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Buchkritik: Doris Knecht – „Besser“

Wir sind selbst unser Glückes Schmied. Vergangenheitsbewältigung funktioniert. Psychotherapie oder tot. Ein besseres Leben für bessere Menschen. Bitte jeder nur ein Kreuz. Und ja nicht stolpern.

Denn irgendwann steht man mitten drin und sieht nicht mehr nach vorne, sondern nur noch zurück. Gruber konnte weder noch, Antonia Pollack – Knechts neue Romanheldin – nicht in die Zukunft. Denn, was die – eigentlich namenlos gedachter Alter Ego, so scheint es zumindest – nicht kann, ist ihr derzeitiges Leben zu akzeptieren. Zu schwer wiegt die Vergangenheit, zu banal legt sich der Gestank der bürgerlichen Mittelschicht um ihr Haupt. Verziert wird ihr Bild mit Geheimnissen, Alltagsfrivolitäten, die sich wie eine modische Handtasche tragen, die eigentlich jedem bewusst sind oder zumindest unbewusst wahrgenommen werden und sich unter Freunden und Schwestern trés chic teilen lassen.

Pollacks Umfeld erinnert vage an das Universum durch die Bret Easton Ellis seine indifferenten Hauptfiguren schickt; doch anstatt die Banalität des Bösen in der Brokerszene der 80er spuken zu lassen, setzt Doris Knecht ihre Figuren in das gegenwärtige Wien und lässt dort die linken Gutmenschen Kommunikationsbrücken über ihre Abgründe bauen. Selbstredend wird bei Knecht nicht gemordet und gefoltert sondern nur fremdgevögelt. Und die Kinder wünscht man sich auch manchmal weg. Überhaupt wünscht man sich weg, sowohl Hauptfigur als auch als Leser. Weg von politischen Meinungen, weg von der politischen Korrektheit und der Intoleranz der selbigen Verneinung, weg von dieser Realität, weg von Amazon, iPhones, Facebook und Twitter, weg von der Falter oder Presse-Meinung, weg von Werbung und Fernsehlügen, weg von der Familie und weg, einfach weg von Gesprächen die nur vorangegangenes repetieren und bis in alle Einzelheiten analysieren, bis man endlich weiß wie man Leben soll, wie man es besser macht.

„Besser“ von Doris Knecht ist vorwiegend ein Gesellschaftsroman, ein demaskierender Kommentar einer weltfremden bürgerlichen Elite, die Knecht offensichtlich aus eigener Erfahrung kennt; die Details scheinen zu konkret, die Stimmung zu authentisch zu sein, als dass die Kolumnistin diese erfinden könnte. Und ja, Knecht ist dabei vorschnell mit ihren Urteilen und rennt gewissermaßen offene Türen ein, dennoch scheint der süffisante Stil, indem sich die Autorin über die goldene Mitte auslässt, den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf zu treffen. Ausgelassen wird dabei weder der heiligen Geist des modernen Menschen, das Künstlergenie, der Vegetarismus-Verweigerer, die zuckersüchtige Unterschicht, der Gutmensch von nebenan (ein verächtliches Wort, welches ich hier nur als Mittel zum Zweck rechtfertige), der Vollzeit-Pädagoge und Lehrmeister zu einer besseren Gesellschaft zeitgleich liebevoller Vater und natürlich die „Anderen“. Das Fremde, welches sich in unsere Gesellschaft geschlichen hat, vom Mitschüler, über den Babysitter der Tochter bis zum Hauswärter, ist „es“ stets dabei und reibt sich ungemütlich an der Fassade. Dass der größte Schwindel dabei bei einem selber liegt (und wir unsere Kinder lieber in Privatschulen schicken, so dass diese sich ebenso für eine fair-traded Welt engagieren können), wird viele sauer aufstoßen lassen. Ganz ehrlich – Doris Knecht wischt den beschlagenen Spiegel dabei nur sauber, die unschöne Reflektion war jederzeit präsent. Dabei schlägt die Autorin wohl zwei Fliegen mit einer Klappe; die Zielgruppe der Bobos, die DINKS, wir unverbesserlichen Weltverbesser wird sich ertappt fühlen und zugleich in der selbstreflexiven Betrachtung suhlen, nach einander aufstehen und dramatisch applaudieren. Welch‘ außerordentliche Beobachtungsgabe!

