aber macht PRIMER letzten Ende so bemerkenswert? Es ist nicht nur schlicht die Frage der gefährlichen Implikationen, welche die Box mit sich bringt oder das erzählerische Vexierbild (dafür werde ich sicher von irgendwem geschlagen, mit viel Glück bemerkt es niemand), mit dem Carruth experimentiert. Es sind sicherlich auch nicht seine Figuren, denen es etwas an Entfaltung fehlt und ganz sicher nicht ist es der viel zu schnelle Schluss, der zu Mutmaßung anregt, aber es leider auch nur dabei belässt. Nein, PRIMER zieht seine Faszination aus seiner Einfachheit (!) mit der er an seine Geschichte ran geht – ja, ich weiß, das negiert jetzt die letzten Absätze, aber trotz, nein, gerade wegen seiner hohen Dichte an Missing Pieces funktioniert der Film auf einer recht simplen Ebene.

PRIMER geht nämlich entspannt unaufgeregt mit seiner Thematik um, benutzt sein wesentliches Plotelement nicht um Hitler zu töten, sondern lässt seine Figuren so agieren, wie es in Rahmen unserer Vorstellung auch authentisch ist. Alles wird angeschnitten, doch nicht alles muss ausprobiert werden. Alles hat Konsequenzen, doch nicht alle Konsequenzen sind für uns sichtbar und wenn, werden sie uns nicht erklärt. PRIMER ist deswegen ein so gut gemachtes Geheimnis, weil er schlicht bleibt. Je näher wir uns an Punkt B bewegen, umso hektischer verläuft der Film auch, aber umso größer wird auch das „vielleicht“ und umso beruhigender ist es. Von einer großen Konsequenz wird ruhig weggeblendet, doch das stört schon lange nicht mehr. Viel spannender war ohnehin nur die Implikation eines Problems, einige Szenen davor: als plötzlich das Handy eines der Hauptfiguren läutet, schlug ich erschrocken die Hand vor den Mund. Die Symmetrie wurde durchbrochen. Hat es Auswirkungen? Wer weiß.

Von absoluter Empathie und der Fähigkeit der Abblende. Ein Review-Essay zu HANNIBAL Season 01 [C: Bryan Fuller]

hannibaltotem

Auf Geweihen aufgespießte Frauen. Zu Engeln gehäutete Serienkiller. Als Totempfahl präsentierte Massengräber. Die Morde in der augenscheinlichen Krimiserie HANNIBAL lesen sich mehr wie die Titel extravaganter Gourmetstücke, als wie Tatorte. Doch dass ist nur die Spitze des Leichenberges (der musste sein); HANNIBAL ist so over-the-top, so maßlos in seiner Präsentation und zielt dabei genau in das blutrünstige Herz der Zuseher, dass es richtig schade (und auch ein wenig verwunderlich) ist, wie grandios die Serie dann doch scheitert.

Dass es sich bei dem Titel-gebenden Helden um den Hannibal handelt, ist wahrscheinlich schon den meisten klar; wenn nicht, ein Blick auf das DVD-Cover schließt den Konnex zum sympathischsten Kannibalen der Popkultur. Im Vorfeld sollte gesagt werden, dass die Neuinterpretation des „Mads Mikkelsen-Hannibal“ mit der Hopkins-Verkörperung des Gourmet wenig (um nicht zu sagen gar nicht) zu tun hat. Überhaupt: Bryan Fuller orientiert sich an den Figuren aus Robert Harris ROTER DRACHE (so wie sich schon Michael Mann und Peter Webber an ihnen orientiert haben), eher als dass er versucht die Ikone nach zu zeichnen. Dass hie und da kleine Anspielungen an die filmischen Originale gesehen, darf man lediglich als Verbeugung vor Jonathan Demmes Werk erachten.

Die Serie beginnt komisch. Und nicht das lustige Komisch. Ein richtiger Prolog fehlt, als hätte man beim sogenannten Zappen direkt aus der Werbung (so stelle ich es mir jedenfalls vor, ich habe schon lange keine Werbung mehr im Fernsehen gesehen) in eine Berichterstattung menschlicher Tragödien geschaltet: Mord. Immer wieder Mord. Die Stimmung ist wie immer düster, die Szenerie blutig, der Held – na no na – ein genialer Sonderling, der nicht gut mit Leuten kann aber dafür Hunde liebt (welch originäre Idee!). Seine „Diagnosen“ des Tatortes sind weniger Beobachtungen, mehr Mutmaßungen, aber hey – er ist genial und deswegen werden aus Ahnungen Fakten und diese sind stets mit der Implikation der (auch sogenannten) „Beweislast“ untermauert. So sind sieseit der Erfindung des Tony Soprano, die amerikanischen Lone Rider, der weiße Super-(Anti)held: kantig, unglücklich, brillant. So auch der Archetyp des cineastischen FBI-Agenten: am Rande des Wahnsinns vorbeischlitternd, einsam und müde blickend aber stets hellwach. Unfreundlichkeit und gutes Aussehen sind quasi der Bonus den man sich als gebrochene Filnmfigur dazu verdient.