Leider bleibt es nicht dabei – durchgehend glänzt, ja, brilliert Knecht mit einem unvergleichlichen österreichischem Stil, der zwischen feiner, ästhetischer Wortwahl und dem typisch wienerischen keine Ausnahme kennt – aber die Geschichte rund um unsere beinahe namenlose Hauptfigur hängt sich zu sehr an der – wie zuvor erwähnten – Banalität auf. Die scharfen Beobachtungen sind die eine Seite der Medaille, die andere zeigt sich vorwiegend in ausschweifenden Gedanken, Hassbriefe an das Landleben und zugleich selbstbestätigende Prosa über die Schönheit eben dieses. Knechts Worte mögen oft schön klingen, münden aber nicht selten in oberflächlicher Dramatik. Kreise schließen sich, auch in „Besser“ und auch Ein-Satz-Kapitel beweisen im Verlauf des Textes Sinn – und ja, ein Schriftsteller schreibt kein Wort zu viel, alles steht und sitzt dort, wo es hingehört – doch manchmal herrscht der Stil über der Aussage. Das möchte man dennoch so stehen lassen. Danke.

Auf leisen Sohlen und mit dezenter Schönheit sind hingegen die stilistischen Mittel, die Knecht vorsichtig dafür aber gekonnter einsetzt, die bereits „Gruber geht“ wahrscheinlich den Platz auf der Longlist des deutschen Buchpreises beschert haben: Du-Perspektiven, authentisch geschriebene Dialoge und allen voran Momente die von einer Zärtlichkeit durchzogen sind, die wie ein Hilferuf nach menschlicher Nähe klingen. Lässt man Knechts gesellschaftssatirische Polemik bei Seite, bleiben eben diese Momente in Erinnerung: da leuchtet Lionel Shivers Gedankenspiel durch, Wachstumsschmerzen (wobei Knecht Kuttners Sprache in Stil und Timing Welten voraus ist) und verbinden sich mit einer Romantik, einer Sinnes-Sehnsucht, die ich in letzter Zeit selten gelesen habe. Und das ist was Gutes.

Ja, Knechts Buch ist eines der guten, eines, welches nicht leichtfertig übersehen werden sollte. Knecht spricht viele Themen an, die einem so selbstverständlich und so alltäglich erscheinen, dass man sie schon wieder vergessen hat und es gut ist, dass es eine Autorin gibt, die uns den ganzen Wahnsinn, den ganzen Scheiß, der sich vor uns auftut, unseren ganz persönlichen Mist und der stille Irrsinn in den Augen unserer Mitmenschen aufzeigt. Da verzeiht man gerne, dass sich das Ende mit zu vielen Lösungsansätze (Clint Eastwood Filme und Kronen-Zeitung) vergreift und durch ein denkbar fades dramatisches Moment, die Hauptfigur wachrüttelt. Zurück bleibt lediglich die Frage, ob sich Knecht hierbei nicht der Demagogie verfällt; der Zwang ein besseres Leben zu führen zieht sich als roter Faden durch „Besser“ verläuft aber in ein schlampig geschnürtes Finale. Natürlich, vieles bleibt offen, wie das Leben so spielt, wie sich Sehnsüchte entwickeln und wer weiß schon was morgen geschieht. Doch als das Licht erlischt und die Tür geschlossen wird, Knechts Alter Ego und wir endlich zur Ruhe gekommen sind, im Bett liegen und unser besseres Leben einatmen und akzeptieren, bleibt der leicht bittere Nachgeschmack, dass wir nicht erwacht, sondern letzten Endes eingeschlafen sind.

Und vielleicht ist das doch nicht Demagogie, vielleicht ist das die beruhigende Doppelmoral, die in jedem von uns wohnt und die notwendig ist, dieses Leben zu genießen. Lediglich die Hingabe zu dieser; klingt nach einem kleinem Schritt. Doch Knecht weiß es besser.

http://www.rowohlt.de/buch/Doris_Knecht_Besser.2958537.html

Rowohlt Berlin
08.03.2013
288 Seiten
19,95 € (20,60 €)
ISBN 978-3-87134-740-5

Eine Rezension / Kritik / Besprechung von Federico Grössing, 2013

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