Dementsprechend entwickelt sich die Serie auch zu dem typischen Crime-Drama, dass wir seit jeher gewöhnt sind. Doch plötzlich gibt es Risse, dramaturgische Eigenheiten, entfremdete Dialoge, reißerische Passagen und auf einmal ist es aus. HANNIBAL Episode Eins endet abrupt ohne die eigentliche Hauptperson überhaupt richtig eingeführt zu haben, ohne den Gräueltaten einen entsprechenden Epilog zu liefern, ohne ein Conclusio, dass den Hauptfiguren als Recap-Ventil dient. Nach einer Folge HANNIBAL hängt man irgendwie in der Luft.

Natürlich bleibt es nicht bei einer Folge, immerhin sind 13×40 Minuten Gruselkabinett in dieser Staffel inkludiert. Bald hat man heraus, dass HANNIBAL keine übliche Krimi-Mär ist, oder ja, eine Mär schon, aber eine, die den üblichen Krimikonventionen (Wer war es? Wann schnappen sie ihn? Was war sein Motiv?) trotzt. Die Morde, die es zu lösen gilt, geben sich die Klinken in die Hand, wie einst die Monster in AKTE X Folgen: jede Episode noch ein blutrünstigerer Killer!! (Fragen sich TV-Produzenten eigentlich nie, warum gerade am Schauplatz ihrer Serie die Scheiße den Ventilator trifft, wie das englische Idiom viel schöner umschreibt? In Hannibals Virginia, USA steppt der Massenmörderbär und mich wundert, dass dort überhaupt noch Leute wohnen, immerhin geht es dort schlimmer zu als zu Dexters High-Times in Miami.) Doch letzten Endes dreht es sich um etwas Anderes. Fast alles in HANNIBAL ist Aufhänger dafür, seine Figuren in lange Gespräche zu verwickeln, in denen es hauptsächlich darum geht, den Geisteszustand eben dieser zu zerlegen, zu fragmentieren, zu leiten und zu manipulieren. Eine tiefen-psychologische Serie, quasi.

Garniert wird die Serie mit eigentlich (und dem Wort eigentlich lebt immer eine Widerspruch inne) wunderschönen blutigen Bildern, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Bryan Fullers Serie nimmt sein Thema sehr ernst, vielleicht zu ernst, von den einzelnen Episoden-Titeln (u.a. „Apéritif“, „Sorbet“) bis hin zu seinem penetranten Versuch uns alle zu Vegetariern zu machen; das menschliche Fleisch wird hier gekocht, gedünstet, gepfählt, geschält (!) und in allen erdenklichen Formen geschnitten. Fuller hatte immer schon einen Geschmack für das Morbide und das Endliche – immerhin hat er bereits zwei Serien hinter sich, die sich mit dem Thema Tod mehr als nur nebensächlich auseinander setzten (hie: DEAD LIKE ME). Doch die Schlachtplatte, das barocke Vergnügen, mit denen in HANNIBAL der menschliche Körper de-konstruiert und zur Schau gestellt wird ist sowohl in Tönen als auch in Farben ein komplettes Gegenstück zu seinen bisherigen Werken (und da: PUSHING DAISIES).

Und das ist, ehrlich, just awesome. Wer auf derlei Schlachtplatten steht – und das tue ich – der kommt aus dem Schauen gar nicht mehr raus: malerisch, pathetisch, düster, herbstlich, dunkel, sinister, blutig, lyrisch, elegant und ja, bezaubernd. Das Design, die Dramaturgie, der Esprit und die Kulisse lassen Fäden eher zu einem Gedicht als zu einer prosaischen Erzählung ziehen. Einzelne Szenen strahlen hellen, dunklen Gestank aus und setzen sich mit ihrer beinahe schon romantischen Schönheit tief in das Gedächtnis filmischer Bilder fest. Und dabei schafft es HANNIBAL im Gegensatz zu den „perversen Totentänzen“ nicht in das Schaulustige und Voyeuristische zu verfallen. Das mag durchaus widersprüchlich klingen, doch HANNIBAL zeigt in seiner Szenerie soviel Anmut, distanziert sich durch die ständige Begleitung von gelackter Dunkelheit so sehr von der Realität, dass man gar nicht anders kann, als HANNIBAL distanziert zu begegnen. Die „Opfer“ sofern sie überhaupt als solche dargestellt werden, sind Kunststücke von Filmstudenten, die sich in der Requisiten- und Kostümabteilung mal so richtig austoben konnten, die „Täter“ bleiben farblose, Motivation- und Motiv-lose Marionetten, die nur zum Zwecke der vorgeschobenen Dramatik ein paar One-Liner aufsagen und dann unter Blei oder Handschellen verschwinden. HANNIBAL spielt in einem kleinem, viel zu auf sich selbst bezogenen Universum, dessen Konsequenzen nur auf die Nächsten fallen und nie den Schritt in unsere Welt schaffen, so wie es gute Krimis mit ihren „Spiegelbildern der Gesellschaft“ machen.

Apropos Konsequenzen: hier weist HANNIBAL auch seine überdeutlichen und unübersehbaren Schwächen auf. Bryan Fuller und seine Autoren nehmen sich nämlich waghalsige Freiheiten, die so wohl keine klassische Krimiserie verkraften würde. So sind Spekulationen sofort Beweise und diese führen in beinahe hundert Prozent zu Erfolgen. Lecter selbst besitzt als Pendant zu der Begabung seines eigentlichen Kontrahenten Will (der mit seiner „absoluten Empathie“ Tatorte magisch zum Leben erwecken kann), die Fähigkeit der Abblende, so dass er sich nicht mit „unwichtigen“ Handlungssträngen oder „Details“ (wie das Verschwinden diverser Leichen) beschäftigen muss. Überhaupt geht die Serie sehr leger mit dem Thema um: während zuvor genannter Serienvertreter DEXTER – zumindest bis zu vierten Staffel – wegen jedem noch so kleinem Haar um seine Demaskierung als Serienkiller zittern musste, verschwinden rund um den psychopathischen Psychotherapueten Lecter andauernd Menschen, ohne dass bis zu letzt ein Verdacht entsteht. HANNIBAL suggeriert dass es ein Kinderspiel sein muss, Leichen aus allen erdenklichen Situationen verschwinden zu lassen: man muss nur wissen, wie lange man sie ziehen lässt oder welcher Wein zu ihnen passt.

Das hat natürlich einen negativen Beigeschmack, der sich hauptsächlich auf die ohnehin schon fragil aufgebaute Spannung auswirkt. Da HANNIBAL und seine Hauptfiguren Konsequenzen nur dann kennen, wenn es ihnen passt, ist es nicht weiterhin verwunderlich, wenn man sich – wie meine bessere Hälfte zum Beispiel – frustriert abwendet. Das Drehbuch wirkt letzten Endes zu sehr ein forcierte dramatisches Moment konstruiert, täuscht Tiefe und Doppelbödigkeit vor wo weder existieren und präsentiert sich für seine losen Enden unglaublich ausschweifend. Und so erliegt man entweder einem Bann oder man durschaut ihn: in meinen Freundeskreis wurde die Serie entweder nach ein paar Folgen fallen gelassen oder manisch zu Ende ge-binge watched. Lässt man sich auf letzteres ein, entdeckt man folglich auch die Inkonsequent, die ich zuvor schon angesprochen habe.

Zwar werden einige sogenannte Logikfehler zum Ende der Staffel ausgebügelt, doch ganz verschwindet die Skepsis nie. Ebenso erkennt man die für 13 Folgen unglaublich lahme Erzählung die Fullers Serie an den Tag legt; so sieht zwar alles schön aus – und das Auge isst ja bekanntlich mit – aber die Substanz, die HANNIBAL in seinen langen Mono- & Dialogen verspricht, kommt nie wirklich zur Geltung. Das „Psychologische“, welches in den Gesprächen der Protagonisten hin und her geworfen wird, die Einsichten, die diese erfahren, die Metaphysik und stampfende Symbolik: es ist alles nur Geschwafel!! Leeres Gerede, keine Aussage. Oft ziehen sich Episoden rund um ein „Thema“, dass aber weder Tiefe noch Plotentwicklung sondern nur den Schein dieser bietet und dass ist letzten Endes auch der Aspekt, welcher der Serie das Genick bricht.

Das heißt jedoch nicht automatisch, HANNIBAL sei langweilig. Fullers Serie dreht gegen Ende so richtig auf und bietet einen fetziges Finale, dass mit der Einführung des „Wendigo“ (unter Anführungszeichen) nur düsterer wird. Sehr viel düsterer. Fast schon böse. HANNIBAL sieht toll aus und kann auf audiovisueller Ebene auch was (der Soundtrack ist fabelhaft, erinnert in seinen besten Momenten an Thomas Bangalters albtraumhafte Soundkulisse des Filmes IRRÉVERSIBLE), ist aber bei weitem nicht das, was es vorgibt zu sein. Darüber kann man hinweg sehen, oder man tut es nicht. Oder man drückt mal dieses, mal jenes Auge zu und genießt ein leckeres Essen, von dem man jedoch nicht satt wird. Und dann gingen mir die Essensmetaphern aus.

 

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